Crystal Dynamics und Square Enix wagen mit Tomb Raider den Reboot einer Legende. Die Zeit wird für Lara Croft noch einmal zurückgedreht und die junge verängstigte Frau muss erst zu der taffen Amazone werden, als die wir sie kennen. Es geht nicht um Ruhm, es gibt keine Helden auf dieser Insel, nur Überlebende - oder etwa doch?

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1996 – ich war noch ein kleiner Stift – sollte mein Leben eine grundlegende Wendung nehmen. Jeder kennt es, jeder kann sich zurückentsinnen an sein erstes Mal – das erste Videospiel, welches eine Leidenschaft geweckt hat, die bis zum heutigen Tag ungebrochen anhält. Für mich war dieses Spiel Tomb Raider.

Selber noch zu jung zum Spielen, begnügte ich mich zunächst noch damit zuzuschauen, wenn meine älteren Schwestern die Pistolen zückten und virtuellen Wölfen und Bären das Fell gerbten. Mit den Jahren übernahm ich den Kampf, zog gegen bösen Drachen, Hexen, Despoten in die Schlacht, rettete unzählige Völker, Länder und Welten vor der Zerstörung und gewann das Herz so mancher bildhübschen Frau. Doch an die Erste kamen sie nie heran.

Tomb Raider - Lara Croft ist zurück und besser als je zuvor

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Wiedergeburt einer Heldin.
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So zog es mich immer wieder zu Frau Croft zurück, auch wenn ihre Abenteuer von Mal zu Mal immer mehr den faden Beigeschmack des Altbackennen bekamen, und als Entwickler Core Design mit Tomb Raider: The Angel of Darkness so einiges anders machen wollte, schepperte der Oldtimer endgültig gegen den Baum.

Danach war es einige Zeit still um die legendäre Archäologin Lara Croft, bis das Entwicklerstudio Crystal Dynamics das Zepter für die neuen Tomb-Raider-Spiele übernahm. Die Ergebnisse waren allesamt ordentlich, aber gegen einen Jungspund wie Nathan Drake wirkte Ms. Croft mittlerweile wie eine in die Jahre gekommene Lady. Etwas Neues musste her: ein Reboot – das letzte Mittel und die letzte Hoffnung, dieser gestürzten Königin ihren Thron zurückzugeben.

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Nach zahlreichen Stunden mit der actiongeladenen Abenteuer-Achterbahnfahrt, bei der ich den Controller keine Minute aus den Händen legen wollte, kann ich beruhigt aufatmen, als der Abspann über den Bildschirm rollt. Nach Jahren des Mittelmaßes ist sie endlich wieder ganz oben und man kann wieder ungelogen behaupten, dass das neue Tomb Raider nicht nur für Fans der alten Teile, sondern für alle Spieler ein absolutes Must-have ist.

Schöner, härter, besser: Lara Croft in Topform!Fazit lesen

Aber bitte auf Deutsch

Nach DmC – Devil May Cry ist Tomb Raider gleich der nächste Serienneustart in diesem Jahr, den beinharte Ur-Fans verkraften müssen. Wem gefällt Laras Haarschnitt nicht? Oder ist es eher die neue Stimme, im Deutschen gesprochen von Schauspielerin Nora Tschirner, mit der wir auch im Interview gesprochen haben?

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Nora und Gregor bei ihrem kleinen Pläuschchen.
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Ich muss zugeben, dass mich der erste deutsche Trailer nicht gerade vom Hocker gehauen hat. Im ersten Moment klang Lara zu ungewohnt, zu püppchenhaft. Dieser Eindruck bestätigte sich glücklicherweise nicht im fertigen Spiel. Angst, Hoffnungslosigkeit, Freude, Aufregung und Hass der Figur kommen durch Frau Tschirner gut zum Tragen. Aber Tomb Raider ist keine One-(Wo)Man-Show und Square Enix hat bei der Besetzung der anderen Sprechrollen nicht gespart. Jede der Figuren wurde professionell vertont und qualitative Ausreißer nach unten gibt es kaum.

Schönheitsfehler einer Diva

Tomb Raider ist nahezu perfekt. Man muss schon lange schöpfen und rühren, um Haare in der Suppe zu finden, über die man sich mokieren kann: die teilweise etwas abgehackten, aber sonst sehr guten Animationen und die etwas steifen Mimiken der Protagonisten etwa.

Auch zu viel Realismus sollte man trotz der großspurigen Ankündgung in Tomb Raider nicht erwarten, orientiert sich der Titel in puncto Action doch ganz klar an Over-the-top-Krachern wie Uncharted, wo ein extremer supermegatastischer WTF-Moment den nächsten jagt. Es fliegt viel in die Luft, es stürzt vieles ein und immer kommt Lara nur ganz knapp mit dem Leben davon. Typisches Popcorn-Actionkino eben.

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Wie auch beim Rest des Spiels geht es in den Kämpfen sehr dreckig zu.
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Dabei verkommt Tomb Raider aber nicht zu einem vor Testosteron triefenden Call of Duty. Nach den fulminanten Action-Sequenzen folgen immer die ruhigeren Momente. Die Erkundung der wunderschön gestalteten Insel, Klettern über gähnende Abgründe, Rätselraten in alten, klasse designten Gruften oder auch mal in brennzligen Situationen Schleiche auf leisen Sohlen. Obwohl die Kämpfe den größten Teil des Spiels ausmachen, fühlt man sich nie so, als würde man immer nur dasselbe machen.

Viel zu entdecken und zu erlernen

Gerade die zahlreichen Sammelgegenstände und optionalen Gräber mit ihren Schatztruhen laden dazu ein, sich abseits der Hauptstory etwas genauer umzusehen, denn was wäre Tomb Raider ohne Schätze, Reliquien und Artefakte längst vergangener Tage? Zahlreiche gefundene Objekte könnt ihr näher betrachten, Tagebücher und alte Schriftrollen geben Aufschluss über die Geschichte der Insel und ihrer Bewohner und außerdem winken immer wieder Erfahrungspunkte als Belohnung.

Die neue Lara Croft ist nämlich um einiges anpassungsfähiger als ihre früheren (ähm, späteren?) Inkarnationen. Durch Sammeln von Objekten, Töten von Gegnern, Lösen von Rätseln oder auch das bloße Voranschreiten in der Geschichte verdient ihr euch Fertigkeitenpunkte, die ihr nach Belieben in neue Skills investieren könnt.

Dadurch findet Lara fortan bei ihren erlegten Feinden mehr Munition, kann selber mehr Munition tragen oder eine besondere Nahkampftechnik einsetzen. Dass ihr euch nicht schon zu Beginn die mächtigsten Fertigkeiten zusammenklaubt, verhindert ein Rangsystem. Erst wenn eine bestimmte Anzahl an Skillpunkten investiert ist, steigt Lara im Rang auf und schaltet neue erwerbare Fertigkeiten frei.

Ähnliches gilt auch für eure Waffen, denen ihr durch gesammelte Schrottteile immer neue Modifikationen, wie ein größeres Magazin oder mehr Präzision und Schaden, verpassen könnt. Alle Änderungen sind nicht nur sehr wichtig, um den immer stärker werdenden Gegnern Herr zu werden, sondern wirken sich auch optisch aus – ein netter Bonus.

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Oft ist es eine gute Idee, leise vorzugehen und Feinde unbemerkt auszuschalten.
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Dieses Levelsystem motiviert ungemein. Ständig schaltet man irgendetwas Neues frei, das man möglichst bald im nächsten Gefecht ausprobieren möchte. Außerdem wird man von Anfang bis Ende regelmäßig mit neuen Ausrüstungsgegenständen belohnt, die sich nicht nur im Kampf nutzen lassen, sondern vor allem dazu dienen, die Spielwelt zu erkunden.

Reif für die Insel

Anders als in den alten Teilen der Serie hetzt euch Tomb Raider nicht von einem Schlauchlevel in den nächsten, sondern wirft euch in eine halboffene Welt, die ihr euch nach und nach mithilfe neuer Ausrüstung und Fertigkeiten erschließen könnt.

Vergleichbar mit Batman: Arkham Asylum lebt auch Tomb Raider von den vielen Werkzeugen, die euch ein Vorankommen in der Welt ermöglichen und erleichtern. Mit dem Eisgerät erklimmt ihr Felswände, der Seilpfeil spannt euch eine Leine über Abgründe und mit Feuerpfeilen könnt ihr entfernte Gegenstände in Brand stecken. Pyromanen dürften bei Tomb Raider voll auf ihre Kosten kommen.

Die Welt ist zwar groß, aber weit von den Dimensionen eines Skyrim entfernt. Trotzdem kann es euch zu Fuß einige Zeit kosten, von einem Ende der Insel zum anderen zu kommen, weshalb ihr in Tomb Raider die Möglichkeit habt, an Lagerfeuern zwischen bereits entdeckten Camps zu reisen. Nützlich, aber auch ein potenzieller Atmosphärekiller, weshalb Crystal Dynamics diese Funktion je nach Verlauf der Story ab und an sperrt.

Gute Story, packend von Anfang bis Ende

Die Geschichte des Spiels führt euch wie ein Reiseführer quer über die ganze Insel, auf der Lara mit dem Expeditionsteam der Endurance nach einem Sturm auf See gestrandet ist.

Die frischgebackene Archäologin, gerade erst von der Uni, überzeugte die anderen Teilnehmer der Forschungsreise davon, Kurs auf das gefährliche Drachen-Dreieck zu nehmen, eine stürmische See vor der Südküste Japans. Dort vermutet sie das legendäre Yamatai, eine Art japanisches Atlantis, das über mystische Kräfte verfügt haben soll und von dem aus die sagenhafte Sonnenkönigin Himiko regiert.

Und tatsächlich findet Lara auf der Insel die Überreste einer alten Zivilisation. Doch damit nicht genug: verfallene Bunker, rostige Panzer und Kanonen. Scheinbar haben in jüngerer Vergangenheit mehr Menschen Fuß auf diese Insel gesetzt als zunächst angenommen. Doch wo sind sie hin, was ist aus ihnen geworden und warum haben sie niemandem von ihrer Entdeckung berichtet?

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Was hat das alles zu bedeuten?
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Und dann sind da noch die anderen Inselbewohner, ein Robinson-Crusoe-Club unter der Leitung des rätselhaften Mathias. Sie haben die Überreste der Schiffswracks und Bunkeranlagen geplündert. Sie haben alles, was sie brauchen, um abzuhauen oder zumindest Hilfe anzufunken, aber warum tun sie es nicht? "Niemand geht" lautet das eiserne Gesetz. Wer es trotzdem versucht, stirbt – auf die eine oder andere Weise.

Die Geschichte ist von der ersten bis zur letzten Minute spannend erzählt und treibt euch bei eurem Überlebenskampf und der Suche nach Antworten von einem atemberaubenden Schauplatz zum nächsten.

Wenn man auf einer halbzerfallenen Brücke vor einem hoch aufragenden Kloster steht, Orkanwinde an euch und dem imposanten Gemäuer zerren, sich hier und da kleine Trümmerstücke lösen und von dem Sturm davongetragen werden, möchte man einen Moment innehalten und dieses fantastische Schauspiel bewundern.

Jeder will ein Stück von Lara

Doch da wird die stürmische Ruhe von einem feindlichen Stoßtrupp gestört. Pfeile und Kugeln surren und pfeifen knapp an euch vorbei. Im letzten Moment hechtet ihr hinter eine Deckung, ehe eine Stange Dynamit die Luft an der Stelle mit einem lauten Knall zerfetzt, wo ihr gerade noch standet.

Doch eure Deckung bietet nicht immer perfekten Schutz. Manchmal reißen die Kugeln, die auf das alte Holz oder Gestein einprasseln, dieses in Stücke. Ein geworfener Molotowcocktail kann einen sich ausweitenden Flächenbrand bewirken. Da heißt es schnell weiter zur nächsten Deckung auf Zeit, während sich hinter euch langsam die Flammen ausbreiten.

In Tomb Raider bekommt ihr es mit herrlich aggressiven Gegnern zu tun. Bereits auf dem normalen Schwierigkeitsgrad sind die Kämpfe knackig, fordernd. Das Nutzen von Deckungen ist ein Muss, da Lara nicht allzuviel einstecken kann.

Sobald ihr über ihre Nahkampffertigkeiten verfügt, solltet ihr daher nicht unbedingt einen auf Leeroy Jenkins machen, weil euch die Gegner mit einigen gezielten Gewehrsalven schneller ins Jenseits befördern, als ihr euren Namen sagen könnt.

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Lara wird mit dem großen bösen Wolf auch alleine fertig.
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Ihr müsst euch aber nicht nur menschlicher Gegner erwehren. Auch die Fauna der Insel ist kreuzgefährlich. Wenn ihr nachts durch den Wald streift und den leuchtenden Vollmond bewundert, solltet ihr beim ersten Wolfsgeheul lieber auf die Romantikbremse treten und den Bogen ziehen.

Der Multiplayer als kleiner Nachschlag

Wer schließlich die Geschichte beendet, alle Herausforderungen gemeistert und alle Schätze gefunden und trotzdem noch nicht genug von Tomb Raider bekommen hat, kann sich noch online in vier unterschiedlichen Mehrspielermodi auf fünf Karten austoben.

Hier sammelt ihr wie im Mehrspielermodus eines Call of Duty Erfahrungspunkte, die euch im Rang aufsteigen lassen, wodurch ihr neue Waffen und spielbare Charaktere freischaltet. Den Umfang eines CoD erreicht es zwar bei weitem nicht, bietet aber einen spaßigen Mehrwert zum Einzelspielermodus, auf dem nach wie vor der Fokus von Tomb Raider liegt.