Das polnische Entwicklerstudio CD Projekt RED schaffte es innerhalb der letzten Jahre mit zwei Spielen zu weltweiter Berühmtheit. Ihr Baby, The Witcher, ist keinesfalls eine Eigenkreation. Hexer Geralt streifte in Polens Buchregalen bereits seit Jahren umher, ehe er sich 2007 auch links und rechts davon umsah – und andere Regale erblickte: die voller Computerspiele.

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Entstanden ist der Hexer Geralt bereits lange vor dem Rollenspiel "The Witcher" aus dem Hause CD Projekt RED. Seine Geschichte nahm bereits 1986 ihren Anfang, als eine Kurzgeschichte seines Schöpfers, Andrzej Sapkowski, unerwartet großen Zuspruch in einem Literatur-Wettbewerb der polnischen Zeitschrift "Fantastyka" fand.

The Witcher - Vom Buch zum Spiel: Wir erklären euch die Welt von Hexer Geralt

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Erfinder des Hexers: Andrzej Sapkowski.
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Die Leser des Blattes waren begeistert von Sapkowskis einzigartiger Fantasy-Welt, die ihren polnischen Wurzeln treu bleibt und nicht einfach berühmte Vorlagen des westlichen – vor allem amerikanischen – Raums zitiert. „Wiedźmin“ hieß die kurze Erzählung, "Der Hexer".

Des Hexers erster Auftritt

In seiner ersten Geschichte reist Geralt in die Stadt Wyzima, in der König Foltest von Temerien residiert. Ein unwiderstehliches Angebot hat den Monsterjäger angelockt. Dreitausend Orons als Belohnung für denjenigen, der den Fluch von der Königstochter nimmt. Diese verwandelt sich Nacht für Nacht in eine mörderische Bestie, eine Striege, schlachtet jeden ab, der ihr über den Weg läuft und zieht sich vor Anbruch des Tages in ihre Gruft zurück. Die Meisten von euch dürften diese Szene kennen. Sie ist das Intro des ersten Witcher-Teils.

Das bereitet dem abgebrühten Geralt von Riva keine Sorgen. Seitdem er als Junge die grausame, lebensgefährliche Ausbildung als Hexer abgeschlossen hat, lebt er nur noch zu dem Zweck, die Welt von allen Monstern, Dämonen und Teufeln zu befreien – für ein gewisses Entgelt, versteht sich. Dabei verläuft nur selten alles so, wie es geplant war. Es gibt keine klare Grenze zwischen Gut und Böse. Der Hexer trifft ständig auf dubiose Gestalten, die Masken tragen. Ein falsches Lächeln auf den Lippen und das blanke Messer hinter dem Rücken.

Oft sind die Monster in Menschengestalt verabscheuungswürdiger, durchtriebener und bösartiger als die Kreaturen, die in dunklen Höhlen hausen und sich von Menschenfleisch ernähren. Oft scheint Geralt sich bei so viel Niedertracht nicht entscheiden zu können, welches seiner zwei Schwerter er zuerst ziehen will. Stahl für die Menschen, Silber für die Monster.

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In Polen schon lange gefeiert, in Deutschland fast völlig unbekannt

Von seinem Erfolg beflügelt, verfasste Sapkowski weitere Kurzgeschichten, die 1990 in dem Sammelband „Wiedźmin“ auf dem polnischen Markt veröffentlicht wurden, aber erst 1998 ihren Weg in die deutschen Bücherregale fanden. „Der letzte Wunsch“ und „Das Schwert der Vorsehung“ zeichneten eine sehr düstere mittelalterliche Welt voller Hass und Gewalt, in der Menschen, Monster und Anderlinge leben.

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Geralts Abenteuer gab es erstmals 1998 in Deutschland zu lesen.
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Die „Anderlinge“, das sind die „niederen Rassen“, Elfen und Zwerge, die von den Menschen verachtet werden, in Ghettos gesperrt. Aberglaube, Fremdenhass und Ausgrenzung sind omnipräsente Themen in dieser rauen Welt, in der niemand einen Fußbreit Platz für den anderen machen will und sich eine tiefe Kluft zwischen den Bewohnern aufgetan hat.

Geralt steht zwischen den Fronten. Einst ein Mensch, jetzt ein Mutant, sieht er sich beiden Lagern zugehörig und doch keinem. Er weigert sich, eine Seite zu beziehen, und wagt lieber den gefährlichen Spagat über dem Abgrund. Dabei erntet er regelmäßig den Hass beider Seiten und muss sein Dasein als Ausgestoßener fristen. Nur wenige kann Geralt zu seinen Freunden zählen, wie den Barden Rittersporn: Dichter, Frauenheld und Tunichtgut. Oder die heißblütige Zauberin Yennefer, zwischen der und Geralt es immer ordentlich funkt und kracht.

Die Romane und das Spiel

Nachdem seine Kurzgeschichten reißenden Absatz fanden, traute sich Sapkowski weiterzugehen, seine Schöpfung auf die nächste Ebene zu heben. 1994 erschien unter dem Titel „Krew elfów“ (Das Erbe der Elfen) der erste richtige Roman der Hexersaga in Polen, der bis 1999 vier Fortsetzungen fand. Diese fünf Bände lieferten die Grundlage für das polnische Entwicklerstudio CD Projekt RED und ihr 2007 veröffentlichtes Erstlingswerk: The Witcher.

Dabei bedienten sich die Erzähler eines alten dramaturgischen Kniffs, indem sie Geralt zu Beginn des Spiels mit einer Amnesie ins Tal des Vergessens schickten. Den Polen war klar, dass der Hexer außerhalb der eigenen Landesgrenzen so gut wie unbekannt ist. Daher bot sich eine Erinnerungslücke des Protagonisten als perfektes Mittel an, um die ahnungslosen Spieler an der Hand des ebenso ahnungslosen Geralt in diese komplexe Welt einzuführen.

Die Geralt-Saga

Der Erfolg des Spiels dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben, dass von 2008 bis 2011 die gesamte Geralt-Saga nach vielen Jahren ins Deutsche übersetzt wurde. Der Romanzyklus dreht sich vor allem um das junge Mädchen Ciri, das Löwenjunge von Cintra, das bereits in der Kurzgeschichte "Das Schwert der Vorsehung" aufgetaucht ist. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte über den Konflikt der Großreiche.

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Ihn wird Ciri nie vergessen, den schwarzen Ritter.
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Die seit Jahrzehnten angespannte Lage zwischen den Nördlichen Königreichen und dem Kaiserreich Nilfgaard im Süden eskaliert. Wie eine Naturgewalt rollen die übermächtigen Heere Nilfgaards über die Länder und hinterlassen kaum mehr als verbrannte Erde. Als erstes fällt Cintra - einst das Bollwerk gegen die Macht aus dem Süden, regiert von der weisen Calanthe, der Löwin von Cintra. Während die Regentin bei der Eroberung der Stadt fiel, verschwand die einzige Thronerbin des Königshauses in dem Chaos spurlos.

Der Kaiser Nilfgaards will jedoch nicht eher ruhen, bis das Mädchen gefunden ist und er eine Zweckheirat eingehen kann, um seine Herrschaft über Cintra vor den anderen Königen zu legitimieren. Diese wehren sich mit aller Kraft gegen die aggressive Expansion Nilfgaards, werfen alles in die unzähligen Schlachten, was sie aufbringen können, und gehen wackelige Bündnisse ein.

Obwohl er mit all dem nichts zu tun haben will, gerät Geralt immer tiefer in den Krieg und die Ränkespiele der Mächtigen hinein. Er möchte nicht involviert werden, aber wegsehen kann er nicht, wenn Unschuldige leiden müssen. Und da trifft er auf dieses Mädchen – allein, schwach, hilflos.

Während er anfangs die verzogene, unausstehliche Cirilla Fiona Elen Riannon eher widerwillig unter seine Fittiche nimmt, ihr das Kämpfen beibringt und sie verteidigt, entwickelt sich mit der Zeit ein starkes Band zwischen den beiden. Obwohl sich Geralt nie als eine geeignete Vaterfigur sah, wird er fast so etwas wie ein Vormund für Ciri.

Die Lage wird immer prekärer, als Ciri mehr und mehr ihr außergewöhnlich starkes magisches Potenzial an den Tag legt. Mit dieser neuen Entwicklung überfordert, bleibt dem Hexer nichts anderes übrig, als jene Person zurate zu ziehen, die in den Wegen der Magie bewandert ist – und die er eigentlich nie wiedersehen wollte: Yennefer. An diesem Punkt eröffnet sich der nächste bedeutsame Handlungsstrang: Ciris spirituelle Reise, um die Wege der Magie zu erlernen.

Rau, dreckig, düster

Das Markenzeichen seiner Erzählungen ist Sapkowskis rauer Stil. Die Welt strotzt nur so vor Gewalt und doch verliert diese bis zur letzten Zeile nichts von ihrer verstörenden, abschreckenden, aber manchmal auch unheimlich anziehenden Wirkung. Äxte und Hämmer hinterlassen durch Hass entstandene Wunden, die wie ein Krebsgeschwür neuen Hass gebären. Durch dieses Geschwür zischt das Schwert des Hexers wie ein sengendes Eisen, in seinem aussichtslosen Bestreben, Unrecht wieder gut zu machen.

Die Dialoge sind messerscharf geschrieben und liefern geniale Wortgefechte, bei denen man sich das Schmunzeln kaum verkneifen kann. Passend zum Grundton der Geschichte wird hier nicht wie in mancher High Fantasy hochtrabend schwadroniert. Es gibt keine anmutigen Elfen, bei denen man durch Lauschen ihrer harmonischen Poesie von Einklang und Nächstenliebe das Risiko eingeht, dass einem Sülze aus den Ohren läuft. In dieser rauen Welt ist wenig Platz für nette Worte. Es wird viel geflucht, viel geschimpft und mit Schmutz nur so um sich geworfen.

CD Projekt RED hat sich viel Mühe gegeben, die beiden Witcher-Spiele so aufzubauen, dass der Spieler nie in die Pflicht gerät, die Bücher lesen zu müssen, um nicht komplett ahnungslos durch Wald und Flur zu stolpern. Erklärungen werden immer nur so weit gegeben, dass man genug weiß, um sich zurechtzufinden, alle Personen und Geschehnisse einordnen zu können und bestenfalls die Lust geweckt wird, einen Blick in die Bücher zu riskieren.

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Der gesamte Geralt-Zyklus in fünf Bänden.
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Deren Lektüre kann man nur jedem ans Herz legen. Nicht nur den Fans der Spiele, sondern allen an dunkler Fantasy Interessierten und allen von ihr Inspirierten. Wer The Witcher bereits ohne Kenntnis der Bücher hervorragend fand, hat noch nicht die Pracht der Spiele in allen schillernden Facetten erlebt, die durch kleine und größere Anspielungen mit viel Liebe zum Detail das Spielerlebnis bereichern.