Es gibt so Franchises, bei denen wundert es überhaupt niemanden mehr, wenn sie in alle nur denkbaren Formate und Medien transportiert und regelrecht ausgeschlachtet werden. Wer sich also seinen Lieblingscharakter aus Game of Thrones als Plüschtier an die Rückscheibe des Autos kleben will oder unbedingt ein Star-Wars-Sexspielzeug braucht, wird sicherlich fündig. Witcher ist von solchen Dingen immer noch weitgehend verschont gebleiben, was es umso eigenartiger macht, dass jetzt ein Brettspiel erscheint. Noch merkwürdiger: Es ist ein Video-Brettspiel.

In The Witcher Adventure Game (ein ebenso verwirrender wie einfallsloser Name) treten bis zu vier Spieler gegeneinander an und ziehen abwechselnd durch die grimme Welt, die unsereins entweder aus den Romanen von Andrzej Sapkowski oder, wahrscheinlicher, aus der erfolgreichen Hauptreihe von absurd düsteren RPGs bekannt ist. Wahlweise schlüpft man in die Rolle von Geralt, Triss, Dandelion oder Yarpen Zigrin, die sich jeweils in gewisser Weise unterscheiden.

The Witcher Adventure Game - Die milde Jagd

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Unsere... äh, Helden?
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Allen gemein ist jedoch das Ziel: Quests erfüllen, im Zuge dessen Punkte sammeln und nachdem eine vorher festgelegte Anzahl Hauptquests erledigt wurde, endet das Spiel, der Besitzer der meisten Punkte ist der Sieger. Zum Erfüllen der Quests muss man Ressourcen sammeln, was man wiederum erledigt, indem man bestimmte Orte auf der Spielkarte abklappert, kleinere Quests absolviert oder spezielle Ereignisse triggert.

In jeder Runde kann man zwei Aktionen vollführen. Dazu zählt Bewegung, das Erlernen neuer Fähigkeiten von einem Stapel, das Ausbauen bereits vorhandener Fähigkeiten (bzw. sie mit "Munition" zu versorgen für spätere Benutzung), das Starten eines kleinen Ereignisses, das im Idealfall Ressourcen bringt (und im schlimmsten Fall völligst nach hinten losgeht) und sich auszuruhen, um im Kampf erhaltene Wunden zu beseitigen.

Kampf ist natürlich ein großes Thema, denn es wäre ja sonst kaum die Welt des Witchers. Alle naslang wird das Brett von allerlei Kroppzeug überflutet, das in verschiedenen Härtegraden daherkommt, unterschiedlich bekämpft werden muss und im Falle eines Sieges andere Belohnungen einbringt. Die Kämpfe werden über ein Würfelsystem ausgetragen, in dem die Charaktere Schwerter, Schilde, Zauberenergie und ähnliches erwürfeln und gegen ihren Feind anbringen.

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Schon fast eine Spur zu bunt, doch insgesamt stimmungsvoll.
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Ergänzt wird dieses System durch die angesprochenen Fähigkeiten, die zum Beispiel erlauben, hin und wieder einen Würfel neu zu rollen, ein Symbol gegen ein anderes zu tauschen und derlei mehr. Im Kampf erlittene Wunden müssen über unseren pro Runde ausführbaren Aktionen platziert werden und blockieren deren Benutzung, bis sie kuriert werden. Leider krankt das Kampfsystem über gewisse Strecken doch sehr an seiner erwürfelten Beliebigkeit, die man durch Skills zwar ein wenig, für meinen Geschmack aber nicht ausreichend relativieren kann.

Die Stimmung wird recht gut vermittelt, aber mangelnder Tiefgang und sehr zufällige Elemente halten das digitale Brettspiel zurückFazit lesen

Doch die größte Verbindung zu Witcher ist vielleicht die Trost- und Hoffnungslosigkeit der Welt. Nicht nur wird sie von besagten Monstern überrollt, sondern auch von einer Unmenge schlechter Ereignisse, die zwar nach dem Zufallsprinzip gezogen werden, tendenziell in ihrer Quantität aber immer weiter zunehmen. Irgendwann streift man durch eine Landschaft, die sich nur noch in den Worten "Crapsack World" zusammenfassen lässt und in der sämtliche Spieler von allen Arten von grausigen Events überwältigt sehen.

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Das Witcher Adventure Game gibt es auch als Brettspiel - und es steht zu erwarten, dass es hier seine Stärken besser ausspielen kann.
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Das ist dann aber auch irgendwie das einzige, was eine echte Assoziation herstellt. In jeder anderen Hinsicht weist das... wie heißt es nochmal, Witcher Adventure Game? Jedenfalls ist es in jeder anderen Hinsicht zwar halbwegs kompetent, aber nicht Fisch und nicht Fleisch und nicht Chimäre und nicht Harpyie. Für ein Witcher-Spiel ist es nicht wuchtig genug – wie sollte es auch? Und Brettspiel-Fans erwarten allermeistens entweder ein gewisses Maß an Komplexität oder eben Leichtigkeit – das hier vorliegende Game ist aber eher seicht, dafür jedoch ordentlich schwerfällig, langsam und sperrig.

Die Gratwanderung, an der sich das Spiel versucht, dürfte nur so bedingt aufgehen. Spielspaß kommt durchaus irgendwie auf, Begeisterung eher nicht. Auf dem PC ist das Ding auch relativ fehl am Platz, denn Hot-Seat-Multiplayer ist soweit ich weiß seit gefühlten 15 Jahren kein Thema mehr und das Online-Publikum wird wohl eher nischig bleiben – davon abgesehen, dass Brettspiele eine Menge verlieren, wenn die soziale Interaktion fehlt. Auf einem Tablet wird es sicherlich rein vom Format her besser funktionieren, aber auch hier ist die Frage, ob man nicht vielleicht doch ein Game mit ein bisschen mehr Fleisch auf den Rippen bemühen sollte.