Wir Deutschen lieben es ja zu nörgeln. Mal ist es zu warm, dann wieder zu kalt. Sind die Fußfesseln am Arbeitsplatz zu eng oder das Essen in der Kantine nicht fleischig genug. Und warum zur Hölle fahre ich immer noch Bus und Bahn, während mein Nachbar längst seinen Mercedes SLS AMG aus der Garage rollt?

Japanische Herrscher des 16. Jahrhunderts würden darüber nur lachen. Schwerwiegend sind ihre Entscheidungen: Lasse ich eine Armee in den sicheren Tod gehen, um mein Gesicht zu wahren? Oder gewähre ich den Rückzug in eine sichere Festung und behalte so meine Elite-Samurai? Und was passiert mit diesen Revoluzzern? Sollen die Dörfer der aufständischen Sagami brennen und ihre Leiber auf den Straßen verteilt werden? Einen ehrenvollen Tod können wir ihnen nicht schenken. Zu viel der Ehr.

Total War: Shogun 2 - Stark ist der Samurai. Edel und mordlüstern.

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Japanische Festungen werden zu Todeszonen. So wird der Feind so stark wie möglich ausgedünnt, bis es zur finalen Schlacht im letzten Verteidigungsring kommt.
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Mit „Total War: Shogun 2“ beschreiten Sega und Entwickler Creative Assembly ganz neue Pfade, verabschieden sich von der Gigantomanie der Welteroberung eines „Empire“ und lenken den Fokus auf das feudale Japan des 16. Jahrhunderts. Das Ziel in der Kampagne ist es, vom einfachen General zum allmächtigen Shogun und damit Herrscher über Japan aufzusteigen.

Dafür müssen leider neun andere Clans über die Klinge springen - ein kleines Opfer für einen großen Herrscher. „Shogun 2“ unterteilt sich im Grunde in drei Modi. Zum einen die Kampagne für einsame Wölfe, den Koop-Modus für Leute, die lieber zu zweit Spaß haben, und einen brandneuen Multiplayer-Modus, der sich stellenweise wie ein Rollenspiel-Strategie-Schwergewicht anfühlt.

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Eine Armee wie ein Bollwerk. So dicht gestaffelt kann nicht mal Kavallerie reinpreschen.
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Die Kampagne

Im feudalen Japan ging es zwar wie hierzulande darum, Macht zu erlangen, aber in Fernost ist es umso wichtiger, sein Gesicht zu wahren. Um diese Philosophie auch im Spiel unterzubringen, haben sich die Briten von Creative Assembly für ein System der Ehre entschieden. Das funktioniert so: Ihr ernennt Generäle und deren Loyalität wird anhand einer Waage angezeigt. Grün heißt, er ist loyal bis in den Tod, bereit, seine Truppen zu opfern und jeden Befehl auszuführen.

Wankt der Balken in den orangefarbenen oder gar roten Bereich, kann der treue Untergebene zum Verräter werden, mit seinen Truppen überlaufen oder dem Feind Informationen liefern. Bleibt die Frage: Muss der hochrangige General sterben? Einen Mausklick später würde er ohne auch nur ein Widerwort Seppuku begehen, sich in sein Schwert stürzen, und das Problem wäre gelöst. Doch Obacht: Generäle sind in Shogun 2 eine starke Waffe, die man nicht einfach so aufgibt.

Die Belagerungen: Deutlich taktischer als in Empire

Wie in jedem „Total War“ wirken Generäle eine Aura zum Stärken der Truppenmoral. Besonders wichtig ist das bei den kniffligen Belagerungen, die wir bei Creative Assembly im britischen Horsham erstmals ausführlich anspielen konnten.

Belagerungen funktionierten im feudalen Japan anders als im europäischen Mittelalter. Wer es hierzulande schaffte, mit Katapulten eine Bresche in die gut 20 Meter hohen Mauern einer deutschen Festung zu schlagen, der hatte den Feind quasi schon besiegt. Lediglich sehr große Festungsanlagen verfügten über einen zweiten Verteidigungsring. Im Japan des 16. Jahrhunderts hingegen wurden die Bastionen quasi um einen Berg herum gebaut. Man nutzt natürliches Terrain zur Abwehr und setzte lediglich flache Mauern zum zusätzlichen Schutz ein. Dadurch konnte man in kurzer Zeit sehr schnell eine Festung mit fünf Verteidigungsringen hochziehen.

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Unser erster Gegner ist gleich ein richtig harter Brocken. Denn der feindliche General Naganata fackelt nicht lange und bombardiert unsere Festung mit seinen Katapulten. Eine Möglichkeit wäre es jetzt, einen Ausfall mit der Kavallerie zu wagen, doch die würde im Pfeilhagel des Gegners untergehen. Wir versuchen stattdessen, unsere Bogenschützen in eine optimale Schussposition zu bringen, lassen sie ihre Pfeile entzünden und sorgen so für ein loderndes Inferno unter den feindlichen Truppen. Ihre Moral sinkt, die ersten Reihen wanken. Naganata greift unentwegt mit seinen Katapulten an, hat aber etwas Wichtiges vergessen: Unsere Bogenschützen haben durch ihre höhere Position auf den Mauern eine bessere Reichweite.

Ehrensystem, Diplomatie, Wirtschaft und Kriegsführung dürften mit „Total War: Shogun 2“ ein neues Level erreichen. Hoffen wir, dass die KI immer so clever reagiert wie bei unseren Probe-Matches.Ausblick lesen

Seine Schützen treffen hingegen kaum, weshalb wir leicht seine Artilleriemannschaften ausradieren können. Naganata hat nur noch eine Chance: Er muss zum Sturmangriff ansetzen. Und der kommt extrem heftig, seine Truppen schwappen wie Wasser über die niedrigen Mauern. Als cleverer General solltet ihr jetzt schon eure Bogenschützen im zweiten und dritten Ring verteilen, mit eurer Infanterie den Feind in den Innenhöfen blocken und durch gezielten Pfeilbeschuss massiv schwächen. Aber Achtung: Hier besser keine Brandpfeile einsetzen, weil sonst auch die eigenen Truppen leicht Opfer der Flammen werden.

Die taktisch denkende KI

Doch warum erzählt der uns das alles, werdet ihr euch fragen. Weil „Total War: Shogun 2“ erstmalig in der Serie eine KI mitbringt, die aktiv und situativ auf eure Aktionen reagiert. KI-General Naganata merkt schnell, dass seine eigenen Bogenschützen aus der hohen Distanz wenig anrichten können, bläst also zum Sturmangriff und zwingt unsere Bogenschützen so zum Rückzug in eine der hinteren Verteidigungslinien. Das macht die Belagerungen zum echten Highlight.

Wo in „Empire“ quasi pure Masse reichte, um den Feind abzuwehren, ist hier richtig viel strategisches Denken nötig. Die meisten Festungen sind extrem groß und es ist unmöglich, alle Mauern und Verteidigungsringe gleichermaßen mit Truppen zu schützen. Bogenschützen nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein und sollten taktisch clever platziert werden. Am besten ein großes Regiment zum Schutz der Infanterie in den mittleren Verteidigungsringen und weitere kleine Einheiten immer dahin schicken, wo’s brennt. In England haben zumindest wir darauf verzichtet, unsere Bogeneinheiten durch Infanterie zu schützen – das würde die Schlagkraft der Armee erheblich ausdünnen.

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Eine Belagerung aus der Vogelperspektive: Der Feind greift aus drei Richtungen gleichzeitig an.
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Creative Assembly hat stark an der KI und auch den Wegfindungsroutinen gefeilt. Meistens finden unsere Bogenschützen recht schnell den Weg zur nächsten Mauer. Die Ausreißer, die einfach mal die Treppe nach unten gehen und damit abkürzen wollen, werden meist sofort von Naganatas Bodentruppen niedergemäht.

Die größte Herausforderung besteht also, anders als beispielsweise in „Starcraft 2“, weniger im Mikromanagement als darin, die Übersicht zu behalten und seine vorhandenen Truppen sehr effektiv im ganzen Durcheinander zu verteilen. Wichtig ist dabei nicht nur, dem Feind Fallen zu stellen, sondern auch kleinere Einheiten an den verschiedenen Toren zu postieren, um auf Überraschungsangriffe schnellstmöglich reagieren zu können.

Koop-Kampagne und Rollenspielüberraschung

In England hat Creative Assembly zwei weitere spannende Modi enthüllt. In der Koop-Kampagne müssen zwei Spieler gemeinsam die Macht in Japan erlangen. Dafür können sie sich gegenseitig Ressourcen zuschustern oder vor einer Echtzeitschlacht munter ihre Armeen tauschen. Wer also weiß, dass er sehr gut Kavallerieattacken timen kann und ein gutes Händchen für Infanterieformationen hat, könnte seinen Kumpel währenddessen ausschließlich Bogenschützen und General spielen lassen.

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Für den Multiplayer-Modus liefert Creative Assembly einen umfangreichen Editor mit.
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Das dürfte sowohl für Veteranen der Serie spannend sein, als auch Einsteigern helfen. Denn die dürften bei einem „Total War“ vor allem Probleme haben, die riesigen Einheitenmassen sinnvoll einzusetzen. Doch jetzt wird’s noch mal richtig aufregend. Lead-Multiplayer-Designer Ian Roxburgh erklärte uns in einer sehr langen Präsentation alle Einzelheiten zum brandneuen Multiplayer-Modus, der sich quasi wie eine Online-Kampagne spielt.

Überraschung: Online-Kampagne mit Rollenspielcharakter

Los geht’s mit der Auswahl eines Avatars, der sich durch Körpergröße und Aussehen individualisieren lässt. Im Japan des 16. Jahrhunderts markierten die Samurai durch aufwendige Verzierungen und kostbare Rüstungen ihren Rang innerhalb der Gesellschaft. Ergo könnt ihr im Verlauf der Online-Kampagne Hunderte Schwerter, Helme und Rüstungen freischalten. Letztere werden mit einem sehr umfangreichen Editor verziert.

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Editor zum Selberbauen.
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Der enthält Symboliken wie Schlangen, Drachen oder Clan-Abzeichen und wird je nach Rang im Spiel immer weiter aufgestockt. Ähnlich wie in „All Points Bulletin“ oder der Need-for-Speed-Serie kann jedes einzelne Detail beliebig farbig gestaltet werden. Unser Charakter trägt eine silberne Rüstung und einen prachtvollen Helm, um dessen komplette Vorderseite sich ein blutrot funkelnder Drache schwingt.

Kartenspielchen für Bonuspunkte

im neuen Online-Modus startet ihr auf einer Karte und habt nur ein kleines Kontingent an Kavallerie, Infanterie und Bogenschützen - und wollt natürlich mehr. Dazu werden Multiplayer-Kontrahenten herausgefordert, wobei jede Schlacht entweder durch reines Kräfteverhältnis vom Computer berechnet wird oder ihr in Echtzeit kämpft. Seid ihr siegreich, gehört die jeweilige Provinz euch und ihr schaltet entweder Dojos, also Nachschubbasen für Infanterie, Kavallerie, Bogenschützen, Samurai oder Artillerie frei.

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Feuerpfeile müssen erst durch Bonuspunkte freigeschaltet werden.
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Oder aber Karten, die spezielle Boni für General und Armee bringen. Clevere Spieler wählen den Seeweg, weil man so deutlich schneller beim Zielpunkt ankommt und weniger Verluste durch unnütze Scharmützel erleidet. Wobei wiederum jedes Scharmützel auch wieder neue Einheiten und Boni bringt, was taktische Tiefe verspricht.

Durch Siege erhaltet ihr nicht nur Nachschubtruppen, sondern könnt über einen Skill-Tree auch passive und aktive Boni freischalten. Der Skill-Tree unterteilt sich in vier Bereiche: Führungsstärke, Treffsicherheit, körperliche Stärke und Zweikampfverhalten. Ein General mit hoher Führungsstärke motiviert seine Truppen und bringt sie dazu, das Maximum aus sich herauszuholen. Beim „Kampf bis zum letzten Mann“ bilden die Soldaten beispielsweise eine Verteidigungslinie um ihren General und kämpfen bis in den Tod.

Wer hingegen auf Treffsicherheit setzt, erhöht vor allem die Reichweite seiner Bogenschützen. Die können ihre Pfeile entzünden und so die Moral des Feindes brechen. Pfeile wiederum lassen sich in verschiedenen Materialarten weiterentwickeln: Widerhaken sind besonders fies, weil sie sich tief ins Fleisch bohren und beim Entfernen klaffende Wunden hinterlassen.

Das Opfer wird sterben. Im späteren Verlauf lassen sich sogar strategische Boni freischalten. Etwa Bogenschützen, die sich im Wald verschanzen und auf Mausklick unerkannt einen Pfeilhagel auf den Feind loslassen. Ein fieses Überraschungsmanöver, weil die Truppen für den Online-Gegner nicht auf der Karte markiert werden.

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Riesige Massenschlachten entbrennen.
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Kraft und Zweikampf hingegen verstehen sich von selbst und sollten am besten kombiniert werden. Während das eine den Soldaten Feuer unter den Hintern macht, lässt das andere sie härter zuschlagen und erhöht die Chance auf einen kritischen und damit tödlichen Treffer. Spannend: Je nach Klasse lassen sich diese Boni auch für normale Truppen freischalten. Möglich wäre es beispielsweise, seine Samurai massiv durch Punkte zu stärken und durch bessere Rüstung, mehr Durchschlagskraft und höhere Geschwindigkeit so eine Art schnelle Eingreiftruppe um Blitzangriffe zu formieren.

Klasse Idee, auch wenn wir gespannt sind, ob Creative Assembly die vielen Boni gut ausbalancieren kann. Auf jeden Fall wird sich jeder Boni kontern lassen. Wer beispielsweise auf rüstungsdurchbohrende Pfeile setzt, sollte wissen, dass der Feind seine Einheiten durch spezielle Plattenpanzer gegen solche Pfeile schützen kann.