Mittelalterliche Ritterdichtung

Am Ende braucht es keinen Historiker, um zu sehen, dass Kingdom Come: Deliverance keineswegs ein lehrende Erfahrung ist; aber falls ihr dennoch einen möchtet, hier. Das Problem bei der Frage nach Diversität, nach nicht-weißen Charakteren, die es in Kingdom Come: Deliverance nicht gibt, ist zum einen die lückenhafte, geschichtliche Darstellung bezüglich der Regionen, die in Kingdom Come: Deliverance dargestellt werden.

Das ist Kingdom Come: Deliverance:

Kingdom Come: Deliverance - Launch Trailer

Es ist ganz einfach: Wir wissen nicht, ob in Skalitz um 1403 herum schwarze Menschen lebten, oder überhaupt unter der Bevölkerung bekannt waren. Was wir wissen ist, dass Böhmen um 1403 herum sehr wohl schwarze Menschen kannte; Beweise gibt es zu Hauf. Im Magdeburger Dom (erbaut 1207) steht der dunkelhäutige Heilige Mauritius (1240/50); des Weiteren schlängelten sich etliche wichtige Handelsrouten durch Böhmen, die von verschiedensten Ethnien befahren wurden. Ihr möchtet es genau wissen? Dieser Artikel bespricht den Skandal um Kingdom Come: Deliverance bevor es ihn, den Skandal, überhaupt in seiner Breite gab. Weitere Informationen findet ihr unter dem entsprechenden Reddit-Beitrag im “Ask Historians”-Forum; und um auch Daniel Vávra, den Director von Kingdom Come: Deliverance und Ursprung der Debatte nicht außenvorzulassen: Ihr seid womöglich mit seinem berüchtigten Tweet bekannt, doch wenn nicht, hier:

Es gab keine schwarzen Menschen im mittelalterlichen Böhmen. Punkt”, was keinesfalls stimmt. Und dennoch sollten wir vielleicht beachten, dass Vávra sich mehrmals für diesen Tweet entschuldigt (hier) und seine Beweggründe erklärt hat (hier). Es gibt noch mehr Seiten, die zu beachten sind; etwa das gesamte Team hinter Kingdom Come, eine große Gruppe von Menschen, die nicht gemeinsam entschieden haben, eine falsche Version der Geschichte zu präsentieren. Wie ich bereits im Test zum Spiel erklärt habe, gibt es außerdem ebenso keine homosexuellen Charaktere oder gar Behinderte; tatsächlich fehlen Kingdom Come etliche Minderheiten, die es früher garantiert gab – auch innerhalb der Region, die wir im Spiel besuchen. Es ist eine riesige, breite Diskussion, die uns über Fragen wie “Was ist mit der Darstellung von Minderheiten in anderen Videospielen / Medien?” oder “Ist ein Spiel rassistisch / homophob / intolerant, sobald eine Person im Entwicklerteam eventuell eine derartige Einstellung hegt?” bis hin zu “Kann ein Spiel oder ein Medium mit einer vorhandenen Dramaturgie historisch korrekt sein, sollte es damit beworben werden und was bedeutet für uns historische Korrektheit?”. Letztere Frage möchte ich mit Nein, vielleicht nicht so und das ist eine gute Frage beantworten.

Es tut mir Leid, aber ich möchte mich wiederholen: Am Ende braucht es keinen Historiker, um zu sehen, dass Kingdom Come: Deliverance keineswegs ein lehrende Erfahrung ist. Warhorse' Fohlen ist eine spannende, teils kitschige Geschichte; eine intensive Romantisierung des Mittelalters, ein oh, es ist so schön hier, ich liebe das Mittelalter, ein Spiel mit Charakteren, die viel zu hübsch sind und einwandfreie Zähne haben, eine Story, die auf wahren Begebenheit basiert, nicht jedoch historisch korrekt ist.

Was nicht heißt, dass alles völlig frei erfunden ist. Aber es gibt einen Raum zwischen “völlig korrekt” und “frei ausgedacht”, den Kingdom Come: Deliverance bewohnt. In meinen Augen hätte Warhorse Studios das Spiel nicht mit der Headline historisch korrekt verkaufen sollen, ebenso wie Ubisoft sich ins Bein schneidet, wenn es die Discovery Tour als reine Geschichtsstunde verkauft. Oder gar als Lehrmaterial.

Wer von den X-Men hat ein Easter-Egg in Kingdom Come: Deliverance bekommen? Ratet mal.

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Es ist Unterhaltung. Eine mittelalterliche Ritterdichtung mit Blumen und schönen Maiden in Kingdom Come: Deliverance; oder eine Muschel über der Wahrheit in der Discovery Tour von Assassin’s Creed. Aber es ist eine hübsche Muschel. Hübscher, als die Realität vielleicht.

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