Lara Croft hat sich im Verlaufe der letzten 16 Jahre zu einer weltbekannten Videospiel-Ikone entwickelt, die viele Höhen erlebte, aber auch einige qualitative Täler durchschritt. Doch selten hat sie uns an sich herangelassen, kaum einmal hat die Archäologin ihre wahren Gefühle offenbart. Doch jetzt, im neuesten "Tomb Raider", das im März 2013 erscheinen soll, ächzt und stöhnt sie angestrengt. Sie atmet laut hörbar. Sie schwitzt - und blutet. Und ich habe mitgefühlt.

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Entwickler Crystal Dynamics und Publisher Square Enix hatten geladen, Hand an die neue Lara zu legen. Natürlich nur in übertragener Weise, denn selbstverständlich wurden keinerlei Damen belästigt. Oder doch - aber dazu später mehr.

Lara Croft als Baller-Lady?

Noch vor wenigen Wochen waren viele Tomb-Raider-Fans geradezu geschockt. Das E3-Video zeigte - ganz dem nach Hollywood-Bombast gierenden Branchen-Habitus der Spielemesse folgend - beinahe ausschließlich bleihaltige Actionsequenzen. Sollte dieses Action-Gewitter tatsächlich den Neuanfang für Lara Croft einläuten?

Nun offenbarte sich mir dann die andere Seite der neuen Lara. Denn in "Tomb Raider" wird die Ikone anfangs noch gar keine Heldin, keine toughe Forscherin sein. Sie ist vielmehr eine blutjunge, 21-jährige Uni-Absolventin, die sich auf dem Weg zu ihrer ersten Expedition befindet. Falls ihr den Cinematic-Trailer dieses Prequels gesehen habt, dürfte euch bekannt sein, dass die "Endurance" ihr Ziel nie erreichen wird. Ein katastrophaler Sturm führt das Schiff direkt in den buchstäblichen Untergang.

Tomb Raider

- Die Geburt einer Heldin
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Am Lagerfeuer des Basiscamps wärmt sich Lara nicht nur, sie bildet sich dort fort.
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Lara Croft entkommt dem Desaster, gerät aber vom Regen in die Traufe - die mysteriöse Insel, auf der sie angespült wird, entpuppt sich als unwirtlich und von verschiedenen Fraktionen besiedelt. Die ersten Stunden - von denen ich einen Teil spielen konnte - zeigen die Genese der Heldin. Im Mittelpunkt steht die Beantwortung einer zentralen Frage: "Wie kommt es überhaupt dazu, dass eine eher zierliche Forscherin zur harten Abenteurerin wird, die durchaus mit Haudegen wie Indiana Jones verglichen werden kann"?

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"Tomb Raider" zeigt mir eine verängstigte Protagonistin, die voller Furcht eine Schlucht auf einem wackelnden Baumstamm überquert. Eine Frau, die verletzlich ist, die ihre Gefühle herausschreit. Die schluchzt und weinerlich ist. Mit der man Mitleid hat. Sie scheint im Urwald verloren, fehl am Platz. Desorientiert stolpert sie mit mir über die Insel. Überwindet gerade so mit Glück und wachsendem Geschick die ersten Hindernisse.

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Neben einem etwa 60-prozentigen Actionanteil bietet Tomb Raider auch Forschern viel Raum für Ausflüge.
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Die Umgebung gibt sich rau und störrisch - ich frage mich, wer sich hier wem angepasst hat, denn auch Lara wird derb porträtiert. Ja, geradezu heruntergekommen wirkt sie nach der Schiffskatastrophe. Obenrum nur mit einem dünnen Hemdchen bekleidet (das ihre nicht zu große Oberweite unterstreicht), zittert sie in der Kälte und trotzt doch dem Dreck, den blutenden Wunden und dem Regen. So leicht lässt sie sich nicht unterkriegen - so die Message.

Tomb Raider verspricht eine emotionale Achterbahnfahrt mit einer verletzlichen, aber durchsetzungsstarken Heldin zu werden.Ausblick lesen

Ich finde die ersten nützlichen Werkzeuge, einen Bogen und die Jagd kann beginnen. Die Suche nach Informationen, die Hatz nach Nahrung. Lara geht auf die Pirsch und ich erlege herumkrauchende Wildtiere. Das füllt den Magen und steigert die Fertigkeiten der jungen Wissenschaftlerin, die ich an den Basislagern verwalte.

Die Entwickler nennen das "Survival Skills", Talente, die das Überleben auf dem Eiland erleichtern helfen. Lara verbessert etwa ihre Fähigkeiten mit dem Bogen, erhält mehr Pfeile zurück oder entdeckt Tiere schneller. Oder sie setzt Metallteile zu neuen Werkzeugen zusammen und löst mit deren Hilfe Rätsel.

So werden Helden geboren

Lara verfügt in diesen ersten Minuten noch nicht über allzu viele Möglichkeiten - die Talente entfalten sich erst mit fortschreitender Spieldauer. Das Geballer des E3-Trailers setzt erst zu einem späteren Zeitpunkt ein. Und das hat einen guten Grund, denn Frau Croft ist alles andere als eine kaltblütige Killerin. Crystal Dynamics nennt den Höhepunkt der Demo einen entscheidenden Moment. Der Wendepunkt im Leben der Lara C. könnte dramatischer kaum inszeniert sein.

Auf der Flucht gerät Lara in die Fänge eines gemeinen Bösewichts. Die Situation erscheint ausweglos - überall suchen Feinde nach ihr, in der Dunkelheit brennen Hütten. Lara erstarrt vor Angst zu einer Salzsäule, eine drohende Vergewaltigung wird suggeriert. Und im Kampf um ihr Leben tötet sie aus dem Handgemenge heraus zum ersten Mal einen Menschen.

Der Schock, die aufkommende Übelkeit, stehen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Es ist der prägende Augenblick, in dem Lara den entscheidenden Schritt von der unerfahrenen Absolventin hin zur Heldin macht - wenn auch unfreiwillig.

Spielerisch geraten diese Eingangssequenzen noch recht anspruchslos, aber das ist Absicht. Sagen jedenfalls die Macher. Der Spieler soll sich langsam an die Aufgabe herantasten und nicht bereits am ersten Hindernis mehrfach scheitern und womöglich frustriert die Segel streichen. Es steht nach den bisherigen Eindrücken kaum zu erwarten, dass die Steuerung oder das (erfreulicherweise sehr zurückhaltende) Interface negativ auffallen könnten. Aber wie gesagt, ballern durfte ich noch nicht.

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Lara steht in ihrem ersten Abenteuer am Wendepunkt ihres Lebens, erstmals muss sie in Notwehr töten.
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Ziemlich angetan bin ich von der Gestaltung der Insel mit ihrem offenen Waldgebiet und der glaubhaften Flora und Fauna. Insbesondere blieb mir jedoch ein erster kleiner Dungeon in Erinnerung. Die mit etlichen Kerzen ausgeleuchtete Höhle überzeugte mit einer dichten Atmosphäre, Laras besorgtes, verschwitztes Gesicht im Schein ihrer Fackel zu erblicken, verströmt mehr als einen Hauch von Abenteuer.

Abgerundet wird dieser Eindruck von einem asiatisch-kultisch angereicherten Hintergrund-Soundtrack, dessen Melodien und Gesang genau die Prise Dynamik und Fernweh transportiert, der Spannung und Gänsehaut miteinander verbindet.