Rainbow Six Vegas gehört auch neun Jahre nach seiner Veröffentlichung noch zum erweiterten Kreis meiner Action-Lieblinge. Die Spielmechanik war perfekt auf die taktischen Gefechte angepasst und funktionierte höchst intuitiv. Der aktuelle Teil der Serie - Rainbow Six Siege - sollte eigentlich, ihr wisst das vermutlich, einen anderen Titel tragen: „Patriots“. Doch Ubisoft zog die Reißleine und das gesamte Projekt wurde von Grund auf neu konzipiert. Die Einzelspieler-Handlung wurde über Bord geworfen, im Mittelpunkt stehen eindeutig die Mehrspieler-Gefechte. Ob diese Rechnung aufgeht, sagt euch unser Test.

Rainbow Six Siege kommt mit insgesamt drei Modi daher: „Situationen“, „Terroristenjagd“ und „Mehrspielermodus“, der das Herz des Taktik-Shooters darstellt. Bevor ich darauf eingehe, ein paar Worte zu den beiden anderen Modi.

Die „Situationen“ sind das, was Ubisoft als Einzelspieler-Modus bezeichnet. Eine übergeordnete Story gibt es hier aber nicht, es handelt sich dabei vielmehr um zehn einzelne Missionen, in denen man die Eigenheiten der Operators (also der Spielfiguren) kennenlernt und sich mit den Spielmechaniken anfreundet. Ich lerne also, wie man mit den unterschiedlichen Gadgets von GSG9 oder Spetsnaz umzugehen hat, wie ich Terroristen mit Klettereinlagen überrasche, wie ich Wände aufsprenge, Bomben deaktiviere oder Geiseln befreie. Die Aufgaben eignen sich in erster Linie als Ausbildungslager, das mich auf den Mehrspielermodus vorbereitet - und um Ansehenspunkte zu verdienen.

Tom Clancy’s Rainbow Six Siege - Ziemlich fancy, Mr. Clancy!

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In Siege kommt es vor allem auf das Überraschungsmoment an: Schafft es die eine Seite, die andere auszutricksen?
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Den Modus zu spielen ist insofern eine gute Idee, weil ich mit diesen Erfahrungspunkten neue Operators aus aller Welt freischalte und das Waffen- und Gadget-Arsenal der Charaktere upgrade. Da man möglichst viele der Operators freigeschaltet haben will, wenn man in den Multiplayer geht (warum erfahrt ihr weiter unten), lohnt es sich, die zehn Missionen zu zocken, obwohl man sich vielleicht als erfahrener Gamer auch ohne das Training spielerisch gewappnet fühlt. Mehrfach wird man die „Situationen“ aber eher nicht zocken, weil die Abläufe jedes Mal identisch sind. Bis man die Level durchgespielt hat, vergehen aber locker ein paar Stunden.

Als zweite Alternative zum Mehrspielermodus gibt es noch die Terroristenjagd. Hier tritt man allein oder mit bis zu vier Mitspielern gegen KI-Feinde an. Auch diesen Spielmodus sollte man eher in die Rubrik „Ausprobieren“ verorten (um die Spieltypen des Mehrspielermodus kennenzulernen), oder wenn man mit seinen Kumpels mal unter sich bleiben will. Solange man keine ausgesprochene Allergie gegen Online-Matches hat, ist das aber letztlich ein relativ nutzloser Modus, der auf mich null Reiz ausübt. Mit einer Gruppe aus geübten Spielern stellen die Missionen kein Problem dar, als „Einsamer Wolf“ (also solo) kann man sich an den aggressiven Gegnern aber durchaus die Zähne ausbeißen und sollte viel Geduld mitbringen.

Packshot zu Tom Clancy’s Rainbow Six SiegeTom Clancy’s Rainbow Six SiegeErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 24,99€

Räuber & Gendarm

Im Mittelpunkt von Siege steht somit also ganz klar der Multiplayer-Modus, mit Spielvarianten wie Geiselrettung, Bomben entschärfen und ähnlichen Aufgabenstellungen - leider gibt es in diesem Punkt einen eklatanten Mangel an Variation und Masse. Nach relativ kurzer Zeit hat man bereits alle Spieltypen mehrfach gesehen. Gespielt wird jeweils in der Besetzung 5vs5, was eine gute Mannschaftsstärke darstellt, die sich auch für die wichtige Kommunikation unter den Spielern beherrschen lässt. Sprich: Es gibt kein großes Durcheinander, wenn man sich gegenseitig Kommandos oder Hinweise zuruft. Eines ist dabei klar: Am besten funktioniert Siege, wenn alle Spieler ein Headset verwenden und sich auf diese Weise taktische Details mitteilen können.

Wenn sich alle Spieler auf die taktischen Scharmützel einlassen, entsteht eine herrliche Räuber-und-Gendarm-Stimmung - insgesamt wäre aber mehr Inhalt wünschenswert gewesen.Fazit lesen

Grundsätzlich bestehen die knapp gehaltenen Runden aus zwei Spielteilen mit zwei divergierenden Aufgabenstellungen. Ein Team verteidigt (die Geisel oder Bombe), das andere versucht mit aggressiven Mitteln dagegen vorzugehen. Außerdem sind die Matches in Vorbereitungsphase (45 Sekunden) und Aktionsphase (vier Minuten) unterteilt, in denen gegensätzliche Aufgaben erledigt werden müssen.

Tom Clancy’s Rainbow Six Siege - Ziemlich fancy, Mr. Clancy!

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Verschanzen allein hilft nicht - man sollte auch einen Plan haben! Dabei ist es extrem wichtig, miteinander zu kommunizieren.
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In der Vorbereitungsphase bauen die Verteidiger ihre Stellung aus, verstärken Wände oder verbarrikadieren Türen und Fenster, stellen Störsender auf oder präparieren Sprengfallen und Geschütze. Dabei sollte jeder Spieler die individuellen Stärken seiner Figur kennen und nutzen. Ich hatte Spaß daran, immer mal wieder neue Charaktere mit ihren Fertigkeiten auszuprobieren - manche verschanzen sich lieber hinter einem MG, während andere ihre Mitspieler mit verstärkender Rüstung ausstatten oder sich als Fallenspezialisten betätigen. Ich mag die Vielseitigkeit der Operators und hatte nicht das Gefühl, dass es hier zu spielerischen Balanceproblemen kommt - höchstens dann, wenn ein Team mit Rekruten antreten muss, weil alle anderen Figuren schon belegt waren.

Während sich die Verteidiger verschanzen, kundschaften die Angreifer mit ferngesteuerten Drohnen das Areal aus, um die Position der Bomben oder Geiseln herauszufinden und Gegner zu markieren. Gelingt es ihnen nicht, innerhalb der 45 Sekunden alle Ziele zu entdecken, geraten sie in einen taktischen Nachteil, weil sie in der kurzen Einsatzzeit wertvolle Sekunden dafür aufbringen müssen - Zeit, die dringend für die Attacke benötigt wird. Da kann es durchaus zu Stresssituationen kommen, was die Spannung zusätzlich erhöht. Das Gute: Es gibt keine linearen Wege zum Erfolg! Ein großer Teil der Umgebung ist zerstörbar, Wände können weggesprengt oder weggeballert werden, eine hundertprozentig sichere Deckung gibt es (sowohl für Angreifer noch Verteidiger) nicht. Angreifer können beispielsweise durch die Decke oder Fenster brechen oder eine der vielen Türen nutzen.

Wer hier gut kommuniziert, um koordinierte gleichzeitige Attacken durchzuführen, ist mit Sicherheit im Vorteil und kann die Verwirrung nutzen, um die Widersacher auszuschalten. Allerdings muss man dabei immer die Umgebung im Auge behalten, weil aufmerksame Verteidiger nicht nur Metallsperren oder Sprengsätze aufstellen, sondern auch mithilfe von Sicherheitskameras die anrückenden Gegner beobachten können. Das ist unheimlich spannend, weil alle Spieler sehr vorsichtig herumpirschen. Das Geschehen scheint sich trotz des umbarmherzig herunterzählenden Countdowns in einer Art Zeitlupe abzuspielen: Manche liegen auf Feinde lauernd unter Tischen, Angreifer positionieren Sprengladungen an Wänden und versuchen dabei nicht aufzufallen - klasse. Die extreme Vorsicht, mit der (fast) alle agieren erklärt sich auch daraus, dass jeder Treffer das Aus für diese Runde bedeuten kann: Zwar ist es gelegentlich möglich, Kameraden wiederzubeleben, bei Kopftreffern, Sprengladungen oder anderen kapitalen Schadensfällen wird man aber auf die Auswechselbank verbannt und kann höchstens noch Hinweise aus der Beobachterperspektive an sein Team weitergeben.

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Um wirklich spannende Gefechte zu erleben, ist es aber notwendig, dass sich alle Mitspieler auf das taktische Geplänkel einlassen und die Spielregeln einhalten - aber dann entsteht eine herrliche Räuber & Gendarm-Atmosphäre. Wie gesagt, ist es eigentlich zum einen unerlässlich, dass man Headsets benutzt, um sich abzusprechen. Zum anderen kann bereits EIN Rambo-Gamer die besten Pläne über den Haufen werfen. Der ballert etwa wild um sich, nietet Kameraden um oder exekutiert absichtlich die Geisel, und schon ist der Spaß futsch. Daher ist es von Vorteil, wenn man eine feste Gruppe von Mitspielern hat und mit ihnen einen Einsatztrupp bildet, der eingespielt zusammenbleibt.

Ach ja: Neben den Ansehenspunkten hat Ubisoft noch Micropayments ins Spiel integriert, die ich an dieser Stelle nicht verschweigen will. Mit den RainbowSixCoins, die man gegen Echtgeld kaufen kann, lassen sich diverse kosmetische Ergänzungen oder Boosts kaufen (mit denen sich wiederum schneller Ansehen erzocken lässt). Die Spielbalance gerät dadurch meiner Meinung nach aber nicht in Gefahr.