Lara, Süße. Schön, dass du wieder da bist. Du bist irgendwie erwachsen geworden. Deine größten Argumente sind plötzlich nicht mehr Doppel-D, sondern eine mitreißende Story rund um Kannibalismus, die Frage, wie weit wir wohl gehen würden, um zu überleben. Wir sind dabei, wenn du in die Tiefe stürzt, dir einen Holzsplitter in den Bauch rammst und wir dir am liebsten die Wunden verbinden und dich einfach mal in den Arm nehmen würden.

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Du bist verdammt tough, wirkst aber auch so verletzlich. Kein Wunder, denn du bist nicht die Quasi-Superheldin Lara Croft wie sie Angelina Jolie porträtiert hat, sondern eine junge Frau, studierst Archäologie und willst der Welt beweisen, dass du mehr bist als eine reiche Göre, die im Croft-Manor logiert. Du wolltest auf einen Seetrip und eine gefährliche Welt erkunden, bist in einen Sturm geraten. Das Schiff kenterte, die meisten Matrosen starben. Nur du, der Captain und Sam, dieser kleine Junge, haben es geschafft. Das hier ist deine Geschichte.

Ein weiblicher McClane

Tomb Raider“ ist eine Serie, die sich bislang komplett über Ästhetik verkauft hat: strahlende Farben, supersexy Heldin, die sich gerne mal im See nass machte, aber nie blutete. Die neue Lara hingegen erinnert an eine weibliche Variante von Chaos-Cop John McClane. In den ersten Minuten der E3-Demo hält sie sich den Bauch, zeigt die Kamera einen durchbluteten Verband.

Doch keine Zeit für Sentimentalitäten, denn vor ihr patrouillieren drei Söldner. Was die hier tun und warum sie Lara suchen? „Das wäre ein zu großer Spoiler“, sagt Chrystal Dynamics, die Geschichte ist noch weitestgehend geheim. Und wie Geheimagent Sam Fisher in „Splinter Cell: Blacklist“ sollte auch Lara hier vorgehen: Die Gegend erkunden, den richtigen Moment abpassen, leise töten.

Wir spannen einen einfachen Holzbogen, visieren den Kopf eines Kerls an, der am Abgrund steht. Wir hören nur das Spannen der Sehne, ein kurzes Surren, ein Schnaufen und schon fällt die Leiche ohne einen Mucks in die Tiefe. Noch zwei.

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Das arme Mädel! Tomb Raider wird deutlich brutaler als seine Vorgänger.
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Pfeil im Kopf

Die KI soll je nach Ausbildung variieren. Hier auf der E3 bekommen wir es nur mit Tagelöhnern und billigen Schlägern zu tun, die zwar mit Ak 47 rumballern, allerdings mit ihren zerschlissenen Klamotten und den dreckigen Gesichtern klar machen, dass sie keine Elitesoldaten sind, sondern Schergen, die für ein paar Dollar gerne einen Mord begehen.

Packshot zu Tomb RaiderTomb RaiderErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Generell versucht „Tomb Raider“ nichts zu beschönigen. Wenn ein mehrere Zentimeter langer Pfeil einen Kopf durchbohrt, ist das nun mal kein „sauberer Kill“ wie mit einer schallgedämpften Pistole. Auch als wir die Leichen nach Munition und Mullbinden durchsuchen, steckt der Pfeilschaft noch im Schädel unseres Opfers. Wie wir hier vorgehen ist übrigens komplett uns überlassen. Wir hätten uns auch an die weiter entfernt stehende Wache ranschleichen und ihm die Kehle mit einem Messer aufschneiden können. Dann seine Kalaschnikow nehmen und den beiden anderen Schergen blaue Bohnen zum Mittag servieren.

Starke Skripts, viele Verletzungen

Vom Style, von der Brutalität und dem ganzen Setting her erinnert „Tomb Raider“ unweigerlich an „Far Cry 3“. Was das hier aber besonders macht, ist, dass wir mit der Protagonistin mitfühlen. Wir haben uns mehr als einmal dabei erwischt, wie wir zusammenzuckten, wenn Lara mal wieder stürzt. Wenn sie sich mal wieder das Knie blutig schlägt oder ein Streifschuss sie trifft und sie sich die Wunde mit verbissenem Gesicht hält.

Deutlich erwachsener, brutaler und mit einer Protagonistin, die blutet wie ein Schwein und die man einfach nur trösten möchte.Ausblick lesen

Auch hier haben der Ubisoft-Titel und das Werk von Chrystal Dynamics etwas gemeinsam: die extrem starke Mimik. Die Kamera zoomt öfter mal heran, fängt Laras Augen ein, die verängstigt wirken. Sie ist eben nicht die Abenteuerheldin, der weibliche Nathan Drake, der den nächsten Unfall nur mit einem höhnischen „Oh, Crap!“ kommentiert. Lara ist keine Heldin, eher eine normale Frau, die lernt, sich zu verteidigen. Laut Game Director Daniel Bisson soll sich das ganze wie eine Reise anfühlen.

Zu Beginn ist Lara quasi wehrlos, hat nur ihren Mut und den Willen zu überleben. Nach und nach lernt sie dann sich zu verteidigen, lernt in schneller Abfolge mit dem Bogen zu schießen, bastelt sich Molotow-Cocktails, feuert mit Sturmgewehren Marke Ak 47 und M4.

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Die Entwickler haben deutlich sichtbar beim Konkurrenten Uncharted gespickt.
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Ein Mädchen wird zum Tier

Wie brutal Lara sich verteidigt, sehen wir in der nächsten Sequenz. Vor ihr versperren fünf Gegner den Weg. Ein direkter Angriff wäre zu riskant, schließlich haben wir zu wenige Pfeile im Köcher und kaum noch Munition in der Pistole. Aber ah, werkelt da vorne nicht einer an einem Ölfass, das leckt? Ein Schuss, ein Treffer, eine Explosion und fünf Männer, die wie lebende Fackeln auf uns zugelaufen kommen und schreiend vor uns zusammenbrechen. Harter Tobak, erinnert an „Call of Duty: World at War“ und wird es schwer haben an den Hütern der USK vorbei zu kommen.

Finden wir das gut oder ist es zu viel Brutalität? Wir denken, dass es passt, denn das ganze Look & Feel von „Tomb Raider“ ist ziemlich düster. Gar nicht so sehr vom Design her, schließlich erleben wir nach den eher dunklen Katakomben und Höhlen aus der Premiere vor einem Jahr jetzt ein Inselparadies, das mit leuchtenden Farben und strahlender Sonne zum Urlauben einlädt.

Viel mehr ist es der Fakt wie Lara aussieht. Die Stirn zerkratzt, der Arm blutend, überall Narben, kleine Wunden, Stiche, ihr Bein und linker Arm sind von einem alten Verband umwickelt, der schon komplett durchgeblutet ist. Ein Blick auf die neue Lara und wir wissen: Sie muss das tun, sonst kommt sie hier nicht lebend raus.