„Sieht aus wie'n besseres Flashspielchen“, haut mir Kollege Dom bewusst flapsig entgegen, als er über meine Schulter hinweg ein Motorrad von links nach rechts knattern und den PS4-Controller in meiner Hand sieht. Sofort setzen reflexartig Rechtfertigungen ein. Begriffe wie „Multiplayer-Granate“ und „Trials, Alter!“ fallen, zwei Stunden später nur das müde „Wird schon noch“-Mantra, dann gar nichts mehr.

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Noch vor 14 Jahren hätte hier niemand gemeckert. Als Internetzugang noch nach Minutentarif berechnet wurde und langsamer war als jede gedrosselte Mobil-Flatrate heutzutage, erreichten eine Handvoll finnischer Entwickler ihren ersten Meilenstein. Ein Motorrad knatterte von links nach rechts, kostenlos und online spielbar. Bis auf ein feines Gespür für Gas, Bremse und Neigung des Feuerofens brauchte es nicht viel, gute Nerven vielleicht. Wie heute oder vor zwei Jahren, als es ebenfalls noch keine kritischen Stimmen gab.

Wer schon damals am simplen Konzept zweifelte, dem sich RedLynx seit zwölf Jahren und (bis dahin) zehn Trials-Titeln verschrieben hatten, bekam die perfekte Erinnerung dafür, dass simple Konzepte eben doch die besten sein können. Auch nach über einer Dekade auf dem Buckel und mit 100-Millionen-Dollar-HD-Produktionen als Konkurrenz.

Trials Fusion - Abgefahren

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Habt ihr schon ein paar Ersatzcontroller in petto?
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Trials Evolution brachte 2012 auf Xbox 360 (und später auch PC) zu Ende, was Nintendo im Grunde schon 1984 mit Excitebike begann. Das spielerische Grundgerüst war identisch, der Rest soweit voneinander entfernt, wie man es von Konsolen erwarten darf, die 20 Jahre Erfahrung und ungefähr das Tausendfache an Leistung trennt. Aus dem 8-Bit-Knöpfchendrücken wurde eine Ode an die Kreativität und Geschicklichkeit. Eine weitere Generation später fahren die Finnen nun ihrer eigenen Leistung hinterher.

Bis zur Unendlichkeit und noch viel … weniger!?

Nicht in jedem Aspekt und schon gar nicht derart, dass ihr den Kauf von Trials Fusion unbedingt bereuen werdet. Als Neueinsteiger viel weniger, als es Kenner der Vorgänger treffen wird, doch auch für Frischlinge verdichten sich die ersten düsteren Vorzeichen schon früh.

Packshot zu Trials FusionTrials FusionErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Menüdesign und -aufbau sind normalerweise keine Spielbereiche, auf die der Redakteur in mir anspringt und schon gar keine, die in einem Artikel Erwähnung finden müssten. Wenn die Hälfte der Menüpunkte allerdings künftige DLCs bewirbt, erst nach weiteren Updates verfügbar wird und auf Uplay-Zwang basiert, kann man schon mal 'ne Ausnahme machen. Gezwungenermaßen.

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Das Setting ist okay, wird aber nicht konsquent genutzt und will irgendwie nicht so recht zu dreckigen Dirtbikes passen.
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Wer aus den 20 Euro der Downloadversion das Doppelte im Laden auf den Tisch knallt und mit einem nervösen Blick des Verkäufers Trials Fusion als Retail-Version erhält, muss sich zumindest um einen Punkt keine Sorgen machen. Neben dem Sammlerwert entlohnt der Aufpreis vor allem durch den bereits beinhalteten Season Pass, der für 20 Euro insgesamt sechs DLCs und damit einen konstanten Nachschub an Strecken, Editorobjekten, Motorradteilen und Karriereevents bis Mai 2015 beinhalten soll. Inhalt, der dringend notwendig ist.

RedLynx zieht euch mit der Basisversion keinesfalls über den Tisch, schrammt aber diesmal – gerade im Vergleich mit dem eigenen Vorgänger – gefährlich nah an einer Grenze entlang, die einige von euch vielleicht nicht überschreiten wollen. Selbst für ein Spiel, das sich über Geschick statt Inhalt definiert, bietet Trials Fusion mit einem einzigen Einzelspieler- und lokalen Mehrspieler-Modus (der Online-Modus wird erst in einigen Wochen nachgereicht – warum auch immer) arg wenig auf der Habenseite – und der Großteil davon ist ohnehin schon bekannt.

Es ist wie das Wiedersehen eines alten Freundes, mit dem man gern bei einem Kaffee über die letzten Jahre quatscht, ohne sich wirklich viel zu sagen zu haben. Schöne Momente, alles gut, nur auch ein Stück weit unnötig und schnell wieder abgenutzt. Die Finnen tun einiges dafür, euch auch noch für einen zweiten und dritten Kaffee breitzuschlagen: Sie halten euch abgedrehte Strecken unter die Nase, die sich erst Stück vor Stück vor euren Reifen zusammensetzen, schleudern euch in tiefe Abgründe vor futuristischer Kulisse und versuchen alles, um den Geist von Trials Evoltion heraufzubeschwören.

Ohne Trials Evolution richtig super, bleibt Trials Fusion, gemessen am eigenen Vorgänger, hinter den Erwartungen zurück.Fazit lesen

Bisweilen gelingt das ganz gut, manchmal sogar richtig prima. Viele der rund 60 Kurse lassen sich gefühlt eine Reifenlänge leichter absolvieren als vor zwei Jahren, haben aber sonst nicht allzu viel eingebüßt. Die Jungs von RedLynx wissen ihren immensen Editors noch immer meisterlich zu bedienen, der auch diesmal wieder am Start ist und binnen weniger Wochen für hoffentlich ähnlich großartige User-Strecken wie damals sorgen wird. An einer Perlenschnur aus „What the fuck!?“-Momenten und bombastischen Explosionen werdet ihr diesmal aber nicht entlanggezogen.

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Das Quad fährt sich völlig anders, hat allerdings nur wenige eigene Strecken spendiert bekommen.
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Ausreißer nach unten sind quasi nicht vorhanden, doch auch nur wenige nach oben, wie es bei Trials Evolution noch im Minutentakt der Fall war. Fusion ist immer auf einem ähnlichen Level, erreicht die abgedrehte Qualität seines Vorgängers aber nie ganz – und wurde sogar um einige kleinere Features beschnitten.

„Wir bauchen noch ein neues Feature, das wir bewerben können!“

„Dafür könnt ihr jetzt fette Tricks abziehen!“, würde ein Entwickler nun möglicherweise entgegen, „Muss man aber nicht“ jeder, der sich mehr als zehn Minuten damit beschäftigt hat. Im normalen Rennen lediglich unnötige Sturzgefahr, werden die durch den rechten Sticks reichlich unpräzise ausgelösten Aktionen beinahe ausschließlich für spezielle Highscore-Events genutzt. Sieht cool aus, bringt aber nix. Quasi der Moonwalk der Spielewelt und Verschlimmbesserung, wie sie im Buche steht.

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Hallo, Editor. Hoffentlich stellen die Leute mit dir wieder so coolen Kram an wie vor zwei Jahren.
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Nicht die einzige beim finnischen Versuch, der perfekten Formel unbedingt noch ein paar neue Highlights hinzufügen zu müssen. Portal-ähnliche Sprecher während der Rennen mögen eine nette Sache sein und gut zum sonst erschreckend inkonsequent genutzten Science-Fiction-Setting (wo sind Aliens, Schwerkraftspielereien, fremde Planeten etc. pp.?) passen, nerven aber spätestens beim dritten Neustart eines Levels und werden nach dem fünften ganz abgestellt.

Fusion hätte bereits ein zumindest würdiger Nachfolger sein können, wenn statt durchwachsener Neuerungen alte Problemchen behoben worden wären, von denen durchaus noch einige auf dem Rücksitz mitfahren. Heftige Texturnachlader beim Levelneustart und zum Teil lange Ladezeiten sind kein Beinbruch, aber auch nichts, das man auf PS4 und Xbox One noch irgendwie rechtfertigen könnte.

Am Ende ist Fusion natürlich beileibe kein „besseres Flashspielchen“, nach 14 Jahren aber vielleicht doch ein Stück über seinen Zenit hinausgesprungen.