Zu behaupten, The Division sei ein Erfolg, wäre weit untertrieben. Der Shared-World-Shooter steht weltweit in den Charts ganz oben und hat sogar die Verkaufsrekorde von Destiny pulverisiert. Hunderttausende ballern und taktieren sich als hochgerüstete Agenten durch das gefallene New York City, um wieder für Ordnung zu sorgen. Aber tun sie das wirklich? Und wenn ja, mit welchem Recht? Mit etwas Abstand betrachtet ist das Treiben der Spieler in der verseuchten Metropole nämlich mehr als zweifelhaft. Es transportiert ein abscheuliches Bild von Menschenverachtung und eine gnadenlos totalitäre Ideologie. Die vermeintlichen Helden könnten die eigentliche Katastrophe der finsteren Dystopie sein.

Tom Clancy's The Division - Underground Trailer E3 201618 weitere Videos

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin von The Division leider nicht so gefesselt, wie es scheinbar abertausende andere sind – auch wenn ich es gerne wäre. Zu wenig konkrete Story bietet mir das Spiel. Zu kleinteilig, abstrakt und offenkundig mechanisch und damit anti-immersiv gestaltet sich für mich der Rollenspieleinschlag. Zu repetitiv und teilweise stumpf ist mir der Spielfluss. Es sind im Grunde die Dinge, die auch Destiny schon für mich vermiesten. Aber das sind hier keine Kritikpunkte. Nein, denn ich halte The Division für ein handwerklich gelungenes und teilweise überwältigendes Werk. Es ist beeindruckend, was Massive Entertainment hier für eine digitale Kulisse geschaffen hat – eine, die durchaus zeigt, wo die Zukunft der interaktiven Unterhaltung hingeht. Eben deswegen wollte ich mich trotzdem an The Division erfreuen. Wenn schon nicht als Spiel, dann als narrative Konstruktion und fiktionale Alternativwelt. Und die entpuppte sich nach und nach als düsterer, als ich es anfangs wahrhaben wollte.

Die Realität

Die Ausgangslage von The Division ist recht simpel. Am berühmten Black Friday, dem ersten verkaufsoffenen Tag nach Thanksgiving, wurde in New York City einen Viren-Anschlag durchgeführt. Übertragen wird die Seuche durch Geldscheine, weswegen sie kurzerhand „The Dollar Flu“ und „Green Poison“ betitelt wird. Die US-Regierung riegelt das Epizentrum Manhattan ab und stellt das Gebiet unter Quarantäne – fast wie's die Umbrella Corporation aus Resident Evil mit Raccoon City getan hat. Nach wenigen Tagen sind Infrastruktur, Versorgung und Gesellschaft auf der Insel zusammengebrochen. Es herrschen Chaos, Tod und Kriminalität.

The Division - Keine Helden, sondern Tötungsmaschinen: Spielen wir "die Bösen"?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 111/1141/114
Mit der Berufung auf den Ausnahmezustand und die Directive 51 rechtfertigt die Regierung in The Division das massenweise Erschießen von Bürgern im eigenen Land. Das dürfte in der Realität vor den US-Verfassungsgerichten durchaus ein Nachspiel haben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Um zu retten, was nach der verheerenden Pandemie von der Zivilisation noch übrig ist“, so die Prämisse, werden Schläfer-Agenten der Strategic Homeland Division aktiviert. „Gemeinsam mit anderen Division-Agenten besteht deine Aufgabe darin“, das schreibt zumindest Ubisoft, „die Ordnung wiederherzustellen.“ Alles nur ein Hirngespinst der Massive-Entwickler? Mehrheitlich ja, aber nicht ganz. Denn unter dem Namen Operation Dark Winter spielte das Johns Hopkins Center for Civilian Biodefense Strategies gemeinsam mit dem US-Militär im Juni 2001 die Möglichkeit eines derartigen Terrorangriffs durch.

In Oklahoma City ebenso wie weiteren neuralgischen Punkten, so das Szenario, würden gezielte Angriffe mit Krankheitserregern exerziert. Die Erkenntnisse des Planspiels waren katastrophal: Die USA verfügt weder über die Mittel noch Strukturen um massenweise Infizierte zu versorgen, noch die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zu gewährleisten. Abertausende würden sterben und der Rest binnen Tagen das Vertrauen in die Regierung verlieren. Aufstände und Anarchie würden ausbrechen. Die politische Führung wäre alsbald handlungsunfähig.

Packshot zu Tom Clancy's The DivisionTom Clancy's The DivisionErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 25,05€

Ein spätes Resultat dieser Erkenntnisse wie auch von 9/11 ist die National Security Presidential Directive 51 – oder kurz Directive 51 –, die George W. Bush verabschiedet hat. Ihr Zweck: Im Falle einer nationalen Katastrophe soll damit die Handlungsvollmacht des Präsidenten gesichert werden. Er könne den Notstand ausrufen und dann – ohne Vetorecht anderer Regierungsmitglieder oder des Kongresses – vom Militär über die Seuchenkontrolle, der Polizei bis zum Hausmeister der Staatsbibliothek alles direkt dirigieren. So zumindest der bekannte Teil des Papiers – denn größtenteils ist dieses bis heute geheim. Eben darauf beruft sich auch The Division mehrfach im Spielgeschehen. Denn wer weiß, ob nicht vielleicht auch Schläfer-Agenten oder geheime Eingreiftrupps darin erwähnt sind, wie tatsächlich einige Verschwörungstheoretiker munkeln.

The Division - Keine Helden, sondern Tötungsmaschinen: Spielen wir "die Bösen"?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 111/1141/114
Die sehen ja schon aus wie Wahnsinnige und Verbrecher! Nach dieser Maßgabe werden in The Division die potentiellen Gegner ausgemacht. Für ein Videospiel, das sich so stark auf ein authentisches Szenario beruft, ist das erschreckend.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zwiespalt

So authentisch und „cool“ die Verweise auf Dark Winter und die Directive 51 wirken, so zwiespältig sind sie. Denn die Directive 51 und der ausgerufene Ausnahmezustand bedeuten nicht weniger als die Außerkraftsetzung des demokratischen Systems und die – zumindest zeitweise – „Einschränkung“ der Grund- und Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten. Ziehen die Undercover-Agenten der Division los, „um zu retten, was noch übrig ist“, heißt das vor allem: Sie kämpfen darum, die totalitäre Macht des Präsidenten durchsetzen. Die Menschen? Sie sind dabei entbehrlich. Denn geht es vielleicht darum, Überlebende zu retten oder Hungernde mit Nahrungsmitteln zu versorgen?

Nein, es sollen auf eigentlich verlorenem Gelände Störenfriede eliminiert und gewohnte Hoheitsverhältnisse reetabliert werden: Die Regierbarkeit und Nutzbarkeit von New York soll wiederhergestellt werden und nicht der Schutz und die Versorgung der Bürger! Dafür haben die Agenten die sprichwörtliche Lizenz zum Töten. Sie müssen sich für nichts rechtfertigen. Sie können ihm Rahmen ihrer nebulösen Mission „die Ordnung wiederherzustellen“, schalten und walten, wie es ihnen richtig erscheint. Damit sind sie auch eine zutiefst faschistoide paramilitärische Installation, die ziemlich unrühmliche Verwandte in der europäischen Historie hat.

Die Idee der Division ist durchaus mit der Freischärler- oder auch Untergrundarmee der Nazi-Organisation Werwolf vergleichbar, die 1944 von Reichsführer-SS Heinrich Himmler gegründet wurde. Die sollte aus kleinen und teils zivilen Spezialkommandos bestehen, die nach dem absehbaren Einmarsch der Sowjet- und Westmächte auf besetztem Gebiet gezielte Sabotageakte und Angriffe durchführen sollten. Allerdings gingen lediglich einige Brandstiftungen, Überfälle und Morde an Deserteuren auf die Kappe der Werwölfe. Ähnlich gedacht war auch Gladio, eine einst in Italien ausgerufene Stay-Behind-Armee der NATO. Die sollte, wie auch Schwester-Abteilungen in ganz Europa, bei einem Überfall des Warschauer Paktes Guerilla-Operationen gegen die Angreifer aus dem Osten durchführen. Dafür wurden die geheimen Truppen auf geheimen Stützpunkten von geheimen Ausbildern trainiert, um im Falle eines Falles mit geheimen Waffen aus geheimen Depots geheime Gegenschläge einzuleiten. Stattdessen jedoch machten die Gladio-Trupps ab Ende der 1960er Jahre vor allem mit Bombenattentaten auf sich aufmerksam, die die kommunistische Partei Italiens zum Ziel hatten. Die führten zu ihrer Enttarnung und ihrem Verbot.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: