Eine neue Spielemarke zu etablieren ist nie einfach, schon gar nicht im umkämpften Shooter-Genre. Die Aufgabe wird aber noch schwieriger, wenn man sich selbst Hürden in den Weg stellt. Die Premiere von Titanfall war mit solchem Ballast belegt, weil Entwickler Respawn Emtertainment sich nicht nur für eine Plattform-Exklusivität auf der Xbox (inklusive PC) entschied. Man konzentrierte sich zudem auf den Mehrspieler-Modus und bot absichtlich keine Kampagne an.

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Auch wenn viele Hardcore-Multiplayerfans damit leben können, gelingt den meisten Spielen der Durchbruch auf dem Massenmarkt ohne Singleplayer-Modus nicht. Und so war der Flop von Teil eins fast schon vorprogrammiert. Jetzt haben die von ehemaligen CoD-Machern angeführten Entwickler diese Probleme zwar ausgeräumt - dafür gehen sie aber auf direkten Konfrontationskurs mit den Konkurrenten Battlefield 1 und Call of Duty: Infinite Warfare: Das Spiel erscheint eingezwängt zwischen diesen beiden Schwergewichten. Eine Entscheidung, die übrigens Insidern zufolge direkt von Respawn getroffen wurde und von Electronic Arts wohl eher zähneknirschend hingenommen werden musste. Ob Selbstbewusstsein hier nicht in Hochmut umgeschlagen ist, lassen wir mal dahingestellt. Was wir aber beantworten können, ist, wie gut Titanfall 2 sich im Test geschlagen hat.

Ich will zunächst damit anfangen, was neu ist - also der Kampagne. Nicht nur, weil der MP-Modus trotz einiger Detailänderungen größtenteils ein zumindest sehr ähnliches Spielgefühl vermittelt wie in der ersten Episode. Sondern auch, weil die Kampagne für sich allein und im Vergleich zur Konkurrenz durchaus beachtenswert ist. Dabei gestaltet sich der Beginn eher lahm oder bietet zumindest nur Genrestandard. Ein Normalo-Soldat wird von jetzt auf sofort zum Titan-Piloten - trotz fehlender Ausbildung erweist er sich als Naturtalent und schwingt sich zum großen Helden auf. Die Spielgestaltung der ersten Mission inklusive ausführlichem Tutorial ist routiniert, aber auch wenig spannend.

Titanfall 2 - Attack on Titans

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Teil 2 merzt Schwächen des Vorgängers aus, hat sich aber womöglich nicht das beste Veröffentlichungszeitfenster ausgesucht.
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Wow, das macht ja Spaß!

Zum Glück ändert sich das nach etwa einer Stunde. Was bis dahin eher lahm daherkommt, weicht einer packenden und abwechslungsreichen Inszenierung. Die insgesamt ungefähr sechs Stunden lange Kampagne nimmt dann richtig Fahrt auf. Da betritt man etwa eine riesige Fertigungshalle, in der Häuser von Greifarmen oder Transportbändern Stück für Stück zusammengebaut und die Einzelteile durch das Gebäude transportiert werden. Als Spieler steckt man mittendrin in dieser präzisen Produktionsmaschinerie. Das industrielle Gelände dient dabei als Hindernis-Kurs für die häufigen Wallrun-Einlagen, die neben den Shooter-Mechaniken der zweite wichtige Eckpfeiler von Titanfall 2 sind. Die gigantische Fabrik muss man ganz ohne die Hilfe des Titanen überwinden. Dabei gilt es oft, Parcoursgeschick und Ballerei gleichzeitig zu meistern: die Feinde bewachen diese Route und lauern an verschiedenen Abschnitten des Geräteparks. Es ist schon ziemlich cool, wenn aus Böden plötzlich Wände werden und man sich dann mit perfektem Timing und mehreren Doppelsprüngen über einen Abgrund retten muss, an dessen Ende wieder ein gegnerischer Trupp auf seine Vernichtung wartet. Das kann durchaus fordernd sein, wird aber niemals unfair.

Aber es wird noch besser - vor allem dann, wenn man ohne den Titanen unterwegs ist. Die Abschnitte mit BT7274 sind zwar zum einen gut gemacht, weil der Mech eine eigene Persönlichkeit besitzt und diese dank guter Dialoge sogar den blassen Helden überstrahlt. Vor allem glänzen die Titanen-Sequenzen aber mit explosiver Action: ausgestattet mit mehreren brachialen Kampfsystemen gibt es kaum etwas, das ihm gefährlich werden kann. Nur feindliche Titanen, die in regelmäßigen Abständen als Zwischenbosse auf den Plan treten. Hier lässt es Respawn richtig krachen und bietet Action, die es durchaus mit der Konkurrenz aufnehmen kann. Ein gutes halbes Dutzend unterschiedlicher Loadouts für den Mech sorgen außerdem dafür, dass man auch hier die Aufgaben individuell lösen kann: soll’s eher die schwere Lasekanone sein oder doch lieber ein riesiges Schwert? Ihr entscheidet (sobald ihr den Kram freigeschaltet habt).

Packshot zu Titanfall 2Titanfall 2Release: PC, PS4, Xbox One: 28.10.2016 kaufen: ab 28,99€

Vielleicht sogar ein Stück besser als bei den Mitbewerbern - und da kommen wir wieder zurück zu “das wird sogar noch besser” - sind wirklich abwechslungsreiche Missionen und entsprechende Spielmechaniken. In einem Auftrag durchforstet man eine Forschungsstation nach einer Superwaffe des ICM, eines bösen Industriekonglomerats, die den Heimatplaneten des Helden bedroht. Dabei stößt man auf ein Gadget, das Zeitsprünge erlaubt. Der Clou daran: man wechselt auf diese Weise zwischen vergangenen und gegenwärtigen Situationen hin und her und umgeht so Feinde und Fallen oder löst kleinere Wegfindungspuzzles. Ist ein Weg in der Gegenwart blockiert, springt man kurz in die Vergangenheit, wo die Station noch intakt war. Andererseits kann man so auch Feinde überlisten: während in der Gegenwart nervige Monster lauern, switcht man kurz in die Vergangenheit, ballert evtl. ein paar Wachen weg oder wechselt sofort nach ein paar Schritten die Zeitzone und wieder zurück. Ein lustiges Katz- und Maus-Spielchen.

Titanfall 2 - Attack on Titans

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Die Mechs sind schwergewichtige Kampfkolosse, Soldaten zu Fuß hingegen äußerst agil und wendig. Die Mischung funktioniert super.
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Ohne viel zu verraten sei gesagt, dass dies nicht die einzigen cleveren Einfälle sind - teils fühlt man sich sogar ein wenig an Half-Life 2 erinnert, ohne dass Titanfall 2 über die gesamte Spielzeit an das großartige und wegweisende Vorbild heranreichen würde. Spaßig und kurzweilig ist die Kampagne aber allemal. Auch spielerisch, also was das Gunplay betrifft, leistet Respawn einen guten Job, obschon die Macher diesbezüglich ihre CoD-Vergangenheit kaum leugnen können. Das Aufschalten ist präzise und der Sound der vielen Wummen schön knackig. Trotz des üppig bestückten Waffenarsenals hätte ich mir aber in der Anwendung mehr Differenzierung gewünscht. Die meisten Knarren fühlen sich schon recht ähnlich an. Und wenn wir schon in der Technikdiskussion sind, sei angemerkt, dass Titanfall 2 trotz alter Source Engine zwar meist noch richtig gut aussehen kann, wobei Defizite im Detail nur schwer zu kaschieren sind.

Und der Multiplayer? Wie oben schon geschrieben, ist der Unterschied zu Teil eins nicht sonderlich gravierend. Es dauert jetzt vielleicht etwas länger, um die Titanen herbeizurufen - auch wenn sich viele Titanfall-Veteranen darüber beschweren, ist das für mich alles andere als ein Gamebreaker. Für meinen Geschmack sind die Maps aber ein Stück zu groß, denn spielerisch ist Titanfall 2 so etwas wie ein Hybrid aus Battlefield (Mapgröße) und Call of Duty (Infanterie-Hektik). Das ist wohl der wichtigste Grund, weshalb mich der MP von Titanfall auch im zweiten Anlauf nicht über längere Zeit fesseln kann: Technisch ist das alles mehr als solide umgesetzt, aber trotz einiger Fertigkeiten, die eine schnelle Bewegung über die Karten erlauben, werde ich mit diesem Mix nicht so richtig warm.

Ein sehr guter Shooter, der es qualitativ mit der großen Konkurrenz aufnehmen kann, aber ein denkbar schwieriges Umfeld für seine zweite Chance gewählt hat.Fazit lesen

Bei den Modi gibt sich Respawn redliche Mühe, Abwechslung reinzubringen. Erwähnt sei da etwa der Kopfgeldmodus, in dem man zwischendurch erbeutete Kohle in einem Bankfach bunkern muss, um sie am Rundenende auch geltend machen zu können. Wird man aber abgeschossen, geht ein Teil des Zasters verloren bzw. an den Gegner über. Für mein Gefühl sind die Titanen aber häufig genug viel zu schnell wieder Schrott: die Gegenmaßnahmen der Piloten sind teils sehr mächtig und verhindern oft, dass man sich mit den Titanen so richtig austobt. Ich möchte an der Stelle aber auch nicht ausschließen, dass ich mich mit den Mechs schlicht zu ungeschickt angestellt habe - Spaß macht es aber definitiv, mit den Titanen ein bisschen aufzuräumen. Bei der Langzeitmotivation bietet mir der MP aber insgesamt zu wenig Ansporn, um am Ball zu bleiben.