Kalter Stahl schneidet in warmes Fleisch. Rüstungen prallen aufeinander, Pfeile surren und Männer schreien. Flammende Geschosse gehen auf Soldaten nieder und ihr Blut fließt über den Boden Londiniums. Menschliches Blut wohlgemerkt und kein eldarisches, denn eigentlich haben eine ganze Menge Total-War-Fans auf einen harten Bruch in der Serie gehofft und einen Schritt Richtung Warhammer-40k-Universum.

Total War: Attila - Slavic Nations Pack Announce Trailer2 weitere Videos

Wie bitte? Nun, tatsächlich haben Sega und Creative Assembly am 06. Dezember 2012 öffentlich bekanntgegeben, mit Games Workshop zu kooperieren, um Spiele zu deren Marken zu entwickeln. Das Lizenzpaket umfasste nur Warhammer, nicht 40k. Die Lizenz nämlich gehörte Relic Entertainment, die daraus hervorragende Strategiespiele wie Dawn of War gemacht haben und bei der THQ-Pleite von Sega gekauft wurden. Sega gehört jetzt also die Lizenz für die gesamte Warhammer-Reihe und nach Ausflügen in die Napoleonischen Kriege, Shogunate des 16. Jahrhunderts sowie dem Römischen Imperium, wäre es zumindest ein frommer Wunsch gewesen, entweder ein Medieval 2: Total War oder ein Warhammer 40k: Total War präsentiert zu bekommen.

Scheint so, als müssten wir uns noch etwas gedulden. Kommen wird das Spiel aber wohl, zumindest wenn wir der damaligen Pressemitteilung glauben dürfen: „Unser erstes Warhammer-Spiel gesellt sich zum heißerwarteten Total War: Rome 2 sowie dem aktuell noch unbetitelten Alien-Spiel als eines von fünf Projekten hinzu, die aktuell bei Creative Assembly in Produktion sind.“ Auch wenn wir vorerst auf die Weltherrschaft der Space Marines verzichten mussten, hat sich die Reise zur Eurogamer Expo in London gelohnt. Denn Total War: Atilla macht tatsächlich eine Menge anders und besser als der große Bruder Rome 2.

Total War: Attila - Keine Space Marines, keine Eldar. Trotzdem eine Überraschung?

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Extreme Zeiten erfordern extreme Maßnahmen: erstmals in der Serie könnt ihr eine komplette Provinz niederbrennen, die dann für den Feind nicht mehr fruchtbar ist.
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Für Profis gemacht, für Defensiv-Künstler gedacht

Eigentlich waren immer alle Total Wars auf Expansion getrimmt. Nur wer neue Gebiete einnahm, hat genug Steuern in die Kasse gespült, um große Armeen unterhalten zu können. Atilla: Total War ist daher schon deshalb spannend, weil sich das römische Weltreich 395 n. Christus nicht nur in ein West- und Oströmisches Reich geteilt hat, sondern auf beide Imperien gewaltige Völkerströme zuwandern, denen die römischen Legionen kaum Herr werden.

In Britannien wollen die Sachsen die römische Grenze überrennen und Atillas Reiter-Horden stehen fast schon vor den Toren Roms. Das ist aus verschiedenen Gesichtspunkten spannend. So verspricht Creative Assembly das neue Total War deutlich politischer zu machen. Das Politik-System in Rome 2 wirkte etwas unausgegoren und hatte zu wenig Relevanz; hier wollen die Engländer anknüpfen. Im Weströmischen Reich beispielsweise soll Kaiser Valentinians Schwester den Hunnenkönig um Hilfe gegen einen ranghohen General ersucht haben, mit dem sie verheiratet werden sollte. Atilla, der vorher Seite an Seite mit Westrom gekämpft und sogar geholfen hatte, deren Herrscher an die Macht zu putschen, zog nun gegen Rom.

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Nicht selten müssen wir mit hastig ausgebildeten, blutjungen Rekruten ganzen Horden von Elite-Einheiten wie diesen Axtkriegern standhalten.
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Die Total-War-Reihe bekommt endlich einen richtigen Antagonisten

Ob diese Geschichte stimmt, sei hier mal zweitrangig. Auf jeden Fall bemüht sich Creative Assembly mit Atilla einen bitterbösen, taktisch gewieften Antagonisten aufzubauen – das kann der Reihe nur gut tun. Auch müsst ihr Unruhen im eigenen Land notfalls blutig niederschlagen, weil ihr keine Legionen habt, um sie dort dauerhaft zu stationieren. Es geht also weniger um persönliche Vorlieben im Sinne von „Heute greife ich mal Ägypten an, morgen mache ich Karthago platt“, sondern ihr müsst mit euren Armeen den Verfall des Weltreiches möglichst lange aufhalten.

Zwei Herzen schlage in meiner Brust: die eine freut sich über eine politischere Kampagne, knackige Belagerungen und eine offensichtlich deutlich bessere K.I. Die andere sorgt sich über mögliche Wegfindungsprobleme bei verwinkelten Städten wie Londinium.Ausblick lesen

Wie das Endziel der Kampagne lautet, möchte Creative Assembly noch nicht verraten, laut Lead Designer Janos Gaspar wird es aber auf jeden Fall von zentraler Bedeutung sein, starke Truppenverbände auf die Verteidigung der strategisch wichtigsten Städte zu begrenzen. „Ihr müsst auf der einen Seite die Korruption im Inneren bekämpfen und Machtkämpfe eindämmen und zum anderen militärisch gesehen an sehr vielen Brandherden gleichzeitig sein“, fasst es Kampagnen-Designer Dom Starr zusammen. Aus diesem Grund hat man ein Feature erdacht, das sich „verbrannte Erde“ schimpft.

Der Winter kommt, die Erde brennt

Tatsächlich ist bis heute nicht historisch eindeutig belegt, warum all diese Völkerstämme Richtung Südeuropa wanderten. Creative Assembly bedient sich der weitverbreiteten These, dass Schneestürme und besonders harte Winter der Grund dafür waren. Bei unseren Partien sorgt das für deutlich mehr Pepp im Gameplay, weil all unsere Feinde gezwungen sind, uns zu überrennen um zu überleben und wir gleichzeitig nur sehr begrenzte Ressourcen haben, um sie aufzuhalten. Ist der Winter einmal da, sorgt die dichte Schneedecke für langsamere Truppenverlegungen, verringerte Nahrungsmittel-Produktion und vor allem auch Seuchen und Krankheiten.

So wie es aussieht, werdet ihr in Total War: Attila einige harte Entscheidungen treffen müssen. Seuchen können sich ausbreiten, ergo müsst ihr mit Soldaten eine Quarantäne durchsetzen. Könnt ihr diese Männer nicht entbehren, weil es an vier anderen Ecken brennt, müsst ihr die Stadt dem Erdboden gleichmachen und ihre Zivilisten massakrieren. Könnt ihr die Front nicht halten, müsst ihr sie nach hinten verschieben und es ist ratsam, die Dörfer und Städte davor zu evakuieren und bis auf die Grundfesten niederzubrennen. Dann findet der Feind keine Nahrung, seine eigenen Männer sterben und Armeen werden geschwächt. Das ist ein durchaus probates Mittel. um seine eigenen Soldaten zumindest für einige Runden zu entlasten. Es will aber auch sehr gut überlegt sein: eine einmal abgefackelte Provinz ist über viele Runden nicht mehr fruchtbar. Ihr könnt also nicht einfach die Fackeln rausholen und dann wieder beliebig Bauernhöfe bauen und Städte hochziehen.

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Bei der Verteidigung Londiniums ist Rückzug unsere einzige Chance. Nur in der verwinkelten Stadt können wir mit unseren unterlegenen Truppen etwas ausrichten.
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Die erste Schlacht: London halten um jeden Preis

Atilla: Total War soll vor allem Fanservice bieten, also Veteranen der Serie ansprechen. Entsprechend knackig schwer sind die historischen Belagerungen. Zur Verteidigung Londiniums, dem römischen Namen für London, stehen uns nur vier Einheiten zu je 160 Mann an erfahrenen Elite-Legionären sowie 240 Bogenschützen, zwei Katapulte, ein General, 120 Reiter und 240 Soldaten der leichten Infanterie zur Verfügung. Londinium war zudem zwar die größte Stadt Britanniens, aber nur mangelhaft befestigt. Es gibt keine hohen Türme, wo unsere Bogenschützen einen Reichweiten-Bonus ausspielen könnten.

Alles was wir haben sind zwei recht kleine Türme, auf denen die Katapulte stehen sowie Palisadenwälle, die uns etwas Schutz vor Pfeilbeschuss geben. Das ist alles noch nichts Besonderes, wir werden allerdings gleich von der Cleverness der künstlichen Intelligenz. überrascht.

Die war in „Rome 2“ das größte Sorgenkind und Creative Assembly weiß das auch. Als wir unsere leichte Infanterie an den Barrikaden aufbauen, entzünden die Sachsen direkt ihre Pfeile und geben mehrere Salven ab. Die Barrikaden halten einiges an Beschuss aus, weniger erfahrene Einheiten verfallen jedoch schnell in Panik, wir müssen sie also mit wenigstens einer Legionärs-Truppe aufwerten. Weiteres Problem: die K.I. hat verdammt noch mal acht Onager. Aus diesem Grund müssen wir die vorderste Front so lange wie möglich halten, weil wir die Festungskatapulte brauchen, um die Onager zu zerstören. Es sei denn, wir sind in der Lage, die mit unserer Kavallerie zu zerstören. Die K.I. ist allerdings smart genug die eigene Artillerie mit 250 Speerträgern sowie gut 60 Bogenschützen zu sichern, ein Angriff der Reiterei wäre also ein Himmelfahrtskommando.

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Feuer spielt eine große Rolle. Dank neuer Physik-Engine frisst es sich rasend schnell durch Holzstrukturen und demoralisiert vor allem unerfahrene Soldaten schnell.
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Rückzug, Barrikaden errichten, siegen

... nur brennt mittlerweile die halbe Stadt. Creative Assembly nutzt zwar prinzipiell die gleiche Grafikengine wie in Total War: Rome 2, hat aber die Physik stark aufgewertet. Die Onager der Angelsachsen schleudern brennende Geschosse in die Stadt, so werden schnell einige Gebäude entzündet. Und genau wie in einigen Shootern Marke Far Cry 4 breitet sich das Feuer physikalisch korrekt aus, frisst sich durch das Holz umliegender Häuser und schon bald steht die halbe Stadt in Flammen. Es scheint als sei diese Operation tatsächlich eine „Mission Impossible“, wie sie der Kommunikations-Offizier von Creative Assembly Al Bickham beschreibt.

Allerdings nur, wenn wir auf Gedeih und Verderb versuchen, die so wichtigen Katapulte zu beschützen. Dann nämlich überrennt uns der Feind mit seiner brutalen Übermacht. Deutlich cleverer ist es, aus dem jetzt sehr viel weiter herauszoombaren Vogelmodus die Stadt genau anzuschauen und mit Hilfe von vier Barrikaden die Sachsen in Nadelöhre zu locken. Die Barrikaden sind nur minimal befestigt, allerdings hindern eingehauene, spitze Pfähle feindliche Kavallerie an einem Sturmangriff.

Je weiter wir uns in die verwinkelten Straßenzüge zurückziehen, desto mehr Einheiten muss der gegnerische General in den Stadtkern schicken. So dünnen wir seine Verteidigungstruppen für die Onager aus, überrollen diese mit unserer Kavallerie und fallen dem Feind in den Rücken. Wir siegen letztlich, wenn es auch kein großer Triumph ist. Rund 1000 Römer haben für die verbrannte Erde Londons ihr Leben gelassen, uns aber immerhin gezeigt, wo die Reise für Creative Assembly anno 2015 hingeht.