Ein paar Momente lang nichts, dann „Lügner!“. Schließlich wieder nichts, bis meine hoffnungslos überreizten Sinne wieder einigermaßen im Einklang waren. Etwa das schoss mir durch den Kopf, als ich das Spiel gerade hinter, den Abspann noch vor mir hatte. Unmittelbar nach einem Finale, an dem es nur eines auszusetzen gab: Es kam zu spät.

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Irgendwann zwischen 13 und 15 Stunden war es so weit. Weit mehr, als Hideki Kamiya im Vorfeld andeutete und man von seinem Brötchengeber PlatinumGames gemeinhin gewohnt ist. Gute Sache, mehr fürs Geld, so der allgemeine Konsens. „Bei sechs bis sieben Stunden für 50 oder 60 Euro bin ich enttäuscht, egal wie spaßig diese Zeit war“, schreibt auch unser gamona-User DarkW.

Richtig? Falsch? Ließe sich drüber streiten, keine Frage. In jedem Fall aber zumindest nachvollziehbar. Und The Wonderful 101 betreffend eher unwahr.

„Ich konzentriere mich darauf, wie viel Spaß es macht, nicht darauf, wie lange es bis zum Ende dauert“, twitterte Kamiya noch im Vorfeld der Veröffentlichung. Nicht nur, dass er damit ob der fragwürdigen Eigenwerbung bei Nintendos Marketingabteilung für über dem Kopf zusammengeschlagene Hände gesorgt haben dürfte – der Kreativkopf impliziert mit dieser Aussage schlichtweg falsche Tatsachen. Doch von Anfang an.

The Wonderful 101 - Wundervoll bescheuert

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Selbst für PlatinumGames ist das hier schon ziemlich schräg.
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Chaos hoch 101

Es sind keine langweiligen Stunden, so viel vorweg. Nicht mal im Ansatz: The Wonderful 101 lässt selbst seine irrsinnigen „Vorgänger“ wie „Bayonetta“ oder „Metal Gear Rising: Revengeance“ im direkten Vergleich fast schon bieder wirken und sprengt jede What-the-fuck-Skala mit einem herrlich debilen Grinsen auf den Lippen. Was als bunt-überdrehte Superheldenparodie seinen Anfang nimmt und Vergleiche mit „Pikmin“ geradezu provoziert, entpuppt sich schließlich als das, was Presse und Spieler seit Jahren aus einer Kehle fordern: etwas gänzlich Neues.

Anders als die grundlegenden Spielmechaniken offenbart sich euch diese Erkenntnis bereits im genialen Intro, das quasi auf einen Schlag alle Qualitäten des Wii-U-Exklusivtitels erdrutschartig abfeuert und, zumindest für mich, zu den besten der vergangenen Jahre gehört. Vor euren aufgerissenen Augen entspinnt sich eine Kakophonie des Wahnsinns: Grundschullehrer verwandeln sich in Superhelden, erhalten von Dutzenden (nicht minder knalligen) Kollegen Unterstützung, quatschen Blödsinn, formen sich zu einer Sprungschanze für einen Schulbus – während ihr nur ungläubig staunend blinzelt und zum pseudo-epischen MännerchorSoundtrack mitwippt.

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Ähnlichkeiten mit Viewtiful Joe, den Power Rangers und solchem Zeug sind kein Zufall.
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Es ist der erste von vielen Höhepunkten. Die nächsten Stunden sind voll von diesen, großen wie kleinen, immer darauf bedacht, das Vorangegangene möglichst noch einmal in den Schatten zu stellen. Klappt ziemlich gut, zugegeben: Inmitten von Power-Rangers-Anspielungen und Punch-Out-Referenzen traf mich der Kampf gegen einen wolkenkratzerhohen Roboter ebenso unvorbereitet wie der Ausflug auf dem Wonderful-101-Raumschiff mitsamt heftiger Schusswechsel - eine Verbeugung vor Kamiyas geliebtem „Space Harrier“.

Nicht selten fühlt sich The Wonderful 101 wie eine Hommage an das Medium Videospiel selbst an. Etliche Zitate auf bekannte Klassiker habe ich grinsend wahrgenommen, deutlich mehr vermutlich verpasst. Ironisch, dass die besten davon ausgerechnet die leisesten sind, doch trotz ihrer bekanntesten Qualitäten können PlatinumGames mehr als Getöse. Die Japaner verstehen ihr Handwerk nicht als plumpe „Größer, lauter, besser“-Spirale, sondern suchen immer wieder auch einen subtileren Weg. In Nebensätzen oder unscheinbaren Details im Hintergrund kokettieren sie geschickt mit medienübergreifenden Klischees und tun sich auch sonst an bekannten Vorlagen gütlich.

„Gewohnte Platinum-Qualität“, könnte man sagen – und kaum mehr untertreiben. Nur weil das Studio die eigene Messelatte (zum Teil verblüffend konstant) hochhält, ist die jedes Mal von neuem erbrachte Leistung nicht weniger wert. Im Fall von The Wonderful 101, das inszenatorisch selbst „Bayonetta“ noch ein, zwei Dinge beibringen kann, schon gar nicht. Gern darf sich die sexy Hexe auch ein paar der ruhigeren Qualitäten abschauen, wenn die Heldenmeute im Austausch dafür ein paar Trainingsstunden von ihr erhalten. Nötig hätten's die Unterhose-über-der-Hose-Träger allemal.

Kreative Achterbahnfahrt mit 101 verrückten Superhelden: Viele Höhen, ein paar Tiefen – aber unbedingt spielenswert!Fazit lesen

Wenn bis zu 100 stecknadelgroße Superhelden nach einem Wisch über den Touchscreen des Wii-U-GamePads zu einem riesigen Schwert verschmelzen, funkelt, leuchtet und glänzt es ganz gewaltig – nur Gold ist davon recht wenig, Platin schon gar nichts. „Style over substance“ ist die böswillig-übertriebene Beschreibung dessen, was ihr zu 90 Prozent eurer Zeit tun werdet. Diese Darstellung wäre ein ebensolches Missverständnis der den Kämpfen zugrundeliegenden Mechaniken wie die fälschliche Komplexität, die selbigen gelegentlich attestiert werden.

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Die Kämpfe sehen genial aus und fühlen sich gut an, sind aber nicht frei von kleineren Schnitzern.
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Gerade an letzterem Umstand sind die ersten (und besten) Stunden von The Wonderful 101 nicht ganz unschuldig, in denen sich jedwede Erklärungen stets auf das Nötigste beschränken. Keine schlechte Sache, wenn man es richtig macht. Das setzt jedoch eine im weitesten Sinne offene Welt voraus, die Erklärungen aus sich selbst heraus zulässt, sich nicht hinter komplex…, äh, verschachtelten Menüs versteckt. Sprich: eine Welt, wie sie euch hier kaum geboten wird.

Aller Anfang ist verrückt

Kein Beinbruch, ist nur halb so schlimm, wie es sich liest, aber doch ärgerlich genug. Ärgerlich, weil ihr während der ersten Missionen (trotz knapper Hilfestellungen) eine fantastische Zeit haben werdet, diese aber alsbald Stück für Stück ein bisschen Glanz verliert, je mehr ihr das einigermaßen dürftige Fundament von The Wonderful 101 durchschaut. Wer hoch stapelt, kann tief fallen.

Immerhin ist es ein sehr gemächlicher Sturz, eher ein Gleiten. Das Staunen, das kindliche Glucksen und Jauchzen, wenn der Bildschirm in bunten Farben und verrückten Ideen explodiert, ist der tragende Wind unter den Flügeln. Man probiert aus, lernt, Formen auf den Touchscreen zu schmieren (oder mit den rechten Analogstick zu skizzieren – beides keine optimale Lösung).

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Erst genial, dann blättert der Lack ein wenig ab. The Wonderful 101 ist ein zweischneidiges Schwert.
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Ein Kreis lässt eure Mannschaft zur erhobenen Faust werden, später betreten neue charmante Helden mit anderen Fähigkeiten und kleinen wie großen Spleens die Bühne. Eine Wellenlinie wird zur menschlichen Peitsche, ein Haken zur superheldenverschießenden Pistole oder, die nötige Manpower vorausgesetzt, gar zum Raketenwerfer.

Macht irrsinnig viel Spaß und sieht, typisch Platinum, in seiner Einzigartigkeit fantastisch aus. Keine Ahnung, wie lang die Japaner Ideen verworfen und an zig Stellschrauben gedreht haben, aber es muss ewig gedauert haben. Aus gutem Grund: Das Verschmelzen zu gigantischen Waffen (im Spiel als „Unite Morph“ bezeichnet) ist das zentrale Element, um das jeder andere Aspekt herumgebaut wurde. Und wenn ihr dazu genötigt werdet, eine grundlegende Aktion hunderte Male durchzuführen, sollte sie besser gut durchdacht sein. Mission erfüllt, Häkchen dafür.

In den Kämpfen selbst entscheidet schließlich das Stein-Schere-Papier-Prinzip, welche Gigantowatsche ihr idealerweise auspacken solltet. Nicht gleich zu Beginn, erst nach und nach, plötzlich ziemlich schnell. Auf einmal geht’s ohne Taktik kaum noch voran, weil das leuchtende Morph-Schwert nicht mal einen Kratzer in den fetten Panzerwagen ritzt und ihr ohne die richtigen Fähigkeiten, die im undurchsichtigen Menü durch sehr, sehr mühselig erspieltes Geld freigekauft werden müssen, kaum noch eine Chance habt.

Ausweichen? Zur Kasse, bitte. Blocken? Nur gegen Bares. Geld regiert die Welt, bitte gehen Sie weiter.

Die Schwelle zur nächsten Stufe ist eine hohe und kommt schneller als gedacht. „Gut, endlich geht’s zur Sache“, dachte ich anfänglich. „Das kann doch nicht euer Ernst sein!“, „Was zur … !?“ und „Nein, nicht schon wieder“ nur wenig später. The Wonderful 101 ist nicht auf einmal komplexer, sondern schlichtweg undurchsichtiger. Die Kämpfe werden größer, lauter – das Feedback bleibt jedoch dasselbe und lässt euch zu oft im Dunkeln.

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Schwerter, Pistolen, Brücken: Eure Heldentruppe ist vielseitig einsetzbar.
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Ich hasse dich, du zuckersüßes Ding

Wenn's ganz dumm läuft, kommt plötzlich alles zusammen. Auf einmal ist der führende Superheld, (der einzige, der tatsächlich von einem Treffer erwischt werden kann), im Gewusel verschwunden, die sture, kaum bewegliche Kamera fängt das Geschehen nur wenig übersichtlich ein, das Zeichnen auf dem Touchscreen funktioniert mal wieder nicht präzise genug oder dauert aufgrund des zwangsläufigen Umgreifens zu lang, neue Gegnertypen gab's schon seit drei Stunden nicht mehr, Schüsse von außerhalb des Bildschirms zerschlagen die eigene Truppe...

Wenn es richtig gut läuft, geht alles fließend ineinander über. Ein paar einzelne Helden greifen die feindliche Meute separat an, halten sie beschäftigt, der Rest formt sich zu einem gigantischen Hammer, scheppernd zerschmettert der Schlag sein Ziel, ein präzises Ausweichmanöver lässt den Panzerschuss geschmeidig ins bunte Nichts fliegen, unvermittelt beginnt ein spektakuläres Quick-Time-Event...

Ihr werdet The Wonderful 101 hassen.

Ihr werdet The Wonderful 101 lieben.

Die Liebe kommt von ganz allein. Geht gar nicht anders, ist doch alles so schön bunt hier, so herrlich überdreht und voller Ideen. Wie soll man bei all dem Unfug nicht lachen, ungerührt dasitzen beim Ankurbeln von Riesenrädern mit einer gigantischen Hand aus Superhelden, den ulkigen Dialogen? Das möchte ich sehen, wie euch die bombastischsten Bosskämpfe seit Bayonetta kaltlassen oder die kreativen Einsatzmöglichkeiten der Superheldenfähigkeiten langweilen. Unmöglich. All das muss man einfach lieben.

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Es hätte so wundervoll werden können.
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Viel Hass hätte sich PlatinumGames durch Kleinigkeiten ersparen können. Was hätte ich für Tasteneingaben zum Auslösen der Morph-Formen gegeben – kein hektisches Verzeichnen mehr in Kämpfen, das nichts kostet bis auf Zeit und Nerven. Was hätte der Spielablauf von klareren Anweisungen und einem weniger verschachtelten Menü profitiert und hätte es wirklich so viel Zeit gekostet, sich ein paar zusätzliche Gegnertypen aus den Fingern zu saugen?

Vor allem aber: Wieso wurde die Spielzeit künstlich gestreckt? Spielspaß geht über Spieldauer. War da nicht was, Herr Kamiya? Wäre The Wonderful 101 nur halb so lang – es wäre ein besseres, wundervolles Spiel geworden.