Jedem noch so alten Haudegen wohnt ein letzter großer Kampf inne. Rocky Balboa durfte nochmal einem Jungspund aufs Fressbrett hauen. Ezio Auditore schlich mit bereits graumelierten Schläfen durch die lauschigen Gassen von Konstantinopel. Teufel, die gesamte Metal-Gear-Solid-Reihe begann damit, dass ein noch gar nicht so alter Snake aus dem Ruhestand gerufen wurde. Nun altern heftig mutierte Hexer anders als andere Charaktere, doch das bedeutet nicht, dass Geralt von Riva niemals aufs Altenteil geschickt werden wird. Wenn es nach CD Projekt geht, dann ist dieser Moment, zumindest in Bezug auf die Videospiele, jetzt. Zeit für das finale Abenteuer.

Die Erwartungshaltung ist gewaltig, wie ich kürzlich schon einmal in einer enthusiastischen Vorschau breitgewalzt habe. Der Grund dafür ist nicht nur das exzellente Hauptspiel, denn natürlich würde man einem Add-on zugestehen, hinter das große Abenteuer zurückzufallen. Doch: Blood and Wine ist nicht die erste oder einzige Erweiterung zu The Witcher 3: Wild Hunt. Vielmehr folgt es auf eine Expansion, die mein geschätzter Kollege Tobias Heidemann bei Giga kürzlich als eine der besten bezeichnet hat, die ihm je untergekommen sind – ein Urteil, dem ich mich anschließe.

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Gründe dafür gibt es viele, und man kann sie nicht anführen, ohne denjenigen unter euch, die Hearts of Stone noch nicht gespielt haben, komplett den Spaß zu versauen. Daher nur grob und spoilerfrei das folgende: Es war eine märchenhafte Kompromisslosigkeit von einer Erweiterung, ein erzählerisch immens hoch gegriffenes Experiment, dessen Risiko in potentiell unendender Empörung der Fans lag – dessen Lohn aber nahezu universelle Lobpreisung werden sollte. Spielerisch entwickelte sich nicht viel, und die Dinge, die es doch gab, wurden nicht begeistert angenommen, fielen aber auch nicht weiter negativ ins Gewicht. Schwere Entscheidungen, gewagte Quests (Stichwort: Bauernhochzeit), Nostalgie-Flashs, wortwörtliche Fabelhaftigkeit und ein unübliches Gänsehaut-Finale – für ein storygetriebenes Rollenspiel lässt sich kaum ein Add-on denken, das seine Prioritäten besser auf die Reihe kriegt als dieses.

Wie also diesem folgen? Nun, man weiß auf jeden Fall die potentiellen Baustellen – man kann eben auf der spielerischen Ebene diesmal versuchen, doch einigen Neuheitswert zu bieten, ohne aber, und die Wichtigkeit dessen kann nicht genug betont werden, die anderen Stärken zu opfern. Und tatsächlich: Geopfert hat man bei Blood and Wine gar nichts. Hier ist nichts halbherzig angegangen worden, und es ist von beiden Erweiterungen diejenige mit dem größeren Schauwert, mit dem deutlich gewaltigeren Umfang, und dabei doch eine, die Erzählung, Charaktere, Quests und Welt in keiner Weise stiefmütterlich behandelt. Die Ambition ist erkennbar und glaubhaft, Hearts of Stone nicht nur zu erreichen, sondern zu überholen. Und als gewitzte Leser könnt ihr quasi schon die Uhr nach dem "aber" stellen, das gleich kommt.

Aber: Es hat nicht ganz geklappt, nicht so sehr, wie es vielleicht hätte klappen müssen. Tatsächlich ist der "Fall", die Hauptstory dessen, was Geralt ins südliche Reich Toussaint ruft, eine nette Murder Mystery mit ein paar hübschen Schlenkern, jedoch leider nicht so wahnsinnig viel mehr. Es wirkt wie eine der umfangreicheren Nebenquests des Hauptspiels, nur eben sinnvoll erweitert – nicht künstlich aufgebläht, was gesondert betont werden muss. Dennoch, wer im Hauptspiel die ganze Welt des Witchers auf den Kopf gestellt hat, sich auf Seiten im Spiel der Throne geschlagen hat, das Verhältnis Geralts zu quasi allen etablierten Charakteren durchgerüttelt hat, der ist verwöhnt. Wer dann auf den Spiegelmeister traf, der hat, einigermaßen scharf umrissen, noch ein paar sehr elementare Dinge über dieses Universum erfahren.

The Witcher 3: Blood and Wine - Va faill, Gwynbleidd – Mach es gut, Weißer Wolf

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Toussaint – Wein, Witcher und Gesang.
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Diesen Luxus bietet Blood and Wine nicht – diesen nicht. Dafür allerdings jeden denkbaren anderen. Das üppige Land mit seinen Weinbergen, Ritterturnieren und exotischen Herausforderungen ist ein völlig neuer Spielplatz, sowohl für die Sinne als auch für die knubbeligen Daumen am Controller. Der Anlass, dass Duchess Anna Henrietta Geralt wegen einer mysteriösen, geradezu monströsen Mordserie ins südliche Toussaint ruft, wird schon fast nebensächlich, denn was uns hier erwartet, ist ein Gebiet von der Größe eines Velen, einer Skellige-Hauptinsel oder dergleichen – schon etwas anderes als ein erweiterter Landstrich im Nordwesten der Karte.

Packshot zu The Witcher 3: Blood and WineThe Witcher 3: Blood and WineErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Was schnell auffällt: So ernst natürlich der Grundton der Witcher-Welt ist und prinzipiell auch bleibt, so sehr traut man sich doch mit Blood and Wine in ein deutlich leichtherzigeres Territorium. Nicht nur sind nun höfische Schäkereien und der vorprogrammierte Kulturclash Geralts mit einer feudal-aristokratischen Snob-Gesellschaft an der Tagesordnung, man stolpert auch, gefühlt mehr als zuvor, über humorig urige Quests und noch mehr skurrile Charaktere. Da kann es dann schon mal passieren, dass man einen blond bezopften Milchbubi namens "Mancomb" im Beleidigungsboxen besiegen soll. Oder die entwendeten Steineier einer Statue suchen muss, um dann herauszufinden, dass diese als magisches Aphrodisiakum dienen. Oder man versucht, einen bürokratischen Kuddelmuddel aufzulösen, zu dessen Bewältigung man doch eigentlich nur das Formular A38 braucht...

Das ist alles ziemlich ulkig, ebenso wie auch die verkappte Minnekultur, die dazu führt, dass man mittels Geralt permanent jedem fehlgeleiteten Ritter mit Schwarmallüren und jedem versnobten Weinschnösel ein paar erfrischende und weckende Ohrfeigen verpassen möchte. Es ist zwar verständlich, aber dennoch ein bisschen enttäuschend, dass dabei aber die Schmutzigkeit und eigentümliche Hoffnungslosigkeit und Melancholie des Witcher-Universums komplett im Hintergrund verschwindet. Toussaint ist zwar spleenig, unterhaltsam, auf seine Art auch sogar gefährlich – und doch ist es eine Spur zu hübsch. Geralt selbst sagt bei seinem Einritt, auf ihn habe das Reich immer wie eine Märchenwelt gewirkt, ein Statement, das gegen Ende des Add-ons mehr Bedeutung erhält. Aber es verhält sich zur sonstigen Märchenwelt des Witchers wie sich Disneyfilme zu den Versionen der Grimms und von Andersen verhalten: polierter, schöner, aber es fehlt ihnen die Düsternis, dasjenige, was die Angelsachsen "grit" nennen und was man bei uns vielleicht am besten mit "Kernigkeit" anreißen kann. Das macht sie nicht schlecht, aber eben doch anders.

The Witcher 3: Blood and Wine - Va faill, Gwynbleidd – Mach es gut, Weißer Wolf

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An neuen Viechern und Bossen mangelt es wahrlich nicht – wie auch nicht an stocksteifen Rittern, die sich Ehre verdienen wollen.
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Wenn man sich mit dieser Qualität anfreunden kann – und nur fürs Protokoll, das sollte man unbedingt – dann ist Blood and Wine eine höchst geile Angelegenheit. Auch und nicht zuletzt in Sachen Mechanik, denn wie erwähnt hat sich an dieser Front noch mal einiges getan. Recht zu Anfang der Toussaint-Reise passieren zwei wichtige Dinge: Anna Henrietta überlässt Geralt ein Weingut und ein Bote bringt dem Hexer einen Brief von Yennefer. Das Gut kann mit allerlei Notwendigkeiten fürs Witcher-Leben ausgestattet werden und bei den teuren Renovierungsarbeiten findet Geralt eine Anlage, mithilfe derer Mutagene in andere Mutagene umgewandelt werden können.

Nicht der beste denkbare, doch ein verdammt guter Abschluss für den alten Hexer. Va faill, vatt'ghern.Fazit lesen

Das passt bestens zu Yens Brief. Die dralle Zauberin mit dem Fliederfetisch informiert Geralt davon, dass ein berühmter Alchemist in Toussaint seine letzte Ruhestätte hat. Sein Lebenswerk: die Modifikation von Witcher-Mutationen. Eine kurze Nebenquest später ist Geralt in der Lage, mit hochrangigenen Mutagenen und Fähigkeitspunkten einen neuen Skilltree zu beackern. Dieser umfasst elf mächtige Perks, von denen aber immer nur einer aktiviert sein darf, der bietet dafür dann aber auch richtig straffe Effekte. Da kriegt man alle drei Minuten ein "Extraleben", falls man draufgehen sollte, kann den Schaden von Bomben um satte 200% erhöhen, dafür sorgen, dass die Zeichen jetzt kritische Treffer landen dürfen und und und. Je nachdem wie viele von ihnen man freigeschaltet und welches man anschließend aktiviert hat, darf man auch bis zu vier zusätzliche Skills in neuen Slots unterbringen – das eröffnet schöne neue Möglichkeiten für Builds.

Und die Action-Freunde kommen auch weiterhin auf ihre Kosten. Nicht nur legt Blood and Wine mit zahlreichen Bosskämpfen vor (es beginnt mit einem und die Frequenz danach ist recht beachtlich), auch ansonsten will einem alles ans Leder. Meine persönliche neue Nemesis sind Archspores, riesige Giftige Pflanzen, die sich durch die Erde wühlen können, sich mit giftig explodierenden Knospen abschirmen und ganz allgemein totale Penner sind. Doch auch ansonsten lässt sich Toussaint nicht lumpen. Aggressivere Ghul-Varianten, riesige Tausendfüßler, Panther, es geht eine ganze Menge.

Mehr, um das final nochmals zu betonen, als damals bei Hearts of Stone. Stark überspitzt ist die Frage, nein, vielmehr das Rätsel, vor dem ich sitze: Warum war Hearts of Stone so gut, obwohl es so schlecht war, und warum ist Blood and Wine so schlecht, obwohl es so gut ist? Alles mit riesigen gedachten Anführungszeichen, natürlich. Die Antwort kann eigentlich nur darin liegen, was ein Rollenspiel ausmacht, und was CD Projekt verstanden haben.

Nein, ich sehe keine Chance darin, dass die Polen es sich leichtgemacht hätten, und tatsächlich, das seht ihr dann spätestens bei der Wertung, ist Blood and Wine erstklassig. Es fehlt nur eben das Sahnehäubchen, das letzte bisschen zur Meisterklasse, eine finale Besonderheit, die es haben müsste, um seiner Rolle als Geralts Abschiedsgeschichte vollkommen gerecht zu werden. Jetzt aber genug Geheule, schließlich habe ich noch ein paar Nebenquests zu erledigen, also entschuldigt mich bitte.