Lust am Töten. Diese Motivation wurde noch vor wenigen Jahren vielen Spielern vorgeworfen. Für Außenstehende klang das nicht so abwegig. In Return to Castle Wolfenstein ging es gegen magieversessene Nazis, bei Left 4 Dead im Teamverbund gegen Zombiehorden und Activision lässt sich für Call of Duty jedes Jahr etwas Neues einfallen, um Spieler durch einen Ballerparcours zu schicken. Alle formulieren eine Aufgabe gleich: mit Waffengewalt überleben. Oder durch sie zu sterben. Kreativ ist das nicht - seit einiger Zeit aber regt sich etwas im vergleichsweise jungen Massenmedium des digitalen Spiels.

This War of Mine - Gameplay TrailerEin weiteres Video

Don't Starve. The Long Dark. Amnesia. Outlast. Sogar Alien: Isolation. Überall dort ist der Spieler plötzlich auf sich allein gestellt und kommt mit Waffen nur begrenzt weiter in Richtung seines Ziels. Viele dieser Titel machen den Spieler machtlos. Die Protagonisten müssen andere Wege des Überlebens finden. Kaum ein Entwickler geht jedoch so offensiv mit diesem Ansatz um wie die Macher von This War of Mine.

Schon das Bild auf der Verpackung verrät, was den Spieler erwartet: „Im Krieg ist nicht jeder Soldat“, ist dort unter dem Schriftzug zu lesen. Nach der Installation beginnt der fast waffenlose Kampf nach einem Klick auf das Wort „Survive“, nicht „Start“ oder „Play“. Dies hielten die Entwickler der 11 Bit Studios offenbar nicht für angebracht.

This War of Mine - Darum ist This War of Mine so wertvoll

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Selbst falls man wirklich temporär sicher sein sollte, ist es dennoch ein Überlebenskampf.
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Was passiert, wenn der Krieg über eine Stadt kommt? Wenn plötzlich jeder Zentimeter Macht bedeutet? Wenn Mauern vom Artilleriefeuer erzittern und nachgeben? Wenn der Mensch Hunger leidet, ihm kalt, er krank wird? Wenn es an allem fehlt, was er als Zivilist gelernt hat - außer an Misstrauen, Hass und Tod? Diese Fragen stellt This War of Mine implizit. Und gibt explizite Antworten.

Da ist diese Gruppe. Sie versucht, zu überleben, und klammert sich an die in Friedenszeiten geschätzten Werte. Doch sich nur in ihrem Haus zu verschanzen, das funktioniert nicht. Sich in Hass zu baden auch nicht. Die bis zu fünf Charaktere haben Bedürfnisse. Vor allem haben sie Hunger. Und sie brauchen etwas, um sich zu erholen. Erholen von den nächtlichen Beutezügen durch die zerstörte Stadt Pogoren. Bei Sonnenlicht ist es zu gefährlich, Scharfschützen lauern und bestrafen jede Bewegung mit dem Tod. Ob nachts oder tagsüber, das macht in Pogoren ohnehin keinen großen Unterschied. Die dortige Welt besteht aus Grautönen. Farben sind nur zu erahnen.

This War of Mine macht zu keinem Zeitpunkt und bei kaum einem Element einen Hehl aus seiner Stoßrichtung: „Fuck the War“ steht am Eingang der Behausung. Es ist die Emotion des permanenten Mangelzustands.

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Der Tod ist eine reale Gefahr - doch der ständige Mangel und die Auszehrung sind viel beständigere Begleiter.
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Allen Menschen in der Stadt fehlt es an etwas. Dagegen helfen die Suche nach Waren in Gebäuden, Warentausch mit anderen Zivilisten und handwerkliches Geschick immer nur kurz. Crafting ist im Krieg kein Zusatzgeschäft, kein lustiges Bunte-Tränke-nach-Rezept-des-verrückten-Geretteten-aus-der-gefährlichen-Monsterhöhle-mischen, sondern überlebensnotwendig. Wer zuerst auf Gewalt setzt, verliert.

Tamagotchi-Trigger im Krieg

Pavle, der Ex-Fußballer, kann besonders schnell rennen. Also wird er bevorzugt auf die nächtlichen Streifzüge geschickt. Denn nicht immer hat der Spieler eine Wahl. Will er seine Gruppe schützen, braucht er mindestens etwas zu essen. Beizeiten zu stehlen, ist so gut wie unausweichlich. Zu selten sind Nahrungsvorräte, zu knapp die Ressource, nach der jeder sucht.

Tagsüber bewegen sich die Charaktere im Haus, seitlich wie ein Ameisenbau im Schnitt einsehbar. Das hat schon etwas von den Sims, wenn die Körperhaltung den Bedürfnissen oder Leiden entspricht - da schleppt sich Bruno, der Koch, zum Herd, damit die anderen Bewohner davon profitieren können, dass er Essen besser zubereiten kann.

Doch um kulinarische Kultur geht es beileibe nicht, um den luxuriösen Alltag der westlichen Welt, oder besser gesagt: wie sich die Werbewirtschaft und die Unternehmen ihren Markt schönmalen; auch nicht um Zivilisationsprobleme, die keine sind; Zickenkriege, beleidigte Figürchen, die wieder besänftigt werden müssen, oder ähnlichen Schnickschnack, der dem Spieler das Zeitempfinden entzieht und ihn in den tumben Anti-Wahrnehmungstunnel schickt.

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This War of Mine beleuchtet ein realistisches Szenario, das man so nicht häufig sieht.
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Gemein mit den Sims hat This War of Mine allerdings den Tamagotchi-Trigger. Die Charaktere überleben ohne die helfende Maushand des Spielers nicht. Die Voraussetzungen sind aber völlig andere. Abseits der bunten Disney-Welt herrscht die Realität, da herrscht der Krieg.

Ist dieser offensichtliche Versuch zu viel „Serious Game“? Zu wenig Unterhaltung? Passt das nicht zusammen? Oder einfach kein Bock, lieber Zombies killen und ein bisschen PvP in der Klicki-Bunti-Welt mit hüpfenden Feen, zweihörnigen Feuerdämonen und dem 100.000sten halbgaren erzählerischen Aufguss von Herr der Ringe machen?

This War of Mine bietet mehr; zu lesen und zu betrachten ist es auch in den täglichen Nachrichten. Viele Spiele versuchen es über den Subtext, ziehen verschiedene Ebenen ein, um denjenigen etwas zu vermitteln, die nicht nur auf die Auflösung, Grafikeffekte und Waffentypen gucken. Valve Software sind durch Half-Life und Portal noch immer die Könige dieser Disziplin, aber auch die Bioshock-Reihe vollführte dies in eindrucksvoller Qualität. Spec Ops: The Line etwa war da mit seinem Antikriegsansatz viel offener. This War of Mine ist anders, weil es gar nicht erst versucht, eine mögliche Lesart zu verstecken, die Spieler abschrecken könnte. Nähe und Aktualität sind seine zentralen Qualitäten.

Realität im Spiel

Um in diese Aktualität abzutauchen, ist ein Blick in die Nachrichten des Jahres sinnvoll. Was derzeit bei unseren Nachbarn passiert. Oder im Nahen Osten, wo die Flüchtlingscamps überquellen. Nur wenige einsame Rufer in der westlichen Welt hatten auf eine drohende Kriegsgefahr in Europa hingewiesen. Doch die Welt ist nicht über seine Vergangenheit hinweg. Nun sprechen in der Ostukraine die Waffen, und längst vergessen geglaubte Propaganda bestimmt die Kommunikation Kiews mit dem, man kann, muss es vielleicht tatsächlich sagen, feindlichen Russland.

Dies ist ein Teil des Kontextes, in dem This War of Mine entstanden ist. „Es kann immer und überall Krieg geben, auch vor Deiner Haustür“, sagte Entwickler Karol Zajaczkowski gamona im Interview, und bezieht sich explizit auf den aktuellen Konflikt in der Ukraine. Besonders aufmerksam werden da die Polen. Über kaum ein Land in Europa wurde in der Geschichte so oft von anderen Mächten verfügt, kaum ein Volk wurde so häufig ohne eigene Beteiligung als Verhandlungsmasse internationaler Absprachen in fremde Einflusssphären gedrängt. Besonders unsere Nachbarn sind also über die russischen Aktivitäten in der Ostukraine besorgt.

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Dadurch, dass das Studio hinter dem Spiel aus Polen stammt, hat es eine eigene Perspektive auf den Krieg.
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Was wie der fehlende Baustein zu diesem Text anmutet: Das für This War of Mine verantwortliche Entwicklerstudio 11 Bit hat seinen Sitz in Warschau. Sogar eine Hilfsorganisation, die sich unter Krieg leidenden Kindern annimmt, wird über ihr Spiel unterstützt.

Die Umgebung darin ist eine Mahnung mit Bleistift oder Kohle. Alles schreit nach Untergang. Fern und nah sind schwere Geschütze zu hören. Je mehr Tage die Gruppe hinter sich bringt, desto bedrückender wird die Situation. Auch tödliche Verluste sind nicht ausgeschlossen. Das bedrückt die anderen. Manche schleppen Krankheiten oder Verwundungen mit sich herum, bis sie mit seltener Medizin oder Verbandszeug versorgt werden und halbwegs genug Schlaf bekommen, vorzugsweise in einem selbst gebauten Bett.

Die Schicksalsgefährten hoffen darauf, dass das Verhandlungsgeschick ihrer Mitstreiterin ein wenig mehr als das Lebensnotwendige für die Gruppe bringt - Zigaretten etwa, oder Bohnenkaffee. Der Krieg reduziert den Luxusbegriff, bis er eine unheimliche Präsenz erfährt. Diese Güter existieren, sind aber relativ selten. Immer wieder ist abzuwägen, ob die moralisch gebotene Handlung überhaupt möglich ist, ohne sich selbst einem tödlichen Risiko auszusetzen.

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Der Schrecken des Krieges wird meist aus einer militärischen Perspektive dargestellt. Hier nicht.
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Bei Sonderaufträgen, die anderen Gruppen helfen, fehlt als Auswirkung die Arbeitskraft im eigenen Haus. Der Charakter kommt erschöpft zurück. Dann muss er sich ausruhen und kann auch den zweiten Tag in Folge nicht das Haus sichern, Werkzeuge herstellen, den Alltag organisieren. Dafür steigt die Zufriedenheit der anderen, menschlich gehandelt zu haben. Das Mitgefühl vor dem Bildschirm entscheidet.

Zeit der Opfer

Oben im Menü tickt die Uhr im Zehnminutentakt, Zeit ist wertvoll. Schnell stellt sich eine strukturierte Denkweise ein: Welche Waren müssen nachts erbeutet werden, damit sie am Tag helfen können, wie und wann kann man sie verarbeiten? „Ein gutes Buch könnte uns dabei helfen, die Schrecken des Krieges zu vergessen“, sagen die Charaktere. Raum dafür ist selten. Einfach nur zu überleben, wie es Menschen in der westlichen Zivilisation gelernt haben, ist eine lebensfüllende Aufgabe. Und alleine fast unmöglich. Die Aufgaben müssen aufgeteilt werden.

Für den zivilen, urbanen Überlebenskampf hat 11 Bit Studios viele kleine Elemente von anderen Titeln genommen und einen bedrückenden Bastard konstruiert. Die Ressourcenknappheit baut permanenten Erfolgsdruck auf. Geht ein Sammler verloren, kann es den Tod aller anderen bedeuten. Wie in einem Echtzeitstrategiespiel. Doch This War of Mine rückt den Spieler aus der Kommandeurs-Perspektive ganz nah an seine Protagonisten heran. Vieles kann in einer selbst aufgebauten Produktionskette hergestellt werden; Schaufeln etwa, um Schutthaufen wegzuräumen; Waffen, Alkohol, um damit zu handeln. Manchmal ist die Werkstatt jedoch (noch) nicht mit dem nötigen Gerät ausgestattet, sodass nur der Raubzug bleibt. Die Verzweiflung bahnt sich einen Weg in den Entscheidungsprozess.

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Die Moral und das Fressen - wie viel Menschlichkeit man sich erlaubt, entscheidet der Spieler vor dem Bildschirm.
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Diebstahl bei anderen Überlebenden oder sogar Kampf sind eine Option, aber die Gruppe fordert moralische Standards. Im Krieg ist eben nicht alles erlaubt, so die Botschaft. Zivilisten sind Opfer ihrer Täterschaft. Und der Machtgier, der Einflussgier anderer. Niemand überlebt aus Lust am Töten, sondern seinem Willen, zu überleben. This War of Mine ist wichtig. Es berührt mit anderen Mitteln als der Film, anders als ein Buch, weil man nicht nur liest oder beobachtet, sondern selbst gefordert wird.

In der Zeitleiste betrachtet, nutzte der Shooter Spec Ops: The Line vom deutschen Studio Yager noch die Erzähltechnik des Films, orientierte sich ganz offen am Joseph Conrads Herz der Finsternis und dem legendären Antikriegsepos Apocalypse Now aus dem Jahr 1979. In der Folge wurden auch Platoon (1986) und Full Metal Jacket (1987) zu Kult, und Geboren am 4. Juli (1989) machte die gesellschaftliche Diskussion um den Waffengang in Vietnam zum Thema. Damals war das Medium digitales Spiel noch nicht so weit, dieses Thema massenkompatibel aufzugreifen. Das hat sich geändert.