Wie keine andere Epoche wurde der Zweite Weltkrieg von der Spieleindustrie vermarktet und ausgelutscht. Theatre of War, entwickelt von der russischen 1C Company (u.a. IL-2 Sturmovik), ist ein weiterer Versuch, aus dieser geschichtsträchtigen Zeit ein Spiel zu stricken. Die Idee diesmal: extremer Realismus.

Das Spiel ist schon seit einiger Zeit im russischen Raum erhältlich, jedoch hat sich erst jetzt ein Partner für den Vertrieb in Deutschland gefunden, der das Echtzeit-Strategie-Spiel, inklusive des Add-Ons "Battle for Moscow", in einer komplett übersetzten Version auch hierzulande anbietet.

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Harte Kost für harte Kerle

Schon das Tutorial offenbart, was den Spieler in den rund 40 historischen Schlachten der Kampagne erwartet. Die Missionsbeschreibung erfolgt mittels einer strategischen Karte und einigen Textblöcken. Die Ziele werden in kurzen Stichpunkten abgehandelt, danach wählt man die Einheiten aus, welche man mit in den Kampf nehmen will, und los geht’s. Auf ein Intro wurde ebenso verzichtet wie auf Zwischensequenzen. Zu Beginn einer Konfrontation stellt man seine Einheiten auf und beginnt dann, die einzelnen Aufträge abzuarbeiten. Während eines Kampfes erhält man gelegentlich neue Aufgaben in Form von Textnachrichten im linken unteren Bildschirmrand. Klingt langweilig, ist es auch.

Theatre of War - Es ist schon ein Theater mit dem Zweiten Weltkrieg: Dieses RTS ertrinkt im Realismus.

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Die Fahrzeuge sind sehr authentisch modelliert.
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Da sowohl während der Missionsbeschreibung als auch im Spiel selbst auf Sprachausgabe fast vollständig verzichtet wurde und im Hintergrund immer die gleiche orchestrale Musik dahinleiert, kann Theatre of War zu keinem Zeitpunkt so etwas wie Atmosphäre aufbauen. Die Geräusche, die ein MG von sich gibt, erinnern eher an ein altes Moped als an ein Werkzeug, mit dem Tod und Verderben gesät werden.

Auch die mäßige grafische Präsentation ist dem Spiel nicht wirklich zuträglich. Nur wenn man sehr nah an die Einheiten heranzoomt, kann man die Details der verschiedenen Fahrzeuge ausmachen. Da man aber aus Gründen der Übersichtlichkeit das Spiel eher aus luftigen Höhen betrachtet, sieht man nur verwaschene Klötzchen und Striche. Die restliche Umgebung besteht in dieser Ansicht aus breiartigen Flächen, welche ab und zu durch einige Bäume von anderen Flächen abgegrenzt werden. Selten sind einmal Häuser oder gar ganze Dörfer zu sehen.

Ja wo laufen sie denn?

Aber Grafik ist schließlich nicht alles, wenn der Rest wenigstens stimmt. Leider zeigt das Spiel auch im Gameplay unnötige Schwächen. Die Bedienoberfläche, welche das untere Drittel des Bildschirms einnimmt, ist eher auf Funktionalität denn auf Übersichtlichkeit getrimmt. Es können maximal 18 Einheiten gleichzeitig angewählt werden, was besonders bei der Infanterie, welche nicht in Gruppen zusammengefasst ist, zu nervigen Klickorgien verkommt. Die Symbole der Einheiten sind in der herausgezoomten Ansicht kaum zu erkennen und so muss man das Spiel ständig pausieren, um die gewünschte Einheit aus dem Klumpen von grünen Punkten auszuwählen.

Theatre of War - Es ist schon ein Theater mit dem Zweiten Weltkrieg: Dieses RTS ertrinkt im Realismus.

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Die Grafik ist beileibe nicht mehr zeitgemäß.
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Was jedoch am meisten stört, ist die fehlende Dynamik der Einheiten. Um einen Infanteristen von einer Seite der mehrere Kilometer großen Karte zur anderen zu schicken, benötigt dieser schon mal zehn Minuten. Auch Fahrzeuge bewegen sich in einem ähnlichen Schneckentempo und so kann man während eines Flankierungsmanövers beruhigt zum Italiener um die Ecke gehen, ohne etwas zu verpassen. Hier hat man es mit dem Realismus eindeutig übertrieben.

Wer allerdings auf Zwischensequenzen verzichten kann, sowieso keinen Gefallen an Grafik oder Soundkulisse findet und wer Spiele wie Sudden Strike eher in die Schublade Arcade-RTS einordnet, der wird mit Theatre of War vielleicht genau das gefunden haben, was er schon so lange suchte. Denn in punkto Authentizität kann dem Spiel derzeit wohl kein anderes das Wasser reichen.

Durchschnittliche Winkelabweichung: 2,39 Grad

Von Sichtlinien über korrekte Reichweiten bis hin zur durchschnittlichen Abweichung von Schüssen fließt in dieses Spiel alles ein, was der Tabellenfanatiker sich wünschen kann. Hier ist es sogar möglich, mit einem Panzer auf ein über drei Kilometer entferntes Ziel zu feuern. Natürlich mit entsprechend korrekt berechneter Projektilflugzeit und Trefferwahrscheinlichkeit. Letztere hängt u.a. von den Fähigkeiten der Besatzung ab, die im Laufe einer Mission sogar Erfahrungspunkte sammelt, die am Ende einer Mission in die Verbesserung von Fertigkeiten oder Orden für die jeweiligen Truppen umgemünzt werden können.

Theatre of War - Es ist schon ein Theater mit dem Zweiten Weltkrieg: Dieses RTS ertrinkt im Realismus.

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Ein Männlein steht im Walde...
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Jedoch ist es bis dahin ein beschwerlicher Weg. Selbst auf dem leichtesten von drei Schwierigkeitsgraden und mit abgeschalteter Truppenmoral dürften die meisten Hobbystrategen für die erste Mission mehrere Anläufe benötigen. Nur wer seine Truppen optimal platziert und gegnerischen Panzern mittels Flankenangriffen an den empfindlichen Seiten zusetzt, hat hier eine Chance.