Nach Petitionen wurde verlangt, Aussagen wie „total irrelevant“ und „geht gar nicht, die Stimme“ gingen durch die Kommentare. Ein kurzes Video von knapp vier Minuten. „Nora Tschirner spricht Lara Croft“, konnte man lesen. Die Katze war aus dem Sack: Nach dem Disney-Film Merida würde die deutsche Schauspielerin nun auch für Tomb Raider vor dem Mikrofon stehen.

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Viel war in den knapp vier Minuten nicht von ihrer neuen Rolle zu hören. Ein paar Schreie, drei, vier Sätze – viel zu wenig, um sich ernsthaft ein Urteil darüber erlauben zu können. Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Der vom Reizthema „deutsche Synchronisation“ ausgelöste Beißreflex englischkundiger Videospieler hat sich längst in sein Opfer gebohrt.

Tomb Raider - Nora Tschirner als Lara Croft

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Was denkt man als verantwortlicher Sprecher, wenn das Internet bereits lange vor der Veröffentlichung des mit Herzblut produzierten Spiels seine hässliche Fratze zeigt und die eigene Arbeit vorschnell diskreditiert wird? Warum macht es trotzdem Spaß? Nicht nur darauf hatte Nora Tschirner in unserem Interview eine schlagfertige Antwort parat.

gamona: Neben verschiedenen Filmrollen, deiner Band „Prag“, der Synchronrolle für Merida im gleichnamigen Disney-Animationsfilm und anderen Projekten stehst du jetzt auch noch für Tomb Raider vor dem Mikrofon. Hat die Arbeit als Lara Croft bei dem Stress schon fast etwas Erholsames?

Nora: Vom Ablauf her schon, ja. Du kommst gegen 10 Uhr dort an und arbeitest deine acht Stunden. Ein Drehtag dauert normalerweise viel länger – schon deshalb ist es natürlich weniger anstrengend, zumal die tägliche Routine es auch einfacher macht. Vom Aufwand her ist es aber genauso intensiv wie ein Dreh.

Tomb Raider - "Hey, wir könnten gute Freunde werden!" Nora Tschirner ist die neue Lara Croft

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Berliner Schnauze trifft Berliner Plauze. Oder so ähnlich.
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gamona: Vom körperlichen Aspekt her nehmen sich Synchronarbeiten und normale Drehs vermutlich ebenfalls nicht viel. Lara stöhnt, schreit, lacht – die ganze Emotionspalette eben. Hast du dich während der Aufnahmen selbst viel bewegt, um aus der Puste zu sein?

Nora: Ja, total. Ich springe extrem viel im Studio herum und bin die ganze Zeit am Auf-der-Stelle-Rennen, um die Atmung anzukurbeln. Es ist also schon ziemlich körperlich und intensiv, aber deshalb macht's auch so viel Spaß.

gamona: War das eine der Parallelen zum Merida-Dreh? Ist eine Synchro letzten Endes doch immer eine Synchro, oder inwiefern unterscheidet sich die Arbeit vor dem Mikro für Film und Spiel?

Packshot zu Tomb RaiderTomb RaiderErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Nora: Das macht eigentlich nicht so einen großen Unterschied, der liegt eher in den Charakteren begründet. Merida und Lara sind sich aber gar nicht mal so unähnlich; Merida ist auch so ein ziemlich mutiger Wildfangtyp. Der Vorgang an sich ist aber ziemlich identisch, bis auf die einzelnen Spielszenen, die man unabhängig voneinander dreht. Du hast also nicht nur zusammenhängende Sätze, die du einsprechen musst.

Subjektive Wackelkameras und der Fortschritt der Spielebranche

gamona: Wie viel Nora hat es denn letzten Endes in Lara geschafft? Hast du bewusst versucht, ein paar Kleinigkeiten im Vergleich zum Original abzuändern, oder Nuancen verschoben?

Nora: Nee, bis auf zwei-, dreimal eigentlich nicht. Ich finde das Original ziemlich gelungen und will daraus keine Nora-Tschirner-Show machen. Die Stimme soll der Person dienlich sein und keine Reibungsfläche schaffen. Lara Croft ist immerhin ein sehr bekannter Charakter, da soll die Stimme nicht auffallen, sondern passen. Deshalb wollte ich immer so nah wie möglich an das Original herankommen.

gamona: Das Original trifft man aber nicht einfach so. Hast du ein paar alte Spiele angespielt, dich in die Materie eingelesen oder andere Vorbereitungen getroffen, um dich auf die Rolle vorzubereiten?

Nora: Eigentlich nicht, weil das meiner Meinung nach nur Sachen sind, die dir im Studio im Endeffekt überhaupt nicht helfen. Das lenkt alles eher ab und führt dazu, dass du am Schluss dastehst und totale Angst hast, weil du es allen recht machen willst. Das Wichtigste ist, dass ich in dem Moment sehr konzentriert auf die Originalstimme reagiere, weil diese bereits alle Informationen enthält, die Autoren, Regie und so weiter ausdrücken wollen. Wir haben natürlich auch noch eigene Regieanweisungen, aber im Grunde versuche ich, diese Eigenheiten aus dem Original herauszufiltern.

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"Die Stimme soll nicht auffallen, sondern einfach passen."
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gamona: Wie bist du letztlich zur Rolle gekommen? Hat eines Tages einfach das Telefon geklingelt?

Nora: Ich wurde angerufen und gefragt, ob ich Interesse an einem Casting hätte, was dann alles andere als leicht war. Das Vorsprechen selbst lief anonymisiert ab, die Entscheider wussten also nicht, wessen Stimme sie gerade hören.

Lust hatte ich aber schon nach dem ersten Trailer und als ich wusste, in welche Richtung die Story gehen soll bzw. was sie mit Lara vorhaben.

gamona: Wusstest du also schon vor dem Angebot vom neuen Tomb Raider?

Nora: Na ja, ich kannte natürlich Lara Croft und hatte vom neuen Projekt gehört, aber ich habe die Spiele nicht gespielt und auch das neue Tomb Raider bislang nicht durchspielen können – das wird aber bald passieren, wenn ich endlich mal eine Version bekomme. (lacht)

Wir gehen aber eh total zurück in der Geschichte, insofern war das alles gar nicht so wichtig. Es ist ja eher kontraproduktiv, wenn du weißt, wo du in zehn Jahren hinkommen willst – das bringt dir in dem Moment ja nichts. Den Charakter interessiert nur die momentane Situation.

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Nora mit Lara, Raider ohne Twix.
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gamona: Das klingt ja nicht so, als würdest du dich selbst als besonders videospielaffin bezeichnen. Hast du auch fernab von Tetris mal zum Controller gegriffen?

Nora: Nee, aber ich bin ja auch nicht Kindergärtnerin, Fußballerin oder irgendetwas anderes, das ich schon mal verkörpert habe. (lacht) Aber es stimmt schon: Ein Gamer bin ich nicht. Das liegt eher an den vor einigen Jahren eingeführten Subjektiv-Wackelkameras. Mittlerweile scheint das wieder besser geworden zu sein, aber früher konnte ich das nicht spielen, da wurde mir schlecht. Vor ungefähr zehn Jahren hatte ich noch drei Konsolen zu Hause und dachte von einigen Sachen: „Hey, wir könnten gute Freunde werden“, aber dann habe ich aufgegeben. Ging einfach nicht.

gamona: Du sagst ja, dass sich die Perspektivengeschichte gebessert hätte. Bist du jetzt wieder ein bisschen auf den Geschmack gekommen?

Nora: Also Tomb Raider werde ich auf jeden Fall durchspielen, da habe ich echt richtig Lust drauf. Gerade eben durfte ich mal wieder für fünf Minuten an die Konsole und da fiel's mir schon wirklich schwer, wieder aufzuhören. Aber ich hab schon Bock. In den letzten Jahren hat sich offenbar so viel getan bei der Grafik, dem Storytelling und so – das ist schon echt cool.

„Ich liebe das perfide Genie hinter Portal!“

gamona: Hattest du vorher trotzdem ein bisschen Schiss vor der Rolle bzw. den Reaktionen der Medien? So nach dem Motto: „Oh je, die Nora macht jetzt Videospiele – da geht’s wohl bergab.“

Nora: Also ganz ehrlich: Wenn ich mich danach richten würde, könnte ich gar nix mehr machen. Jetzt hab ich 'ne Band – das ist das Schlimmste, was du als Schauspielerin machen kannst -, dann wurde gemeckert bei Zweiohrküken, weil's ein zweiter Teil ist und die ja sowieso immer scheiße sind - trotzdem war der Film super erfolgreich. Danach kann ich mich also nicht richten. Natürlich kriegt man das mit, aber es beeinflusst nicht meine Entscheidung, weil ich da einfach Bock drauf habe.

Worüber ich mich aber schon einige Zeit mit den Machern im Vorfeld unterhalten habe, war die Frage, ob diese Idee gut ist, jemanden zu nehmen, der relativ bekannt ist. Das kann ja auch irritieren, wenn jemand spielt und die Persönlichkeit der Stimme heftig auf den Charakter der Figur knallt. Ich wollte mich da von Anfang an total zurücknehmen, die Verantwortlichen meinten aber auch, dass sie meine Stimme schließlich gehört hätten und total passend finden. Als ich dann die ersten fertigen Aufnahmen gesehen und gehört habe, war ich auch beruhigt, aber vorher ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf.

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"Wir haben uns alle Mühe gegeben und sind mit dem Ergebnis zufrieden."
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gamona: Aber nicht nur die Presse kann sich abfällig äußern: Wie stehst du dem Teil der Spieler gegenüber, die sich über deine Synchronarbeit mokieren?

Nora: Also erst mal ist es übrigens generell eine typisch deutsche Eigenheit, dass man sich gerne mal über etwas mokiert. (zwinkert) Ernsthaft: Ich fange an, es ernst zu nehmen, wenn das Spiel veröffentlicht wurde, aber viel mehr auch nicht. Wir haben uns alle Mühe gegeben und sind mit dem Ergebnis zufrieden – was sollen wir noch tun? Und dieses Gemeckere, weit bevor etwas herauskommt, finde ich immer ein bisschen schwierig.

Jeder soll es erst mal spielen und wenn er dann auf das Original wechselt, verstehe ich das total – ich gucke amerikanische Serien auch auf Englisch. Bei animierten Figuren ist es zwar ein bisschen anders – immerhin handelt es sich nicht um echte Schauspieler –, aber ich habe dafür vollstes Verständnis. Für alle anderen haben wir meiner Meinung nach eine echt gute deutsche Alternative produziert.

gamona: Also können wir demnächst einen deutschen Tomb-Raider-Film mit dir in der Hauptrolle sehen?

Nora: Also einer deutschen Verfilmung würde ich schon mal direkt absagen. (lacht) Es ist zwar ein bisschen gemein formuliert, aber Deutschland ist einfach noch (!) nicht besonders stark im Genrebereich. Prinzipiell hätte ich allerdings schon Bock auf 'nen coolen Actionfilm. Es muss ja nicht unbedingt Lara Croft sein, wir gleichen uns ja auch nicht unbedingt wie ein Ei dem anderen, aber grundsätzlich ist die Figur total super, nur rechne ich nicht minütlich mit der Anfrage.

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Wir sind nicht sicher, was Nora mit dieser Geste sagen will, aber Gregor denkt sich seinen Teil.
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gamona: Die obligatorische Frage zum Schluss: Was ist dein Lieblingsspiel? Und jetzt sag nicht Tomb Raider!

Nora:: Was mir ist vor kurzem aufgefallen ist: Ohne, dass ich es je gespielt habe, finde ich Portal mit seiner abstrusen Geschichte genial. Dieses absurde Ende und der grandiose Schlusssong sind einfach super.

gamona: Das dürfte aber schwierig für dich werden, immerhin ist Portal im weitesten Sinne auch ein Ego-Shooter.

Nora: Klar, aber irgendwie muss das gehen, vielleicht auf 'nem kleinen Monitor oder so. Ich will's einfach einmal durchspielen, weil ich die Story dahinter mit der Wendung so phänomenal gut finde – das ist eine der besten Sachen, die ich je gehört habe. Deshalb ist Portal mein Lieblingsspiel, einfach wegen dieses perfiden Genies dahinter. (lacht)

Ansonsten muss man aber natürlich sagen: Einmal Tetris, immer Tetris.

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