This War of Mine ist ein ungewöhnliches Survival-Kriegsspiel, das keinen Spaß machen, den Spieler aber zum Nachdenken anregen soll. Ein höchst interessantes und wichtiges Werk, über das wir uns mit den polnischen Machern von 11 bit studios unterhalten haben.

This War of Mine - Gameplay TrailerEin weiteres Video

Gespräch mit Pawel Miechowski (Chefautor) und Karol Zajaczkowski (PR & Marketing Manager)

gamona: Was war eure größte Inspirationsquelle für This War of Mine mit seinem innovativen Ansatz, den Krieg aus der Opferperspektive darzustellen?

Pawel Miechowski: Das war der Artikel „One Year in hell“. Darin beschreibt ein namenloser Zivilist seinen Überlebenskampf in einer belagerten Stadt in Bosnien in den frühen Neunzigern, erläutert die Wichtigkeit von Waffen, Medizin, Hygiene und den Vorteil einer größeren Gruppe. Wir hatten zu dieser Zeit gerade nach einem neuen Spielkonzept gesucht und diese Geschichte hat uns alle sehr bewegt und inspiriert.

This War of Mine - „Was würdest du tun, wenn deine Stadt bombardiert wird?" – Interview mit Pawel Miechowski und Karol Zajaczkowski

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Pawel Miechowski, Jahrgang 1978, war als Chefautor für This War of Mine verantwortlich.
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gamona: Basiert das Spiel denn auf einem realen Konflikt?

Pawel Miechowski: Nein, auf keinem bestimmten. Uns ist es vor allem wichtig, eine Botschaft zu transportieren: Dieser Krieg kann jederzeit auch bei dir passieren.

Karol Zajaczkowski: Wir haben uns allerdings mit vielen jüngeren Kriegskonflikten beschäftigt, vor allem aus den letzten 20 bis 30 Jahren. Bosnien, Irak, der Bürgerkrieg in Syrien. Einfach deshalb, weil es davon sehr viel Material gibt: Dokumentarfilme, Tagebücher, Fotos und Amateurvideos. Zudem haben wir Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg gelesen, darunter Tagebücher von Juden im Warschauer Ghetto, Artikel über das belagerte Stalingrad und über die Zerstörung von Dresden.

gamona: Warum sollte jemand „This War of Mine“ spielen?

Karol Zajaczkowski: Weil es vielleicht vollkommen anders ist als alle Spiele, die man zuvor gesehen hat. Wir sind das Thema Krieg mit einem einzigartigen, neuen Ansatz angegangen, man wird auf dem Markt kein vergleichbares Spiel finden. Normalerweise spielt man einen Soldaten, der die bösen Jungs bekämpft – Terroristen, Aliens und so weiter –, um Demokratie, Freiheit und andere Werte aufrechtzuerhalten. Du bekommst eine Knarre in die Hand gedrückt, befolgst Befehle und tötest Feinde. Man muss nicht groß nachdenken, was man da tut, einfach schießen und sich die Explosionen anschauen. Es gibt nur schwarz und weiß.

Packshot zu This War of MineThis War of MineErschienen für PC kaufen: ab 6,88€

This War of Mine hingegen lässt dich eine Gruppe Zivilisten kontrollieren, die niemals Teil des Konfliktes sein wollten, den sie nun überleben müssen. Das Spiel zeigt dir kompromisslos und ohne irgendetwas zu beschönigen, wie grauenvoll eine solche Situation ist. Es ist düster und bedrückend, aber genau so ist das im echten Leben auch, wenn man ums Überleben in einem Kriegsgebiet kämpft.

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In This War of Mine steuert ihr drei Zivilisten und müsst in einer zerbombten, belagerten Stadt in einem kargen Lager überleben.
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Pawel Miechowski: Es gibt hier keine Missionen, keine Punkte. Man kämpft einzig und allein ums Überleben. Wenn deine Leute sterben, stehen sie nicht wieder auf.

Wir wollen, dass sich der Spieler mit Fragen auseinandersetzt: Was würdest du tun, wenn deine Stadt bombardiert wird, wenn deine Familie in Gefahr ist? Wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Würdest du jemanden töten, wenn du am Verhungern bist?

gamona: Glaubt ihr, dass Computerspiele das richtige Medium sind, um solche ernsthaften Themen zu behandeln? Wollen die meisten Spieler nicht einfach nur Spaß haben?

Pawel Miechowski: Digitale Spiele sind eine Kunstform und können definitiv großartige Geschichten erzählen. This War of Mine erzählt eine Geschichte, in der du die Hauptfigur spielst. Du kreierst den gesamten Plot. Bücher und Filme sind dafür ebenfalls gut geeignet, aber dort bist du immer nur Zuschauer und kein aktiver Teil der Welt, die beschrieben wird. Wir glauben nicht, dass Spieler immer nur Unterhaltung wollen. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass das Medium erwachsen genug ist, wichtige Themen zu behandeln.

„Wir wollen, das die Leute über Krieg im Allgemeinen nachdenken“

gamona: Ich habe den Blogeintrag „The letter from John“ auf eurer Webseite gefunden, wo ein Ex-Soldat, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, von seiner Teilnahme an der „Operation Phantom Fury“ in Fallduscha berichtet. Habt ihr mit ihm während der Entwicklung zusammengearbeitet?

Pawel Miechowski: Johns Geschichte, die er ursprünglich bei Kotaku veröffentlichte, hat uns sehr getroffen. Wir kontaktierten ihn und er war so freundlich, seine Lebensgeschichte mit uns zu teilen. Somit konnten wir seine Erlebnisse ins Spiel einfließen lassen.

gamona: Möchtet ihr den Spielern mit This War of Mine eine bestimmte Botschaft übermitteln?

Karol Zajaczkowski: Es ist nicht so, dass wir erwarten, dass jemand seine Weltanschauung nach ein paar Stunden mit unserem Spiel ändern wird. Wir wollen erreichen, dass die Leute über Krieg im Allgemeinen nachdenken und über die Konsequenzen davon, die normalerweise im popkulturellen Kontext nicht erwähnt werden. Es kann immer und überall Krieg geben, auch vor deiner Haustür.

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Karol Zajaczkowski ist PR & Marketing Manager des in Warschau ansässigen Indie-Entwicklers 11 bit studios, der bislang vor allem mit seiner Anomaly-Serie Bekanntheit erlangte.
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Viele Jahre lang glaubten die meisten Leute, dass große globale Konflikte ein Teil der Vergangenheit sind und es kleinere vielleicht im Mittleren Osten oder Afrika gibt. Aktuelle Ereignisse wie die in der Ukraine zeigen, dass das nicht stimmt. Lasst uns hoffen, dass wir niemals solche Dinge erleben müssen wie die Figuren in This War of Mine. Aber auch im Hinterkopf behalten, dass es sich bei dem Spiel nicht um Science-Fiction handelt. Das dort verarbeitete Szenario ist nicht wahrscheinlich, aber es könnte uns alle treffen.

gamona: Wann habt ihr mit der Entwicklung von This War of Mine begonnen und wie viele Mitarbeiter waren in das Projekt eingebunden?

Pawel Miechowski: Wir haben die Entwicklung Anfang 2013 begonnen. Das Team hinter This War of Mine ist etwas größer als das, das Anomaly 2 entwickelt hat. Das Kernteam bestand aus zehn Leuten, insgesamt waren rund 40 Mitarbeiter beteiligt.

gamona: Ist 11 bit studios ein klassischer Indie-Entwickler?

Pawel Miechowski: Definitiv – und wir werden auch vermutlich immer einer sein. Wir machen genau die Art von Spielen, die wir immer entwickeln wollten, daran wir sich in Zukunft nichts ändern

gamona: Was hat euch die Entwicklung von This War of Mine gekostet?

Karol Zajaczkowski: Ich kann keine genauen Zahlen nennen. Was ich sagen kann: Es ist das größte Projekt, das wir bislang gemacht haben, und es ist auch das teuerste. Nach über zwei Jahren harter Arbeit sind wir sehr froh, dass jetzt jeder das Spiel erleben kann.

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Düster und melancholisch: Der Kohlestift-Look von This of War of Mine passt hervorragend zu der traurigen Thematik der Überlebenssimulation.
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gamona: Welche Erwartungen habt ihr bezüglich der Verkaufszahlen?

Karol Zajaczkowski: Wir sind uns im Klaren darüber, dass This War of Mine ein sehr spezielles Spiel ist. Es ist ein erwachsenes Spiel für Volljährige, eine äußerst ernsthafte Erfahrung. Dennoch ist es zweifellos das beste Spiel, das wir bisher erschaffen haben. Deshalb sind die Verkaufszahlen natürlich wichtig, damit wir weiterhin unseren Beruf ausüben und davon leben können. Trotzdem ist es noch wichtiger, bescheiden zu bleiben und den Spielern weiterhin bewegende Spielerfahrungen zu bieten.

gamona: Viel Erfolg mit This War of Mine und besten Dank für das Gespräch!