Rollenspiel spielt keine Rolle mehr. Zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, wenn man aktuelle Releaselisten nach echten RPG-Schwergewichten absucht. Gerade mal eine Hand voll reinrassiger Projekte sind derzeit angekündigt, manche davon, wie Fallout 3 oder Dragon Age lassen noch eine ganze Weile auf sich warten. Den Löwenanteil machen meist die derzeit angesagten Online-Rollenspiele aus.

Zeit also, endlich wieder in fremde Welten abzutauchen, hilflose Bauernmädchen zu retten und die Welt von bösartigen Drachen zu befreien. Oder einfach ausgedrückt: Zeit für The Witcher. Das ambitionierte Projekt aus Polen könnte dem Genre endlich neuen Antrieb geben. Mit einer taufrischen Preview-Version haben wir Probe gespielt und sagen, ob die Chancen dafür wirklich gut stehen.

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Charakter mit Profil
Spielercharaktere müssen ein markiges Äußeres, Charisma und viel Wiedererkennungswert haben. Denn nichts ist schlimmer - zumindest in Rollenspielen - als mangelnde Identifikation mit der Hauptfigur. Geralt ginge glatt als Prototyp dieses Helden-Typus durch: schlohweißes Haar, tiefe Stimme und eine Furcht einflößende Narbe direkt über dem linken Auge - als unscheinbar kann man unser Alter Ego in The Witcher wahrlich nicht bezeichnen.

The Witcher - Geralt hat uns verhext: Endlich wieder ein Rollenspiel mit Potenzial.

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Das sind ja schöne Aussichten: Die Witcher-Engine zaubert atmosphärische Bilder auf den Screen.
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Wohl aber als ziemlich verwirrt: Nach Umständen, die für den Spieler (und Geralt) zunächst im Dunkeln liegen, finden ihn andere Hexer bewusstlos mit dem Gesicht im Schlamm liegend. In der nahen Burg Kaer Morhen werden seine Wunden notdürftig verarztet. Dumm nur, dass Geralt scheinbar einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen hat - er kann sich an nichts erinnern. Woher er kommt, was mit ihm geschehen ist und wer hinter seiner Amnesie steckt, gilt es im Folgenden herauszufinden.

Ein cleverer Kniff der Entwickler CD Projekt: Statt (wie in der zugrunde liegenden Fantasy-Romanreihe) als versierter Überkrieger zu beginnen, müsst ihr euch so sämtliche Talente und Fähigkeiten - streng nach alter Rollenspiel-Tugend - mit der Zeit hart erarbeiten, um schließlich zu alter Stärke zurück zu finden. Viel Zeit zum Ausruhen hat unser Gedächtnis belückter Held nicht, denn Kaer Morhen wird unversehens von bösartigen Magiern angegriffen.

Packshot zu The WitcherThe WitcherErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Alles eine Frage der Perspektive
Bevor es jedoch in die Schlacht geht, erlaubt euch The Witcher die Wahl zwischen zwei verschiedenen Spielweisen. Die erste Option erinnert an gewöhnliche Action-Rollenspiele: Mit der Maus klickt ihr Objekte und Gegner an oder bestimmt, wohin Geralt sich bewegen soll. Gespielt wird in isometrischer Perspektive von schräg oben, verschiedene Zoomstufen gibt es allerdings nicht, die Kamera ist fix verankert.

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Wer nicht klickt zur rechten Zeit: Das Kombosystem bringt Abwechslung und etwas Tiefe.
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Die Third-Person-Variante orientiert sich hingegen an klassischen Rollenspielen: Per WASD bewegt sich der Hexer in die gewünschte Richtung, die Kamera positioniert sich direkt hinter Geralt, lässt sich aber per Mausschwenk ändern. Überraschenderweise vermitteln beide Steuerungsmöglichkeiten ein jeweils anderes Spielgefühl. Wird man doch einer Perspektive überdrüssig, hilft ein rascher Klick im Optionsmenü - die Kamera lässt sich jederzeit wieder umstellen. So kann man The Witcher perfekt an die eigenen Vorlieben anpassen. Klasse!

Nach der Wahl folgt die Qual: Ein ganzes Regiment fies dreinblickender Schurken erstürmt Kaer Morhen, die letzte Bastion der vom Untergang bedrohten Hexerkaste. Geralt bleibt da nur der Griff zum Schwert. Damit die Kämpfe jedoch nicht in dröges Hack & Slay-Gekloppe ausarten, hat CD Projekt ein interessantes Kombosystem implementiert. So müsst ihr während der automatisch ablaufenden Schlaganimationen zu gegebener Zeit die linke Maustaste drücken, um einen besonders schweren Hieb auszuführen.

Auf diese Weise ergeben sich im Laufe des Kampfes recht eindrucksvolle Prügelkombinationen. Sonderlich anspruchsvoll gestaltet sich dies zwar nicht, für etwas Abwechslung sorgt das witzige Feature aber allemal. Zusätzliche Tiefe bringen hingegen drei verschiedene Kampfstile (schnell, stark und Gruppenkampf), die man stets mit Bedacht wählen sollte: Gepanzerte Fieslinge lassen sich von ein paar flinken, aber schwachen Schwerthieben nämlich kaum beeindrucken.

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Plötzlich: tosender Lärm. Mit einem Mark erschütternden Schrei bricht ein so genannter Furchtbringer durch die Burgmauern. Allein kommen wir gegen diese haushohe Bestie nicht mehr weiter, unsere Freunde wappnen sich zum Kampf. Unglücklicherweise benötigt auch unsere Geliebte Triss dringend Hilfe: Im düsteren Kellerlabor wartet der Anführer der Fieslinge darauf, von Geralt stilvoll enthauptet zu werden. Was tun?

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Im Burgkeller wartet dieser unfreundliche Herr auf seine Enthauptung.
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Entscheidungen wie diese gilt es in The Witcher ständig zu treffen. Das können kleinere "Erledige ich nun Auftrag X oder Y"-Fragen sein oder auch weit reichende moralische Entscheidungen, deren Auswirkungen sich zum Teil erst Stunden später zeigen und mitunter drastische Folgen für die Spielwelt haben. So könnte ein enttäuschter Questgeber, dem ihr seine verlorene Ware nicht aushändigt, später böse Rache üben.

Generell solltet ihr sämtliche Handlungen mit genauster vorheriger Überlegung ausführen. Wählt ihr zum Beispiel in den - sehr ansprechend vertonten - Dialogen mit einem der zahlreichen NPC's die falsche Antwortmöglichkeit, könnte dieser verärgert abwinken und jedes weitere Gespräch mit Geralt verweigern. In jedem Fall verändert sich das Spielerlebnis enorm: Ihr bestimmt, welche Inhalte ihr sehen möchtet - das ist Wiederspielwert par excellence.

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Vorsicht in den Dialogen: Manch ein NPC könnte nachtragend sein.
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Trotz aller inhaltlicher Finesse lässt The Witcher auch technisch gehörig die Muskeln spielen. Detaillierte Charaktere, wunderschöne Landschaften, geschmeidige Animationen - grafisch bewegt sich das polnische Rollenspiel durchaus im oberen Genre-Mittelfeld. Kaum zu glauben, dass hier die betagte Aurora-Engine aus Neverwinter Nights (in einer stark aufgebohrten Version) zum Einsatz kommt.