Und dann schieben sich träge zwölf Namen auf den Bildschirm, kurz nachdem es vorbei ist. Sie rücken vieles ein Stück weit ins rechte Licht, helfen, das hier richtig einzuordnen. Ein vollständiges Team auf einen Blick – wann hat es das zuletzt gegeben? Ein Team, bestehend aus einem Dutzend Menschen mit einer Vision, angetrieben vom eigenen Anspruch, geeint durch feines ästhetisches Gespür. Es sind Künstler, keine Handwerker. Und das sieht man ihrem jüngsten Kind auch an – im Guten wie im Schlechten.

Transistor - Launch TrailerEin weiteres Video

Immerhin fünf mehr als noch vor ein paar Jahren sind das, als Transistor höchstens als fixe Idee im Hinterkopf von Amir Rao oder Gavin Simon bestand. Mit einer Handvoll Entwickler schliffen die zwei jungen Studiogründer gerade eine simple Spielidee und damit den Ruf ihrer noch jungen Firma bis nahe an die Grenze zur Perfektion. „Bastion“ hieß das dann für Xbox-360-Besitzer im Sommer 2011, Auszeichnungen, Anerkennung und finanzielle Sicherheit für die Jungs von Supergiant Games.

Einige von ihnen haben vorher noch bei EA ihre Brötchen verdient, ausgerechnet. Vom unternehmengewordenen Synonym für Ausverkauf und Videospielkommerz ans andere Ende der Branche, von der „Command and Conquer“-Reihe zu Bastion – und nun also Transistor.

Transistor - Spiele sind vergänglich, Kunst ist für die Ewigkeit

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Eine Aufforderung, die für die nächsten fünf Stunden gilt.
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Der Sprung vom einen Indie-Projekt zum nächsten mag nicht so immens wie zwischen beiden Arbeitgebern sein, fällt jedoch weit größer aus als vermutet, fast schon befürchtet wurde.

Es dauert einen Augenblick bis zu dieser erleichternden Einsicht. Direktheit und Verknappung waren vielleicht schon immer zwei der größten Stärken des Studios in Familiengröße, die gelegentlich ins Negative zurückpendeln. Vor einzigartiger Jugenstil-Cyberpunk-Kulisse sind diese Ausschläge nun in beide Richtungen deutlich stärker als in der sonnengegerbten Haut von Kid vor drei Jahren.

Transistor beginnt mit derselben unvermittelten Art wie sein geistiger Vorgänger, wirft euch ebenso kurz angebunden mitten hinein in eine fünf- bis sechsstündige Geschichte, in der ihr euch zwar irgendwann zurechtfinden, nie jedoch völlig auskennen werdet. Wer noch ein paar der Erfahrungen von damals hat, als eine sonore Stimme die Grenzen des Geschichtenerzählens in Videospielen großzügig auslotete, wird sich die erste Zeit an diesen orientieren und verzweifelt Parallelen suchen. Bis Rotschopf Red das erste Mal den titelgebenden Transistor schwingt, scheint es davon noch reichlich zu geben. Nach dem ersten Kampf ist man sich dann nicht mehr so sicher.

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Alle beteiligten Entwickler auf einem Bildschirm. Sieht man auch nicht alle Tage.
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Gar nicht mal so ähnlich

Bis jetzt hat mir Kollege Leo eine Menge Mühe erspart. Konnte ich mich bislang hinter seinen eloquenten Erklärungen verstecken und euch bei etwaigen Fragen auf seinen Bastion-Test verweisen, kehrt Transistor seinem gefeierten Vorläufer ab dem ersten Gefecht heftig den Rücken zu – und wirft auch keinen Blick mehr zurück. Es hat seinen Grund, dass wir keinen zweiten Teil, sondern ein eigenständiges Spiel bekommen haben.

Mit einer simplen „2“ hinten dran und ein paar neuen Elementen hätten Supergiant Games den einstigen Buzz wohl nicht vollends von Neuem heraufbeschwören können, etwas mehr als ein laues Lüftchen wäre dabei aber freilich herausgekommen – doch sie haben der Versuchung widerstanden. Dieser Mut ist der erste Punkt auf einer Haben-Seite, deren Umfang ganz entscheidend davon abhängt, welche Maßstäbe ihr an Transistor ansetzt.

Die ungeduldigeren Naturen und Lesefaulen unter euch sollten die knapp 20 Euro anderweitig anlegen, wer lediglich Bastion 2 erwartet sowieso. Bis auf die stummen Helden, nein: Protagonisten, und ikonischen Erzähler gibt es verblüffend wenig gemeinsame Nenner und selbst diese sind keinesfalls deckungsgleich. Aus dem Dreikäsehoch ohne Vergangenheit wurde eine emanzipierte Chanteuse, aus dem auktorialen ein personaler Erzähler, aus dem zugänglichen Haudrauf-Kämpfen bisweilen geradezu taktische Scharmützel mit Pausenfunktion.

Einzigartig, smart, subtil: Keines der besten, aber eines der wichtigsten Spiele des Jahres.Fazit lesen

Letztere sind wohl auch das größte Wagnis in diesem nicht gerade konservativen Spiel und die krasseste Abkehr von der intuitiven Zugänglichkeit des Vorgängers. Viel mehr als vier Tasten braucht es nicht, um Red eine der am unteren Bildschirmrand dauerhaft visualisierten Fähigkeiten losschleudern zu lassen. Packt noch zwei weitere für das Kontrollieren der Pausenfunktion oben drauf und ihr seid good to go, wie Rao oder Simon vielleicht selbst sagen würden.

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Transistor ist im Grunde ein spielbarer Wallpapergenerator und liefert Bilder zum Ausdrucken und An-die-Wand-hängen im Minutentakt.
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Der Clou liegt weniger in der Ausführung der vielfältigen Möglichkeiten – es ist deren Kombinierbarkeit und das beharrliche Schweigen der Entwickler, ihre „Friss oder stirb“-Mentalität, die euch schnell an dem zweifeln lassen kann, was ihr hier gerade tut. Tutorials waren nie ein Punkt auf der langen Agenda von Supergiant Games; do it yourself ist schon eher ihr Ding. Eine schnelle Auffassungsgabe und viel Mut zum Ausprobieren sind in der Konsequenzen euer wichtigstes Rüstzeug für dieses Erlebnis.

„I always thought it's hard to make new friends...

Andernfalls lauft ihr womöglich mit denselben vier Angriffen durch ein Spiel, das euch so viel mehr zu bieten hat, in seinem Bestreben, dem Spieler bei der Entdeckung möglichst viel Raum zu lassen, jedoch konsequent übertreibt. Einen Grundstock von über den Daumen gepeilt 16 Fähigkeiten erarbeitet ihr euch kontinuierlich, nach jedem aufgestiegenen Level gibt’s einen weiteren auf den anfänglich viel zu schnell wachsenden Stapel. Ganz okay für die erste Stunde, danach solltet ihr aber besser schon sehr genau wissen, was ihr da im Menü vor euch habt.

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Zugänglich ist das Kampfsysten nicht, dafür aber sehr durchdacht und mit mannigfaltigen Möglichkeiten.
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Aktiv- und Passivslots, verschiedene Kombinationsmöglichkeiten, Begrenzungslevel und noch ein wenig mehr muten euch die zwölf Mann hinter diesem Projekt ohne große Erklärungen zu – ungefähr zehnmal so viel wie beim beliebigen Griff ins Spielregal im Elektromarkt um die Ecke. Wenn ihr den kritischen Punkt des endgültigen Verstehens nicht überschreitet, wird sich Transistors Raffinesse nie vollends entfalten könnten – und selbst wenn ist das noch kein Garantie dafür, dass es jederzeit funktioniert.

Das Kombinieren eines Energiestrahls mit einer passiven Explosionsfähigkeit, die den Schuss beim Treffen des Ziels zusätzlich explodieren lässt, ist das eine, bei den restlichen Möglichkeiten im Kampfgetümmel den Überblick zu behalten das andere.

...but making enemies, I guess that's easy."

Das Pausieren des Geschehens und Planen der nächsten Züge, die dann auf Knopfdruck in Echtzeit blitzschnell ausgeführt werden, klappt die meiste Zeit über ganz gut, regelmäßig wunderte ich mich jedoch auch immer wieder mal über Situationen, die völlig anders verliefen, als es mir Transistor während der Planungsphase weismachen wollte. Ihr müsst euch schon wirklich darauf einlassen und munter kombinieren, probieren, selektieren, sonst tut ihr euch und dem Spiel keinen Gefallen. Lohnt sich allerdings.

Mit der Bastion einst so eigenen frechen Dynamik hat das aber nicht mehr viel zu tun. Während Red ein paar Schritte läuft und euch ob der visuellen und akustischen Reize Augen und Ohren übergehen, lädt im Hintergrund schon das nächste der immerselben Gegnergrüppchen. „Spielfluss“ ist ein sehr dehnbarer Begriff, in den strahlenden Straßen von Cloudbank sogar noch etwas mehr. In ihrer Linearität führen sie zielstrebig voran, schlagen hier und da mal ein paar Haken mehr als eigentlich gut wäre.

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Wer die "Sind Videospiele Kunst?"-Debatte unbedingt führen will, hat mit Transistor ein gutes Argument an der Hand.
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Supergiant Games wissen um dieses Laufen-Kämpfen-Wechselspiel und geben sich alle Mühe, es so gut es eben geht zu kaschieren – etwa mit der knappen Spielzeit von rund fünf Stunden. Vor der Routine kommt der Abspann kommen kleine Momente des Aufatmens. Eskapistische Momente des Abschaltens, wenn euch Cloudbank von allen Seiten umgibt, ihr nur mit der Stimme des Erzählers im Ohr und einer Gänsehaut im Nacken durch diese so einzigartige Stadt zieht. In seinen besten Augenblicken erzeugt Transistor einen Sog, dem ich mich gern hingegebenen habe, nur um für kurze Zeit einfach nur hier zu sein.

Es sind die stärksten, eindringlichsten Momente des Spiels, jene, in denen ihr nicht nachdenkt und es einfach geschehen lasst. Ganz einfach ist das durch die ständig unterbrechenden Kämpfe nicht, die in ihrem Tonus so viel rauer als der Rest sind, doch es gelingt fast immer, wenn ihr denn nur wirklich wollt.

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Spielt Transistor unbedingt mit Kopfhörern oder einer vernünftigen Anlage – es lohnt sich.
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Stellt nur keine Fragen. Transistor hasst Fragen. Antworten müsst ihr schon aus eigenem Antrieb heraus suchen und zwar gründlich. Verglichen mit der „Bewege den linken Stick, um dich zu bewegen“-Holzhammer-Direktheit moderner Spiele ist Supergiant Games' Reduziertheit zwar fast ein Segen, ohne den ihr Spiel sogar ziemlich aufgeschmissen wäre. Zumindest ihre Welt und deren Charaktere hätten sie jedoch nicht ganz so konsequent in den Mantel des Schweigens hüllen müssen.

Wer genau hinhört und den subtilen Subtext zu deuten versteht, wird nicht völlig planlos umherirren. Für den vollen Durchblick hat's bei mir allerdings bis zum überzeugenden Ende nicht gereicht. Für eine surreal-einzigartiges Erlebnis hingegen allemal – und mehr als zwölf Beteiligte brauchte es dafür nicht.