Titan Souls. Ein einzelner Name genügt, um euch ein überraschend genaues Bild von dem spielerischen Kleinod zu vermitteln, das euch unter eben diesem Namen erwartet. 'Titan' und 'Souls' sind beide mit recht konkreten Assoziationen verknüpft und zusammengenommen ergeben sie ziemlich genau die Essenz dessen, was dieses Pixel-Abenteuer ausmacht: Riesige Bossgegner. Unzählige Tode. Ein einsamer Held. Shadow of the Colossus trifft auf Dark Souls.

Titan Souls - Gameplay Trailer

Titan Souls macht sich keine große Mühe, die geistigen Vorbilder zu verstecken, schreit sie sogar ganz im Gegenteil in die Welt hinaus. Fans von Shadow of the Colossus kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten, Anhänger der Souls-Reihe ebenso, wenn auch nicht in dem Maße, den der Titel erwarten lässt. Dabei macht es sich das Spiel fast schon zu einfach, denn bis auf die offensichtliche Retro-Optik und die eine zentrale Gameplay-Mechanik lässt Titan Souls eigene Ideen weitestgehend vermissen.

Unbedingt vorhalten kann man den Entwicklern diesen Umstand allerdings nicht, denn Titan Souls ist die konsequente Weiterführung eines simplen Spielkonzepts, dass auf dem Programmierer-Jam Ludum Dare #28 seinen Anfang nahm. Titan Souls atmet diesen experimentellen Entwicklergeist und wird seinem Status als Indie-Titel, dem der eigene Spielwitz bereits genug Daseinsberechtigung ist, mehr als gerecht. Dabei ist das fertige Endprodukt spürbar von der deutlich rustikaleren Version des Game-Jams entfernt, die sich hier kostenlos für einen ersten Eindruck Probe spielen lässt.

Titan Souls - Attack on Titan

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Ein Pfeil gegen haushohe Titanen.
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Was also ist dieser eine Clou, dem Titan Souls sein Dasein verdankt? Kurz gesagt, ein einzelner Pfeil. Ein Pfeil, der eure einzige Bewaffnung für den so unscheinbaren kleinen Helden darstellt, die einzige Option, mit der ihr die hünenhaften Bossgestalten des Spiels irgendwie niederringen sollt. Es ist diese auf den ersten Blick undurchschaubare Ausweglosigkeit, diese Unbarmherzigkeit, die bereits die Souls-Spiele so besonders gemacht haben und mit der euch auch Titan Souls wieder konfrontiert. Helden sind nicht einfach da, sie werden nicht einfach als solche geboren. Den Titel als Held muss man sich nun mal verdienen.

Ein feiner Ansatz, aber darüber hinaus kommt eben nicht so sehr viel mehr. Das Pixel-Kleinod ist eben ganz 'Titan', ganz 'Souls', entsprechend fällt es am leichtesten, die beiden unmittelbarsten Inspirationsquellen erklärend heranzuziehen, um das skizzierte Gesamtbild zu vervollständigen.

Das 'Titan' in Titan Souls

Die Titanen sind das Herzstück von Titan Souls, das hier ganz auf den Pfaden des genialen Shadow of the Colossus wandelt, an vielen Stellen sogar fast schon zu offensichtlich auf das geistige Vorbild anspielt. Dass ihr im normalen Spielverlauf ausgerechnet auf 16 verschiedene Monstrositäten trefft, ist sicher kein Zufall, ebenso wenig wie das stilisierte Aufnehmen der Seelenbruchstücke gefallener Titanen sich bestimmt nicht nur rein zufällig mit der Entsprechung von Team ICOs Machwerk gleicht.

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Kein Bosskampf gleicht dem anderen, jede Auseinandersetzung kommt mit einem eigentümlichen Twist daher.
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Und auch sonst die Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Im Kampf teilt Titan Souls das Prinzip von Shadow of the Colossus und verlangt von euch, teils gut geschützte, teils gut versteckte, teils einfach nur schwer zu treffende Schwachstellen der Bossmonster ausfindig machen, in die ihr anschließend mit gutem Timing und hohem Fingerspitzengefühl euren einzelnen Pfeil versenken müsst. Das fällt mal leichter, mal schwerer, bietet aber doch immer wieder eine neue Herausforderung, da kein Kampf dem anderen gleicht.

Hier nämlich offenbart Titan Souls seine größte Stärke: Das Design der einzelnen Titanen ist schlicht fabelhaft und bringt jedes Mal einen anderen spielerischen Twist mit sich. Da wäre beispielsweise das gefrorene Gehirn, das erst mittels eines durch eine Stichflamme entzündeten Pfeils aufgetaut werden muss, bevor der finale Todesstoß folgen kann oder der ikonenhafte Steinkoloss aus den Trailern, der seine verwundbare Lebensquelle im Brustbereich stets mit einer seiner massiven Hände abzuschirmen versucht. Obwohl die Machart der Bosse bis auf wenige Ausnahmen letztlich doch nur gestalterisch etablierte Archetypen bedient (wie wäre es beispielsweise mit dem lebenden Bomber, dem zuletzt der eigene Sprengstoff zum Verhängnis wird?), fühlen sich die Auseinandersetzungen durch die zusätzliche Ein-Pfeil-eine-Chance-Prämisse doch nach etwas grundsätzlich Frischem an und motivieren so über die ganze Dauer eines Durchlaufs.

Dazu kommt das deutlich exotischere Erscheinungsbild der Titanen, dass sich weit von dem aus Shadow of the Colossus Bekannten entfernt und euch beispielsweise einen glibberigen Schleimblob, einen Würfel mit Röntgenaugen oder eine gefräßige Schatztruhe (Dark-Souls-Fans sollten die Anspielung verstehen) serviert. Der Pixel-Optik geschuldet können die Titanen zwar noch lange nicht so beeindrucken wie seinerzeit die gigantischen Titanen – dafür fehlt es auch dem Soundtrack an der nötigen Epik – doch zumindest geben sie dem Spiel eine unvorhersehbare Note.

Ambitioniertes Indie-Spiel mit interessantem Spielkonzept, das seine Versprechen jedoch nicht so recht einzulösen vermag.Fazit lesen

Gleichzeitig vergeben die Entwickler damit aber auch die Chance auf das Konzept eines stimmigen und einheitlichen Ganzen, dem Shadow of the Colossus damals eine so selten erreichte Dichte in seiner Atmosphäre verdankte. Die Welt von Titan Souls ist genauso leer wie die der Kolosse, doch sie erfüllt keinen weiteren Zweck, wird nicht zum Spiegel für die fragwürdigen Handlungen des Protagonisten. So fühlt sie sich einfach nur so an, wie sie ist – leer, unbefüllt, langweilig. Daran dürfte auch der fehlende Blick fürs Kleine liegen, denn trotz verschiedenartiger Klimazonen vermisst man Blickanker, irgendetwas, an dem man sich in der kargen Oberwelt des Spiels orientieren könnte. Hier zeigt das bildsprachlich sehr ähnliche Hyper Light Drifter mit seinen zahlreichen liebevollen Details beispielsweise, wie man es besser machen kann.

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Das Duell mit Titan Slayer Elhanan gehört zu den Höhepunkten des Spiels.
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Das 'Souls' in Titan Souls

Vergleicht man es mit den oben stehenden Ausführungen, steckt weit weniger 'Souls' als 'Titan' in dem Indie-Titel, auch wenn der Name natürlich nicht ganz ohne Grund zustande gekommen ist. Dabei bezieht sich der Vergleich wie so oft weniger auf die eigentümliche Atmosphäre, die From Softwares Spielen innewohnt, sondern vielmehr auf den hohen Schwierigkeitsgrad und die unverhältnismäßig hohe Anzahl von Toden, die euer Charakter im Laufe eines Durchlaufs durchleben muss.

Grund hierfür ist die hohe Zerbrechlichkeit eurer Spielfigur, die euch zusammen mit der erbarmungslosen Dynamik der Kämpfe einiges abverlangen dürfte. Ein Treffer, egal welcher Art, reicht aus, um euch die Lebenslichter auszublasen. Ihr solltet euch deshalb früh mit der Ausweichrolle vertraut machen, die eure einzige Möglichkeit zur Rettung darstellt. Gleichzeitig muss jeder Schuss mit eurem einen mickrigen Pfeil sitzen, denn auch wenn ihr ein fehlgeleitetes Geschoss per Machtgriff wieder zu euch ziehen könnt, lebt ihr selten lange genug, um einen zweiten Versuch zu unternehmen. Immerhin erwarten euch kurz vor den Bossdungeons jeweils hilfreiche Checkpoints, die Laufwege minimieren und es euch so erlauben, den Kampf direkt wieder aufzunehmen.

Es ist umso bedauernswert, dass Titan Souls gerade diese spielmechanisch ganz eigene Ausrichtung ein Stück weit vor die Füße fällt. Denn obgleich ihr die Bosse ganz wie in den Souls-Teilen üblich studieren müsst und im Kampf stets dazu gezwungen seid, auf der Hut bleiben, lebt ihr einfach nie lange genug, dass sich der so spannende Charakter eines Abnutzungskampfes, wie man ihn aus Demon's oder Dark Souls gewohnt ist, ausbilden kann. Da ein Treffer ohnehin das eigene Aus bedeutet, macht ihr euch weniger Gedanken um das Wohl eurer Spielfigur, seid kaum noch dazu gezwungen, das Risiko hinter einem Manöver abzuwägen – und verspürt entsprechend auch kaum diese angenehme Mischung aus Anspannung und Freude, mit der jüngst Bloodborne überzeugen konnte.

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Die Gegenden sind zwar abwechslungsreich gestaltet, doch fallen alle allzu karg und leer aus.
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Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Bosse ihrerseits ebenfalls nur einen einzelnen Treffer auf ihre Schwachstelle aushalten, ihr also mit dem richtigen Timing oder eine Spur Glück einen Kampf ebenso schnell für euch entscheiden könnt. Bis auf wenige Ausnahmen lässt sich jeder der insgesamt zwanzig Bosskämpfe in wenigen Sekunden meistern und genau so läuft es letztlich auch ab – ihr gelangt zu einem neuen Bossraum, werdet ein paar dutzend Mal vermöbelt, während ihr die Schwachstelle eures Gegners ausfindig macht und besiegt das Monster schließlich durch einen wohl platzierten Treffer in seinen wunden Punkt, wenige Momente, nachdem der Kampf in seine x-te Wiederholung gegangen ist. Man kann und würde es im Normalfall Titan Souls nicht vorwerfen, in diesem Fall eigene Wege zu gehen und in der Tat bewahrt es sich durch diesen Kniff sein ganz eigenes Spielgefühl und -tempo, trotzdem und gerade im Hinblick auf das Souls im Namen wäre man mit einer etwas ausdauernden Konzeption des Kampfsystems womöglich besser gefahren.

Zusätzlich laden sich die Entwickler durch diese Entscheidung ein zweites Übel auf, nämlich eine äußerst kurze Spielzeit. Zwischen zwei und vier Stunden - mehr ist definitiv nicht drin - dürft ihr euch an der Handvoll Titanen die Zähne ausbeißen, was für einen Preis von 15 Euro schon recht dürftig ist. Immerhin ist euch wie in den Souls-Teilen nach Ablauf der Credits ebenfalls die Möglichkeit gegeben, das Spiel im Sinne eines New Game + neu zu beginnen und spätestens wenn ihr euch an die optionalen Modi 'Eisenhart' (führt Permadeath ein) und 'Kein Rollen' (Auswirkungen sollten klar sein) wagt, dürfte euch dieser Geheimtipp noch einmal einige Stunden und Nerven kosten.