Ich erinnere mich mit ein bisschen Wehmut an meinen ersten Ausflug in die Dark Zone. Damals war ich noch ein Level-15-Jungspund und ein wenig ängstlich. Ahnungslos streifte ich durch die ersten beiden Bereiche, erledigte einige Banditen und wollte dann im Abholbereich von Zone 2 meine Beute per Hubschrauber ausfliegen lassen. Doch bereits kurz nach dem Abschuss des Leuchtsignals tauchten Computergegner auf. Ich versuchte mein Bestes und erhielt Unterstützung von einem fremden Spieler.

Gemeinsam schlugen wir die Angreifer in die Flucht, nur um dann Opfer eines feigen Hinterhalts zu werden. Zwei andere Spieler nutzten die Gunst der Stunde und fertigten uns beide mit Schüssen in den Rücken ab. Aber nicht mit mir! Kaum wieder auf den Beinen, sprintete ich – mit neuer Munition und zusätzlichen Medi-Packs im Gepäck – zurück zum Tatort und stellte dort die Angreifer. Die hatten nämlich einen Fehler begangen: sich mit einem höherstufigen Gegner angelegt. Kurz nachdem die ersten Kugeln mein Scharfschützengewehr verließen, hörte ich nur den Funk meiner neuen Erzfeinde: „Oh no, it's the guy we killed before. He came back to f*** us up!“. Ich grinste und dachte mir: „Aber sowas von!“.

Tom Clancy's The Division - Grindingfieber in der Großstadt

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Gegner agieren vergleichsweise clever und wechseln immer wieder die Position. Allerdings strecken sie auch häufig die Köpfe raus, was Trefferchancen ermöglicht.
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In den folgenden zehn Minuten wechselten wir uns ab, und am Ende hatte niemand etwas davon. Wir sind alle mehrfach draufgegangen, haben Geld, Erfahrungspunkte und Beute verloren. Aber es war ein Mordsspaß! Genau diese Momente machen Tom Clancy's The Division einzigartig. Bei mir bleiben nicht etwa das langweilige Missionsdesign, die tote Spielwelt oder gar der zerfaserte Plot im Kopf. Nein, The Division schreibt seine eigenen Geschichten und schenkt solche bis dato nur aus DayZ oder ARK: Survival Evolved bekannte Augenblicke auch dem Mainstream-Gamer.

Packshot zu Tom Clancy's The DivisionTom Clancy's The DivisionErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 38,91€

Auf der Suche nach Loot

Allerdings startet The Division vergleichsweise genügsam. Der Charaktereditor ist viel zu schwach auf der Brust und erlaubt lediglich den Bau vorgefertigter Division-Agenten mit einer Handvoll Gesichtern, Frisuren und Accessoires wie Piercings oder Sonnenbrillen. Da sind wir aus dem Rollenspiel-Genre mit Fallout 4 deutlich mehr gewohnt. Doch nachdem ich mich damit abgefunden habe, genau wie jeder andere auszusehen, gebe ich mich ganz der Grind-Mühle hin.

In der ersten Spielstunde kämpfe ich noch in der Tutorial-Instanz Brooklyns, ehe mich das Spiel via Helikopter nach Manhattan schifft. Doch verbrachte ich bis zum Schreiben dieses Artikels bereits über 40 Stunden – und habe auch vor, noch ein paar Tage und Wochen dranzuhängen. Denn es gibt noch so viele Aufgaben und so viel Beute, die auf mich warten.

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Meist kämpft ihr gegen menschliche Widersacher. Dieser Zwischenboss besitzt eine durch weiße Rechtecke dargestellte Panzerung, die ihr zunächst durchbrechen müsst.
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Es brauchte allerdings seine Zeit, ehe ich mich im New York wirklich heimisch gefühlt habe. Der Anfang gestaltet sich recht simpel: New York wurde vom Dollarvirus heimgesucht. Der tödliche Pockenerreger hat sich binnen weniger Tage im Big Apple verbreitet und die öffentliche Ordnung zerstört. Also müssen die Spezialisten der Division ran und wieder für Frieden sorgen. The Division teilt die Erzählschwächen vieler MMO-Spiele: Es besitzt zwar durchaus einen roten Faden, verpasst aber die Chance, seine Geschichte halbwegs geradlinig zu erzählen. Durch die Freiheiten wirkt der Plot zerfasert und die ohnehin schon platten Charaktere der Storymissionen verkommen zu Abziehbildern. Um es ganz klar zu sagen: Ich habe keine Minute von The Division wegen der Geschichte gespielt.

Zwischen Grinding-Mühle und Spaßgranate: Looten und Leveln in Reinkultur!Fazit lesen

Das Setting hat mich hingegen direkt in seinen Bann gezogen. Das verwüstete New York nach der Pandemie verströmt eine starke Anziehungskraft. So schön die offene Spielwelt mit ihren dynamischen Wetter- und Tag-Nacht aber auch sein mag, so ändert das aber nichts daran, dass das virtuelle New York kalt und vorberechnet wirkt. Ständig begegnen mir die gleichen Passanten, die sich entweder streiten oder meinen Avatar anbetteln. Dazu stört die mangelhafte Interaktivität die Spielerfahrung: Ich darf nur vorgegebene Schränke und Kisten öffnen, Deckungsmöglichkeiten sind nicht zerstörbar. Nur Glasscheiben zersplittern gelegentlich. So ist The Division – ähnlich wie Ubisoft-Kollege Far Cry Primal – ein hübsch anzusehender Schaukasten, in dem die Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung allerdings vergleichsweise eingeschränkt sind.

Mit der AK durch Manhattan

Meine zentrale Anlaufstelle in New York ist die Operationsbasis der Division-Spezialeinheit. Diese fungiert als Rückzugsort, zeigt aber gleichzeitig meinen Fortschritt, bevor das Endgame nach dem Maximallevel 30 einsetzt. Drei Flügel – Technik, Sicherheit und Medizin – müssen mit jeweils zehn Upgrades ausgebaut werden, die wiederum neue Funktionen innerhalb der Basis, aber auch aktive Fertigkeiten und Talente für meinen Avatar freischalten.

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Die Geschichte rund um den Ursprung des Dollarvirus wird vergleichsweise langweilig erzählt. Sergeant Benitez und Kommandeurin Faye Lau besitzen keinerlei Profil.
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Die dafür notwendigen Ausbaupunkte ergattere ich entweder in den Story-Einsätzen oder speziell markierten Kämpfen. Das System ist also simpel, sorgt aber dafür, dass ich die Operationsbasis immer wieder besuche und verbessere. Zu den Fertigkeiten gehört beispielsweise eine Heilstation, eine zielsuchende Mine oder auch ein Minigeschütz. Sämtliche Gerätschaften kann ich auch mit Modifikationen aufrüsten und so an meinen Spielstil anpassen. Gleiches gilt im Übrigen für Waffen und Ausrüstungsgegenstände. Diese sind natürlich in fünf Qualitätsstufen unterteilt und besitzen – abhängig von ihrer Seltenheit – Mod-Slots. Sturmgewehre etwa bieten Platz für Magazine, Visiere oder einen alternativen Lauf.

Besonders hochwertige Knarren verfügen sogar über spezielle Eigenschaften, die wiederum an die Hauptattribute meines Spielcharakters gekoppelt sind. Ich weiß inzwischen gar nicht mehr, wie viele Stunden ich schon auf Prozentzahlen geschielt und Vor- und Nachteile abgewogen habe. The Division verbindet jedenfalls Basis- und Charakteraufbau sehr gut miteinander und wirft schnell das Grinding-Karussell an. Die Motivation entsteht hier durch das stete Aufleveln und Verbessern der eigenen Spielfigur. Allerdings hätten Ubisoft und Massive Entertainment in zusätzliche Erklärtexte oder Tutorialmissionen investieren sollen. Viele Spielelemente – beispielsweise die Funktion von Phönix-Dollars im Endgame – hätten besser erklärt werden müssen.

Gemeinsam ist man weniger allein

Spielerisch entpuppt sich The Division als grundsolider Deckungsshooter mit starker Mehrspielerkomponente. Midtown Manhattan wurde zu diesem Zweck in über ein Dutzend Bezirke unterteilt. Diese Areale sind für den Koop gedacht: Ich suche mir also in sogenannten Safehouses Mitstreiter und wir gehen in Vier-Mann-Teams auf die Jagd nach Cleanern, Rikers und Plünderern. Will ich Storymissionen angehen, kann ich mir Teammitglieder direkt vor dem Eingang der Instanz suchen.

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In Safehouses ladet ihr eure Ressourcen wieder auf, besorgt euch neue Aufträge oder sucht euch neue Gruppenmitglieder.
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Zwar ist es möglich, die Einsätze auch alleine zu meistern, doch dann verpasse ich die Gruppendynamik und die taktischen Möglichkeiten des Spiels. Denn die Fertigkeiten der Charaktere bauen aufeinander auf. Noch dazu kann ich meinen Kollegen wieder auf die Beine helfen oder ihnen Deckung geben. Die Missionen sind – bis auf wenige Ausnahmen wie etwa die Virusforschung – sehr actionlastig und lassen mich eine Gegnerwelle nach der anderen abwehren.

Berauschend abwechslungsreich spielt sich The Division nicht. Dafür funktioniert das an Splinter Cell: Blacklist erinnernde Deckungssystem sehr gut. Direkte Attacken zahlen sich nämlich nicht aus. Wer kopflos angreift, den bestraft The Division gnadenlos. Das Spiel steht dem RPG- näher als dem Shooter-Genre. Gegner besitzen also eine bestimmte Menge an Trefferpunkten. Kopfschüsse richten zwar mehr Schaden an, erledigen aber Widersacher nicht automatisch. Entsprechend fressen gerade die Endgegner Unmengen von Kugeln, ehe sie das Zeitliche segnen. Das kann – gerade bei Einzelspielern in der Dark Zone – für Frust sorgen.

The Division fordert mit seinem gehobenen Schwierigkeitsgrad. Wenn meine Spielfigur zwei Level unter der angegebenen Empfehlung liegt, wird es knackig schwer. Wage ich mich mit einem schwachbrüstigen Charakter gar in die Level-30-Regionen im Osten, komme ich mit einem Satz roter Ohren wieder raus. Ganz egal, wie clever ich agiere, ich scheitere, weil mein Avatar nicht genug Schaden anrichtet.

Lust und Frust in der Dark Zone

Die bereits angesprochene Dark Zone ist dagegen die Versus-Spielwiese von The Division. Hier finde ich die beste Beute, muss mich aber vor hochstufigen KI-Ganoven und marodierenden Spielern in Acht nehmen. Die Dark Zone erzeugt zweifellos einen riesigen Nervenkitzel, kann aber ebenso frustrierend sein. Gehe ich dort drauf, verliere ich wertvolle Dark-Zone-XP und -Credits. Im schlimmsten Fall werde ich sogar runtergestuft. Allerdings stellt mich die Dark Zone auch vor moralische Fragen: Greife ich andere Spieler an, weil sie mir Loot gestohlen haben? Oder erledige ich sie einfach nur zum Aufleveln? Derartig aggressiven Gedanken beugt The Division mit dem Abtrünnigensystem vor. Wer andere Spieler attackiert, wird als abtrünnig abgestempelt und ist damit als Gefahr markiert. Je aggressiver ich agiere, desto länger hält der Effekt an.

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Die Dark Zone und die Herausforderungsmissionen – also bekannte Einsätze mit besonders hohem Schwierigkeitsgrad – gehören zu den wichtigsten Elementen im Endgame und erfordern zwingend Teamwork. Auf lange Sicht bleibt abzuwarten, ob The Division auch mit seinen bereits angekündigten DLC-Erweiterungen langfristig glänzen kann. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls motiviert mich die Jagd nach goldenen Waffen und Ausrüstungsgegenständen noch sehr.