Bei unserem Besuch von Activisions Pre-E3-Event in London wurden uns nicht nur sichere Hits wie Call of Duty: Black Ops vorgestellt (siehe unseren Vorbericht) - neben einem Dutzend weiterer Games überraschte uns das erst 2007 aus der Taufe gehobene kanadische Entwicklerstudio United Front Studios (derzeit auch mit Mod Nation Racers am Start) mit dem Open-World-Actiontitel True Crime.

Der erste Blick auf die Verfolgungsjagd inmitten einer blinkenden Stadtkulisse sagt "eindeutiger GTA-Klon". Doch nachdem uns Jared Yeager, Associate Producer bei Activision, das Spiel vorgeführt hat und unseren Fragen Rede und Antwort stand, gehört das Ding plötzlich zu unseren Geheimfavoriten 2010.

John Woo lässt grüßen: Fahren, schießen, kämpfen

Natürlich sind GTA-Anleihen beim dritten "True Crime" (das kein direkter Nachfolger zu den beiden vorherigen "Streets of LA" und "New York City" ist) nicht zu übersehen: Der Held, ein gewisser Undercover-Cop namens Wei Shen, düst mit geklauten Fahrzeugen durch das nächtliche Hongkong, ballert sich brutal den Weg durch ein Schlachthaus, sogar die Minimap scheint 1:1 aus Liberty Citys Routenplaner zu stammen.

True Crime: Hong Kong - Sehr viel mehr als ein GTA-Klon

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True Crime: Nur auf den ersten Blick ein GTA-Klon.
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Doch schon nach wenigen Minuten ändert sich das Bild, nicht zuletzt, da die asiatische Metropole ein völlig anderes Flair verströmt als der Nachbau einer nordamerikanischen Großstadt. Die bunten Neonreklamen und satten Farben sowie die Choreografie der Gefechte und der Nahkämpfe, die stark an John-Woo-Filme erinnern, stehen im krassen Kontrast zur eher sanften Colorierung von GTA IV. "Natürlich sind John Woos Filme eine starke Inspirationsquelle für True Crime", bestätigt Yeager unsere Eindrücke. "Aber es gibt generell viele Actionmovies und Spiele, die als Impulse für interessante Inhalte dienen."

Dazu könnte unserer Meinung nach auch "Wheelman" gehören, denn True Crime bietet die Möglichkeit, in voller Fahrt auf vorausfahrende Wagen zu springen und diese zu hijacken. Sieht cool aus und macht bestimmt ne Menge Spaß. Laut Yeager wird das Hongkong im Spiel jedoch keine 100%-ige Nachbildung des realen Vorbilds darstellen, "das würde unsere Möglichkeiten zum Design rasanter Verfolgungsjagden zu stark einengen" (Yeager). Allerdings können wir dem Producer auch die ketzerische Frage nicht ersparen, was True Crime von einer erfolgreichen Marke wie Grand Theft Auto absetzen soll.

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Nahkämpfe spielen in True Crime eine besondere Rolle.
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"Nun, zunächst einmal ist Konkurrenz natürlich gut fürs Geschäft", bleibt Yeager anfänglich zurückhaltend, holt dann aber doch weiter aus: "True Crime basiert auf drei Säulen: Fahren, schießen, kämpfen. Was uns deutlich von etwa GTA unterscheidet, ist neben einem tiefen und emotional berührenden Story-Erlebnis das Zu-Fuß-Gameplay. Wir haben ein Nahkampfsystem, das eine große Spieltiefe bietet, es gibt außerdem Parcours-ähnliche Sprungeinlagen und jede Menge spektakulärer Ballerei."

Niemals das Gesicht verlieren!

In der Tat ähneln die Nahkampfeinlagen der Protagonisten mit ihrer "Fuchtelei" hier viel mehr körperbetonten Jet-Li-Filmen als den doch eher hüftsteifen Ami-Gangstern á la Niko Bellic. Überzeugende Fußtritte in die Kniekehlen, brachiale Armhebel, Rundum-Kicks, Knochen brechende Armtechniken und nicht zuletzt krasse Endmoves mithilfe interaktiver Objekte wie Stromkästen oder Kühlschränken sorgen für deftige Actionunterhaltung.

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Das Vorbild John Woo ist True Crime deutlich anzusehen.
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"Ich glaube, es gibt momentan fünf unterschiedliche Arten einen Feind mit dem Kühlschrank auszuschalten", erzählt denn auch Yeager grinsend. Doch auch die Schusswechsel können sich sehen lassen und sie bieten deutlich mehr Variationsmöglichkeiten als etwa der große Konkurrent GTA. Zwar kommt auch bei True Crime ein Auto-Aim-System zum Einsatz, als Spieler werdet ihr jedoch die Möglichkeit haben, zusätzlich unterschiedliche Körperteile manuell anzuvisieren.

Auf diese Weise wird es etwa möglich sein, Polizisten mit einem Schuss ins Bein außer Gefecht zu setzen, anstatt sie gleich ins Jenseits zu befördern. Quasi als I-Tüpfelchen wird euch eine "Free Aim"-Mechanik die totale Kontrolle über eure Schüsse verleihen, was beispielsweise für Headshots eingesetzt werden kann.

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Nich' lang schnacken, Kopf in'n Nacken.
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Darüber hinaus existiert ein Deckungssystem, das auf den ersten Blick einen recht intuitiven Eindruck hinterlässt. Alternativ kann sich der Undercovercop auch andere Personen schnappen und diese als lebende Schutzschilde missbrauchen. Nicht die feine asiatische Art, aber durchaus effektiv, wie wir bei einer Flucht des Undercoveragenten beobachten können. Wer es weniger subtil mag, kickt Propangasflaschen oder explosive Fässer in die Richtung seiner Feinde und lässt die Behälter mit gezielten Schüssen detonieren.

True Crime bietet so viele überzeugende Alleinstellungsmerkmale, dass man hier sicherlich nicht von einem GTA-Klon reden kann, ohne das Gesicht zu verlieren.Ausblick lesen

Neben einem Tag/Nacht-Zyklus bietet die frühere Kronkolonie ein System sozialer Bindungen, sodass sich die Aktionen des Agenten auf seine Reputation und damit unmittelbar auf verfügbare Missionen, Waffen oder Outfits auswirken. Nach asiatischer Lesart wird dies natürlich als "Gesicht-Status" bezeichnet. Je nachdem, wie sich die Beziehung zu den Triadenorganisationen entwickelt, die der Held unterwandern und ausheben soll, stehen unterschiedliche Handlungsoptionen und Nebenmissionen zur Verfügung.

Das Handling der Fahrzeuge wird sich laut Yeager eher arcadig anfühlen, aber das ist bei einem actionorientierten Open-World-Titel auch nicht anders zu erwarten. Überraschend ist hingegen die Aussage, dass man sich ganz auf die Erschaffung einer intensiven Einzelspielerstory konzentrieren wolle und es daher keinerlei Mehrspieleroptionen geben wird. Dabei böte doch gerade der Gegensatz von Cops und Kriminellen jede Menge Raum, um Multiplayer-Modi anzubieten.