Zugegeben, Titanfall war in den letzten Wochen auf gamona so präsent wie die Schwerkraft auf der guten alten Mutter Erde. Das nehmen Gregor und vor allem ich auf unsere Kappe, während wir Videos, Previews und Beta-Tagebücher im unerbittlichen Staccato auf euch abfeuerten. Dies liegt nicht an zu viel Freizeit, die gefüllt werden musste, sondern an Titanfall, in das wir uns ein bisschen verliebt haben. Nun haben wir uns für einige weitere Stunden in unser stilles Kämmerlein zurückgezogen und ergründet, wieso der Next-Gen-Shooter so viel Spaß macht.

Titanfall - IMC Rising Gameplay Trailer12 weitere Videos

Die Werbetrommel für Titanfall wurde laut und lange geschlagen: Nachdem auf der vergangenen gamescom ein rund sieben Meter großer Titan namens Betty durch die Besucherhallen wandelte und die Zeit bis in die Gegenwart mit spektakulären Trailern und frischen Screenshots zerstreut wurde, sind wir zuletzt nach London gereist, um gemeinsam mit der internationalen Spielepresse zwei Tage lang die Verkaufsversion von Titanfall zu daddeln. Hier konnten wir uns den vielleicht vielversprechendsten Shooter des kommenden Jahres näher ansehen und um das Fazit einmal vorweg zu nehmen: Geil wars. Natürlich, auch das Essen und die aufkommende LAN-Atmosphäre trugen zu einem positiven Gesamteindruck bei, aber der Star der beiden Tage war unumstritten das neue Programmiercode-Baby von Respawn Entertainment und Electronic Arts.

Die Story: Ein Buch mit sieben Siegeln

Wir staunten nicht schlecht, als wir die uns in der Beta-Phase noch unbekannten Kampagne im Hauptmenü anwählten. Hier wurden wir per Zufallsprinzip auf die beiden Fraktionen Miliz und die regierungstreue IMC aufgeteilt. Während sich die unterdrückte Bevölkerung unter der Führung einiger charismatischer Figuren, die ihr auch auf dem Schlachtfeld wiedertrefft, organisieren, um gegen die Regierungstyrannei zu kämpfen, versucht die IMC, das bestehende Machtverhältnis aufrecht zu erhalten.

Titanfall - Der neue Chef des Shooter-Genres?

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Der Storymodus ist gut gemeint - so wirklich brauchen wir ihn aber nicht
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Wirklich relevant sind diese Informationen allerdings nicht mehr, sobald der Ladebildschirm und die Landungskapsel verlassen und das Schlachtfeld betreten wurde. Die Geschichte von Titanfall wird ausschließlich über die Schlachten und die cinematischen Landungssequenzen erzählt, die auf verschiedenen Karten stattfinden. Schön: Je nach Ausgang einer Partie ändert sich die Storyline ein wenig, so dass Plotfetischisten durchaus Grund haben, mehrfach den Kampagenmodus anzuwählen. Als positiven Nebeneffekt schaltet ihr übrigens nach dem erfolgreichen Abschluss beider Kampagnen zwei Titanenmodelle frei. Don't miss that!

Bei eurem ersten Durchgang werdet ihr allerdings Mühe damit haben, den Anweisungen und Erklärungen der via Videoschalte eingeblendeten Befehlshaber zu folgen, da vor euren Augen der vielleicht epischste Kampf seit Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs und Terminator 2 abspielt. Hier Augenkontakt mit einem Hologramm zu halten grenzt an Wahnsinn. Wenn ihr allerdings bereits etwas Kampferfahrung gesammelt habt und der Geschichte sowie den etwas überdramatisierten, nichtsdestotrotz aber interessanten Charakteren aufmerksam lauscht, so bekommt die ohnehin dichte Atmosphähre der packenden Schlachten deutlich mehr Tiefe – ohne die sie allerdings auch sehr gut auskommen. Damit stellt die Kampagne ein interessantes Experiment von Respawn Entertainment dar, sich von skriptorientierten Schlauchleveln und filmähnlichen Dauersequenzen zu lösen und Geschichte allein über die Multiplayerschlachten zu erzählen.

Packshot zu TitanfallTitanfallErschienen für PC, Xbox One und Xbox 360 kaufen: ab 9,99€

„Das ist mein Jetpack. Es gibt viele Jetpacks, aber das ist meins.“

Entfernt man den zuckergussartigen Story-Überzug des Spiels, so kommt der Kern des Spiels zu Tage: Die Multiplayerschlacht. Pünktlich zum Generationswechsel der Konsolen will uns das Entwicklerteam von Titanfall ihr Spiel als Beginn einer neuen Shooter-Ära verkaufen und schickt ihr Softwarebaby mit einem Jetpack in die Arena der etablierten Egoshooter.

Jetpacks, Titans, Burn Cards: Titanfall hat das Zeug zu DEM Shooter der neuen Generation, der sich sehr lange auf unseren Festplattenspeichern behaupten könnte.Fazit lesen

Und diese Rechnung scheint aufzugehen.

Während sich nahezu alle kommerziell erfolgreichen FPS-Spiele der letzten Jahre sehr gleichen und ihre Spielmechaniken entweder an die bewährten Formeln von Gears of War oder Call of Duty beziehungsweise Battlefield anlehnen, wagt Titanfall den Sprung in die bisher ungenutzte dritte Dimension: Die Vertikale.

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Dank des Jetpacks dürfen wir völlig neue Strategien und Wege ausprobieren
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Mit Hilfe des Jetpacks können dank einfachen Doppelsprungs große Abgründe überwunden oder Abkürzungen genommen werden. Wallruns gehen dank der hervorragenden Kollisionsabfrage spielend leicht von der Hand und machen auch für Anfänger den sportlichen Sprint an der Wand zum bevorzugten Fortbewegungsmittel. Hier hat Respawn Entertainment hervorragende Arbeit geleistet: Während Entwicklerteams anderer Shooter recht genau voraussehen können, welche Gänge passierbar sind und welche nicht betreten werden können, sind die 15 großen Karten in Titanfall voll begehbar. Nur an sehr wenigen Stellen irritieren Rohrleitungen oder Vegetation den ambitionierten Wandkletterer, was angesichts der ansonsten vorherrschenden Bewegungsfreiheit kein Hindernis für den Spielspaß darstellt.

Dieses serienmäßige Gadget macht jeden Piloten, so heißen die menschlichen Spieleravatare, zu einem überaus mobilen Ziel und verlangt vom Gegnerteam, ständig auch mit einem Auge den Himmel und die Dächer im Blick zu behalten. Damit gewinnen die Schlachten sowohl an Geschwindigkeit als auch strategischer Tiefe – und erleichtern den Kampf gegen die zunächst übermächtigen Titanen.

Apropos Titans.

Optimus Prime? Titanenschnee von gestern!

Die Titanen sind die namensgebende Hauptattraktion des Spiels und machen das Überleben auf dem Schlachtfeld für den einfachen Piloten zu einem noch schwierigerem Unterfangen. In drei verschiedenen Baumodellen sorgen die Blechmänner – im besten Fall – für Killstreaks und jaulende Raketenlafetten: Der Ogre ist schwer gepanzert und kann enorm viel Schaden aushalten, bis er in die Knie geht; der Stryder bildet das genaue Gegenstück zu ihm und glänzt mit Mobilität aber einem unnatürlich kurzem Lebensbalken; der Atlas schließlich stellt die balancierte Mitte der beiden Modelle dar.

Doch die Wahl des richtigen Modells ist nur der Anfang einer ganzen Entscheidungskette, die schließlich zum Einsatz auf dem Schlachtfeld führt: Welche Waffen soll der Titan mit sich führen? Gebe ich ihm lieber ein Schild oder eine Nukleardetonation mit auf dem Weg? Das Waffen- und Gadgetinventar ist – ebenso wie auf Seiten der Piloten- im Vergleich zur Beta stark angewachsen und bietet für jeden Geschmack und Situation die richtige Wahl. Zwar bewegen sich die Waffensysteme nicht im dreistelligen Bereich, allerdings bietet das Sortiment eine angenehm entschlackte Auswahl grundlegender Bewaffnungen, die den Spieler zu keiner Zeit einschränken.

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Der Stryder: Agil, aber etwas schwach auf der Brust
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Der Ogre: Schwer gepanzert und extrem langsam
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Der Atlas - die goldene Mitte
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Mit der Ankunft der ersten Titanen auf dem Schlachtfeld, die ihr durch Abschusserien & Co. beschleunigen könnt, ist das Spiel allerdings noch nicht automatisch gewonnen oder verloren. Tatsächlich ist der Kampf zwischen Titanen und Piloten hervorragend ausbalanciert: Während die Kampfmechs ungeschützt herumstehende Spieler ziemlich schnell desintegrieren könnten, haben die Piloten in den – glücklicherweise unzerstörbaren Gebäuden – einen Höhenvorteil, von wo aus sie die Titanen beschießen können oder durch einen beherzten Sprung auf den Stahlkoloss dessen Betriebsysstem lahmlegen.

Die Titanen sind kein spielentscheidener Faktor, sondern erweitern das Geschehen um eine vielzahl neuer Strategien und wirklich epischer „Wow, fuck.“-Momente: Wenn mein von der Stratosphäre herabrasender Titan einen gegnerischen Ogre, der sich gerade über mich beugt, einfach so zerdrückt, dann knallt die Kinnlade für einige Sekunden ziemlich weit nach unten. Einzig die BOTS, die auf den Schlachtfeldern herumrennt, sind den Titanen mehr oder weniger machtlos ausgeliefert.

Dachte ich anfangs. Dann musste ich eine bittere Lektion lernen.

Die BOTs: Umstritten, aber unverzichtbar

Bereits im Vorfeld und seit der Beta verstärkt wurde der Einsatz von BOTs auf den Schlachtfeldern kritisiert und ihr Sinn hinterfragt. Nach knapp 100 Stunden, die ich nun im Multiplayer von Titanfall bereits verbracht habe, muss ich für die künstliche Intelligenz eine Lanze brechen: Ohne das tatkräftige Mitwirken der Grunts und SPECTREs würde Titanfall nicht so gut funktionieren.

Dies liegt zum einen an der Tatsache, dass die BOTs fest in den verschiedenen Spielmechaniken verankert sind, die auch den Kampf Pilot vs. Pilot betreffen: Das fleißige Ausschalten der vermeintlich dummen K.I. beschleunigt den Respawn des eigenen Titans während Genre-Anfänger dank der leichten Beute besser ins Spiel finden können. Zudem können die SPECTREs gehackt werden, um so eine Roboterarmee um sich zu scharren, die eigenständig Punkte verteidigt und den menschlichen Grunts deutlich überlegen ist – und dank der serienmäßigen Raketenwerfern sogar Titanen gefährlich werden können.

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Das Waffeninventar präsentiert sich angenehm aufgeräumt - vermisst haben wir nichts!
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Zum anderen krempelt die Anwesenheit der Grunts und SPECTREs das Spielverhalten und damit die Balance der Piloten enorm um: Immer wieder muss ich mich entscheiden, ob ich meine Munition lieber an der frisch gelandeten BOT-Gruppe verballer oder die K.I-Kollegen links liegen lasse und mich auf die Jagd nach Piloten konzentriere – die zwar schwieriger zu erlegen sind, aber womöglich gerade einen strategisch wichtigen Punkt einnehmen.

Schlussendlich sorgen die BOTs für eine deutlich dichtere Atmosphäre auf dem Schlachtfeld: Mit vielen verschiedenen Animationen kommt es zu spannenden Zweikämpfen, Deckungsfeuer und Sturmgefechten, deren Ausgang mit einem oft flapsigen Spruch kommentiert wird, der einem vorbei eilendem Piloten durchaus ein Grinsen auf die Lippen zeichnen kann.

Traditionsbewusste Spielmodi

Die fünf verschiedenen Spielmodi, in denen uns Respawn Entertainment über die 15 verschiedenen Karten jagt, präsentieren sich mit Namen, die irgendwie nach Action klingen: Attrition, Pilot Hunt, Hardpoint Domination und Last Titan Standing versprechen viel – sind aber lediglich andere Bezeichnungen für die urtraditionellen Modi Team-Deathmatch, Capture the Flag, Last Man Standing und King of the Hill.

Die Modi funktionieren auf den Karten sehr gut, bieten aber alten Hasen nichts neues. Lediglich Last Titan Standing bereitet überraschend viel Spielspaß, wenn Piloten von Anfang an in einen Titanen gesetzt werden und aufeinander losgehen. Hier fühlt sich Titanfall erfrischend und wie ein komplett anderes Spiel an. Vielleicht kann uns hier Respawn Entertainment und EA in Zukunft mit einigen weiteren Modi versorgen. Wie wäre es zum Beispiel mit dem aus Unreal Tournament bekanntem Faustball? Titanen die einen Football in eine Punktezone tragen müssen – na? Wie wärs? Bitte? BITTE!

Burn Cards: Der Faktor X

Titanfall bietet viel Langzeitpotential. Nachdem das Levelcap von 50 erreicht wurde, kann der Spieler bis zu fünf mal erneut ganz von vorne anfangen und sich immer und immer wieder zurück an Levelspitze kämpfen. Das sollte auch die ehrgeizigsten Spieler eine Weile beschäftigen!

Doch auch vor Levelmaximum sorgt Titanfall dafür, dass die Spiele abwechslungsreich bleiben. Vor dem Gefecht kann jeder Spieler bis zu drei Burn Cards auswählen, die dann mit einmaliger Wirkung im kommenden Match verbraten werden dürfen: Die Karten gewähren hierbei ganz unterschiedliche Boni. Mal sind wir für die Dauer einer kurzen Lebensspanne unsichtbar unterwegs, spielen mit entschärften Wallhacks oder tragen eine Superwaffe mit uns rum. Doch die Karten fühlen sich weitaus weniger übermächtig an, als sie klingen! Ihre Wirkung hält nur bis zum nächsten Bildschirmtod an – was in vielen Fällen schneller passiert, als dem Piloten lieb ist.

Die Xbox 360 - Version

Dass die alten Konsolen mittlerweile zu Grafikrentnern geworden sind, lässt sich nicht mehr verleugnen. Auch Titanfall auf der Xbox 360 zeigt deutlich die technischen Grenzen der letzten Unterhaltungsgeneration auf: Ausschlagende Flammen von Explosionen und Mündungsfeuer fallen deutlich kleindimensionierter aus während Eckarchitektur kantiger denn je wirkt. Hin und wieder kommt es, vor allem in den Außenbereichen der Karte, zu Framerate-Einbrüchen, die sich jedoch in unseren Testläufen in Grenzen hielten: Das Spielen der Xbox 360 - Version ist vergleichbar mit dem Spielerlebnis auf einem PC, der vor 5 Jahren zur High End Gerätschaft gehörte.

Trotz allem ist Titanfall 360 alles andere als unspielbar und kann viel vom originalen Spielspaß auch in die ältere Konsolengeneration übertragen - ohne dabei Spielmodi oder Gadgets des Next-Gen-Titels zu unterschlagen.