"Leo, du machst den Test zu Trials Evolution!", bellt Chef Matthias mich an, weil ich schon lange nichts mehr gemacht habe. "Och nö, du weißt doch, Rennspiele mag ich nur, wenn es da Raketenwerfer gibt..." entgegne ich. "Erstens ist das kein Rennspiel, und zweitens ersetzen wir dich durch einen Affen an einer Schreibmaschine, wenn du weiterhin nörgelst!" Resignation macht sich breit. Ich habe keine Wahl.

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Willkommen also zu unserem enthusiastischen Blick auf den neuesten Ableger der Trials-Reihe, einer finnischen Serie von Download-Titeln, in denen man auf einem Motorrad Hindernis-Parkours absolviert. Bevor ich aber loslege, überhaupt das Spiel anfange, lese ich mal ein bisschen im Netz herum. Man muss sich ja vorbereiten, und da ich von dem eigentlichen Sport nicht viel weiß und die Reihe auch neu für mich ist, kann etwas Recherche nicht schaden.

Zum Sport finde ich schnell einige Dinge: Motorrad, Hindernisse, viel Dreck, alles klar. Überrascht bin ich darüber, dass die Reihe auch schon eine Weile unterwegs ist. Sicherlich, den direkten Vorgänger, den finnischen Kulthit Trials HD, kannte ich. Aber dass die Reihe alte und verhältnismäßig bescheidene Wurzeln hat, die bis zum pixeligen Java-Spiel Trial Bike zurückreichen – nun, ich wusste es nicht, hätte es aber raten können.

Trials Evolution - Ich schlage kein Rad, das Rad schlägt mich

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Über Stock und Stein - und alles andere auch...
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Denn das Prinzip und Grundgerüst von Trials Evolution schmeckt nach Flashspiel. Auf einer zweidimensionalen Schiene brettern wir die Hindernispisten entlang, geben Gas, bremsen und können uns auf dem Bike vor- oder zurücklehnen – und das war's. Ein absolut minimalistisches Konstrukt, aus solch einfachen Mechaniken werden aber im Idealfall die besten Zeitkiller. Dennoch ertappe ich mich bei etwas früher Skepsis. "Wie schwer kann das schon sein?"

Also setze ich mich erstmals auf mein Motorrad und absolviere eine Art Fahrschule. Dachte ich's mir doch, alles easy, ein bisschen hin- und herlehnen, ab und zu mal vom Gas runter, dann pack ich das schon. Die Prüfung schaltet das erste Set von Strecken frei, auf denen ich mich mit meinem frisch erworbenen Bike, das noch verhältnismäßig wenig Leistung hat, ein bisschen austoben kann. Ich merke, dass die Fahrten etwas schwieriger werden, aber größtenteils kann ich immer noch mit Vollgas durchheizen.

Packshot zu Trials EvolutionTrials EvolutionErschienen für Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Zu diesem Zeitpunkt fällt mir auch etwas anderes auf: Das Streckendesign ist ziemlich abgefahren, und ich rede nicht von Reifenspuren. Ich hatte im Vorfeld damit gerechnet, zweierlei Arten von Piste zu sehen, nämlich dreckiges Gehüpfe über Sandhügel und sterile aber kunstvoll gebaute Hallenkurse. Zu solchen Konventionen sagte sich Entwickler RedLynx aber "Nicht mit uns!" und lässt mich stattdessen gleich am Anfang über den Strand der Normandie 1944 fahren, während neben mir die Bomben einschlagen. Ich kurve über antike Ruinen, in den schwindelerregenden Höhen des Gebirges, über halb versunkene Containerschiffe, mittelalterliche Burgen, sogar paranormale Aktivitäten in einem blutroten Wald finden statt.

Trials Evolution - Ich schlage kein Rad, das Rad schlägt mich

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Die Strecken sind teilweise echt abgefahren.
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Andere Levels wiederum parodieren den Look des Download-Hits Limbo oder lassen die Umgebung sich surreal biegen und rearrangieren. Im Gegensatz zu Trials HD können die Strecken diesmal auch Kurven schlagen, was spielerisch aber keinen Unterschied macht, es geht trotzdem stur nach rechts. Am Ende passiert meinem Fahrer immer etwas Schönes, z.B. wird er in die Luft gejagt oder mit einem Katapult weggeschossen. Ich habe meine Lektion gelernt, Trials Evolution ist sich nicht zu schade für einige absurde Späße.

Ich bewältige weiterhin Strecken, wofür ich je nach Leistung bis zu drei Medaillen erhalte, außerdem gibt es Bargeld. Mit den Medaillen wird irgendwann das nächste Set von Pisten freigeschaltet, mit der Kohle kann ich mir Verschönerungen für Fahrer und Gefährt zulegen. Weitere Prüfungen schalten leistungsfähigere Bikes frei, von denen es insgesamt vier gibt (Plus ein zusätzliches, wenn man im Vorgänger ein bestimmtes Achievement erreicht hat). Das macht Spaß, ich kann mich auf etwas freuen, auf etwas hinarbeiten und - hey, warum komm ich denn an der Stelle hier nicht weiter?

Biker-Mais vom Kolben

Noch bevor ich wirklich weit vorgedrungen bin, kriege ich ein bisschen zu knabbern, denn mit meiner bisherigen Taktik, "Augen zu und durch", klappt es jetzt nicht mehr. Gut, damit musste ich ja rechnen. Unerwartet trifft mich, mit wie vielen kleinen Mitteln Trials Evolution den Schwierigkeitsgrad schnell mächtig anzieht. Fies platzierte Bodenwellen, grausam penible Schanzensprünge und Landungen, bei denen ich peinlich genau im richtigen Winkel landen muss, sind nur der Anfang.

So charmant kann Sucht sein – Evolution zeigt mit vielen Features, irrsinnigen Strecken und einem neuen Multiplayermodus, dass Genialität oft simpel ist.Fazit lesen

Wenn das Streckendesign richtig aufdreht, dann muss ich bald Loopings schlagen, Explosionen auslösen, mir mit Wippen eigene Schanzen bauen und bei all dem immer noch darauf achten, dass ich mich nicht ganz normal aufs Maul packe. Innerhalb der Strecken gibt es Checkpoints, doch nutzt man die, anstatt von vorne zu beginnen, kann man sich eine gute Wertung und somit die Medaillen abschminken. Man hat übrigens beliebig viele Versuche, aber insgesamt "nur" 30 Minuten zum Bezwingen einer Strecke. Und nein, um letzteres herauszufinden, hab ich nicht den Controller zur Seite gelegt.

Trials Evolution kann oftmals so richtig frusten, umso mehr, weil es absolut fair ist. Ich habe wirklich niemanden zu beschuldigen als mich selbst, aber gerade deswegen fasse ich es nicht, dass mich dieses simple Spiel so leicht aufs Kreuz legt. Es muss doch irgendwie machbar sein, ich versuche es nochmal. Ich komme ein Stückchen weiter, immer noch ein Stück. Am Ende hab ich die Strecke bewältigt... aber die schlechte Wertung stört mich. Gucken wir doch mal, ob ich es nicht doch noch besser hinkriege. Ein Neustart der Strecke ist ja immerhin schnell gemacht.

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In bester Lage einfach mal abhängen...
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Es ist dieser Balanceakt aus Motivation und Frustration, der Trials' Wurzeln besser verrät als seine Simplizität es je könnte. Der Suchtfaktor ist enorm, so gefesselt von einem einfachen Spiel war ich nicht mehr, seit ich mit wütenden Vögeln auf Schweine geschossen habe, und gleichzeitig war ich schon lange nicht mehr so nahe dran, die gesamte Konsole aus dem Fenster schmeißen zu wollen.

Es ist eine eigenartige doch reizvolle Art von Balanceakt, die hier versucht wird. Trials Evolution ist für Perfektionisten ideal, weil man immer wieder versuchen kann, sich selbst zu verbessern, die eigene Zeit zu schlagen. Doch auch für Casual-Spieler ist es höchst geeignet, weil es zugänglich ist, leicht verständlich, fordernd und schon Teilerfolge belohnt. Es überhaupt zu schaffen ist schon ein großer Spaß.

Die normalen Strecken werden zusätzlich nochmal in Turnieren angeboten, in denen es dann eben darauf ankommt, ordentliche Teilleistungen zu kombinieren und die Nerven zu bewahren. Außerdem gibt es eine Sammlung von zehn Geschicklichkeitsspielen, die zwar funktioniell nicht immer das Gelbe vom Ei sind, aber immerhin putzige Grundideen haben – etwa ein "Flugsimulator", in dem man mit dem Motarrad Anlauf nimmt, dann mit dem Fahrer abspringt und ihn anschließend mit einem Paar angeschnallter Flügel schlagen lässt, um ihn möglichst weit flattern zu lassen.

Trials Evolution - Ich schlage kein Rad, das Rad schlägt mich

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Das Spielprinzip ist simpel, macht aber umso mehr süchtig.
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Diese Geschicklichskeitsspiele sind auch eher so eine Art Werbung für den abermals mitgelieferten Streckeneditor, der nun in zweierlei Variation daherkommt – einmal "Lite", der in etwa dem Editor aus Trials HD entspricht, und einer noch freieren und komplexeren Variante, mit der man nun wirklich gar keine Einschränkungen mehr hat. Mit diesem mächtigen Werkzeug ist erstaunliches möglich, von Hause aus zeigen uns RedLynx bereits Level wie ein Murmellabyrinth und ein Shoot ' em Up.

Die Community hat bereits einige beachtliche Strecken und sogar Minispiele veröffentlicht, man darf gespannt sein, was sich da noch entwickelt. Genug Irrsinn und die quietschvergnügte Physikengine jedenfalls sollten jede Menge Langzeitmotivation hinzufügen können.

Die vielleicht größte Neuanschaffung ist ein Multiplayer-Modus, in dem man entweder gleichzeitig mit drei anderen Kontrahenten oder einzeln gegen Ghosts antritt. Gerade das Rennen gegen mehrere Spieler ist ein herrliches und enormes Chaos, obwohl man sich nie in den Weg gerät – man rast auf vier Spuren nebeneinander. Dennoch ist der Ansporn größer, somit natürlich auch die Chance, sich ganz furchtbar hinzupacken und auch den Kollegen beim Scheitern zuzugucken.

Schon alleine dieser Schub Langzeitunterhaltung hebt Evolution über das Niveau von Trials HD und sollte zusammen mit den tollen Strecken, dem mächtigen Editor und dem Knallkopp-Humor die Investition von 1200 MS-Punkten mehr als rechtfertigen.