Sonntagabend, etwa 23:00 Uhr: Ich werfe vor dem abendlichen Routineprogramm, das mich etwa zehn Minuten später ins Bett führen sollte, noch einmal Twitch an und schaue meinem aktuellen Lieblingsstreamer zu. Nach ein paar Minuten vermerkt der User „SilentFridge123“ im Chat: „Hey, Google just bought Twitch in that moment.“ Nach einer kurzen Zeitverzögerung registriert auch der Streamer diese Nachricht und ruft laut: „Are you sure? That's wonderful!“ Oh, wirklich?

Der impulsive Gedankenrausch, der einem Großteil der 138 anderen Zuschauer im Stream offensichtlich durch den Kopf sauste, war weitaus weniger positiv: Eine Menge trauriger Smileys wechselten sich mit Drohungen ab, das eigene Nutzerkonto aus Protest zu deaktivieren, wenn die Neuigkeit stimmt, dass Google nach YouTube einen weiteren Rieseneinkauf getätigt hat.

Neben dem „Großer, böser Konzern kauft unabhängige Streamingplattform auf“-Klischee, das vielen Usern große Angst einflößt, drehen sich die konkreteren Ängste von Twitch-Nutzern weltweit um folgendes Horrorszenario:

Doch bevor wir schon jetzt zeternd und ängstlich Google und den schlimmen Kapitalismus verbannen, gibt es eine kleine „Entwarnung“ für die GEMA-Flüchtlinge unter uns: Noch steht gar nichts fest.

Das englische Onlinemagazin Variety berichtete gestern als erstes von einem „unmittelbar bevorstehendem“ Aufkauf von Twitch durch YouTube bzw. Google. Was hier noch als sehr wahrscheinliche Spekulation ausgegeben wurde, fand offensichtlich fruchtbaren Boden im Internet und schon nach wenigen Minuten fanden sich Protestanten und digitale Widerstandskämpfer zusammen, um auf Twitter unter dem Hashtag #RIPtwitch oder der offiziellen Facebookseite das Ende der aktuell erfolgreichsten Streamingplattform weltweit zu beschwören.

Twitch-Übernahme durch Google - Google und YouTube kaufen Twitch: Der Anfang vom Ende oder eine ungeahnte Chance?

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Kommentare wie diese erwarten euch, wenn ihr aktuell die offizielle Twitch-Facebook-Seite besucht.
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Doch ist dieses „unmittelbar bevorstehende“ Geschäft und die wohl damit einhergehende Verbindung von Twitch und YouTube wirklich so schlimm? Es gibt viele andere Stimmen, die über den Deal etwas differenzierter denken. Diese oppositionelle Meinung formiert sich vor allem aus Kreisen der Streamer und Let's Player.

Beide Gruppen, die aktuell tragende Säulen des Erfolgs und Nutzeraufkommens von Twitch verantworten, hoffen durch den frischen Geldfluss mehr Unterstützung und eine technisch ausgereiftere Infrastruktur. Darüber hinaus werden die minimalen Centbeträge, die Streamer aktuell durch die kurzen Werbespots in ihren Videos verdienen, lohnender ausfallen und vielleicht sogar an YouTube-Verhältnisse angepasst.

Daneben jubelte ebenfalls die eSport-Szene über die Gerüchte eines Aufkaufs. Durch die große Plattform YouTube könne noch mehr Aufmerksamkeit für diesen wachsenden Zweig innerhalb der Videospielsparte geschaffen werde, was für alle Beteiligten ein großer Gewinn wäre.

Dennoch bleibt ein Funken Sorge um den liebgewonnen Streamingkanal. Inwiefern wird die GEMA in Deutschland in das Angebot eingreifen? Werden wir bald von einer Flut an Werbung in den Videos überschwemmt oder dürfen wir auf die Äußerungen von Augenzeugen des Deals hoffen, dass Twitch dem Deal erst zustimmen wird, wenn es sich ausreichend Freiheiten gesichert hat?

Und inwiefern wird sich die wohl offensichtliche Verknüpfung des Twitch-Accounts mit Google+ auf das Nutzerverhalten der Community auswirken?

Hoffen wir das Beste. Und atmen wir erst einmal kräftig ein und aus.