Ah, die Karibik. Palmen, Sandstrand und eine Cocktail-Bar. Da vergisst man doch auch gerne die Schüsse im Hinterland oder das Elend auf den Straßen. Am Strand ist es doch einfach nur herrlich, denn „El Presidente“ hat dafür gesorgt. An ihrem Cocktail schlürfend, tingeln die Touris in den nächsten Nachtclub und ignorieren gekonnt den Geheimdienst, der gepflegt wahllos einen unbescholtenen Bürger verhaftet. „El Prez“ hat herausgefunden, dass dieser „friedlich demonstrieren“ will...

Tropico 4 - Ein Stück Sommer - Teil 44 weitere Videos

Unter der Sonne Tropicos

Die Geschichte des Avatars in Tropico 4 dürfte in den 1950er-Jahren etwa so begonnen haben: „Eines Tages bin ich aufgewacht und habe mir gedacht: Mensch, werd' ich doch halt mal Diktator.“

Ab hier übernehme ich die Geschicke des Kerls und damit auch die von Tropico. Aber bevor ich anfange mit dem Regieren und/oder Unterdrücken, ziehe ich mich erst einmal richtig an. Tropico 4 stellt mir dazu einen kleinen Charaktereditor zur Verfügung, der allerdings eher als Unfug anzusehen ist.
Hier kann ich meiner Figur das Outfit verpassen, das mir am meisten zusagt. Vom Piraten über den klassischen Fidel bis hin zum Navy-Admiral ist alles dabei. Dennoch kann ich mich nicht des Eindruckes erwehren, dass dieser Editor ein nett gemeinter Gag ist und kein wirklich sinnvolles Tool.

Tropico 4 - Salsa, Rum, Cojones! Kurz: El Presidente!

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Unsere kleine Farm...ich meinte Bananenrepublik.
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Sinnvoll wird’s aber mit den vielen unterschiedlichen Charaktereigenschaften des mächtigen Mannes in seinem „Alternder Guerrillo“-Outfit. Die Beschreibungen der Perks sind nicht nur zum Brüllen komisch geschrieben, sie beeinflussen auch direkt das Spielgeschehen und können durch abgeschlossene Missionen verbessert werden. Auf diese Weise erhaltet ihr Boni den verschiedenen Fraktionen gegenüber, deren Loyalität ihr benötigt, wollt ihr es als Diktator zu etwas bringen.

Wahlweise könnt ihr auch aus einer ganzen Reihe von vorgefertigten Charakteren wählen, die an bekannte Guerrillos und Diktatoren wie Che Guevara oder Augusto Pinochet angelehnt sind.

Packshot zu Tropico 4Tropico 4Erschienen für PC und Xbox 360 kaufen: ab 0,99€

Wo wir gerade bei Fraktionen sind: Es gibt insgesamt acht Stück davon, und sie sind sich teilweise spinnefeind. Dennoch müsst ihr versuchen, so gut es geht, die meisten von denen auf eure Seite zu ziehen. Wenn die Baumschmuser nicht mit eurer Schwerindustrie einverstanden sind, ist das ok. Aber wenn sie sich mit den Loyalisten und den Nationalisten verbünden, weil die euch für einen verweichlichten US-Schoßhund halten, dann habt ihr ein Problem. Seht also lieber zu, dass ihr euch mit den Fraktionen gutstellt. Und wenn einer mal ganz gewaltig querschießt... gibt es immer noch Mittel und Wege, unliebsame Subjekte aus dem Verkehr zu ziehen. Wir verstehen uns? Geheimpolizei, Gefängnis, Umerziehungslager... Klingelt's?

Nun habe ich mir also meinen kleinen Fiesling gebaut und stürze mich in die aufregende Welt von Propaganda (die übrigens herrlich aufs Korn genommen wird), Städtebau, Intrigen und großer Politik mit einem Schuss Unterdrückung. All das wird indirekt gesteuert. Das heißt, ich baue Gebäude und kümmere mich um die äußeren Rahmenbedingungen. Auf die unmittelbare Handlungsweise meiner Untertanen habe ich keinen Einfluss.

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Vulkane können ausbrechen und damit für einiges an Stress sorgen.
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Im Hintergrund dudelt hochklassige Salsamusik, die zusammen mit der hübschen Grafik sofort an einen entspannenden Karibikurlaub denken lässt. Dieses Gefühl lässt auch nicht nach, wenn die eigentlich stressigen Staatsgeschäfte auf mich zurollen, und macht daher wohl einen der größten Reize dieser Aufbausimulation aus.

Viva la Revo...ne, Quatsch! Viva yo, El Presidente!Fazit lesen

Urlaubsfeeling hin oder her, ich muss mich erst mal um eine gesunde Infrastruktur kümmern, sodass nicht sofort all meine Untertanen zu den Rebellen überlaufen. Also baue ich Kliniken, Schulen, Mietshäuser, Polizeistationen, Feuerwachen, Märkte. Sobald der Aufbau meiner Bananenrepublik beginnt, merke ich sofort: Das ist alles nicht so einfach, wie es aussieht. Jede einzelne Spielkomponente ist mit allen anderen verflochten, sodass jede meiner Entscheidungen Konsequenzen hat. Ich muss mich um Details kümmern, wie zum Beispiel den Lohn der ungebildeten Arbeiter im Baubüro. Wenn die nämlich nicht zufrieden sind, dauert der Aufbau meiner Insel ewig.

El Stressidente

Damit aber nicht genug. Wenn die Bauarbeiter mehr verdienen als die Polizisten, wollen alle lieber Häuser bauen, als Verbrechen zu bekämpfen, und meine Insel versinkt in der Kriminalität. Während ich auf das Lohngefüge meiner Leute achte, muss ich auch dafür sorgen, dass überhaupt Geld da ist, sie alle zu bezahlen. Hierfür stehen mir viele unterschiedliche Wege offen: Exportindustrie, Tourismus, Unterdrückung, Importindustrie und so weiter.

Während ich mir darüber noch den Kopf zerbreche, kommt einer meiner zahlreichen Berater an – die mir übrigens immer mit hilfreichen Ratschlägen zur Seite stehen – und meckert darüber, dass die Soldaten unzufrieden sind. Um die muss ich mich schnellstens kümmern, denn wenn die Armee zum Staatsstreich ruft, bleibt kein Auge trocken.

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Man gönnt sich...
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Nachdem die Bedürfnisse der Soldaten befriedigt sind, bekomme ich schon wieder Stress. Meine Bürger motzen, dass es nicht genügend Unterhaltung gibt und dass die Wohnungsqualität zu wünschen übrig lässt. Ein kleiner Smiley mit der Prozentzahl von 42 verrät mir, dass die Zufriedenheit der Leute wirklich fast im Keller ist. Ich muss schnell Abhilfe schaffen, sonst kommt es zu einem Aufstand. Wenn ich Glück habe. Sollte ich Pech haben, laufen die undankbaren Bauernlümmel zu den Rebellen über und stürmen meinen Palast. Das will ja nun auch niemand...

Apropos Bedürfnisse: Ständig hagelt es verschiedenste Aufträge von unterschiedlichen Fraktionen, die es zu erfüllen gilt. Mal erhalte ich auf diese Weise mehr Ansehen in der Weltpolitik, mal kann ich mir so ein hübsches Sümmchen auf mein Schweizer Bankkonto überweisen lassen, oder die Baumschmuser finden mich ein bisschen cooler. Zu tun gibt es immer etwas und die Belohnungen sind immer mehr als hilfreich. Diese Mini-Missionen haben keinerlei Zeitvorgabe, sodass sie den Spielverlauf abseits der Hauptaufgabe angenehm auflockern.

Was für die Innenpolitik gilt, gilt auch für die Welt. Denn hier muss ich immer schön den USA und der UdSSR Honig auf den Wanst pinseln. Schließlich geben beide mir Finanzhilfen, aber immer nur, wenn ich brav bin und sie mich mögen. Sollten sie mich eines Tages nicht mehr toll finden, kann es passieren, dass die USA plötzlich Öl bei mir finden und "intervenieren" oder die Russen auf die dufte Idee kommen, Raketen bei mir stationieren zu wollen. In beiden Fällen heißt das Invasion und damit das vorzeitige Ende meiner glanzvollen Karriere. Also immer schön nett zu den großen Jungs in Washington und im Kreml sein...

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Mit solchen Pötten kommen Touristen und ihr Geld.
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Es ist unschwer zu erkennen, dass das Los des Staatenlenkers ein schweres ist. Alles bedingt alles und ich muss mich auch um alles kümmern. Zum Glück hat Tropico 4 ein nützliches Tool, das mir bei der Überwachung und der indirekten Steuerung meines Staates hilft. Der sogenannte Journal enthält alle Daten und Zahlen, die ich benötige, um die Situation einzuschätzen. Aber warum gibt es keine Diagramme? Warum kann ich mir nicht direkt anzeigen lassen, was zurzeit gut läuft oder an was es mangelt? Sicher, ich kann mir aus den Zahlen heraus eine eigene Interpretation bilden und entsprechend reagieren. Aber komfortabel ist das nicht.

Wenn eine Fabrik beispielsweise anzeigt, dass sie im letzten Jahr nichts fabriziert hat, dann steht nirgends der Grund dafür. Ich muss selbst per Hand überprüfen, was den Missstand ausgelöst hat. Gibt es genügend Lkw-Fahrer? Sind die Arbeiter sauer, weil sie zu wenig Lohn bekommen? Habe ich überhaupt genug Arbeiter in der Fabrik? Gibt es genug Rohstoffe? Muss ich vielleicht mehr importieren?

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?

Das sind alles Fragen, die man wunderbar mit entsprechenden Diagrammen beantworten könnte, aber die sucht man vergeblich. Versteht mich nicht falsch: Der Journal hilft schon in dem Sinne, dass es die Zahlen anzeigt. Ihr müsst diese nur erst finden und dann richtig interpretieren. Das ist schade, denn es kostet einiges an Verständnis und vor allem Zeit, um aus den Zahlen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Hier wäre mehr tatsächlich mehr gewesen.

Wenn man diese Hürde genommen hat, entfaltet Tropico 4 allerdings sein ganze Potenzial. Da werden Radiodurchsagen gemacht, die das derzeitige Geschehen auf der Insel kommentieren, arrogante Europäer reden vom „Gesindel“, das nun Papayas haben will, und die grantigen Deutschen wollen, dass ich mehr Geld pro Grundstück zahlen muss. Auf diese Weise entsteht ein humoristisches Gesamtwerk, das mich die ärgerlichen Abstriche in Sachen Komfort mehr als vergessen lässt.

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So schön kann Tropico 4 sein.
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Es gefällt mir schlicht, dass ich mich entscheiden kann, wie ich mein Geld verdiene. Auch die völlig unterschiedlichen Missionsziele haben es mir angetan. Mal muss ich den Export ankurbeln, dann muss ich eine komplette Insel auf den Tourismus trimmen, dann wieder gilt es, zwischen den gierigen USA und der zwielichtigen UdSSR zu vermitteln. Möchtegern-Castros haben immer was zu tun.

Schön ist auch, dass mir das Spiel die Gelegenheit lässt, mich auf solche Dinge zu konzentrieren. Die Produktionsketten sind bei weitem nicht so komplex wie die eines Anno und auch der Handel ist stark vereinfacht. Aber so kann ich mich auf die innenpolitischen Zusammenhänge stürzen. Ausgeklügelte Produktionsketten und ein manueller Handel hätten das Spiel wohl eher überladen, zumal der unübersichtliche Journal schon so für genügend Arbeit sorgt.

Allerdings bleibt das Spiel in den Grundzügen immer gleich. Die Menschen wollen immer dasselbe, jede Kampagnenmission spielt sich zu Beginn identisch. Man braucht immer die gleiche Infrastruktur, sodass es hier zu keinerlei Überraschungen kommt. Das ist aber auch gut so, denn damit hat sich das ewig Gleiche auch schon und man entwickelt eine Art Routine. Von nun an kann ich immer anders entscheiden, immer andere Wege finden, mein Geld zu verdienen und es auch wieder auszugeben.

Und wenn einem tatsächlich mal langweilig werden sollte, dann macht es einfach Freude, das frisch geschaffene Tourismusparadies zu betrachten oder dem nächsten Export entgegenzufiebern, der einem zeigt, ob sich die neue Lohnpolitik gelohnt hat. Und wenn alles nichts nützt, dann kann man immer noch die Armee zusammentrommeln und auf Rebellenjagd gehen.