Unter Genrefans werden sie bereits als die legitimen Erben von Lucas Arts gehandelt: die Hamburger Entwickler von Daedalic Entertainment. Mit ihrem Erstling, dem skurril überdrehten Abenteuer um die Flucht der jungen Edna und ihres sprechenden Stoffhasen Harvey aus der Irrenanstalt, flogen ihnen die Rekordwertungen und Spielerherzen nur so zu.

War der Grafikstil von „Edna bricht aus“ manchem Spieler noch zu spartanisch, die Heldin zu spröde und manche Kopfnuss von Panzerschale umhüllt, ist The Whispered World zum Erfolg verdammt: eingängiger, hübscher, epischer – aber vom selben Charme beseelt und mit der gewissen Prise Genialität ausgestattet. Wir prophezeien schon jetzt nichts weniger als den nächsten Genremeilenstein.

The Whispered World - Intro TrailerEin weiteres Video

Die Vorboten des drohenden Untergangs liegen wie ein unheimlicher Schatten auf der geflüsterten Fantasy-Welt: Die Asgil, ungeschlachte Echsenwesen, liegen in Lauerstellung rings um die Burg des Königs, der sich, sein Herz von einer düsteren Schwere befallen, in seine Gemächer zurückgezogen hat und dort in der Einsamkeit der unausweichlichen Dinge harrt. Und just in diesen trübsinnigen Zeiten erscheint dem jungen Clown Sadwick Nacht für Nacht im Traum ein seltsames Wesen, das vom Ende der Welt kündet – und ihm prophezeit, dieses selbst herbeizuwirken.

The Whispered World - Wir prophezeien: Das beste Adventure seit den goldenen LucasArts-Zeiten

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Düster, melancholisch bis heiter: Whispered World hat seine ganz eigene Stimmung.
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The Whispered World schlägt mit seiner Geschichte eine Stimmlage an, wie sie nur große Erzählmeister beherrschen: Es pendelt perfekt auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll, melancholisch und dennoch episch. Das Präfix „Sad“ im Namen des (Anti-)Helden gibt bereits die Gefühlswelt der Flüsterwelt vor: Die verwelkten Blätter der Bäume im Herbstwald, wo Sadwick mit seinem Zirkus gastiert, und das fahle, regnerische Graublau am Himmel vergegenwärtigen den unabwendbaren Zerfall und Niedergang um einen herum.

Deswegen muss aber noch kein Abenteurer zu Anti-Depressiva greifen: Auch The Whispered World ist durchzogen vom unverkennbaren Daedalic-Humor, der „Edna bricht aus“ Rekordwertungen einfuhr und 1 ½ Ritter sogar weitaus besser als den zugehörigen Film werden ließ. Auf der Suche nach einer Karte der Umgebung beispielsweise erinnert sich Sadwick, dass der leicht senile Opa gerne mal die Landkarte mit seinen Kochrezepten vertauscht: „Mit Schaudern denke ich an die Zeit zurück, als wir täglich Nordosten essen mussten“, kommentiert er sarkastisch.

Packshot zu The Whispered WorldThe Whispered WorldErschienen für DS und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Adventure-Tragödie

Verzichtete Daedalic bei "Edna bricht aus" noch gänzlich auf einen Kopierschutz, kommt nun ein charmantes System aus dem goldenen Adventure-Zeitalter wieder zum Einsatz, ähnlich der Codescheiben im Klassiker Monkey Island. Dem Spiel liegen drei Würfel mit Fantasy-typischen Symbolen bei, die vor Spielbeginn korrekt eingegeben werden müssen - gewissermaßen schon das erste Rätsel noch bevor das Spiel begonnen hat. Damit das Vergnügen auch über die Anfangssequenz hinaus anhält, liefert Daedalic die Anleitung für in launiges Würfelspiel mit Namen "Droggel" mit - eine Anspielung auf den kutligen Charakter "Droggelbecher" aus "Edna".

Das nächste Meisterwerk: Mit The Whispered World zementieren Daedalic ihren Ruf als legitime Erben von Lucas Arts.Ausblick lesen

Erst vor kurzem wurde The Whispered World auf Ende August verschoben. Dabei macht das Spiel schon jetzt einen äußerst runden Eindruck, wovon wir uns während unseres Besuchs bei den Entwicklern persönlich überzeugen konnten. Die Sprachaufnahmen sind bereits abgeschlossen und von hervorragender Qualität. Zu der Entscheidung, auf namhafte Sprecher zu verzichten, um keine Assoziationen mit bekannten Charakteren heraufzubeschwören, können wir Daedalic nur gratulieren. Wie schon bei Edna erzeugt das Spiel so seinen ganz eigenen Charme.

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Der arrogante Bote Bobby hält die ersten "Quests" für Sadwickk parat.
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Auch von Rätseln und Story konnten wir uns bereits einen umfassenden Eindruck aus sämtlichen Kapiteln des Spiels machen – wir haben uns jedoch entschieden, nicht alles zu verraten, um das Spielgefühl nicht zu spoilern. Seit unserer letzten Vorschauversionhat sich jedoch noch einiges getan: Die Geschichte kommt nun schneller in Fahrt und verwendet mehr Anstrengung darauf, den Spieler von Anfang an in die Geschehnisse der Whispered World einzuführen.

So treffen wir nun zu Beginn den königlichen Boten Bobby, ein schräger, selbstherrlicher Geselle mit einer Bratpfanne als Hutersatz auf dem Kopf, der uns von der Belagerung des Königsschlosses durch die Asgil berichtet. Schnell erkennt Sadwick eine Parallele zwischen dem weltpolitischen Geschehen und seinen Albtraumvisionen. Er begibt sich auf die Suche nach der Wahrsagerin Shena, die allein Licht in die Angelegenheiten bringen soll.

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Kultverdächtig: Die Steine Rolv und Yngo planen die Weltherrschaft.
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Doch dabei geht ihm ein mächtiges Artefakt, der Flüsterstein, abhanden – und Sadwick vermutet, dass er damit das Ende der Welt, das ihm geweissagt wurde, eingeleitet hat. Also macht er sich auf zum Königsschloss, um das Unheil abzuwenden. Oder es heraufzubeschwören? Denn wie ihm von verschiedener Seite zugetragen wird, kann nur die Zerstörung der Welt selbige retten…

Die Geschichte von The Whispered World ist sehr viel epischer und dramatischer, als es der unschuldige Zeichenlook im gewitzten 2D-Retrostil vermuten lässt. Mit ein Grund dafür ist die Design-Philosophie von Daedalic-Mastermind Jan Müller-Michaelis, die er uns im Interview (demnächst in voller Länge auf gamona) verriet: „Das Wichtigste an einem Adventure ist die Geschichte. Aber die Geschichte darf nicht abgekoppelt vom Spielgeschehen passieren. Der Spieler muss das Gefühl haben, die Ereignisse, die dort ablaufen, selbst herbeigeführt zu haben – obwohl sie natürlich genauso festgelegt sind wie alles andere. Aber deswegen müssen die Entscheidungen, die er trifft, wirklich dramatische Konsequenzen haben.“

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Der hübsche Grafikstil ist nicht so minimalistisch wie bei Edna.
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Diese Erfolgsrezept war bereits an „Edna bricht aus“ gut zu beobachten: Obwohl der Spieler stets den Wunsch hatte, Edna zu helfen, führte er, in den Rückblicksequenzen aus Ednas Kindheit, ihren späteren Wahnsinn erst herbei – und damit auch das tragische Dilemma am Ende, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Der Spot-Effekt

Neben der dramatischen Geschichte, den exzellent geschriebenen Dialogen und dem wunderschönen 2D-Look von The Whispered World, „entpuppt“ sich v.a. die Raupe Spot als der eigentliche Clou des Spiels: Der kleine grüne Knubbel folgt Sadwick auf Schritt und Tritt und lässt sich, ähnlich wie Harvey aus „Edna“ oder Anarchohase Max aus „Sam & Max“, bei diversen Aufgabenstellungen „benutzen“. So kann der niedliche Begleiter etwa an für Sadwick unzugängliche Orte, wie gleich zu Beginn ein Ofenrohr, vordringen.

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Die gamona-Redaktion bekennt: Spot, wir lieben dich!
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Der Witz dabei: Nach und nach lernt Spot immer neue „Spezialfähigkeiten“ bzw. Zustandsformen, in die er sich verwandeln kann. In Brand gesteckt befeuert er beispielsweise den Kessel einer Lokomotive, plattgedrückt wie eine Flunder passt er selbst durch schmale Türritzen und mit Wasser vollgesaugt wird der drollige Wonneproppen zum Feuerlöscher.

Dem huldigen die Entwickler in einer Sequenz im vierten Kapitel auf besondere Weise, wenn Spot zu einem eigenen Soloauftritt kommt: Während Sadwick vor der verschlossenen Pforte des Königsschlosses zurückbleiben muss, quetscht sich der flach gepresste Spot unter dem Tor hindurch und muss, seine verschiedenen Daseinsformen anwendend, einen Weg finden, die Eingangstür für sein Herrchen zu öffnen. „Das Ganze funktioniert ein wenig nach dem Knobelprinzip von Gobliiins“, verraten uns die Entwickler – in Gut, sei dem, angesichts des mittelprächtigen, kürzlich erschienen vierten Teils, hinzugefügt.