Geralt von Riva hat es nicht leicht. Zuerst einmal kommt er eigentlich nicht aus Riva, sondern aus Rivia, und der Ort wird offenbar in unterschiedlichen Sprachen anders genannt, sodass man beim nerdigen Plausch immer wieder verwirrt stutzt. Dann ist es so, dass die Welt, in der er lebt, ein Arschloch ist. Ich würde sie gerne netter nennen, aber angesichts des nach Schweiß und Urin stinkenden, intriganten Sündenpfuhls, in dem der rüstige Monsterschlächter seine Bahnen zieht, will mir keine hübschere Vokabel einfallen.

The Witcher 3: Wild Hunt - Plötze-DLC (April, April)28 weitere Videos

Und jetzt wird genau diese dreckige Todesfalle und Räubergrube von Welt immer noch größer, größer, größer. War das erste Spiel noch in kleine und übersichtliche Areale eingeteilt, beinhaltete Witcher 2: Assassins of Kings doch schon mehr Landschaft, Wildnis, durch die man pirschen konnte und natürlich eine Unzahl von Monstern, fiesen mythologischen Bestien und einigermaßen gewöhnlichem Gesindel, das auch nur versucht, irgendwie über die Runden zu kommen – nur eben, indem es anderen Leuten das Leben nimmt oder noch schwerer macht.

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 146/1521/152
In den heiligen Hallen von CD Projekt in Warschau durfte ich die ersten paar Stunden in Witcher 3 verbringen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist, vorsichtig ausgedrückt, sehr ambitioniert, diese Welt nun richtig öffnen zu wollen, Geralt auch mal auf einen Klepper steigen und durch die Pampa reiten zu lassen. Die Herausforderung muss immens sein, CD Projekt sind nicht zu beneiden. Nachdem ich nun also in Warschau Gelegenheit hatte, mehrere Stunden in das polnische Schlachtfest hineinzuspielen, kann ich ein paar tiefere Einblicke geben, wie gut der Plan aufgeht.

Spielbar war zunächst der Prolog, der bereits in einem größeren offenen Areal angesiedelt ist und, je nach Spielweise, sicherlich schon einmal mehrere Stunden Spielzeit verschlingen kann. Später durfte ich auch eine Mission in einem wesentlich späteren Areal anzocken. Doch eines nach dem Anderen: Geralt und sein älterer Kollege Vesemir gelangen in ein Dorf. Sie sind auf der Fährte von Geralts alter Flamme, der Zauberin Yennefer, die den Hexern einen dringlichen Brief geschrieben hat.

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Die relative Ähnlichkeit zum Vorgänger ist nur scheinbar - Witcher 3 wird alles andere als ein müder Abklatsch.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der von den beiden Haudegen besuchte Landstrich ist seit kurzem von Soldaten von Nilfgaard besetzt, deren Kommandant zwar Kontakt zu Yennefer hatte, allerdings auch ein mächtiges Problem: Obwohl er bei der örtlichen Bevölkerung aus verständlichen Gründen nicht sonderlich beliebt ist, will der Kommandant nicht tatenlos dabei zusehen, wie ein wildgewordener Greif die Bauern in Massen abschlachtet. Was käme da gelegener als der Besuch zweier Hexer, die eine Information wollen? Ein Handel wird vereinbart, die Bestie muss sterben, dann rückt der Offizier mit der Information heraus.

Das ist aber, zumindest, wenn man etwas Forscherdrang hat, vor allem der Aufhänger dafür, das erste Areal des Spiels etwas genauer zu erkunden. Schon bald findet man alte Bekannte, wie die örtliche Taverne, in der natürlich Informationen eingeholt und Minispiele absolviert werden. eines der neuen, eine Art Mini-Magic-the-Gathering, spielte sich auf Anhieb ganz putzig und vor allem nicht zufällig wie Würfelpoker. Auch das allseits bekannte und beliebte schwarze Brett findet sich schnell und liefert neben Informationen zur aktuellen lage auch weitere dringliche Aufträge.

Eine Aufgabe, eines Hexers würdig

Ansonsten streift man durch die Ortschaft und findet dank einer übersichtlichen Karte bald Hinz und Kunz, die dieses oder jenes Problem haben. Was aber in jedem anderen RPG wahrscheinlich furchtbar abgelatscht und langweilig daherkäme, wird hier sehr ansprechend durch das Questdesign. Da kann es dann schonmal sein, dass unser Albino-Krieger von vermeintlich gepeinigten Hilfesuchenden in Fallen gelockt wird. Oder dass eine blöde Fetchquest im Stil von "Kannst Du mir mal meine Bratpfanne aus dem Haus holen?" sich schon bald zu einem wesentlich größeren und aufregenden Abenteuer entwickelt.

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 146/1521/152
Die offene Welt ist nicht bloßes Gimmick, sondern transportiert aufregende Neuerungen und überarbeitete Mechaniken.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das liegt zu einem an den bekannten und überarbeiteten Mechaniken. Der Kampf ist noch eine ganze Spur mobiler und, so kam es mir zumindest vor, fordernder als noch im letzten Teil. Geralt schließt mit seinen Schlägen nicht automatisch zum Gegner auf und kein Scharmützel ist eine einfache Abfolge von "Anvisieren und Umkreisen". Man muss mobil bleiben, flink zu Fuß, bei jeder Gegnerart ein Gefühl für die Zeitfenster entwickeln, die verfügbaren Ausrüstungsgegenstände gut nutzen. Man kann nun auch im Kampf bis zu zwei Tränke trinken, was viellicht Puristen und Anhängern der Vorgänger nicht gefallen mag, aber unleugbar die zusätzliche taktische Tiefe des richtigen Zeitpunkts für den toxischen Cocktail ins Spiel bringt.

Kleinere Neuerungen an den Gefechten, etwa eine handliche Armbrust für schnelle Fernkampfangriffe, bergen ebenfalls immenses Potential, von dessen Ausschöpfung bislang aber noch nicht ganz so viel zu sehen war. Dennoch, wenn sich später das ohne Frage wieder auftauchende Arsenal von Bomben, Messern und ähnlichem Gerät ins Inventar verirrt, wird der Kampf garantiert eine sehr unterhaltsame Nummer. Ich hatte bis zum Ende meiner Spielrunde immer noch Schwierigkeiten, das Timing für Ausweichrollen hinzubekommen und hab mir Schellen gefangen – was allerdings erkennbar immer an mir lag, nicht am System. Ein Trend, der mich wieder einholte, als ich dann irgendwann dem Greifen gegenüberstand...

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Erforschung der Welt und Detektivmodus - was für Batman funktionierte, wird auch Geralt gut tun.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Überraschender aber (Wer hatte schon damit gerechnet, dass der Kampf schlecht werden würde?) sind die jetzt viel bemühten und bislang toll funktionierenden Witcher-Sinne. Wer sich an das Cooldown-basierte Medaillon-Gegrabsche des zweiten Teils erinnert, kann sich diesen Super-Sinn wie die nervbefreite und sinnvollere Fortsetzung vorstellen: Durch Halten einer Schultertaste untersucht Geralt die Umgebung nach Spuren, Hinweisen, interaktiven Objekten, Alchemie-Zutaten und derlei Gedöns mehr. Ohne Cooldown, ohen große Einschränkung – nur die Aufmerksamkeit des Spielers ist gefragt.

Nicht nur größer, sondern auch besser - wenn Witcher 3 alles hält, was dieser erste Eindruck verspricht, wird es ein Meisterwerk.Ausblick lesen

Man hat das System schon im ersten Material gesehen, Geralt benutzt es unter Anderem, um das mythische Viehzeug zu verfolgen, mit dem er seine Brötchen verdient. Aber darüber hinaus wird die Mechanik allerorten benutzt. Die oben angesprochene Pfannen-Verschwörung? Kriminalfall mit Spurensuche. Die Opfer der Greifen identifizieren? Spurensuche. Alle naslang kann man dieses und jenes untersuchen und hat so einen vorher nur bedingt vorhandenen Rhythmus aus Action und Methodik, die die Professionalität eines Hexers sehr gut rüberbringen.

Anspruch, nicht Zauberspruch

Klingt so, als ob es langfristig vielleicht Abnutzung und Ermüdungserscheinungen zeigen könnte, aber zumindest in unserer Präsentation war davon noch nichts zu sehen. Im Gespräch frage ich Stan Just, einen der Produzenten des Spiels, worin denn die größte herausforderung lag, und die Antwort fällt erwartungsgemäß aus: Natürlich in der Dimension, man habe de facto alles aus Witcher 2 rein vom Umfang her mindestens verdoppeln müssen, meist weit mehr als das. Aber der neue und größere Umfang bietet natürlich auch neue Möglichkeiten, den Spieler zu unterhalten und – deshalb soll keine Langeweile aufkommen – zu überraschen.

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 146/1521/152
CD Projekt haben sich nicht auf den Lorbeeren ausgeruht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ich frage ihn, ob es eine Herausforderung sei, solche Elemente wie die Monsterjagd über diese neuartigen Dimensionen frisch zu halten. Sei es durchaus, so Just, aber es gebe den Entwicklern eben auch mehr Platz für unübliche Ansätze und Spielereien. Zum Beispiel gebe es später eine Quest, in der eine Dorfgemeinschaft zusammenlegt, damit Geralt ein furchteinflößendes Ungetüm erlegt. Nachdem er sich mühsam einen Köder besorgt und die übliche Spurensuche hinter sich gebracht hat, stellt sich das Monster als eine leicht überdimensionale Eidechse heraus. Nach dem unerwartet leichten Job kann Geralt dann aber gegenüber den Bauern bluffen und per Verhandlungs-Minispiel einen noch höheren Preis heraushandeln, weil der Kampf ja so unglaublich schwer war...

Überhaupt: An Ambition mangelt es dem Team nicht. So eine unüberwindbare Mammutaufgabe die Einrichtung einer Open World scheinen mag, aber um die Sache spannend zu halten ist die Welt von Witcher 3 auch noch stilistisch dreigeteilt. Die eher schmutzigen und urbanen Umgebungen bieten hierbei ein bekanntes Erlebnis, aber doch eines, das dank seiner neuen Auftrittsweise eine enorme Lebendigkeit zu liefern verspricht. Ebenfalls interessant sind die eher aristokratischen Kreise, in die sich Geralt dank seiner Arbeit immer mal wieder verirrt und die in Witcher 3 zu Abenteuern zwischen Hofintrigen, Ränkespielen und ruchlosen Emporkömmlingen einladen.

Das dritte große Szenario, das nordische Inselarchipel Skellige, bietet dagegen Wikingerkitsch feinster Sorte und zwischen den rauhbeinigen bartbewehrten Mannsbildern und rauflustig auftretenden Kriegerdamen fühlt man sich doch recht heimisch. Hier ist dann auch das zweite Szenario angesiedelt, das ich während der Präsentation anspielen durfte: Während er eigentlich nur einen Auftrag abschließen will, begibt sich Geralt zu einem feierlichen Trinkgelage. Als die Stimmung gerade auf dem Höhepunkt ist, tauchen mitten im Festsaal plötzlich drei gewaltige Bären auf und reißen einige der Jubilanten, darunter auch prominente Mitglieder der führenden Herrscherhäuser.

The Witcher 3: Wild Hunt - Masse und Klasse – Ein Witchermärchen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Die Präsentation verspricht viel, doch ich bin optimistisch, dass auch viel gehalten wird.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nachdem Geralt Meister Petz und seinen Kumpanen das Fell über die Ohren gezogen hat, ist die große Frage, wie es weitergehen soll. An dieser Stelle kann der Spieler eine Entscheidung treffen: Einer der Gastgeber hat bereits eine starke Vermutung, wer hinter dem Angriff steckt, und bittet Geralt, ihm bei der Konfrontation zur Seite zu stehen. Die Schwester des Heißsporns allerdings will lieber auf kriminalistischem Weg absichern, wer der tatsächlich Schuldige ist. Je nachdem, welchen Weg der Hexer wählt, wird er nun einige Kampfhandlungen oder eben die Untersuchung von Tatorten und Sammlung von Indizien vor sich haben. Eine schöne Idee, von der sich hoffen lässt, dass wir davon im Spiel noch einige sehen.

Leider klingelte an dieser Stelle auch schon die Eieruhr und ich musste die Welt des Witchers wieder verlassen. Das fiel mir nicht leicht, ich muss es zugeben, denn ich hatte bis dato eine geradezu obszöne Menge Spaß. Das Gefühl, ein harter und methodischer Witcher in einer absolut erbarmungslosen Welt zu sein, die sich trotzdem nicht scheut, auch mal ein Augenzwinkern zuzulassen, ist bei mir noch nie so gut rübergekommen. Wer einfach nur ein Witcher 2 in größer erwartet, wird in diesem Jahr garantiert überrascht.