Was wir von einem DLC erwarten und was wir im Gegenzug bekommen, geht selten Hand in Hand. Eigentlich verhalten sie sich eher wie kleine, bockige Vettern, die sich nicht riechen können, aber gezwungen werden, miteinander zu spielen. Haare ziehen, kneifen, beißen, schlagen, petzen; einfach nur fies sein. Einer von den Verwandten halt, dessen Bekanntschaft einen beim ersten Mal noch deprimiert, aber schon beim zweiten Treffen rollt man genervt die Augen. Beim Dritten hat man schon aufgegeben und stellt sich bereits im Vorfeld auf den Hass ein. Und beim vierten Treffen... Bringt die Familie eure bezaubernde Cousine mit. Lustig, clever, bildschön und die Tochter ihrer bezaubernden Mutter. Klingt komisch? Aber so steht es geschrieben.

The Witcher 3: Hearts of Stone - Deutscher Trailer

Die Meister des Erzählens

Dieser DLC, dieses bezaubernde, clevere Ding, ist in dem Fall – na, ihr habt es doch schon erraten - „Hearts of Stone“ für „The Witcher 3“. Es ist die Art von Zusatz-Content, die wir uns schon lange gewünscht haben. Nicht zu abgehoben, nicht daran interessiert, auf Gedeih und Verderb cool zu wirken und mutig genug, Action einfach einmal Action sein zu lassen und sich stattdessen auf das große Ganze zu konzentrieren. Eine Geschichte zu erzählen und darauf zu achten, dies im richtigen Stil und im richtigen Tempo zu tun.

The Witcher 3: Hearts of Stone - Habt ihr mal einen Moment Zeit?

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Die Kröte ist einer dieser Bosse, die wir so lieben. Und gleichzeitig ein wichtiger Teil der Geschichte, die wir sogar noch mehr lieben.
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"Kontrapunkte dieses Titels sind technische Macken. Propunkte pure Liebe der Entwickler zu ihrem Spiel und ihrer Welt.“ - Das waren unsere Abschlussworte im Test zu „The Witcher 3“. Und wir möchten sie an diesem Punkt verhärten. In Stein meißeln und einen Tempel drumherum bauen. Denn „Hearts of Stone“ perfektioniert diesen Ansatz. Leider in beide Richtungen.

Denn diese niedliche Cousine von der wir da sprachen, hat leider die eine oder auch andere psychische Macke. Eine hässliche Fratze, versteckt hinter einem lieblichen Lächeln und warmen Worten. Kurz: dieser DLC ist ziemlich verbuggt. Quests, die sich aufhängen, weil ihr einen Gegenstand zu früh untersucht habt. Lücken in Wänden, die sich nicht als Geheimgang, sondern als Treppe in den sicheren Tod entpuppen. Zielmarkierungen, die Amok laufen.

Alles keine Probleme, die sich nicht mit dem Laden des letzten Speicherstands beheben lassen, aber unschön und vor allem unnötig. Der ganze Rest: Zucker.

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Shani ist zurück. Für viele Grund genug, sich "Hearts of Stone" zu kaufen.
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„Hearts of Stone“ bringt nicht nur ein kleines, neues Gebiet mit sich, das sich so perfekt in die bisherige Welt integriert, dass uns der Übergang in diesen neuen Bereich gar nicht aufgefallen ist. Neue Schätze gibt es zu entdecken, neue Rüstungen zu schmieden und neue Monster zu jagen. Doch das Wichtigste von allen: es gibt einen neuen Handlungsstrang.

CD Projekt RED setzt neue Maßstäbe in Sachen DLC.Fazit lesen

Und der ist sehr ruhig und langsam umgesetzt worden. Man nimmt sich die Zeit, Tiefe zu schaffen. Eindrücke zu vermitteln und eine runde, schöne, aber auch spannende Geschichte zu erzählen. Eine kleine Welt im Kern einer anderen. Ein Abtauchen aus dem Story-Giganten „Witcher 3“, hinein in diese kleine, eigenständige und mit Liebe erzählte Epik.

Die Kämpfe werden in den Hintergrund geschoben und das Hauptaugenmerk auf das Erzählen gelegt. Die Charaktere, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart. Ihre Gefühle, Ängste, Sorgen und Nöte. Dabei malen die Jungs von CD Project Red nicht in schwarz, weiß und grau. Nein, sie bedienen sich der gesamten Palette und verwenden jede Farbe mit Bedacht.

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Lernt viele neue Charaktere kennen.
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Das Gemälde, das dabei entsteht, ist ein kleines Prachtstück. Denn es hat Facetten. Hat Stil. Hat Einfallsreichtum. Man nimmt sich Zeit und schenkt sie euch. Wer sich darauf einlässt, hat mit den neuen Ideen eine Menge Spaß. Und von diesen Ideen gibt es reichlich. Neue Landstriche, neue Gegner, neue Verbündete, alte Bekannte, abgedrehte Welten, wie das Gemälde, in welches Geralt eintauchen muss, um die gequälte Seele einer Dame zu erlösen.

So viele schöne Ideen und so ein Feingefühl für Stimmung und Erzählung, haben wir selten gesehen. Vielleicht noch nie. Doch befürchtet nicht, dass die Kämpfe deswegen generell ignoriert werden. Auch wenn sie bei weitem nicht im Fokus liegen, so hat man ihnen die erforderliche Aufmerksamkeit zukommen lassen, die sie verdienen und die man in einem Witcher auch erwarten darf.

Gerade hier, muss man sogar sagen, hat sich das Spiel stark gemausert. Denn im Vorgänger hatte man noch das Gefühl, dass sich Gegnertypen und Art der Kämpfe zu oft doppeln. Das mag an dem enormen Umfang des Hauptspiels liegen, lässt sich aber trotzdem schwer bestreiten. Ist aber letztendlich auch egal, denn „Hearts of Stone“ ist clever. Es baut nicht nur neue Standardgegner ein (Der Orden der Flammenden Rose ist zurück) und neue Rüstungsteile und Waffen. Nein, es gibt vor allem neue Bosse.

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Hier beginnt der DLC; bei den Sieben Katzen.
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Und die haben einen großen Unterschied zu ihren Kollegen aus dem Hauptspiel. Denn sie haben viel mehr Einfallsreichtum erfahren, ohne überladen worden zu sein. Sie erfordern neue Vorgehensweisen, haben neue, interessante Eigenschaften und ein sehr, sehr cooles Design. Und das gilt nicht nur für völlig neue Feinde wie den Pedell, der euch mit seiner Schaufel attackiert und sich mit jedem Treffer heilt; ein Gegner, der von Aussehen, Vorgehensweise und Attacken so gar nicht mit bereits bekannten Feinden zu vergleichen ist. Sondern auch für Gegner wie die Erscheinung aus dem Gemälde, die im Grunde wie jede Erscheinung ist. Würde sie nicht ganz anders angreifen, sich durch Bilder an den Wänden heilen und die Optik des Raums so verzerren, dass eine coole Kampfarena im Flur eines Herrenhauses entsteht.

Es ist gerade dieser Mix aus ganz neuen Inhalten und dem Verqueren von Altbekannten. Abwechslung, die ein DLC verdammt noch mal bieten sollte, aber in den wenigsten Fällen bietet.