„Ein Detektiv, der dem Täter immer einen Schritt hinterher ist. Wechselnde Tatorte, direkt mehrere hintereinander in kürzester Zeit. Ein neuer Widersacher, der nicht vollkommen überzeugen kann, großer Showdown in einer Hinterstraße. Cliffhanger, Credits, Abspann. Aus und Vorbei, bis zum nächsten Mal.“ Was nach der Inhaltsangabe des letzten Tatorts klingen könnte, trifft bei genauerem Hinsehen auch auf die neuste Episode des Fable-Spiels „The Wolf Among Us“ zu: Bigby kehrt ein drittes Mal auf unsere Bildschirme zurück und spaltet die Fangemeinde endgültig mit dem jüngsten Auftritt in Telltales neuster Episode „A Crooked Mile“.

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Wer mit den Gebrüdern Grimm aufgewachsen ist, weiß, dass auch die fantastische Märchenwelt kein perfekter Ort ist: Helden müssen lebensbedrohliche Abenteuer bestehen oder schwierige Rätsel lösen, um an ihr Ziel zu kommen. Allerlei Fabelwesen stellen sich dabei ihnen in den Weg und versuchen, die Geschichte nicht mit einem „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ enden zu lassen.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Geschichte von Bigby Wolf, dem Detektiv der Fable-Gemeinde nicht sonderlich von den Erzählungen unserer eigenen Märchenbücher. Es ist keine einfache Welt für Bigby, den „großen, bösen Wolf“, der die Ermittlungen in einem erschütternden Mordfall leitet und von seiner Umwelt stets misstrauisch beäugt wird.

The Wolf Among Us - Episode 3: A Crooked Mile - Enttäuschung auf höchstem Niveau

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In der dritten Episode wird es manch ein Wiedersehen mit alten Bekannten geben.
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Manche sehen in ihm den Gesetzteshüter, der Seinesgleichen beschützen will; viele andere fürchten ihn wegen seines aufbrausenden Temperaments und seiner Wildhaftigkeit, die er in der Vergangenheit kaum beherrschen konnte. „The Wolf Among Us“ greift diesen Konflikt auf und macht den Spieler zum Dreh- und Angelpunkt der Moralwelt Bigbys.

Der Stein gerät ins Rollen

Während uns Episode 2 näher in die Gedankenwelt Bigbys einführte und uns in fast erdrückend langen aber gleichsam sehr intensiven und atmosphärisch dichten Sequenzen eintauchte, dürfen wir nun die Grobzeichnung Bigbys, die wir in unseren Köpfen begonnen haben, ausmalen und zu einem Abschluss bringen. Viele Entscheidungen mussten getroffen und oft die Beherrschung bewahrt werden, bis der erlösende Abspann schließlich über den Bildschirm flimmerte - nun geht es an den Feinschliff des Detektivs in unseren Köpfen und Speicherständen.

The Wolf Among Us - Episode 3: A Crooked Mile - Enttäuschung auf höchstem Niveau

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Auch vor einem Cliffhanger seid ihr nicht sicher.
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Episode 3 nimmt deutlich an Geschwindigkeit zu, hetzt Bigby von Tatort zu Tatort: In einer Schlüsselsequenz findet ihr euch vor einer riesigen, tickenden Uhr mit offenliegendem Zählwerk wieder und müsst entscheiden, an welchem der drei vorgeschlagenen Orte ihr eure Ermittlungen fortsetzt. Die Zeit tickt unaufhaltsam, es gilt, weiter Morde zu verhindern, möglichst schnell möglichst viele Hinweise zu sammeln und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Atmosphärisch überzeugend, aber inhaltlich polarisierend: Die Inszenierung entwickelt sich spürbar weiter – noch bleibt unklar, ob zum Guten oder Schlechten.Fazit lesen

Telltale sorgt dafür, dass diese Entscheidungen quälend sind: Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass der dritte und letzte Schauplatz, der von Bigby zwangsläufig nicht mehr aufgesucht werden kann, dem Spieler je nach Wahl bis zu 10 Minuten der wertvollen Storyline rauben kann und so wichtige Gespräche vielleicht nie stattfinden werden. Eine bemerkenswert radikale Designentscheidung der Entwickler, die so dafür sorgen, dass eure Entscheidungen tatsächlich wichtig sind.

Kritik auf höchstem Niveau

Der Konflikt Bigbys mit sich selbst und dem Wunsch, Snow zu gefallen und zu beeindrucken, wird in der neusten Episode konsequent weitergetrieben. Allerdings geschehen die Schlüsselszenen weniger subtil und zurückhaltend wie noch in der Vorgängerepisode und führen zu teils drastischen, fast schon stumpf inszenierten Gemütsverstimmungen bei allen Beteiligten.

The Wolf Among Us - Episode 3: A Crooked Mile - Enttäuschung auf höchstem Niveau

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Manche von Bigbys Fragen werden beantwort - aber viele neue Rätsel nehmen ihren Platz ein.
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Auch bemerkte ich, dass zuweilen meine natürliche Reaktion in manchen Gesprächen gar nicht zur Wahl standen und Bigby mir nur eine Auswahl an Antworten überließ, die in sich nicht weit gefächert waren. Dies ist allerdings kein Versäumnis von den Entwicklern sondern zeigt, dass Bigbys Charakterentwicklung fortgeschrittener ist und wir ihn und sein Weltbild nicht mehr so frei wie ein Springball zwischen zwei Extremen hin- und herbewegen können. Das mag manchen gefallen, anderen eher sauer aufstoßen.

Die Schwächen der ansonsten wieder sehr, sehr gut unterhaltenden dritten Episode werden schließlich in der Schlusssequenz am deutlichsten: Ein neuer Gegenspieler wird unvermittelt und fast plump eingeführt, Klischees über Klischees bestimmen die Inszenierung. Mich persönlich überzeugte weder der Dialog noch das Verhalten des bisher unbekannten Antagonisten und er hinterließ einen fast lächerlichen, ganz sicher aber nicht einschüchternden Eindruck. Aber auch diese Wahrnehmung ist höchst subjektiv und wird von anderen Spielern so sicher nicht einhellig geteilt.

Selbstverständlich wird die in den Vorgängerepisoden meisterhaft inszenierte Charakterentwicklung der liebgewonnenen oder verhassten Fables, mit denen wir zu tun haben, nicht aufgegeben - doch spüren wir deutlich, dass es weniger Überraschungen gibt und bisher eingeschlagene Wege mehr verbreitert, als wieder verlassen werden. Ein notwendiger Schritt, um auf das Serienfinale vorzubereiten, aber sicherlich auch eine Entwicklung, die ihre Opfer fordert.