Tennis und Videospiele. Muss man dazu noch viel sagen? Von Tennis for Two und Pong über GameBoy-Tennis und Jimmi Connor's Pro Tennis Tour bis Virtua Tennis und Top Spin - jede Videospielgeneration in mehr als 50 Jahren Entwicklung brachte ihre eigene kultige Filzdrescherei hervor. Was man da noch verbessern kann, fragt ihr? Oh, ihr würdet euch wundern!

Top Spin 4 - PlayStyle 2 Trailer

Neben Kraft und Athletik auch die Präzision eines Sportlers in die schnelle Welt der Videospiele zu transportieren, scheint Programmierschmieden schwerzufallen. Kein Wunder, meist fehlt dafür schlichtweg das Publikum. Die meisten Daddelkönige wollen nur schnell Knöpfe drücken, nicht auf Kraftbalken warten oder in Echtzeit irgendwelche Schlusswinkel per Analogstick verstellen. Nicht einmal beim Tennis, wo doch theoretisch vergleichsweise viel Zeit bleibt, mit einem oder zwei Hauptdarstellern dem Ball nachzuhechten.

Top Spin 4 - 101 Schlagvarianten und nur ein Controller

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Bei Top Spin 4 ist das Timing die halbe Miete. Schlägt man zur rechten Zeit, geht der Ball mit Wumms über das Netz, ansonsten nicht.
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Ich zähle mich übrigens nicht einmal zu dieser Masse, sondern bin ein echter Hau-ruck-Sportspieler, daher hat mir Segas Virtua Tennis bisher immer besser gefallen als 2Ks Top Spin. Mir genügen drei Buttons für gezielte Racketschwünge vollkommen, solange der Analogstick ansagen darf, in welche Richtung sie gehen.

„Einspruch!“, hör ich bereits aus allen Ecken; energische Stimmen, die mir mit angeschwollenem Gockelkamm erklären, dass es doch viel mehr als drei Schlagtypen im Tennis gebe und dass man doch Feinheiten wie Drall und Wucht nicht außer Acht lassen dürfe. So, so, darf man nicht? Und was, wenn ich mich einfach zu blöd anstelle, wenn ich nicht in der Lage bin, in 1,36 Sekunden zu entscheiden, ob eine angeschnittene oder lieber eine kräftige Vorhand dem Gegner mehr zu schaffen macht?

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26 schön modellierte Tennis-Stars stehen zur Wahl, darunter auch unser Bobbele
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In dem Fall spielt man einfach Top Spin 4 und erfreut sich an der modular aufgebauten Steuerung, die sowohl Arcade-Recken als auch Simulationsfreaks entgegenkommt. Blasphemie dürften mir viele vorwerfen, wenn ich behaupte, dass ich Tennislegenden wie Boris Becker und Andre Agassi oder aktuelle Filzdrescher wie Rafael Nadal oder Venus Williams mit den vier Haupt-Buttons des Controllers fluffig über den Centercourt hetze, ganz ohne erweiterte Steuerung und ganz ohne Gewissenbisse. Habe mich schließlich noch immer nicht daran gewöhnt, dass ich nicht einfach auf den Knöpfchen herumdrücken darf, bis mein Recke endlich ausholt, sondern dass er den Prügel erst schwingt, wenn ich den Feuerknopf loslasse.

Es benötigt ein beachtliches Timing und ein noch besseres Auge, um dafür den richtigen Moment zu erwischen. Die Codekünstler von 2K Czech ziehen daraus knallhart Konsequenzen in der Genauigkeit eures Schlags. Lässt man zu spät los, trifft man den Ball nicht richtig und er zieht in eine Richtung, die man nicht vorgesehen hat - im schlimmsten Fall ins Aus.

2Ks Tennissimulation schnappt sich die Krone in Sachen Authentizität, aber nicht gerade, wenn es um Einsteigerfreundlichkeit geht.Fazit lesen

Lässt man zu früh los, schleicht der Ball über das Netz in die Arme des Gegners, der inzwischen einen Baum auf der Grundlinie gepflanzt hat. Nur ein zeitlich genau abgestimmter Schlag wuchtet die Filzmurmel in die richtigen Ecken, und so was setzt natürlich auch gute Beinarbeit und möglichst kurze Laufwege voraus. Uff! Viel zu kompliziert für einen Arcade-Drescher wie mich. Oder vielleicht doch nicht?

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Im Karrieremodus erstellt ihr einen eigenen Charakter und trainiert ihn auf Weltklasseniveau. Das kann aber ein wenig dauern.
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Nun, 2K Czech zeckt euch die Zeche nicht auf einmal ab wie eine zickige Zigeuner-Chica am Chicken-Checkpoint. Hier wird scheibchenweise abkassiert und auch mal was auf den Bierdeckel geschrieben - jeder Fehler führt zu einem weiteren Vorteil für den Gegner, den er mit präzisen Schlägen weiter ausbaut, bis sich euer Tennisstar die Lunge aus der Brust spurtet.

Irgendwann schnappt die Falle dann zu und der Ball wird unerreichbar. Längere Ballwechsel sind also durchaus beabsichtigt und geben dem Spieler nicht nur Gelegenheit, seine Fehler wieder gut zu machen, sondern lassen den digitalen Showdown wirklich aussehen wie ein echtes Tennis-Match. Hut ab!

Die Kehrseite: 101 Schlagvarianten

Die Timing-Komponente hat bereits genug Einfluss auf den Spielverlauf, um ein Match zu drehen, daher lässt sich Top Spin 4 sozusagen im Doofi-Modus bedienen, wenn man - so wie ich - keinen Wert auf feinste Abstimmungen legt. Kommen zwei bis vier Arcade-Freaks zusammen und gewöhnen sich an die zeitliche Komponente, dürfte ein Match ähnlich actionreich ausfallen wie eine Runde Virtua Tennis. Nur dass man aus den Angaben über Schlagstärke und Ballposition noch einige intuitiv verarbeitete Kniffe lernen kann, die bei der Konkurrenz unter den Tisch fallen. Allein das Stellungsspiel ist bereits deutlich ausgefeilter.

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In Bewegung weit weniger schön als auf Standbildern: Technisch könnte Top Spin 4 noch eine Schippe drauflegen
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Die Spreu trennt sich allerdings schnell vom Weizen, wenn es um die erweiterte Schlagsteuerung geht, die mir persönlich zu umständlich ausfällt. Habt ihr euch mal den Trailer angeschaut, der die Bedienung erklärt? Oder die Auflistung im Ladebildschirm? Schon die Beschreibung wirkt überladen, weil jeder Schlag in jeder taktischen Position anders kategorisiert wird und zig Anzeigen die Sache verkomplizieren.

In meinen Augen ist das unnötiges Tennis-Fachchinesisch, weil sich im eigentlichen Spiel nicht viel ändert. Dazu gesellen sich ein Präzisionsschlag, zwei vorbereitende Schlagvariaten, die entweder einen schnellen Wechsel zum anderen Acker oder ein Vorpreschen ans Netz begünstigen, sowie gezieltes Ball-Anschneiden über die Schultertasten. Hilfe!

Ich will nicht behaupten, dass man das nicht alles lernen könne, aber für so eine einfache Runde Tennis ist mir das einfach zu viel. Leute, ich will den Sport nicht studieren. Zumal mich bei all der Varianz und Authentizität wundert, warum einfachste Regeln nicht eingehalten werden. Zumindest nach meinem Wissensstand muss der annehmende Spieler beim Aufschlag hinter der der Grundlinie stehen. Bei Top Spin 4 darf man aber weiterhin noch vor Beginn des Ballwechsels ins Feld hineinlaufen, der Tennisrecke wird sogar ein Stück hinter der Linie platziert.

Ich fühle mich also von den Optionen ziemlich erschlagen, aber wie gesagt, man kann auch mit den Basisschlägen prima spielen, solange man die Timing-Regeln verinnerlich. Was nicht heißt, dass man damit jeden Gegner spielend plattmacht, aber es gibt einem bereits im Einzelspiel die Sicherheit, dass man nicht nach jedem Match vor Frust an die Decke geht. Und es ebnet einen angenehmen Einstieg in den Karrieremodus, in dem man langsam an die vermaledeiten Feinheiten herangeführt wird.

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Freut euch auf stimmungs- und anspruchsvolles Tennis.
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In dieser Spielvariante darf man einen unbekannten Sportler durch Training und Turnierteilnahmen hochzüchten, ihm RPG-typische Talentpunkte zuteilen, die er durch Erfolge verdient, Trainer engagieren, Sportkleidung kaufen, Schlägermarken aussuchen... eben was der Werdegang eines Tennisathleten so hergibt. Der Kalender gesteht dabei maximal eine Trainingseinheit je Turnier und Monat zu, in der man einerseits einen Spielpartner bezwingen soll, andererseits eine Lektion ausführen kann, um einen Extrastoß Erfahrungspunkte abzustauben. Die Lektion kann man selbst bestimmen, sofern man sich nicht eine zufällige zuteilen lässt, um das Erlernte zu prüfen.

So wird man schrittweise an viele Techniken herangeführt und kann auch sein Gespür für gegnerische Schwächen verfeinern. Das macht die Steuerung nicht minder komplex, aber wenigstens steigt man durch, welche Technik in welcher Situation zu gebrauchen ist. Die sanfte Lernkurve in den Turnieren lässt einem zudem viel Zeit zum Experimentieren. Ich fühlte mich in der normalen Karriere jedenfalls ziemlich gut aufgehoben, wenn es um das Erlernen der Basics geht.

Echte Cracks schalten an dieser Stelle wahrscheinlich einen Schwierigkeitsgrad hoch, weil ihnen sonst langweilig wird. Wahrscheinlich haben die auch bei Spielstart schon auf die volle Spiellänge von fünf Sätzen geschaltet. So ein Match über fünf Sätze zuppelt ganz schön am Geduldsfaden, aber Puristen wird es gefallen. Alle anderen nehmen die Option auf weniger zu gewinnende Sätze dankend zur Kenntnis.

Ein Scheibchen mehr, bitte

Für alle, die mehr wollen, ist natürlich auch weit mehr drin, denn die Karriere vervielfältigt nicht nur die Lernoptionen, sondern auch das Sortiment an Reglern und Knäufchen, mit denen man an der Leistung seines Spielers schraubt. Bereits der Charakter-Editor scheint endlos mit all seinen Parametern und Verschachtelungen, die übrigens alles andere als übersichtlich angelegt wurden. An Einstellungsmöglichkeiten fehlt es aber wahrlich nicht. Das geht so weit, dass ihr sogar die Eckpunkte der Gesichtsstruktur versetzen dürft.

Leider steht euch diese Freiheit bei den Talentpunkten nicht zu. Hier könnt ihr lediglich bestimmen, in welchen der drei Grundstrategien euer Recke Fortschritte macht. Die EP-Kosten für Upgrades steigen kontinuierlich in festen Beträgen und werden in Statuspakete für Netzspiel, defensives oder offensives Grundspiel eingetauscht. Das resultiert zwar in Steigerungen verschiedenster Attribute, aber die kann man eben nicht einzeln aussuchen. Schade!

Vielleicht wäre es auch sinnvoller gewesen, jene Fertigkeiten automatisch zu steigern, die bei einer Übung oder einem Match besonders zur Geltung kamen. Die Charakterentwicklung wirkt jedenfalls zu sehr wie Statistikschieberei und vermittelt in Zahlenform keine nachvollziehbare sportliche Entwicklung.

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Authentisch ist es obendrein, und am meisten Spaß macht's ohnehin zu zweit.
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Abseits davon gibt sich Top Spin 4 jedoch sehr viel Mühe, möglichst authentisch und realitätsnah zu wirken. Hier gibt's keine lächerlichen Becker-Hecht-Stunts, alle Marken sind lizenziert, die 26 Profitalente aus ATP, WTA und der Tennishistorie wurden hervorragend modelliert und sind auf einen Schlag wiederzuerkennen. Soundkulisse, Schlaggeräusche, optisches Ambiente - es geht gestalterisch kaum besser.

Dazu kommen gewisse Feinheiten, wie der leicht versetzte Kamerawinkel beim Aufschlag, der selbst die Flugbahn ganz steiler Bälle einfängt, oder das zügige Umschalten zwischen den Ballwechseln ohne großes Brimborium. Man merkt, dass hier nicht nur Tennis-Fans am Werk waren, sondern auch Spieler.

Technisch dürfte es aber gerne eine Scheibe mehr sein. Die 40 durchaus abwechslungsreich modellierten Courts und das zugehörige Publikum sind optisch nicht mehr zeitgemäß, die immergleichen Kommentare des Schiedsrichters wiederholen sich zu schnell und die Ladezeiten könnten auch mal eine Optimierung vertragen, speziell in den Menüs. Nicht, dass das am Spielspaß kratzen würde, aber es bleibt eben noch Raum nach oben. Auch was die Online-Anbindung angeht, deren Stottern zeitweise ziemlich heftig ausfällt. Ich musste ein paar Partien wegen Unspielbarkeit abbrechen, in der Regel läuft’s aber flüssig.

Top Spin 4 möchte die realistischste und tiefgängigste aller Tennissimulationen sein. Höchstwahrscheinlich gibt es auch keine andere, die diese Superlative tragen dürfte, aber deswegen ist 2k Czechs Werk noch lange nicht perfekt.

Und sonst? Sitzt man zu zweit vor dem Fernseher und grölt. Und quiekt. Und gluckst. Weil es mit einem menschlichen Mitspieler noch mal so viel Spaß macht. Weil man direkt miterlebt, wie sich das Gegenüber bei einem groben Patzer in den Hintern beißt. Weil man sich selber anstachelt und hochschaukelt - und genauso am Timing verzweifelt.