Um die Ecke denken

Thimbleweed Park arbeitet mit dem Bewusstsein, dass der Spieler die Lücke zwischen 1987 und 2017 zu füllen weiß, sofern er denn alt genug ist, um die Zeit erlebt zu haben. Nur ist genau dieser Umstand eine Achillesferse für alle Retrofans jüngeren Alters. Sie werden Thimbelweed Park zu einem gewissen Grad genießen und sicherlich darüber lachen können, manche Anspielungen aber nie vollends verstehen.

Nun, die Art der Rätsel und ihre oft um die Ecke gedachten Lösungswege könnten ganz jungen Spielern schon vorher den Wind aus den Segeln nehmen, denn Kombinationsgabe und Logik stehen nicht immer im Vordergrund. Manchmal ist die provozierte Poine wichtiger als Regeln von Physik und Chemie. Eine typische Komponente früherer Lucasfilm-Games-Abenteuer. Immerhin konnten sich Chefdesigner Ron Gilbert und seine Kollegen David Fox sowie Gary Winnick dazu durchringen, alle auflesbaren Gegenstände automatisch zu markieren, sobald man mit dem Mauscursor über sie hinweg fährt.

Trotz des eindeutigen Lösungswegs warten aber nur selten Einbahnstraßen auf euch. Bleibt ihr irgendwo hängen, hilft oft der Wechsel auf eine andere Hauptfigur, die in der frei begehbaren Stadt der halbwegs non-linearen Aufgabe der Indizien-Suche frönt. Zumal ihr Wissen nicht auf eigene Erlebnisse beschränkt ist. Alles, was der Spieler weiß, wissen auch die spielbaren Figuren. Warum das so ist, erfährt man erst im großartigen wenn auch, total schrägen Finale.

Muss sein: Ein Hamster in der Mikrowelle und eine Kettensäge. Diesmal sogar mit Benzin

Solltet ihr euch selbst dadurch noch überfordert fühlen, verschafft ein leichterer Schwierigkeitsgrad mit abgeschwächten Rätseln Abhilfe. Eine quasi-Belohnung für mehrfaches Durchspielen, zumal Details einiger Rätsel dynamisch generiert werden, damit man nicht alles in einer Komplettlösung nachschlagen oder schlicht wiederholen kann.

Allerhand Nebenfiguren stopfen inzwischen Handlungslöcher und unterhalten durch ihre kleinstädtischen Macken. So sehen sich der Polizist, der Hotelier und der Forensiker der Stadt ungemein ähnlich, behaupten jedoch, ihre Sprach-Marotten würden sie gut genug unterscheiden. Der Witz dahinter wird vor allem in der (ausschließlich englischen) Sprachausgabe deutlich, wenn der Dorfbulle anfängt, alle erdenklichen Nomen mit dem Verniedlichungs-Appendix „erino“ („Jailerino“, oder „Suspecterino“) auszuschmücken, während der Forensiker lieber „awho“ anhängt (Jailawho, Suspectawho).

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Sprachbarriere

Die schriftliche deutsche Übersetzung von Boris-Schneider-Johne ist in den meisten Fällen vorbildlich, kommt aber gerade in diesem Detail nicht an die Intention der Dialogschreiber heran. Die Anhängsel „lein“ und „chen“ sind dafür schlicht zu schwach. Aber das ist wohl kaum Schuld des Übersetzers, sondern ein Merkmal unserer eher ernsten deutschen Sprache. Über manche Details der Übersetzung kann man trotz allem streiten. Ein Hall oder Hallway in einem Haus ist in der Regel ein Flur, und keine Halle. Auch wäre das Verb „Nimm“ statt „Nehme“ etwas stilsicherer. Haarspalterei und sowieso leicht zu umgehen, wenn man die schriftliche Wiedergabe auf Englisch umstellt.

Allein die Anzahl der Kameo-Auftritte in diesem Bild sprengt alle Grenzen. Zum Glück haben Story und Spielablauf noch mehr zu bieten.

Das dürfte auch bei manchen Dialogpuzzlen helfen, die in der deutschen Übersetzung nicht ganz so eindeutige Hinweise auf den „richtigen“ Gesprächsverlauf offenbaren. Nicht zuletzt, wenn es um sprachliche Eigenheiten zeitgenössischer Natur geht, wie etwa Ausdrücke der Jugendsprache.

Englischer Text ist nicht zwingend vonnöten, wenn man der Sprachausgabe folgen kann . Hervorragende Synchronsprecher vermitteln jedes Gespräch mit eindeutiger Gefühlslage und nicht selten einem gekonnt süffisanten Unterton. Jede humoristische Note – von der es Ron-Gilbert-typisch etliche gibt, bleibt mindestens über die Synchro erhalten. Allein deswegen kann man schon dankbar sein, dass eine womöglich verhunzte deutsche Sprachausgabe fehlt.

Kleine Stilbrüche

Was uns zu den kleinen Stilbrüchen in Thimbleweed Park bringt. Sprachausgabe ist angenehm, kam aber erst zu einer Zeit in Mode, als Point And Click-Adentures bereits am Aussterben waren. Siehe Day of the Tentacle und Indie 4, deren Grafik schon nicht mehr ganz den Stil entsprach, den Thimbleweed Park nachstellen möchte. Nun, kleine Modernisierungen hier und da stören gewiss nicht. Damalige Grafiker hätten wahrscheinlich ihren linken Arm hergegeben wenn sie dafür unter DOS Zugriff auf Transparenzen, extrem flüssiges Paralax-Scrolling oder frei berechnet drehende Objekte gehabt hätten, ganz zu Schweigen von Echtzeit-Beleuchtung, aber die Stilbrüche bleiben im Rahmen und senden damit einen verschmitzten Gruß an die damalige 16-Bit-Konsolenlandschaft. Kann man verkraften, sieht zudem ganz nett aus.

Die Musikuntermalung spielt eine eher untergeordnete Rolle. Unaufdringlich, aber stets passend tritt sie dann hervor, wenn sie benötigt wird. Ein waschechtes Mitpfeif-Thema wie in Monkey Island sucht man vergebens, das sit aber auch nicht nötig, da das Mystery-Gefühl durch Filmmusik-Ambiente besser zur Geltung kommt.

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