Nichts übertrifft das glamouröse Leben eines Journalisten in der Spielebranche. Als Erster »Gothic IV« spielen und der Chef drückt einem für diese Bürde das Geld bündelweise in die Finger. Die Kleiderschränke quellen über von PR-Geschenken, coole Presseevents sorgen für endlose Action, und die Dates mit Messemäusen sprengen jeden Terminkalender.

Um auch euch diesem Traum näher zu bringen, erläutere ich in der folgenden Kurzanleitung die Geheimnisse unserer Zunft. Auf dass euch das ewig währende Glück zuteil werde.

Beginnen wir mit den Grundqualifikationen. Wie an mir zu sehen, ist die Beherrschung der deutschen Sprache - entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben - rein optional für den Beruf. Viel wichtiger ist es, den Word-Thesaurus zu schlagen, wenn es um Synonyme für den Begriff »Held« geht. »Heroe«, »Recke«, »Kämpe« oder »wackerer Streiter« wären ein guter Anfang. Notfalls hoffe man auf das Kurzzeitgedächtnis der Leserschaft und beginne mit der Wortrotation.

Traumjob Zocker - Traumberuf: Spieleredakteur – eine Kurzanleitung

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Von links nach rechts: Held, Heroe, Recke, Kämpe.
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Denn es gilt, entgegen der ausnahmslosen Regel über Regeln ohne Ausnahmen die Regel: Wiederholungen sind böse! Sehr, sehr böse! Niemals fliegen Fliegen Fliegen hinterher. Eher bewegen sich »Mitglieder der Ordnung der Zweiflügler« die Gravitation Lügen strafend hinter anderen »aeronautischen Parasiten« durch die Luft.

Ein etwaiger Mangel an deutschen Vokabeln ist durch ungewöhnliche Alternativen, typischen Tester-Slang und notfalls Anglizismen auszugleichen. Deswegen muss jedes Review eines Racinggames Boliden aus Spieleschmieden enthalten und ein Rollenspieltest Widersacher sowie Opponenten.

Der angehende Redakteur sollte ferner die Metaphernklaviatur beherrschen und zwar aus dem FF und zur Not aus dem Stegreif. Kein sprachliches Bild ist derart abgedroschen, dass es nicht einen mittelmäßigen Bericht in literarische Höhen katapultieren, nein: diesem Leben einhauchen, könnte.

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Höllisch gut, teuflisch schlecht oder einfach nur infernalisch gelungen?
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Wenn beispielsweise ein Feature nicht das »Gelbe vom Ei« ist, sollte man unbedingt seinen »eigenen Senf« dazugeben. Dabei heißt jeder Ansatz von Originalität »frischer Wind« und insbesondere Entwickler reiten trotz und wegen dessen Fehlens auf »Erfolgswellen«. Fortgeschrittene gehen dazu über, traditionelle Redensarten abzuwandeln, zumindest, wenn sie wissen »wo der Hase hinläuft« oder »die Flinte im Pfeffer liegt«. Schließlich hört selbst ein blindes Huhn manchmal KoRn.

Auf die ungeschriebene Wiewort-Konvention sei ebenfalls hingewiesen. Spiele mit Bezug zu Satan und dessen Unterweltentourage sind etwa allesamt »höllisch gut« oder »teuflisch schlecht«. Auf die Verwendung abweichender Adjektive steht Inkarzerierung bei Wasser und »Resident Evil 4«. Nach dem gleichen Regelwerk ist jede Landschaft »malerisch«, die weibliche Nebenrolle immer »sexy«, Humor »abgefahren«, (mindestens ein) NPC »durchgeknallt« sowie in allen Tests von Volker Schütz die Steuerung »gurkig«, »frickelig« oder »vermurkst« (oder er einfach nur zu blöd zum Zocken).

Ganz aktuell übrigens: Seit Nintendos letzter Konsolenrevolution werden mit "wie" beginnende Begriff wii Wii geschrieben. Auch und insbesondere in Zwischenüber- und Bildunterschriften.

Wichtig ist ferner die Struktur eines Tests, die Einhaltung der klassischen Formstrenge: Es beginnt zum Beispiel die Beschreibung jedes Spiels schlechter bis mittlerer Qualität mit dem erbosten Vorwurf, der Markt werde seit Jahren mit dem gleichen Mist überschwemmt. Alternativ liest sich das bei einem guten bis hervorragenden Spiel als das nahtlose Einreihen in die hervorragende Tradition identischer Vorgänger. Die Ausnahme stellt das so genannte »EA-Paradoxon« dar. Hier sind Gezeter über nur marginal verbesserte Vorjahresprodukte mit einer Wertung jenseits der 90 Prozent zu kombinieren.

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Das EA-Paradoxon: Jeder motzt, aber alle geben 90.
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Mit Ausnahme von Renn- und Sportspielen folgt die Darstellung der Hintergrundgeschichte. Sie beginnt in einer fernen Galaxie, einem Paralleluniversum oder einem mystischen Königreich und endet in einer Namensgebung, die im Zweifel aus zufallsbedingten Silbencrashs hervorging (unter Verwendung exotischer Strich- und Punktierung). Die Titel passender Usurpatoren (Dämonen, Außerirdische, tollwütige Steuerberater) folgen dem gleichen Prinzip. Frei nach dem eigenen Gusto haut der Tester nun urkomische Scherze über mangelnden Einfallsreichtum raus oder nominiert den »Held rettet Menschheit«-Plot für einen Originalitätsoscar.

Weil sich die Hintergrundgeschichte so fürchterlich gut von Pressemitteilungen abschreiben lässt und außerdem einen unerschöpflichen Quell drolliger Wortspiele darstellt, sollte an dieser Stelle idealerweise bereits die Hälfte des Textes stehen.

Es schließt sich die Beschreibung der Spielmechanismen an - unter kommagenauer Aufzählung der Gegner-, Waffen- und Levelarten. Dabei darf man niemals das immer zutreffende Geunke über umständliche Steuerung und sperrige Kameraführung vergessen, samt überzogener Beschreibung der Folgen dieser (zumeist Zahnabdrücke im Tisch oder hoch beschleunigte Computerperipherie). Die Ausnahme bilden Adventure: Bei denen sehen die Standesregeln Kritik an einerseits unlogischen und andererseits zu simplen Rätseln vor, Demarkationslinie ist allein der IQ des Testers. Erwähnenswert immer auch die dämliche KI, bietet sie doch die Idealvorlage für allegorische Dauerbrenner wie Urschleim oder Dieter Bohlen.

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Entweder zu viel oder zu wenig - beim Sex kann man es keinem recht machen.
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Am Ende steht das launige Resümee. Ich persönlich bevorzuge es, Fakten einem polemischen Rundumschlag gegen die Spieleindustrie und das Leben im Allgemeinen weichen zu lassen. Die verbale Zerstörungswut lässt sich übrigens vortrefflich in beliebige Bildmotive kleiden. Ob Sportanalogie oder Kochrezept, auch durch permanente Wiederholung nutzen sie sich nur wenig ab. Versprochen! Um nun noch den »Sex Sells«-Punkt zu bedienen, setzt man ergänzend die Marcel Reich-Ranicki-Taktik ein. Was bedeutet: Empörung über Sex! Entweder den Mangel oder den Überschuss daran - je nachdem, wann der Tester das letzte Mal gepimpert hat.

Die wichtigste Regel zuletzt: Der eigene Preview-Hype und das endgültige Testergebnis decken sich immer und immer vollständig. Etwas anderes kommt nicht vor. Niemals!

Damit habt ihr das gesamte Rüstzeug, um euch in der Spielebranche zu behaupten. Haltet euch an die Regeln und innerhalb kürzester Zeit schreibt ihr »Reviews«, um die euch die Welt beneidet und vor allem genügend Zeit lassen für das, was ihr ohnehin am liebsten macht: die Spiele zu spielen, die der Chef mal wieder nicht euch, sondern den Kollegen zum Testen gegeben hat.

Ihr glaubt, das könnt ihr auch? Dann bewerbt euch hier.