Wieder spielt gamona ein paar Stunden The Witcher 3 und wieder fühlt es sich an wie der Bruchteil einer Momentaufnahme. Um euch zu sagen, ob das Werk von CD Projekt RED das beste Rollenspiel aller Zeiten ist, werden wir alle wohl einen langen Urlaub brauchen. Aber immerhin konnten wir in München einen besseren Eindruck von Charakteren, Tonalität, Quests und den vielen kleinen Geschichten bekommen, die dieses Rollenspiel schon jetzt zu einem einmaligen Erlebnis machen.

The Witcher 3: Wild Hunt - Plötze-DLC (April, April)28 weitere Videos

Nach ein paar Stunden mit The Witcher 3 hatte ich plötzlich wieder das Verlangen den zweiten Teil anzufangen. CD Project RED schafft es wie kaum ein anderes Studio mir das Gefühl zu geben, nicht nur mit prozedural generierten NPCs zu reden, denen völlig egal ist, was ich sage, sondern echte Gespräche zu führen. Von Mann zu Mann und von Mann zu Frau. The Witcher 3 ist ein Paradebeispiel dafür, wie sehr Technologie helfen kann, exzellentes Schauspiel zu transportieren.

Wenn ich mit einem Kartenspieler in der Taverne sitze und der offensichtlich etwas über Geralts große Liebe Yennefer weiß, dann schaut er mir tief in die Augen und fragt: „Geht es um Liebe?“ Die Autoren von CD Projekt schaffen es meisterhaft, binnen weniger Minuten sofort eine Beziehung zwischen Charakteren aufzubauen. Der Fremde wird hier zum Vertrauten und auch ansonsten habe ich viele Personen kennengelernt, die eine echte Vita haben und ein reales Anliegen. Statt Klischees zu bemühen, gibt es in The Witcher 3 eine weite Bandbreite an glaubwürdigen Charakteren, wie den Nilfgaard-Kommandanten, der hart zu seinen Soldaten ist, doch mild zu den Bauern, die gerade eine schlechte Ernte hatten. Auf der anderen Seite tötet er rücksichtlos.

The Witcher 3: Wild Hunt - Es grenzt an Wahnsinn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 150/1551/155
Reitet hier nicht nur das größte, sondern beste Rollenspiel aller Zeiten auf uns zu? Können wir noch immer nicht sagen, haben aber immerhin ein besseres Gefühl für The Witcher 3.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Charaktere wandeln alle in moralischen Grauzonen. „Wir gehen davon aus, dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist, sondern sehr situativ entscheidet“ – so umschreibt es Producer Mikolaj Szwed. Anders gesagt: Wie in Game of Thrones kann jede Figur zum Monster werden. Aber auch nicht jeder Charakter muss dramatische Einflüsse auf die Handlung haben. Viele NPCs dienen einfach nur zur Atmosphäre oder für ein interessantes Gespräch, um indirekt mehr über den Hexer und seine Hintergrundgeschichte zu erfahren.

So wie die Kräuterhexe Tomira, zu der ich ein ganz besonderes Verhältnis spürte. Nicht sexuell und erotisierend wie sonst bei CD Projekt üblich, viel mehr versuchte sie hinter Geralts Fassade zu blicken und ich hinter ihre. Es war klar, dass beide nicht das sind, was sie vorgeben zu sein, doch das war okay. Sie sagte mir, wo ich eine bestimmte Pflanze finde, wir teilten die Beute und jeder ging seiner Wege. Nicht jedes Gespräch muss emotional enden, mit Freundschaft oder Fehdehandschuh. Dadurch wirkt die Welt echter als in The Witcher 2, wo nicht selten Szenarien überdramatisiert wurden und der Held nach dem Klischee von Actionfilmen der 80iger natürlich immer mit der schwachen Frau, die sich selbst nicht verteidigen kann, in der Kiste landet.

Packshot zu The Witcher 3: Wild HuntThe Witcher 3: Wild HuntErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ich bin ein Teil der Welt, nicht der Mittelpunkt

Bei einem langen Gespräch mit Senior Environment Artist Jonas Mattson verstand ich dann letztlich auch, was der eigentliche Grund ist, warum die Landkarte so gewaltig ausgefallen ist. Klar, es geht um Abwechslung und Zerstreuung. Darum, euch von saftigen Wiesen auf schroffe Klippen zu führen, vom sommerlichen Paradies in die nasskalten Hochebenen. Aber auch darum ein Stückchen Anonymität zu schaffen. Geralt ist hier nicht der große Held, auf den die Welt gewartet hat. Das Spiel wirkt sehr organisch, weil natürlich immer nur ein sehr eingeschränkter Personenkreis von euren Taten erfährt.

The Witcher 3: Wild Hunt - Es grenzt an Wahnsinn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Konsoleros müssen sich keine Sorgen machen: Auch auf Xbox One sind die Texturen herrlich scharf, wirken Wind- und Wettereffekte. Auf PC habt ihr aber natürlich den höheren Wow-Faktor.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Rettet ihr einen Bauern vor dem Angriff eines Greifen mit mächtiger Löwenmähne, dann erzählt er das seiner Cousine, die wiederum ein Wirtshaus besitzt und euch mit Informationen versorgt. Ihr steigt dadurch aber nicht automatisch zum Helden auf, Hexer sind bei vielen Fraktionen ungern gesehene Gäste. Während ihr also bei anderen Rollenspielen als Niemand beginnt und schließlich das ganze Land euch als Retter und Gott-ähnlicher Heroe verehrt, habt ihr in The Witcher 3 nur einem armen Mann einen Gefallen getan, viel mehr nicht.

Und ob ihr um Svorlog herum ein Untier getötet oder ein Dorf vor brandschatzenden Banditen gerettet habt, bekommt in Dalvik natürlich keiner mit. CD Projekt RED spielt mit diesem Fakt auch ganz schön, weil Geralt eigentlich nur seine Yennefer sucht und später Adoptivtochter Ciri, dabei aber ständig in große und kleine Konflikte reingerät.

The Witcher lebt von kleinen Geschichten, die stark erzählt sind

The Witcher 3 wird wohl eines dieser Spiele, die uns Wochen und Monate beschäftigen werden. Ein paar Stunden reichen nur zum Reinschnuppern, nicht für eine faktische Analyse der Qualität. Es wirkt aber so als hätte CD Projekt unfassbar viel Arbeit in kleinere Geschichten investiert, die mal in ganzen Questreihen resultieren, mal auch einfach nur eine emotionale Entscheidung abfordern.

The Witcher 3 atmet Atmosphäre, muss jetzt aber noch beweisen dass seine gigantische Welt mit hunderten Charakteren ein schlüssiges Gesamtkunstwerk ergibt.Ausblick lesen

Genau wie in The Walking Dead oder Game of Thrones von Telltale gibt’s dabei keine richtige Entscheidung, sondern ihr müsst aus dem Bauch heraus wählen. Ihr trefft auf einem Schlachtfeld ein, das nur so übersäht ist mit Gliedmaßen, mit Leibern und Blut. Ihr sucht den Bruder einer Kontaktperson und findet ihn zusammen mit einem Kameraden in einer Höhle. Der hat ihm das Leben gerettet und er ist nicht bereit, ohne ihn zu gehen. Das Problem: der Kerl ist desertiert, darauf steht die Todesstrafe.

The Witcher 3: Wild Hunt - Es grenzt an Wahnsinn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 150/1551/155
Anders als bei der Konkurrenz levelt die Welt nicht mit euch. Wer sich also auf unerforschte Pfade begibt, kann auch schnell mal ins Gras beißen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es ist nur ein Beispiel, zeigt aber ganz schön, dass sich Geralt eigentlich eher selten im Mittelpunkt einer Angelegenheit befindet und nur auf die Entscheidungen anderer reagiert. Lasst ihr ihn liegen, stirbt er. Nehmt ihr ihn und seinen Freund mit, wird vielleicht die ganze Familie hingerichtet, weil sie einem Deserteur geholfen haben. Das ist insofern spannend und auch anders als in Dragon Age: Inquisition, weil die Konsequenzen nicht direkt euch treffen, sondern andere Menschen. In Inquisition entscheidet ihr sehr bewusst, ob eine Festung oder ein Dorf verteidigt wird. Ihr habt die Macht. In The Witcher 3 ist das nicht zwingend so, viel mehr entgleiten euch stellenweise auch Situationen.

Als ich einen Brandstifter zur Rede stelle, soll der sich eigentlich nur entschuldigen, wird aber direkt abgeführt und vor meinen Augen gehängt. Spannend daran: Je nachdem, ob ihr The Witcher 1 und 2 gespielt habt, werdet ihr solche Szenen anders aufnehmen. Denn der Temerier war lediglich sauer auf den Zwerg, weil dieser die Nilfgaarder mit Waffen versorgt. Und die haben ja bekanntlich Temerien im letzten Teil erobert.

Das Spiel behandelt euch wie einen Erwachsen und das ist gut so

Zu Beginn nimmt euch das Spiel sehr an die Hand, aber auch nur, wenn ihr wollt. Ihr könnt die Zauberei und den Schwertkampf erlernen, aber auch darauf verzichten. Generell spielt sich der Prolog wie ein Assassin’s Creed mit langen Zwischensequenzen auf Kaer Morhen ab und stellt euch die zwei wichtigsten Charaktere vor: Vesemir und Ciri. Vesemir ist ein alter Haudegen und Mentor Geralts, der wiederum Ciri nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen hat und zur Hexerin ausbildet.

The Witcher 3: Wild Hunt - Es grenzt an Wahnsinn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Wer zur Hölle hat aus dem recht coolen Namen „Roach“ unseres treuen Rosses „Plötze“ gemacht? ( Anm. der Red: Das Pferd heißt im Polnischen auch "Płotka". "Plötze" ist tatsächlich die genaue Übersetzung von "Roach".)
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die ersten Minuten dienen dazu, noch mal die äußerst komplexe Geschichte zumindest in ihrer gröbsten Struktur aufzusaugen, dann begleitet euch Vesemir eine kurze Zeit, um euch kurz darauf alleine losziehen zu lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn als ich mit Pferd Plötze (wer ist auf diesen Namen gekommen?) mal abseits der üblichen Wege herumreite, lande ich ruck zuck in einer Falle mit Monströsitäten, die meinen Level weit übersteigen, und sterbe. Es ist wie mit dem Kind und der Herdplatte.

Die Xbox One-Version hatte übrigens mit einigen heftigen Glitches zu kämpfen, gerade hoch zu Ross. Es ist also gut, dass sich die Entwickler noch ein paar Monate mehr fürs Polishing nehmen. Das Spiel ist seit Januar fertig, das Team tut also aktuell nichts anderes mehr als für Bugfreiheit zu sorgen. Das Gameplay ist recht experimentell, vor allem weil die Schwertkämpfe sehr viel anspruchsvoller sind als in anderen Genre-Verwandten. Wo sich in Assassin’s Creed brav eine kleine Armee hinter dem Kameraden aufbaut und wartet, bis der zu Boden geht, stechen, hauen und schlagen die Jungs in The Witcher 3 gerne aus der Drehung zu, flankieren euch oder springen aus einer Ecke raus.

The Witcher 3: Wild Hunt - Es grenzt an Wahnsinn

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 150/1551/155
Charles Dance (Game of Thrones u.A.) spielt den König Nilfgaards. Generell sind auch im Deutschen die meisten Rollen gut besetzt, wobei das Reibeisentimbre von Geralt im Original mehr rockt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Bewegungsmuster erinnern an The Witcher 2, bieten aber mehr Möglichkeiten. Haltet ihr den Roll-Button gedrückt, macht Geralt eine weite Hechtrolle raus aus der Gefahrenzone. Neue Zeichen konnte ich unterdes noch nicht entdecken, das war alles bekanntes Territorium. Geralt wirkt eine Aura, die Schäden minimiert, wirft Gegner mit einem Windstoß nach hinten und per Axii könnt ihr willensschwache Soldaten dazu überreden, für euch zu kämpfen. Unterschiedliche Gegner benötigen unterschiedliche Klingen – Silber für monströses, Stahl für menschliches Fleisch.

Und Feuer für Bären, die gerade die Festtaffel eines Jarls heimsuchen und die vorhin noch so gemütlich schmatzenden Gäste getötet haben. Ein paar Igni-Zeichen später, gibt es Bär am Spieß. Doch auch die Bären sind merkwürdige Wesen aus einer Parallelwelt. Denn Meister Tatz hätte es nie über die Zugbrücke in den obersten Turm dieser Festung, die quasi direkt an einen Felsen gehauen wurde, geschafft. Hier sind wohl Gestaltwandler am Werk gewesen. Oder sind es gar Bären, die sich als Menschen verwandeln? Nichts ist so wie es scheint in der Welt von Geralt dem Hexer.