Spätestens, wenn die muckelige Schulzeit endet, denkt man das erste Mal ernsthaft über das Geldverdienen nach. Selbst wer sich mit einem Studium die Bedenkzeit verlängert, landet irgendwann am gleichen Punkt: hechelnd im Hamsterrad. Geht eines Tages die Puste aus, blickt man verzweifelt nach rechts und links. Wie verdienen die anderen Nager ihren Lebensunterhalt? Die Erkenntnis: Im Computerbereich existieren die Jobs von der exquisitesten Idiotie.

Wenn an Einem auf unserer Erde kein Mangel herrscht, dann an Problemen. Die meisten wären mit ausreichend Geld lösbar: Epidemien und Hungersnöte, wachsende Wüsten, Ressourcenknappheit, marode Gesundheitssysteme oder Bildungsdefizite - selbst der Mangel an Zeit füreinander, mag er sich bei der Kindererziehung oder dem Umgang mit Alten und Pflegebedürftigen zeigen. Die globale Wirtschaftskraft wächst, mit ihr der absolute Wohlstand, die benötigten Finanzen sind vorhanden, doch die Schieflage bei der Verteilung sorgt für das Ausbleiben von Lösungen.

Traumjob Zocker - Metajobs – Für eine Handvoll Irrsinn

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Assassin's Creed: Ein Spiel rettet die Welt.
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Ein auf das Gesamtsystem blickender Außenstehender empfände dabei die ein oder andere Verhaltensweise unnachvollziehbar. Etwa, wie wir Konsumenten Milliardenbeträge in die Träume der Film- und Spielebranche buttern. Obwohl das gleiche Geld die Realität verbessern könnte. Wie 56,95 € für »Assassin’s Creed«, die wir im Vorbeigehen ausgeben, etwa ein durchschnittliches, afrikanisches Monatseinkommen übertreffen. Um digitale Knülche töten zu können, töten wir echte durch unser Nichthandeln.

Aber egal wie viele Gutmenschen uns in der Vorweihnachtszeit ihre Weltverbesserungsparolen in die Ohren tröten, unsere Zerstreuung wiegt schwerer als jedes Menschenleben. Gäbe man uns die Wahl zwischen Computerspielen und ewigem Weltfrieden, weder die Games- noch die Waffenindustrie bräuchten nervös zu werden. Letztlich ist der Mensch ein egoistisches Wesen. Um beim Bild von Weihnachten zu bleiben: Veränderungen darf man sich gerne wünschen, sinnvollerweise sollte man sich die Hoffnung darauf jedoch frühzeitig schenken.

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Selbst Hofnarren haben traditionell ihre Existenzberechtigung...
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Von daher möchte ich gar nicht generell über Stellen in der Spielebranche lamentieren. Ich will mich nicht darüber wundern, wie in einer Welt mit handgreiflichen Problemen Leute für bloße Fiktionen bezahlt werden. Denn gleichgültig ob Entwickler, Betatester, Publisher, Großhändler, Einzelhändler, Spieletester: Sie alle unterscheiden sich nicht maßgeblich von dem, was seit Jahrhunderten existiert, also Regisseure, Romanciers, Schauspieler, Filmkritiker oder Musikanten.

Vom Hofnarren über Theater und Oper zum Kino existierten in der Vergangenheit genügend »Institutionen«, deren Existenzberechtigung sich ausschließlich auf unserem Konsens gründet, sie für notwendig zu erachten. Oder ganz plump: Schösse man morgen alle Mediziner zum Mond, wäre unter den Zurückgelassenen allgemeine Panik vorprogrammiert. Schickte man dagegen die gesamte Hollywoodprominenz, machte sich schlimmstenfalls Nervosität unter amerikanischen Scheidungsanwälten breit.

Unser Leben würde sich nicht ändern. Existierte doch sogar ausreichend Filmmaterial, um selbst ohne Neuerscheinungen lebenslange Unterhaltung sicherzustellen. Aber wie gesagt: Der Markt verlangt nicht nur die Existenz solcher Branchen, er bewertet deren Tätigkeit finanziell als besonders wichtig. Sei es also drum.

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Second Life: Was kostet eigentlich so ein virtuelles Gut?
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In der Spieleindustrie driftet die Möglichkeit des Geldverdienens allerdings nach und nach ins Bizarre ab – das Outsourcing nach Absurdistan. In »Second Life« gegen letztlich echte Dollar Objekte oder Skripte anzufertigen, bzw. zu verkaufen, gehört da noch in den Bereich des Nachvollziehbaren. Klar, ein wenig merkwürdig nimmt es sich schon aus, wenn ich für rein virtuelle Gegenstände echte Währung hinblättern soll.

Nur: Genau betrachtet mache ich das beim Kauf eines Computerspiels genauso. Dort lege ich mein Geld schließlich nicht für die eigentliche CD oder DVD auf den Tisch, sondern deren Inhalt. Der stellt sich aber wiederum als rein virtuelles Konstrukt dar. In der Abstraktion ist ein RPG lediglich eine Sammlung von Regelsätzen und Objekten. Der Unterschied zu in »Second Life« geschaffenen Skripten und Gegenständen ist somit graduell.

Andere Betätigungen klingen zunächst vertrauter, haben aber streng genommen keine höhere Existenzberechtigung als eine UMTS-fähige Mopsjongliermaschine. Beispielsweise die Komplettlösungsschreiber. Nicht Walkthroughs und Strategyguides als solche, deren Sinnhaftigkeit erschließt sich noch ohne weiteres. Manchmal hat man eben einen Schlauch vor dem Kopf und steht auf dem Brett. Allerdings ist es pervers, wenn mit dieser Aufgabe hoch spezialisierte Menschen beschäftigt werden. Sie müssen einen Titel feinsäuberlich sezieren, damit in einem 3.000-seitigen Lösungsbuch der letzte Winkel und das letzte Geheimnis des Spiels in alphabetischer Reihenfolge katalogisiert werden können.

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Hauptberuf: Goldfarmer.
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Als Unfug empfinde ich diesen Prozess deswegen, weil deren Arbeitsergebnis streng genommen als Beiprodukt ohnehin bereits dem Hersteller vorliegt. Statt die Dokumentation von Produktion und Betatest als ultimativen Walkthrough auf der hauseigenen Webseite anzubieten, frickeln sich außenstehende Dritte zeitaufwändig ins System. Intelligente Menschen verbringen Stunde, um Stunde, um Stunde damit, einem Spiel die Geheimnisse zu entreißen, die andere mit wenigen Klicks zugänglich machen könnten. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ein Totalausfall.

Noch abartiger ist dieses Phänomen bei den Goldfarmern. Zumal mir hier schon die Grundidee den Kopf zum Schwirren bringt. Denn üblicherweise zocke ich, um meine Zeit in der Spielwelt zu verbringen, meinen Charakter kennen zu lernen und weiterzuentwickeln. Die Beauftragung fleißiger Levelchinesen bringt mich also genau um den eigentlichen Zweck des Spiels. Sagt der Pfarrer zum Dorflehrer: »Bin spät dran. Kannst du heute für mich in den Puff gehen?« Vielleicht sollten derart gestrickte Leute sich das Verschenken von Accounts zum Hobby machen. Denn nichts spart mehr Zeit als ein MMO überhaupt nicht zu spielen.

Der eigentliche Irrsinn des Goldfarmerjobs liegt für mich aber in der verschwendeten Arbeitskraft des Farmers. Denn im Gegensatz zum »Second Life«-Klamottendesigner produziert er nicht einmal virtuelle Objekte. Vielmehr setzt er seine gesamte Energie ein, um auf einem fernen Server eine einzelne Variable zu erhöhen. Tage, Wochen, Monate für einen mehr als flüchtigen Zahlenwert vom Typ Integer. Eine elendig monotone, endlose Tätigkeit. Die zudem andernorts in Sekunden mit einem einzigen Mausklick erledigt werden könnte. Von dem, der am Server - der Golddruckmaschine – sitzt.

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Profi-Goldfarming für eine ideale Welt.
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Entgegen der oft vorgebrachten Kritik gegen die Zweitverwertung von Spielinhalten durch den Hersteller selbst hielte ich eben jene für überaus wünschenswert. Wenn also die Anbieter von Onlinespielen den Verkauf interner Währung direkt in die Hand nähmen oder gegen Aufpreis Hochlevelcharaktere anböten.

In einer idealen Welt würden sie das so gewonnene Geld dem nun arbeitslosen Goldfarmer überweisen. Und der dafür einen Job als Entwicklungshelfer in der Dritten Welt annehmen.