Der Bildschirm ist ein Meer aus stiebenden Funken, grellen Blitzen und wuchtigen Explosionen. Inmitten des effektvollen Wirrwarrs steckt irgendwo meine Spielfigur, die versucht anderen Spielfiguren eins auf die Nase zu geben. Eine kurze Pause. Schon sprüht das Effekt-Konfetti beim darauffolgenden Schlag auch wieder. Mein neunjähriges Ich springt asthmatisch japsend durch das Wohnzimmer. Ihm gefällt Transformers Devastation, obwohl er Transformers eigentlich immer blöd fand. Nun…

Transformers Devastation - Launch Trailer

Mein neunjähriges Ich sollte sich dafür bei Platinum Games bedanken. Das japanische Studio ist seit Jahren die erste Adresse, wenn es um völlig maßlose Action geht (das halbherzige Legend of Korra blenden wir an dieser Stelle völlig absichtlich aus). Transformers Devastation ist genau das: Es ist laut, schnell, hemmungslos überspitzt und erinnert deutlich an andere Spiele aus gleichem Hause. Genau deshalb macht es auch Leuten Spaß, die bei dem Thema üblicherweise abschalten.

Transformers Devastation - Mein neunjähriges Ich vergibt 10 von 10 Punkten

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 14/181/18
Transformers wie es leibt und lebt: Fans springen wegen der Nähe zum Original vor Freude im Kreis.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aus diesem Grund schicke ich mein neunjähriges Ich voraus. Genau der kleine Knirps, der sich Sonntagmorgens vor allen anderen im Haus aus dem Bett schält, um allein vor der Flimmerkiste genüsslich die morgendlichen Cartoons in sich aufzusaugen. Er kann weit besser als ich die Begeisterungsfähigkeit vermitteln, die vermutlich auch Serienfans von damals empfinden, wenn sie heute Transformers Devastation spielen.

Fetziger als ein Sonntagmorgen-Cartoon

Die Kämpfe zwischen den heroischen Autobots und den abtrünnigen Decepticons (und allerhand anderen auf der Silbe „-con“ endenden Roboter-Fraktionen) tragen die überdeutliche Handschrift von Platinum Games. Vor allem der Fokus auf die richtig getimte Ausweichrolle kurz vor dem Schlag eines Gegners und die darauffolgende Zeitlupe erinnern deutlich an Bayonetta. Statt anzüglicher Posen setzt es in Transformers Devastation aber nur schepperndes Metall. Das atemberaubende Schauspiel aus Blitzen, Funken und Explosionen lässt mein neunjähriges Ich nervös vor dem Fernseher aufspringen und jeden K.O.-Schlag mit gegröltem Jubel quittieren. „Ööööhh! Wenn es in der Sonntagmorgen-Cartoon-Serie doch auch immer so gekracht hätte!“

„Was die Komplexität der Move-Palette angeht, hätt’s aber gern etwas mehr sein dürfen“, grummele ich – zwanzig Jahre älter und zahlreiche gespielte Videospiele später. „Es gibt zwar verschiedene Autobots mit leicht unterschiedlichen Fähigkeiten, am Ende der rund sechsstündigen Kampagne hätte ich mir aber den einen oder anderen Kniff mehr gewünscht“. Mein neunjähriges Ich erwidert wild die Kritik wegwedelnd: „Quatsch nicht dazwischen! Ich glaube der eine Transformer haut dem anderen Transformer gleich eins mit ‘nem Superschlag vor den Latz. Das will ich nicht verpassen!“

Transformers Devastation - Mein neunjähriges Ich vergibt 10 von 10 Punkten

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Gerade bei mehreren Gegnern auf den Schirm könnt ihr der Übersichtlichkeit Lebewohl sagen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„‘Nicht verpassen‘ ist quasi das nächste Problem! Die Kamera hat echte Probleme mit der Action Schritt zu halten. Da hat Platinum Games oft ein Problem mit. Bei Transformers Devastation wird es mit mehreren Gegnern auf dem Schirm unübersichtlich – und erst recht, wenn einer dieser Riesenroboter auftaucht, echt.“
„Schon. Vielleicht. Ein bisschen. Aber es sieht geil aus!“
„Ja, aber es wäre schon schön gewesen die Kontrolle zu behalten. Und das die Gegner, die im Blickwinkel der Kamera stehen, ausgeblendet werden, ist auch nicht immer zuträglich. Das sieht stellenweise so aus, als würde man in die Luft schlagen.“
„Weißt du, du redest alles, was mir Spaß macht, gleich wieder schlecht.“
„Äh, ich schätze das ist zu Teilen mein Job.“
„Oh.“
„Naja, zu Teilen ist es irgendwann auch dein Job.“
„Ha! Wenn ich irgendwann über Transformers Devastation schreibe, bekommt’s eine bessere Bewertung von mir!“
„Hm…“
„Was?“
„Tja, das hast du irgendwie geschafft.“

Transformers Devastation ist die atemlose, unheimlich aufdrehende Höllenversion von einem Sonntagmorgen-Cartoon.Fazit lesen

Transformation!

Schafft unser Autobot, eine komplette Combo auszuteilen, bekommt er die Möglichkeit zu einem besonders kräftigen Schlag – eine Art Slow-Motion-Uppercut. Allerdings keinem normalen Uppercut. Der Transformer verwandelt sich innerhalb weniger Wimpernschläge in ein Auto und fährt dem Gegenüber einmal (manchmal auch mehrmals) durch die blecherne Visage. Aber damit nicht genug, denn die Autobots können sich auch während des Spiels nahtlos in Autos verwandeln. Damit lassen sich nicht nur stellenweise frei erkundbare Level schneller durchsuchen, sondern wir können in dieser Form auch im Kampf Schwung für besonders kräftige Angriffe holen, starten die Verfolgungsjagd eines größeren Gegners oder brettern durch kleinere Hinderniskurse.

Transformers Devastation - Mein neunjähriges Ich vergibt 10 von 10 Punkten

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 14/181/18
Mit dem Auto durch die Level zu brettern und besondere Angriffe zu starten ist erstaunlich spaßig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Boah, siehst du das?“, kommt es aus der Ecke, in der mein jüngeres Ich noch immer nach Luft japst.
„Hm, ja“, die kurze Antwort aus der weit stilleren Ecke, in der ich sitze.
„Wie schnell der da plötzlich rast!“
„Hm, ja.“
„Und das steuert sich sogar richtig geil.“
„Hm, ja.“
„Boah, siehst du das?“
„Das sagtest du bereits…“
„Hm, ja“
, sagt der kleine Rotzlöffel und wirft mit Süßigkeiten nach mir, die er sich aus dem Schrank unserer Eltern gemopst hat.

Ran ähnd Gann

Der Begeisterung meines jungen Ichs über die Autoverwandlung aber noch nicht genug: Die Autobots können auch schießen. Entgegen meiner Befürchtung bleibt die überschwängliche Begeisterung meines jüngeren Ichs aber aus. Während bei Faustkämpfen und Verfolgungsjagden noch alles in Bewegung scheint und von überall her Explosionen und Blitze sprühen, passiert bei Schusswechseln erstaunlich wenig.

„Wenn ich dich zitieren darf: ‚Hm, ja‘“, sagt der kleine Mann in der Ecke. „Hatte ich mir jetzt irgendwie cooler vorgestellt. Aber da passiert ja fast nix!“
„Die Waffen haben keinen richtigen Impact“
, erkläre ich im Neunmalklug-Neudeutsch.
„Im-was!?“
„Im-pact!“
„Äh?“
„Das Trefferfeedback ist zu lasch.“
„Fietbäck!?“
„Feedback!“
„Äh?“
„Es wummst und kracht einfach nicht, wenn geballert wird.“
„Achso, warum sagst du das nicht gleich? Die bist ganz schön anstrengend geworden, seitdem du über Videospiele schreibst, weißt du das?“

Transformers Devastation - Mein neunjähriges Ich vergibt 10 von 10 Punkten

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Die Schusswechsel haben im Kontrast zum restlichen Spiel eindeutig zu wenig Wumms.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mein kleines, beschränktes Ich ignorierend, versuche ich Transformers Devastation etwas anders zu spielen als den üblichen Third-Person-Shooter. Keine Deckung suchen, sondern direkt im freien Feld das Feuer eröffnen. Schüssen weiche ich per Rolle aus und gebe den Scharfschützicons in der Slow-Mo bleihaltiges Backenfutter. „So macht’s doch plötzlich Laune“, konstatiere ich. „Ist halt mehr Run-and-Gun als der übliche Third-Person-Shooter“. „Ran ähnd Gann? Sird-Was?“ „Ach, lassen wir das!“

Stereo-Roboterkrieg

Platinum Games lag bei Transformers Devastation anscheinend viel an der Abwechslung. Zumindest spielerisch. Zwischen Faustkämpfen, Verfolgungsjagden und Schusswechseln legt das Spiel ab und an auch kleine, recht losgelöste Mini-Aufgaben aus. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, springt das Spiel in einer Szene beispielsweise in eine Art Horizontal-Shooter und bricht damit den üblichen Ablauf hübsch auf. Diese Wechsel kommen nicht allzu oft vor, sind aber trotzdem willkommen. Eine Abwechslung, die gerade das Leveldesign stark vermissen lässt. Das Hauptareal, eine große Stadt in der wir uns recht frei bewegen können, spielt in nahezu jedem Kapitel eine große Rolle. Oft bewegen wir uns in den gleichen Abschnitten und müssen dabei lediglich andere Aufgaben verfolgen.

Eigentlich schade, denn von der Optik und der Inszenierung fängt Transformers Devastation ziemlich genau den Stil der ersten TV-Serie ein. Es ist irgendwie schrullig aufbereitet, mit stereotypen Robotern, die markige und recht eindimensionale Reden schwingen. Während die einen die Welt retten und zu einem besseren Ort machen wollen, sind die anderen abgrundtief böse und hegen nichts außer Hass gegen die machtlosen, kleinen Erdlinge. Meinem neunjährigen Ich gefällt’s.

„Okay, diese Bagger, die sich urplötzlich in redende Roboter verwandeln, schnalle ich immer noch nicht“, erklärt er mir, „aber irgendwie ist’s cool, dass man so eindeutig weiß, wer gut und wer böse ist. Und das Spiel sieht echt aus wie der Cartoon. Echt sau geil, ey! Auf welcher Konsole spielen wir gerade noch mal?“
„Das ist die PlayStation 4.“
„Vier? Du verarschst mich, man! Die PlayStation ist ganz neu. Eine PlayStation 4 gibt’s gar nicht.“
„Doch, hier schon.“
„Hier?“
„Na halt jetzt. Es ist der 12. Oktober 2015.“
„Veraschen kann ich mich selber! Es ist der 12. Oktober 1995!“
„Ne, ich habe dich gerade in die Zukunft geschrieben.“
„Äh!?“
„Das hat jetzt ziemlichen Impact auf dich, was?“
„Hm, ja“
, sagt der kleine Mann kurz verwirrt, starrt dann aber Weingummi kauend und mit strahlenden Augen weiter auf den Bildschirm. Wenn Videospiele laufen, hat die reale Welt Sendepause, damals wie heute. Irgendwie mag ich den kleinen Kerl. Und Transformers Devastation mag ich auch. Trotz Transformers.