Selbst Bewegungsmuffel und Musiklegastheniker können in Zeiten von Guitar Hero und Balance Board ihren geheimsten Neigungen nachgehen und sich zu Rock Stars respektive Supersportlern aufschwingen. Für einige Disziplinen benötigt der geneigte Videospieler allerdings spezielle Hilfsmittel. Wer skaten will, braucht also ein Skateboard und gibt sich nicht mit einem schnöden Hüftschwung á la Wii zufrieden.

Diesem Umstand hat Activision nun Rechnung getragen und so liegt Tony Hawk Ride doch glatt die maßstabsgetreue Nachbildung eines solchen Rollbretts bei. Ob das verletzungsfrei über die Bühne geht, wenn ein totaler Skate-Noob sich daran versucht? Wir haben’s ausprobiert!

Tony Hawk: Ride - New School Trailer

Hals- und Beinbruch?

Zugegeben, was das Skaten betrifft, war ich schon immer ein Schisser. Viel zu gefährlich, immer besteht die Gefahr, sich aufzumaulen und zu blamieren. Doch jetzt ist alles anders, das Plastikbrett verspricht ein risikoarmes Skateerlebnis. Dachte ich jedenfalls so lange, bis ich das Teil ausgepackt und ausprobiert habe. Na klar, an der Nachbildung befinden sich keine Rollen, dafür aber Sensoren, die jede noch so kleine Bewegung registrieren und in entsprechende Aktionen auf dem Bildschirm umwandeln sollen.

Tony Hawk: Ride - Brett vorm Kopf statt unterm Fuß

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Die Optik kommt leider kaum über PS2-Niveau hinaus.
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Die Verarbeitung des Imitats ist sehr robust und stabil ausgefallen und soll sogar bis zu 150 kg belastbar sein. Bis auf das eine oder andere Knacken sind aber selbst nach stundenlangen Spielsessions keinerlei Material-Probleme entstanden. Wer keinen Teppich als Untergrund verwendet, kann außerdem noch einige Filzstreifen an die Unterseite des Boards kleben, um Parkett oder ähnlich empfindliche Untergründe ein wenig zu schonen.

Tony Hawk: Ride - Brett vorm Kopf statt unterm Fuß

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Selbst bei so gewagten Stunts riskiert ihr dank Skateboard-Controller in der heimischen Bude keine Knochenbrüche.
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Wer schon einmal auf einem richtigen Skateboard stand, kennt vielleicht diese etwas wackelige Erfahrung, die Unsicherheit, die man beim Balancieren auf diesem Sportgerät empfindet. Das Gefühl beim Besteigen des Plastik-Boards ist ähnlich, jedoch weniger "dramatisch". Durch seine harte Beschaffenheit habt ihr einen sicheren Stand, herunterfallen könnt ihr außerdem kaum. Jedenfalls solange nicht, bis es ans tatsächliche Fahren geht, wo Ungeübte eigentlich eine nicht viel schlechtere Blamage-Figur abgeben als auf einem richtigen Brett.

Der Stand wirkt plötzlich unsicher, der Spieler schunkelt nach vorn und wieder zurück und versucht das Gleichgewicht zu halten. Von Beginn an kommt auf diese Weise so etwas wie ein Skateboard-Gefühl auf - jedenfalls insoweit ich das als Laie auf diesem Gebiet beurteilen kann. Das Anfahren wird stilgerecht durch eine Fußbewegung seitlich des Plastikbretts initiiert, die wiederum von einem der vier Sensoren registriert wird. Und schon geht’s ab...

Wie auf Schienen!

Glücklicherweise könnt ihr euch im Casual-Modus voll und ganz auf die Tricksereien konzentrieren, da die Spielfigur die golden visualisierte Fahrlinie wie auf Schienen entlangfährt und die Route somit größtenteils automatisch abgefahren wird. Anfänger werden darüber aber ohnehin mehr als dankbar sein, denn schon einfache Tricks wie Ollies, Nollies, Grinds oder Manuals erfordern einiges an Geschick und Zehenspitzengefühl und sorgen dafür, dass man damit zur Genüge ausgelastet ist.

Tony Hawk: Ride - Brett vorm Kopf statt unterm Fuß

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Einfache Tricks wie Grinds funktionieren meist noch ganz gut, darüber hinaus wird’s hart.
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Einfache Kunststücke werden meist ohne Verzögerungen am Schirm nachempfunden, für ein Ollie tritt man beispielsweise auf das hintere Ende des Bretts (Tail) und hebt die Spitze (Nose) an, ein Manual wird auf ähnliche Weise aktiviert nur geruhsamer und länger andauernd. So weit so gut - und bis hierhin kommen auch Noobs wie ich ganz gut mit Tony Hawk Ride klar.

Doch sobald es gewiefter wird, fängt es an problematisch zu werden. Die Entwickler haben zwar für die meisten Spezialbewegungen Tutorialvideos angefertigt, die euch die Bewegungsmuster gut erklären. Wenn es dann aber plötzlich heißt: "Mach einen Ollie Set mit Fliptrick nach hinten" sind Neulinge schnell aufgeschmissen. "Was wollen die jetzt von mir?" - ist ein typischer Satz in einer der Spielsessions. Hinzu kommt, dass viele Bewegungen nicht oder nur unzureichend erkannt werden, was vor allem bei den komplizierteren Tricks von Nachteil ist und den Tester zur Verzweiflung treibt.

Kein Beinbruch, lang anhaltender Spielspaß sieht aber anders aus.Fazit lesen

Natürlich ist die Grenze zwischen eigenem Unvermögen und technischen Hindernissen fließend. Es kann schlicht nicht ausgeschlossen werden, dass wir uns einfach zu ungeschickt angestellt haben. Doch wenn auch nach einigen Stunden mit dem Spielgerät viele Tricks (z.B. Neigungstricks) immer noch auf Zufall zu beruhen scheinen, dann hat Tony Hawk Ride entweder eine eher schwache Bewegungserkennung oder eine zu steile Lernkurve. Beides ist für den Spielspaß und die Motivation wenig förderlich.

Verzweiflungstaten ...

Für ersteres Argument spricht die Tatsache, dass die Spielfigur in den beiden höheren Schwierigkeitsgraden nur sehr schwer beherrschbar ist. Hier müsst ihr den Avatar per Neigung des Boards in die gewünschte Richtung steuern und könnt euch nicht mehr auf den Automatismus verlassen. Das gelingt jedoch nur sehr schwer, der Skater am Bildschirm fährt überall hin, nur nicht dahin, wo ich ihn hinhaben will.

Das führt zu absoluten Verzweiflungstaten: Ich steuere das Spiel mit den Händen, anstatt mich auf das Board zu stellen! Ich cheate also bewusst, nur um einige Events (auch auf "Casual"!) einfach nur irgendwie zu überstehen, weil die Steuerung hypersensibel ist und wir statt einer kleinen Wende hilflos im Kreis fahren.

Tony Hawk: Ride - Brett vorm Kopf statt unterm Fuß

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Wer von der Steuerung überfordert ist, nimmt das Brett einfach in die Hand...
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Als wären Probleme dieser Art nicht schlimm genug, nervt Tony Hawk Ride oft genug mit einer schlechten Kameraperspektive. Häufig ist die Schulteransicht so schlecht ausgerichtet, dass die entgegenkommenden Hindernisse und Objekte erst im letzten Moment sichtbar werden - oder gar nicht. Wer etwa im Tempomodus (neben Trick und Herausforderung einer der drei Karrieremodi) Hindernissen ausweichen will oder Zeitgutschriften einsacken möchte, wird immer wieder über solche Probleme stolpern. Vor allem in engen Gassen oder bei hügeligem Terrain sind die Parcours nur mangelhaft einsehbar.

"Ride" wirkt auch abseits der Steuerungsprobleme nicht rund. Der linear aufgebaute Karrieremodus langweilt mit einem vorhersehbaren und immer gleich ablaufenden Wettbewerbsmodus, der euch durch gerade Mal sechs Städte auf dem Globus lotst. Abwechslung ist hier leider genauso Mangelware wie eine hübsche Optik: Animationen, Texturen und Videos sind der aktuellen Konsolengeneration kaum würdig. Weshalb es trotzdem immer wieder zu sehr langen Ladezeiten kommt, kann wohl nur der Entwickler beantworten. Klar ist jedoch, dass die vor jedem Event immer wieder aufs Neue abgefragte Beinstellung höchst nervig ist. Immerhin überzeugt der aus Skatepunk und Alternative-Stücken bestehende Musikmix und sorgt für eine passende akustische Hintergrundberieselung.

Tony Hawk Ride bringt natürlich auch einen Partymodus mit, in dem sich bis zu acht Spieler austoben dürfen. Dummerweise lässt sich immer nur ein Board gleichzeitig betreiben, sodass ihr immer nacheinander antretet, und versucht durch Tricks die meisten Punkte zu ergattern oder eure Bestzeiten zu unterbieten. Aber auch so macht es durchaus eine Menge Spaß seinen Freunden zuzusehen, wie sie auf dem Skateboard-Imitat eine mehr oder wenige gute Figur abgeben und dabei nicht selten vom Brett "fallen".

Festes Schuhwerk ist ohnehin von Vorteil - wer von den abgerundeten Kanten abrutscht, wird sich sonst irgendwann über wunde Fußsohlen beschweren. Sogar Onlinewettbewerbe für bis zu vier Spieler sind möglich, leider treibt sich kaum einmal ein Kontrahent in den Weiten des Netzes herum.