CD Projekt Red haben ein Problem. Ihr Problem: Ihre erste Erweiterung zu einem der besten Spiele der letzten Jahre war schlichtweg zu gut. Hearts of Stone war verdammt genial, was vor allem am Erzählerischen lag, an den Quests, den Implikationen für die Welt, und natürlich an Gaunter O'Dimm – wer das Add-On gespielt hat, wird wissen, wovon ich rede. In meinen Augen übertraf Hearts of Stone nicht nur nahezu alle Erweiterungen der Spielegeschichte, sondern seine Auflösung überschattete auch das Finale des Hauptspiels. Nach einer solchen Reise sollte ich nun wieder dazu übergehen, einen Haufen transdimensional umherhüpfender Panzerelfen zu jagen?

The Witcher 3: Blood and Wine - Mantikorrüstung finden2 weitere Videos

Ich beneide die Polen nicht darum, ihrer eigenen Vorlage gerecht werden zu müssen, aber es gibt schlimmere Probleme als solchen Luxus. Und natürlich ist der mittlerweile gewaltige Erfahrungsschatz aus dem Hauptspiel und Hearts of Stone auch ein enormer Vorteil. Blood and Wine gehört erneut nicht zu der Art DLC, bei dem auch nur die winzigste Chance bestünde, er sei bereits fertig gewesen und nur beim Release ausgelassen worden, um noch was verkaufen zu können. Im Gegenteil merkt man an der nochmals gesteigerten Qualität, zumindest in Details, dass Lektionen des Hauptspiels und von Hearts of Stone gelernt und verarbeitet wurden.

Abermals beginnt das Abenteuer eher unscheinbar: Über einen normalen Auftrag trifft Geralt auf zwei alte Bekannte – Ritter aus Toussaint, die gerade einem in Bedrängnis geratenen Dorf beistehen. Hat man ihnen geholfen, offenbaren sie ihre eigentliche Mission: Anna Henrietta, Duchess von Toussaint und gleichermaßen beliebte und gerechte Herrscherin, ruft Geralt an ihren Hof. Der Grund: Jemand tötet Adlige, und es sieht aus, als sei es kein Mensch. Wider besseres Wissen (Wann hat sich je ein Hof-Auftrag für Geralt so richtig gelohnt und keinen zusätzlichen Ärger gebracht?) sagt der narbige Haudegen zu – und wird dabei natürlich in eine viel größere Problematik verstrickt, denn was zunächst wie eine simple Murder-Mystery aussieht, entpuppt sich natürlich bald als eine wahre Kopfnuss von einem Abenteuer.

Für uns ganz unmittelbar wichtig an diesem DLC: Er führt uns nach Toussaint, also keine bloße Erweiterung eines vorherigen Areals, sondern eine komplett neue Karte, deren Größe mit derjenigen der bekannten Gebiete vergleichbar ist. Wer sich in der Welt des Hexers ein bisschen auskennt, wird auch schon wissen, was auf ihn zukommt, alle anderen werden aber auch angenehm überrascht von dem scharfen Kontrast sein, den Toussaint zu Velen und Skellige darstellt: keine misshandelten und aufgeknüpften Bauern, keine brennenden Leichenberge, keine erbarmungslose Räuberwildnis.

The Witcher 3: Blood and Wine - Vom Witcher zum Winzer

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 4/71/7
BAM! Da bleibt kein Weltenbummler-Auge trocken.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Toussaint ist vielmehr das fantastische Äquivalent zur Toskana und Südfrankreich, sowohl auf dem Lande als auch der Stadt. Majestätische Weinberge gehen in saftige grüne Wiesen und üppig bewaldete Bergketten über, sonnendurchflutete Wälder beherbergen gesundes und sprunghaftes Wild – und wenn man dann erst eine Ortschaft oder gar die größere Hauptstadt Beauclair betritt, dann können einem die von filigranen Mosaiken geschmückten Plätze mit prunkvollen Fontänen und pittoresken Gebäude mit bunten Fensterläden schon die Schuhe ausziehen.

Was aber nicht bedeutet, dass das südliche, von Krieg bislang verschonte Reich nicht auch seine Probleme hätte – es ist schließlich immer noch die Welt des Witchers. Über 20 neue Arten von Monstern warten nur darauf, euch an die Kehle zu springen, darunter auch exotischere Viecher wie utierte Pflanzen (Witcher-Veteranen horchen auf) oder Tausenfüßler. Wo sich reiche Adlige rumtreiben gibt es natürlich, trotz Ritterscharen, auch Banditen. An Action soll es niemandem mangeln. Nur kann man das wirklich manchmal vergessen, wenn man Roach / Plötze über die unfassbar malerischen Hügel steuert, während lustige Bauersfrauen Weintrauben stampfen und Aristokraten sich von den Bediensteten Käsehäppchen reichen lassen.

Packshot zu The Witcher 3: Blood and WineThe Witcher 3: Blood and WineErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Natürlich steckt in dem Szenario noch mehr, aber vieles war in den zwei Spielstunden, die wir hatten, noch nicht zu sehen. Auf den offiziell veröffentlichten Screenshots des Add-ons sehen wir jedoch bereits Szenen, die jedermann und sein besoffenes Zirkusäffchen schlagartig mit "Alice im Wunderland!" kommentiert hat – es steht zu erwarten, dass wir noch fantastischere Elemente zu sehen kriegen, doch offenbar will man noch nicht zu viel verraten. Und gut so: Wie langweilig wäre Hearts of Stone gewesen, wenn wir alle die Pointe schon gewusst hätten?

Nicht, dass das normale Toussaint nicht bereits seinen Reiz hätte. Es ist eine Welt voller hehrer, oft fehlgeleiteter Ritter, die eher an ihren Idealen ersticken würden, als sich der Wirklichkeit zu beugen, und gelangweilter Burgfräulein, die in viel zu üppigen Gärten dekadente Sinnlosigkeiten spielen und dabei hohl kichern. Es ist die perfekte Kulisse dafür, Geralt mit Karacho gegen eine kulturelle Mauer knallen zu lassen, und so gestaltet sich dann zumindest der Anfang des Add-ons auch: Pragmatischer Badass stößt steife Korinthenkacker vor den Kopf. Man traut sich einmal mehr Humor, sogar diesmal etwas verstärkt, wenn man dem Entwickler glauben darf.

The Witcher 3: Blood and Wine - Vom Witcher zum Winzer

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Geralt: Madness Returns
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch massige Bosskämpfe lassen nicht lange auf sich warten. Ebenso wie astreine Inszenierung. Es fällt auf, wie dynamisch und lebendig jede einzelne Zwischensequenz gefilmt und geschossen ist, selbst im Vergleich zum bereits hervorragenden Hauptspiel. Nun sieht man wirklich keine Szene mehr, in der Geralt und sein Gegenüber wie steife Püppchen dastehen und reden, ohne dass glaubhafte Bewegung, menschliche Gestik passiert – oder, wenn es denn passt, satte Action.

Ob das geniale Hearts of Stone erreicht oder übertroffen werden kann? Nach dem Gezeigten sind wir optimistisch.Ausblick lesen

Die größte Schwäche an Hearts of Stone war sicherlich der neue Crafter, eine Art Runenschmied, der Rüstungen und Schwerter nach tierischer Investition mit äußerst unterwältigenden Effekten versehen konnte, die viel nützlichere Upgrades verdrängten und insofern von niemandem genutzt wurden. Spielmechanisch hat man dennoch keine Scheu entwickelt und traut sich auch abermals, neue Wege zu gehen. Und alles beginnt damit, dass Geralt ein Weingut erhält...

Ja, ein Weingut. Unser alter Geralt von Riva – Weinbauer. In dem schmucken Anwesen mit zugehörigem Grundstück kann man einige Münzen zum Ausbau lassen, hat eine zentrale Anlaufstelle für alle Notwendigkeiten des Hexerlebens und entdeckt nach ein paar Bauarbeiten einen versteckten Alchemiekeller. Dieser ist der Aufhänger für eine der größten mechanischen Änderungen: ein komplett neues Mutagen-System. Anstatt sie wie bisher als bloße Stat-Upgrades in irgendwelche Fähigkeiten zu sockeln, haben die Mutagene jetzt eine Art eigenen Skilltree, in dem man mit ihrer Hilfe und den im Endgame eh überschüssigen Fähigkeitspunkten mächtige passive Boni freischalten kann, die dann auch keine der wertvollen Skillplätze belegen. Da gibt es dann Späßchen wie die Möglichkeit, dass die Hexer-Zeichen kritisch treffen können und so getötete Feinde explodieren. Oder dass Aard Feinde einfrieren kann, inklusive Zersplitterung, wenn sie umfallen. Oder, dass alle Nahkampftötungen mit Finisheranimationen belohnt werden und Geralt stärker machen. Von den Skillplätzen, übrigens, wird es auch noch mehr geben, was erfreulicherweise zu potentiell neuen Skillungen führt.

The Witcher 3: Blood and Wine - Vom Witcher zum Winzer

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 4/71/7
Abgebildet: eine reichlich dumme Pflanze, die gleich ordentlich auf den Stempel bekommt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ansonsten gab es Kleinigkeiten zu sehen. Einige waren erwartet (Hattet ihr wirklich geglaubt, es gäbe keine Erweiterung eures Gwent-Decks? Es ist ein Skellige-Set, falls ihr neugierig seid.), andere zwar unerwartet, aber sehr erfreulich. Zum Beispiel wurde das Inventar neu strukturiert und sinnvoll kategorisiert. Jeder, der schon mal einen Alchemie-Build hatte, in dem es ewig dauert, bis man alle Tränke und Öle gefunden hat, wird das zu schätzen wissen, doch die Änderungen sollten jeder Art von Spielern helfen. Natürlich gibt es neue Ausrüstung, inklusive eines Witcher-Sets, das an Geralts Look aus Witcher 1 angelehnt ist – das ist erwartet. Unerwartet ist die Möglichkeit, Ausrüstung einfärben zu können, was für einen ordentlichen Schuss Individualisierung sorgt. Erwartet: neue Questreihen. Unerwartet: Nicht nur soll das ewige "Tauche nach Schatz XY" zugunsten besserer, echter Quests verschwunden sein, diese sollen sich auch besser auf die Welt auswirken. Hilft man zum Beispiel der Gefolgschaft eines Heiligen mit dem schön doofen Namen "Majoran", dann wird am Ende der Questreihe eine riesige Statue von ihm errichtet, die man von überall in Toussaint sehen kann und nun als Wahrzeichen für immer an die eigene Heldentat erinnert. Cool.

Die große, eigentlich Frage ist aber natürlich die nach dem Abschluss. Nach Blood and Wine soll nichts mehr kommen, es stellt also quasi das Ende von Witcher 3 und seiner Entwicklung dar. Hier muss einfach etwas geboten werden, und wir reden nicht von Optik oder Menüverbesserung oder Housing. Leider haben wir vom Erzählerischen momentan nicht mehr als eine vage Ahnung. Was wir wissen: Der Umfang von Blood and Wine wird größer als bei Hearts of Stone (jenes wurde von den Entwicklern auf zehn Stunden Spielzeit geschätzt, Blood and Wine auf 20 bis 30 Stunden), es kommt zum Wiedersehen mit einigen alten Bekannten aus den Vorgängern und Büchern und CD Projekt Red werden sich wohl keine Blöße geben. Dennoch: An dieser Frage wird sich wohl entscheiden, ob Blood and Wine als Fußnote oder Paradebeispiel in die Gaming-Geschichte eingeht.