Trackmania: Sunrise (PC-Test)
von Jörg Pitschmann

Rasen ohne Reue - ganz im Sinne des hauptstädtischen Credos für das Fahren in Tempo-30-Zonen kommt der neue Rennspaß der französischen Entwicklerbude Nadeo daher. Besitzer der Vorgängerversion werden sich

sofort heimisch fühlen, denn damals wie heute steht bei »Trackmania Sunrise« nicht nur das Wettfahren gegen andere Teilnehmer im Vordergrund, sondern es sind mörderische Stunts und aberwitzige Sprünge gefragt, um die

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unterschiedlichen Challenges für sich zu entscheiden. Und wer zudem noch besonders schöne Combos auf den virtuellen Asphalt legt, hat die Wettbewerbe im Grunde genommen schon für sich entschieden. Daß »Trackmania Sunrise« aber alles andere als ein Quick-and-Dirty-Racer ist, sondern den Zocker mit einem reichhaltigen Füllhorn von Optionen und Spielmodi verwöhnt, zeigt unser aktueller Test.

Es ist zum In-die-Luft-Gehen!
Vorbei sind die Zeiten, in denen Raserfans mit ihrem Sportgerät an die Schwerkraft der Straße gebunden waren. »Trackmania Sunrise« macht Schluß mit derart kleinlichen Beschränkungen. Was hier zählt, sind richtiges Timing, Schnelligkeit - und nicht zuletzt ein gutes Quentchen Fingerspitzengefühl, um seine Rennmöhre erfolgreich durch eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Wettkämpfen zu Asphalt und in der Luft zu jagen.

Das wichtigste gleich vorneweg: »Trackmania Sunrise« ist keine

Rennsimulation. Von Gangschaltung, Straßenlage und echtem Wagentuning ist weit und breit nichts zu sehen.

Stattdessen steuert man seine geföhnte Rennsemmel ausschließlich mit den vier Cursortasten. Wer Spaß dran hat, hupt sich per Tastendruck zusätzlich durch die Gegend. Mehr ist nicht. Natürlich kann man auch Joystick oder Lenkrad benutzen, doch am einfachsten steuert sich das Spiel tatsächlich mit dem Keyboard - für ein Rennspiel mehr als außergewöhnlich.

Das Konzept funktioniert jedoch einwandfrei. Der Grund liegt auf der Hand: da man nicht auf Kleinigkeiten wie die Motorleistung, den richtigen Gang oder ähnlich unnützes Zeugs achten muß, kann man sich ganz auf das Timing und den richtigen Anfahrwinkel für diverse Sprungschanzen und weitere Schikanen konzentrieren. Spaß pur ist also angesagt, was besonders bei den vielfältigen Flugeinlagen zum Tragen kommt.

Trackmania: Sunrise - Ich geb Gas, ich will Spaß!

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Einige Strecken kann man nämlich nur dann erfolgreich beenden, wenn man eine Mindestflughöhe und -weite nicht unterschreitet. Da kommt schnell Freude auf. Flugangst sollte man allerdings nicht haben. Stattdessen ist es empfehlenswert, peinlich genau darauf zu achten, in welchem Winkel zur Straßenführung man wieder aufkommt.

Drehungen in der Luft sehen zwar mächtig imponierend aus, bergen aber das Risiko einer unglücklichen Bauchlandung. Und das kostet wertvolle Zeit, sofern man nicht sowieso in der Pampa landet und die Runde neu beginnen muß. Kenner des Genres ahnen es schon: das schlimmste, was eine mißglückte Flugstunde zur Folge haben kann, ist ein Zurückfallen hinter die Rennkonkurrenz.

Packshot zu Trackmania: SunriseTrackmania: SunriseErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Da die Kisten unkaputtbar sind, gibt es weder spektakuläre Unfälle zu bestaunen, noch irgendwelche Folgeschäden. Wer sich überschlägt, aus der Kurve fliegt oder anderes Ungemach erleidet, fährt einfach weiter oder startet neu. Soviel zum Realismus im Spiel. Und wer mehr auf echte Rennen in lizensierten Edelkarren steht, hat bei »Trackmania Sunrise« ebenfalls Pech. Die Schlitten sehen zwar nicht schlecht aus, sind aber lediglich ihren Originalvorbildern nachempfunden. Offenbar wollten die Entwickler keine teuren Kosten in die Lizensierung von echten Superwagen stecken. Dafür entschädigt das Programm mit einer Reihe von originellen Einfällen, die den Spieler schnell vergessen lassen, dass er nicht in einem digitalen Ferrari sitzt.

Laß einen fahren!
Wie schon erwähnt, verwöhnt das Spiel den begeisterten Raser mit einer Vielzahl von Optionen und Modi. Beginnen wir mit dem langweiligsten, dem konventionellen Rennmodus. Dabei tritt der Spieler im Solomodus gegen computergesteuerte Mitbewerber an. Für gewonnene Rennen regnet es Medaillen und virtuelle Kohle, außerdem werden weitere Rennstrecken freigeschaltet. Die Arcadesteuerung, eine

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Straßenhaftung wie Blei und der Umstand, daß gegnerische Fahrer wie Geistererscheinungen durch einen hindurch fahren, lassen diesen Modus allerdings schnell öde werden. Die anderen Fahrer treten mit den gleichen Rennmöhren an wie man selbst, und ihre Fahrweise ist zu perfekt, um auch nur annähernd einen menschlichen Gegner zu simulieren.

Die Strecken sind zwar schön designt, doch leider völlig leblos. Weder Zuschauer noch andere Autos säumen das Feld. Und die fehlende Kollisionsabfrage setzt dem ganzen die Krone auf und gibt dem Rennmodus damit den Rest. Deutlich mehr zu bieten haben dieanderen Challenges im Solo-Modus. Bei »Plattform« zählen nur Stunts und Sprünge, die ohne störende Konkurrenten auf vorgegebenen Routen möglichst fehlerfrei (haha) absolviert werden müssen. Je besser man abschneidet, desto größer ist die Chance, weitere Strecken freizuschalten. Hierbei zählt nicht die schnellste Zeit, sondern alle Checkpoints müssen passiert werden, ohne daß man zu oft neu beginnt. Versägt man seine Sprünge nämlich, kann man sich einfach durch Drücken der Enter-Taste auf die letzte Checkpoint-Position zurücksetzen lassen und nimmt von dort einen neuen Anlauf. Wiederholt man das Spielchen zu oft, gibt's leider keine Medaille, und man sollte tunlichst das gesamte Rennen noch einmal beginnen.

Chaotisch geht's im »Crazy«-Modus zur Sache. Hier tritt man gegen zwölf Gegner an, die allesamt im gleichen Fahrzeug unterwegs sind, wie man selbst. Die eigentliche Strecke ist kurz und besteht aus einer Aneinanderreihung wilder Stunts.Wer zuerst ins Ziel kommt, entscheidet das Rennen für sich. Durch Rampen kann man oft noch zusätzlich abkürzen, allerdings sind die Streckenabschnitte auch schwerer zu beherrschen.

Der Clou: nach dem Prinzip des »Last man standing« scheidet im Laufe von zwölf Runden jeweils der schlechteste Teilnehmer pro Runde aus und wird durch einen eigenen Wagen ersetzt. Je mehr Runden man durchsteht, desto mehr eigene Wagen sind im Feld unterwegs. Hat man am Ende mindestens ein Drittel der edlen Gegnerschar herausgekickt, winkt die Bronzemedaille. Bei zwei Dritteln gibt's Silber, und nur, wenn man als einziger alle zwölf Runden für sich entscheidet, hagelt es eine Goldmedaille. Klingt kompliziert, ist aber im Spiel nicht schwieriger nachzuvollziehen als das Schälen einer Banane.

Und dann ist da noch der »Puzzle«-Modus. Darin gilt es, eine möglichst optimale Rennstrecke zwischen zwei Punkten zu bauen. Anfang und Ende der Route sind dabei genauso vorgegeben, wie die Art und Anzahl der zur Verfügung stehenden Bauteile sowie mögliche Checkpoints, die ebenfalls verbunden werden müssen. Und damit das Ganze spannend bleibt, gilt es, auf dem Weg diverse Hindernisse wie zum Beispiel Häuser zu überwinden beziehungsweise zu umfahren. Einen zusätzlichen Anreiz bildet der Umstand, daß die gebaute Strecke innerhalb einer vorgegebenen Zeit befahren werden muß. Gelingt dies nicht, gibt's keine Medaillen, und der virtuelle Kohlesäckel bleibt auch leer. Da man jedoch beliebig viele Versuche hat, handelt es sich hierbei eher um einen echten und durchaus anspruchsvollen Tüftel-Modus, als um simples Rasen. Die zusammengebaute Strecke kann man übrigens zu jedem Zeitpunkt durch Druck auf die Enter-Taste befahren. Der beste Versuch wird automatisch in Form eines Ghost-Fahrers aufgezeichnet, der dann bei jedem weiteren Versuch auf der Strecke als halbtransparentes Auto mitfährt.

Baumaßnahmen
Das bringt uns zum spaßigsten, weil abwechslungsreichsten und kreativsten Teil des Spiels: dem Streckeneditor. Wer will, kann hierbei nicht nur eigene Strecken entwerfen

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und diese aus einer Vielzahl unterschiedlicher Elemente zusammenbauen, sondern ganze Challenges komponieren und über das Internet anderen Spielern zugänglich machen. Das frei bebaubare Gelände ist riesig und erstreckt sich sowohl unter- als auch oberirdisch. Wer möchte, kann also einen kompletten Rundkurs in heimeligen Tunnels entwerfen.

Wer es lieber mit Wasser mag, baut vielleicht eher unmittelbar an einer Küste oder entwirft einen abgefahrenen Pier-Slalom-Kurs. Der Baumodus ist vorbildlich umgesetzt. Auch Anfänger entwerfen innerhalb kurzer Zeit schöne Rennparcours. Natürlich können diverse Renn- undSiegbedingungen selbst festgelegt werden, so daß von einer einfachen Geradeaus-Strecke bis hin zu einer Mehrebenen-Flug-Looping-Stuntshow alles möglich ist. Auch der eigene Wagen kann individuell gestaltet werden, allerdings nur, was Farbe, Form und Symbole betrifft. Technisch gesehen unterscheiden sich die Karren zwar im Hinblick auf Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit, doch aufgrund der vereinfachten Steuerung spielen diese Faktoren nur im Hinblick auf unterschiedliche Fahraufgaben eine Rolle.

Gewinnen kann man theoretisch mit jeder der digitalen Schleudern, solange man möglichst fehlerfrei über die Runden kommt. Ebenfalls sehr umfangreich ist der Multiplayer-Modus des Spiels geraten. Alle genannten Challenges können natürlich auch über das Internet mit anderen Hobbyrasern gespielt werden. Wer will, kann den Rennen auch nur als Zuschauer beiwohnen. Einzige Voraussetzung: man muß sich einen Online-Accounterstellen, der personengebunden ist. Hat man diese Hürde genommen, kann man selbst Spiele erstellen und mit anderen Hobbyfahrern die Challenges austragen, sich in laufende Spiele einklinken oder auch chatten.

Besonders bemerkenswert: der Modus »Hot Seat«. Dabei treten bis zu acht Spieler an einem Rechner hintereinander an und messen sich in Turnieren oder Zeitrennen. Besonders für Parties ist dies sicherlich ein lustiges Schmankerl. Zumindest dann, wenn die Party ohne Frauen und Alkohol vonstatten geht und die Teilnehmer das zwölfte Lebensjahr noch nicht überschritten haben.

Meckerecke
Wo soviel Licht ist, kann leider der Schatten nicht fern sein. Diese Binsenweisheit gilt auch für »Trackmania Sunrise«, das besonders in der technischen Umsetzung einige Mängel aufzuweisen hat. So ist es zwar möglich, den eigenen Wagen über

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diverse Außenansichten zu steuern, eine attraktive Cockpit-Ansicht - mit Armaturen - fehlt jedoch, sieht man einmal von einer relativ stoßstangennahen und langweiligen Fahrperspektive ab. Besonders ärgerlich sind auch unerwartete Kamerawechsel, die unvermittelt an einigen Stellen auftreten. So wechselt der Blickwinkel beispielsweise plötzlich auf eine Draufsicht in bester, historischer GTA-Art, wenn man in bestimmte Gebiete einfährt. Oder die Kamera schwenkt auf die Innenansicht, sobald man in einen Looping einfährt. Das erschwert das Rennen unnötig und führt zu Fahrfehlern.Bei manchmal unvermeidlichen Rückwärtsfahrten rotiert die Kamera um den Wagen herum, was ein präzises Steuern nahezu unmöglich macht.

Ebenfalls unschön: die Grafik erlaubt zwar einen Blick ins Innere des eigenen Wagens, doch sitzt niemand am Steuer. Das tut zwar der Spielbarkeit keinen Abbruch, wirkt sich aber auf die Atmosphäre aus. Wer steuert schon gerne einen von Geisterhand bewegten Phantasiewagen durch menschenleere Gegenden? Daß die Wagen unkaputtbar sind, wurde bereits erwähnt. Fans der NfS-Reihe kennen dies seit langem und können deshalb darüber nur müde lächeln. Doch anders als beim Genreprimus braucht der vorliegende Titel auf etwaige Lizenzbeschränkungen keine Rücksicht zu nehmen.

Die Wagen hätten also ein ordentliches Schadensmodell spendiert bekommen können. Natürlich geht es nicht darum, die eigene oder gegnerische Karrenmöglichst fachgerecht zu schrotten, aber es hätte dem Spielspaß sicherlich keinen Abbruch getan, wenn man die Kiste beschädigen könnte. Im Gegenteil, wenn man riskieren würde, die eigene Blechmöhre in Altmetall zu verwandeln, könnte dies ein noch größerer Ansporn für präzises Fahren sein.

Auch der Sound lässt ein wenig zu wünsche übrig, denn die Motorengeräusche klingen seltsam blechern und monoton. Umgebungssounds sind praktisch nicht vorhanden, Kommentare oder Sprachausgabe ebenso wenig. Immerhin: das erspart dem Spieler womöglich eine weitere schlechte Lokalisierung. Die Musik dagegen ist passend und stört nicht weiter. Abgesehen von diesen Faktoren gibt es allerdings wenig zu kritisieren. Wer auf der Suche nach einem Rennspiel abseits des Mainstream ist und zudem gerne tüftelt, kommt an »Trackmania Sunrise« nicht vorbei. Und wenn die Entwickler beim nächsten Teil alles richtig machen,
bekommen sie auch eine Medaille. Viel hat nämlich zur Vergabe unseres begehrten Gamona-Awards nicht gefehlt. Und das ist doch was.Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Streckeneditor + Abgefahrene Rennmodi + Schöne Grafik

Contra:
- öder Rennmodus - abrupte Perspektivwechsel - während des Rennens - eintöniger SoundPro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ Streckeneditor + Abgefahrene Rennmodi + Schöne Grafik

Contra:
- öder Rennmodus - abrupte Perspektivwechsel - während des Rennens - eintöniger Sound