Wenn ihr so wollt, schließt sich damit der Kreis. Vor über 15 Jahren zeigte uns ein zwielichtiger, aber irgendwie cooler Typ als einer der ersten etwas, für das es damals noch gar keine Bezeichnung gab. Jetzt, Dutzende Assassinen, Sam Fishers und andere Leisetreter später, ist es der einstige Meisterdieb selbst, der sich bei jenen bedient, die sich einst ihn zum Vorbild nahmen. Hätte schlimmer kommen können. Oder gar nicht.

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Das zumindest wünschen sich hier und da einige, die bei Thief eher an Looking Glass und Dark Project als an Quick-Time-Events oder Erfahrungspunkte denken. Sie haben ihrem Unmut schon früh Luft gemacht und es scheinen deutliche Unkenrufe gewesen zu sein: Bis nach Montreal waren sie zu hören, wo die Jungs von Eidos nach Deus Ex: Human Revolution und Tomb Raider ihren dritten Reboot-Coup landen wollen.

Und ohne den Segen jener Fans, deren Leidenschaft den Ruf dieser Marken erst mitetabliert hat, funktionierte das bislang noch nie so ganz. So liest sich auch die Entwicklungsgeschichte ihres neuesten Babys.

„Hey, wir hätten da so 'ne total coole Idee! Habt ihr auch voll Bock drauf, oder?“ Und die Schreie schallten durch das Internet. Mehr Action, begrenzte Fokus-Fähigkeiten, Quick-Time-Events, Erfahrungspunktesystem … unsere News-Übersicht liest sich wie eine Chronik dieses ewigen Abwägens zwischen Neuerungen und Wahren des alten Scheins. Am Schluss könnte sich das Zetern tatsächlich gelohnt haben.

Thief - Die Schüler beschämen den Lehrer?

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Irgendwo unter dem Next-Gen-Glanz schimmert bisweilen noch das alte Thief von damals durch.
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Eure Rufe wurden erhöht. Weitestgehend.

Was ihr in einem Monat für jedes erdenkliche System kaufen könnt, ist keine auf Disc gepresste Zeitreise, aber ein gutgemeinter Kompromiss aus notwendigen Modernisierungen und Respekt vor den eigenen Wurzeln. Garrets Welt ist noch immer eine düstere, irgendwo zwischen Gotik und einsetzender Industrialisierung stehengeblieben. Düstere Wolken scheinen auch die letzten Sonnenstrahlen endgültig verbannt zu haben und auch hier unten, wo sich korrupte Politiker in Dekadenz üben, während das einfache Volk darbt, lässt sich kein Lichtblick ausmachen.

So viel demnächst vielleicht - gerechtfertigt oder nicht - über spielerische Abkehrungen vom Original fabuliert wird, so schnurzegal kann das den Designern und Levelarchitekten bei Eidos sein. Die Jungs und Mädels scheinen mehr als einen kurzen Blick auf die Klassiker geworfen haben und wissen den Reiz des Morbiden, der latenten Verzweiflung einer ganzen Stadt geschickt zu replizieren, den ihre Vorgänger bereits mit deutlich einfacheren Mitteln vor 15 Jahren erzeugten.

Packshot zu ThiefThiefErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ein Stück weit ist es eine Welt der Gegensätze. Unter dem architektonisch beeindruckenden Brückenbogen lungern bettelarme Menschen, die nichts haben als die Kleider am Leib. Die von außen anmutige Gießerei zeigt ihre scheußliche Fratze erst, wenn Garret, wie Nathan Drake oder Lara Croft vor und mit der Kamera schräg über ihm, an ihren Mauern kletternd einen Weg ins Innere gefunden hat. Statt Schweinen fahren Leichen an Fleischerhaken durch die Anlage; die mächtigen Brennofen lodern gefährlich auf höchster Flamme. Der Gestank von verbranntem Fleisch ist überall.

Es sind grotesk-skurille Szenen wie diese, die so viel von dieser buchstäblich kranken Stadt erzählen und anhand derer erst klar wird, wie Menschen zu dem werden konnten, was hier regelmäßig durch die kalten Straßen fleucht. Menschen, die alles verloren haben, Besitz, Glaube, geistige Gesundheit.

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Der regelmäßige Besuch der Bettlerkönigin ist ein notwendiges Übel. Die alte Schachtel verhökert praktische Fokus-Upgrades.
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Menschen wie die blinde Königin der Bettler, eine vornehme Dame in den Ruinen einer Kirche, beängstigend wie faszinierend – und Geschäftsfrau dazu. Ihr werdet ihr immer mal wieder einen Besuch abstatten, wenn der Geldbeutel vom Aufklauben der überall verteilten Wertsachen (viel Zaster für eine Gegend, in der eigentlich Armut vorherrschen sollte) aufgebläht und der Bedarf an neuen Fokus-Upgrades groß ist.

Vernünftige Modernisierungen und Respekt vor Garrets Wurzeln: Der Meisterdieb hat sein Handwerk keinesfalls verlernt.Ausblick lesen

Nach abgeschlossenem Handel ist Garret zwar um einige Münzen ärmer, im Gegenzug jedoch an nützlichen, jederzeit zuschaltbaren Fähigkeiten reicher. Der Dieb schleicht leiser, zielt genauer – so Zeug eben, das hin und wieder jedoch eine Spur zu mächtig wirkt. Der restliche Inhalt der Geldbörse wandert vorrangig an einen anderen Händler, der sich auf Waffen, deren Verbesserungen und praktisches Kleinzeug spezialisiert hat. Alles, was ein Spiel im Jahr 2014 eben so braucht.

Die in Thief beinahe allgegenwärtige Beklemmung ist nichts Metaphorisches, sondern eine pragmatische Tatsache, real und greifbar. Garrets Welt sind enge Grenzen gesteckt – im Guten wie im Schlechten. Schmale Gassen mit kaum ausreichend Raum zum Drehen um die eigene Achse sind eine tolle Sache, wenn sie ihren nicht unerheblichen Teil zur Stimmung beitragen. Sind ganze Gebiete aber schlauchartig begrenzt, wo sie eigentlich ein Gefühl von Verlorenheit und Größe erzeugen sollten, ist das alles plötzlich nur noch das, was es in seinen besten Augenblicken verschleiern kann: ein Spiel.

Manches könnte sich mit zunehmender Spieldauer noch weiter öffnen, anderes nicht – eine konsistente, zusammenhängende Welt wird das hier allerdings nicht mehr. Auch ein Dishonored setzte den Spieler zwischen zwei Abschnitten gelegentlich auf die Ersatzbank, tat dies, nicht zuletzt aufgrund der größeren Gebiete, jedoch in deutlich längeren Intervallen. Wer Deus Ex: Human Revolution gespielt hat, kann sich ein ungefähres Bild davon machen.

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Garret ist kräftiger als früher, aber noch lange keine Kampfmaschine. Dennoch werden verschiedene Spielweisen möglich sein.
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“Ein Politiker, der stehlen lässt … Klingt ganz normal.“

Überhaupt trägt Garret bisweilen auffällig viel von den Genen Adam Jensens in sich: Er ist ein Mann des Schattens, ein Getriebener, der sich selbst genauso im Verborgenen hält wie seinen eigenen Antrieb. Beide Männer sind keine strahlenden Helden, keine moralischen Instanzen. Sie tragen ihre Vergangenheit wie einen schweren, fest angezurrten Rucksack auf dem Rücken, zu stolz, unter dessen Last auch nur ein wenig gebückter zu laufen.

Den Meisterdieb umgibt weniger der Nebel der Melancholie; Scharfzüngigkeit ist schon eher das, worauf er sich versteht. Der Zyniker in ihm ist nun vielleicht etwas zurückhaltender, als er es noch vor 15 Jahren war, aber zweifellos noch immer irgendwo da unter der dunklen Kapuze.

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Ganz so schick wird's dann, selbst auf PS4 und Xbox One, doch nicht aussehen. Ein hässliches Spiel wird Thief aber auch nicht.
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Gemeinsam mit seinem Spiel hat sich auch Garret selbst verändert, hier mehr, da weniger. Ob insgesamt zum Positiven oder Negativen muss demnächst bald jeder für sich selbst klären. Einige seiner frühen Weggefährten unter euch werden fluchen, „War notwendig“, wird Eidos Montreal sagen. Recht haben beide. Die präzisen, mittlerweile häufig sogar tödlichen Bewegungen des Langfingers etwa waren nichts, was ich mir unbedingt gewünscht hätte, sind aber etwas geworden, mit dem ich mich gut arrangieren kann.

Wie Deus Ex ist auch Thief ein Spiel des Ausprobierens, ein „Was wäre, wenn?“, das lieber fragt als antwortet und euer Vorgehen nur grob in drei Schubladen steckt. „Superduperdieb“ steht ungefähr auf der einen, irgendwas mit „Rambo“ vielleicht auf der gegenüberliegenden. Spielt keine große Rolle, sind nur Zahlen, eine Auswertung eures Vorgehen. Splinter Cell: Blacklist hat es ähnlich gemacht, hier war die Action am Ende des Tages ganz so ruppig. Die Richtung stimmt aber so in etwa – nach langem Hin und Her auch für den von Eidos Montreal eingeschlagenen Weg.