Etwas mehr als zweieinhalb Jahre und genauso viele Verschiebungen, außerdem jede Menge Fragezeichen, wo längst Gewissheit herrschen sollte. Noch vor der Veröffentlichung hat The Division bereits eine bewegtere Geschichte als andere Spiele jemals haben werden. Es gab also mehr als genug Gründe für Ubisoft, eine Redakteursmeute nach Schweden, genauer: Malmö zu karren, um endlich klar Schiff zu machen.

Das Licht brennt noch, als wir uns am späten Abend auf einen Absacker treffen. Ein langer Tag und fünf Stunden The Division liegen hinter, eine kaum minder ausführliche Redakteursdiskussion über das eben Erlebte noch vor uns. Auf die Empfehlung einiger Entwickler hin besuchen wir ein rustikales Steakhouse im schwedischen Malmö — und müssen schwer grinsen, als wir auf der anderen Straßenseite das kaum zu übersehende Massive-Bürogebäude entdecken.

Über den Daumen gepeilt rund 300 Mitarbeiter werkeln dort aktuell an der Fertigstellung des Shooters, gefühlt die Hälfte von ihnen sitzt der Beleuchtung nach zu urteilen noch am Arbeitsplatz, als wir längst an unserem zweiten Feierabendbier nippen. Sie befinden sich in der sogenannten Crunchtime: den letzten Wochen vor der Veröffentlichung; die letzte Chance, Fehler zu beseitigen.

Kein Wunder, dass sie Überstunden schrubben.

Eierlegende Wollmilchsau

Nicht, weil ihr Baby ein löchriger Flickenteppich oder gar völlig unspielbar wäre, sondern vor allem deshalb, weil sie sich hiermit einiges vorgenommen haben. Genauer: ein „Online-Open-World-Rollenspiel“, wie es Ubisoft am liebsten hört. Keine schlechte Umschreibung für ein sonst nur schwer zu fassendes Gebilde verschiedenster Versatzstücke, und doch fehlt der entscheidendste wie offensichtlichste Begriff: Shooter. So ungern es der französische Publisher hören will und so gut ich das nachvollziehen kann, wird es sich The Division – trotz aller Einzigartigkeit – doch zuvorderst in dieser Schublade gemütlich machen müssen.

The Division - Endzeitstimmung

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New York wurde popkulturell zwar bereits dutzendfach verwurstet, doch dieses virtuelle Abbild ist atmosphärisch besonders dicht gewebt.
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Gar nicht mal zu Unrecht, ist der Deckungsshooter hinter den wohlfeilen PR-Vokabeln doch das grundlegende Fundament, auf dem alle weiteren Elemente fußen – und glücklicherweise ist es obendrein ein sehr solides. Idealerweise in einem Team mit zwei guten Freunden zieht ihr durch die von Anarchie gezeichneten New Yorker Straßenzüge und erkennt dabei womöglich mehr als nur eine Kreuzung wieder, wenn ihr privat schon einmal durch Manhattan gezogen seid. Oder vielmehr erkennt ihr das, was von der Metropole übrig geblieben ist: Nach dem Ausbruch eines tödlichen Virus gilt nach Jahren der Zivilisation wieder das Recht des Stärkeren. Geschäfte wurden geplündert, Banden gegründet, Unschuldige getötet.

Packshot zu Tom Clancy's The DivisionTom Clancy's The DivisionErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 25,05€

Ganz gezielt wollen Massive ein Gefühl der Beklemmung beschwören; „Fuck, so ähnlich könnte das vielleicht wirklich ablaufen“ sind Gedanken, die beim Spielen äußerst nahe liegen. Aus gutem Grund, basiert der inhaltliche Kern von The Division doch auf der Bioterrorismus-Simulation „Dark Winter“ aus dem Jahr 2001, die sich mit den Folgen eines biologischen Anschlags befasste – und zu beunruhigenden Antworten kam. Aus diesen „Im Ernstfall wären wir ziemlich aufgeschmissen“ -Schlüssen wird hier, nun, „Realität“.

Zumindest kommt euch das Chaos auf den New Yorker Straßen spielerisch zugute, da ihr alle naslang hinter Autowracks und dergleichen vor feindlichen Kugeln Reißaus nehmen könnt und müsst, wenn euch euer Leben lieb ist. Selbst computergesteuerte Feinde – die ihr den Großteil der Zeit aus den Latschen pustet – schenken euch nichts, ganz im Gegenteil. Gezielt versuchen sie euch zu flankieren, werfen außerdem regelmäßig Granaten, um euch aus der Deckung zu zwingen und tun überhaupt alles dafür, dass ihr keine ruhige Minute habt. Deshalb sind die Kerls noch keineswegs die hellsten Kerzen auf der Videospieltorte, auch bleiben sie ihrer Natur nach lediglich Kanonenfutter, das ihr im Dutzend niedermäht. Trotzdem trägt der taktische Ansatz hinter The Division erst deshalb Früchte, weil ihnen das aggressive Vorgehen konsequent in die vermummten Rüben eingepflanzt wurde. Ohne präzise Absprachen und cleveres Stellungsspiel werdet ihr auf den höheren Schwierigkeitsgraden kaum einen Stich sehen, ohne aufeinander abgestimmte Charaktere ebenso wenig.

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Kein müder Konsolenport, sondern separat optimiert soll die PC-Version werden. Ganz so imposant wie zur Ankündigung wird The Division allerdings auch hier nicht aussehen.
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Wo euch andere Spiele aus vorgefertigten Klassen wählen lassen, nehmen euch Massive diese Arbeit nicht ab, lassen euch stattdessen in tiefen Menüs nach der optimalen Zusammensetzung eures Widerständlers wühlen. Idealerweise in Abstimmung mit euren beiden Kollegen, denn eine sinnvolle Ergänzung der zahlreichen Waffen, Mods, Perks, Fähigkeiten und whatnot kann im Stellungskampf schnell den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Genauso viel Konjunktiv wie Potential: The Division ist ein beeindruckend ehrgeiziges Spiel mit hohen Ansprüchen, für deren Umsetzung allerdings nicht mehr viel Zeit bleibt.Ausblick lesen

Immer feste druff

In der Konsequenz ist das hier ein sympathischer Hybrid aus schneller Deckungsshooter-Action und notwendigem Taktieren – der deshalb aber noch nicht frei von Fehlern ist. Ein bisschen zu beliebig fühlt sich etwa das Draufhalten an; selbst eine saftige Schrotladung aus nächster Nähe bringt Gegner nicht ins Straucheln und überhaupt ist das hier mit dem Trefferfeedback so eine Sache. Die antizipierte Reaktion nach dem Betätigen einer Waffe zu beschreiben, verhält sich zu Redakteuren gemeinhin wie Weihwasser zu Vampiren oder Argumente zu Pegida-Demonstranten, weshalb ich es an dieser Stelle stattdessen mit einem Vergleich zum ohnehin sehr ähnlich gelagerten Destiny versuche.

Bungie könnte die grafische Darstellung der Knarren getrost deaktivieren, Spieler quasi auf einem Auge erblinden lassen, und diese wüssten dennoch jederzeit, mit welchem Schießeisen sie gerade durch die Weltgeschichte stapfen. Jede Waffe klingt anders, reagiert anders. Oder in Ermangelung eines treffenderen Wortes: fühlt sich anders an. Nun wird bei The Division niemand ein Scharfschützengewehr mit einer Schrotflinte verwechseln, aber alles dazwischen ist auf den ersten und zweiten Blick nur schwer zu unterscheiden.

Tom Clancy's The Division - E3 2015 Dark Zone Multiplayer Trailer18 weitere Videos

Umso mehr, als dass ihr es ausschließlich mit Kugelschwämmen zu tun bekommt. Im verwüsteten New York reißt niemand nach zwei Treffern die Füße hoch. Hängt eher noch mal eine Null hinten ran und ihr habt in etwa ein Bild davon, wie der Hase läuft. Das ist per se keine schlechte Sache, führt aber unweigerlich zu einer partiellen Entwertung der Ballermänner. Gerade die „Bosse“ zum Ende vieler Missionen halten dermaßen viel aus, dass ihr selbst anhand ihrer Energieleiste nicht sofort erkennt, ob ihr überhaupt getroffen, ergo Schaden verursacht habt.

Looten und leveln

Und ausgerechnet diese Kerle stellen sich gefühlt jede halbe Stunde in euren Weg, denn zumindest während der knapp fünfstündigen Anspielmöglichkeit lief beinahe jede Mission nach Schema F ab, das im Wesentlichen aus Levelschläuchen, Gegnerwellen und einem Boss besteht. Trotz der grundlegend offenen Welt gibt es nur wenig Möglichkeiten, einen anderen Weg einzuschlagen, und auch Aufgaben abseits von „Schießt alles über den Haufen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist“ sind eher die Regel als die Ausnahme.

Zumindest während der ersten Schritte in einer Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist. An diesem gordischen Knoten einer jeden Vorschau kommen wir auch diesmal nicht vorbei: Was soll ich euch mit viereinhalb Stunden auf der Uhr über ein Spiel sagen, das euch gut und gern zehn-, zwölf- oder meinethalben auch 20 mal so lang bei der Stange halten kann? Mehr als vage Wegweiser können dabei kaum herauskommen: mal konkretere wie beim Waffengefühl, mal gröbere wie dem Aufbau der Missionen – oder dem Rollenspiel, das obendrein noch in The Division steckt.

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Laut Massive sollen selbst Nebenmission im Kontext der Rahmenhandlung Sinn ergeben und die zerrüttete Stadt, etwa durch die Wiederherstellung der Wasser- und Stromversorgung, wieder ein Stück voranbringen.
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Es ist mehr als nur schnöde Staffage, zumindest dahingehend brachte der Trip nach Malmö Gewissheit. Mehr als genug Fähigkeiten und Freischaltbares haben Massive auf 30 Level aufgeteilt und keines davon wird euch geschenkt. Grob über den Daumen gepeilt drei Stunden haben wir für einen Stufenaufstieg gebraucht, in dieser Zeit zudem reichlich Ausrüstungsmaterial gefunden und miteinander verglichen. Welche Rüstung bringt welche Boni, welche Handschuhe sind besonders stark gepanzert – ihr kennt das Spiel. Destiny nicht ganz unähnlich soll euch vor allem diese Looten-und-leveln-Spirale langfristig am Ball halten und letztlich auch in die Dark Zone führen: einem gesonderten Bereich, in dem ihr auf andere menschliche Mitspieler trefft und der genauso gesetzlos ist wie die Stadt, in der er liegt.

Nur dort könnt ihr besonders wertvolle Güter bergen und Mitspieler buchstäblich Feuer unterm Hintern machen – oder aber mit ihnen kollaborieren. Es gibt keine Regeln, nur ein latentes Misstrauen, das über allem liegt. Ist der Typ da auf der anderen Straßenseite ein potentieller Verbündeter oder jagt er euch bei der erstbesten Gelegenheit ein Messer in den Rücken? Ihr seid nie auf der sicheren Seite, immer angespannt – insofern sich die Zahl der ADHS-Schreihälse auf den Servern in Grenzen halten und die Dark Zone später nicht als Einladung zum Frustabbau missbraucht wird. Ein Online-Spiel ist immer nur so fair wie seine Community – The Division bildet da keine Ausnahme.

Ende Januar wird die geschlossene Beta erste Antworten liefern, in vielerlei Hinsicht, und den Zeitplan von Massive nicht gerade entschlacken. Einen Großteil des Weges haben die Schweden bereits hinter sich gebracht, doch die vielleicht wichtigsten Schritte liegen noch vor ihnen.

Das Licht brennt noch.