The Walking Dead ist zurück, und wie zurück es ist: Die erste Episode der letzten Season ließ mich schwitzen, vor Freude nach Luft schnappen und gleich im Anschluss wild fluchen, als mir und Clem wieder einmal alles – alles – entrissen wurde; ehe jene tiefe, schwarze Hoffnungslosigkeit einmal mehr ihre Arme liebevoll um meinen geschundenen Körper legte. Es gibt keinen Grund, zu hoffen, Marina, flüstert Telltale mir zu, und ich fühle mich sechs Jahre zurückversetzt in meine kleine Studenten-Buchte, als ich während des heißen Sommers 2012 die erste Episode voller Verwunderung spielte.

Telltale sagt Clem Goodbye, aber nicht ohne uns erneut zu zeigen, wie grau, hoffnungslos und menschlich die Welt von The Walking Dead ist:

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Das kalifornische Studio hat einen heißen Ritt hinter sich, mit Spielen wie The Wolf Among Us, Minecraft: Story Mode, Batman, Game of Thrones, Borderlands und und und – wir alle wissen es, wenn wir ein Telltale-Spiel in unseren Rachen schieben; wir würden es auch wissen, stünde es nicht auf dem Cover. Die Essenz der Spiele orientierte sich stets an jener Emotionalität und jenen Dialogen, die mit The Walking Dead dem Adventure-Genre einen Stempel versetzten, und nein: Das war nicht immer gut. Ich habe viele Telltale-Spiele genossen, doch mit jedem Titel wurden die Konversationen austauschbarer, die emotionalen Ohrfeigen vorhersehbarer. Wenn ihr mich fragt, benötigt Telltale schon seit längerem neue Ecken und Kanten, neue Routen abseits des Telltale-Mainstreams; aber.

Aber.

The Walking Dead, das Herzstück und der Schöpfer der Adventure-Schmiede, die Telltale jetzt ist, bleibt ein furchtbares, Hoffnung zerstörendes Endzeit-Szenario, bleibt eine emotionale Ohrfeige mit anschließender Umarmung (ehe die nächste Ohrfeige folgt) und das ist völlig in Ordnung. Ich würde selbst Ohrfeigen verteilen, sollte Telltale am Konzept in der finalen Season etwas ändern, aber ganz im Gegenteil: Sie schaufeln weiter Kohlen in den Zug der Hoffnungslosigkeit und es ist eine Wonne, mitzufahren.

Das Ende von The Walking Dead verspricht, die melancholische Hoffnungslosigkeit der ersten Staffel aufleben zu lassen.

“Hebe die letzte Kugel für dich selbst auf”,

sage ich dem kleinen AJ, einem Waisenjungen, den ich erst gerettet, dann verloren, dann gerettet und nun bei mir habe, in einer gestohlenen, rostigen Karre; neben mir eine Pistole und eine halbe Tüte Chips, von der wir die letzten Tage lebten. AJ greift sich die Waffe und seine kleinen Hände säubern sie geschickt, als ich ihn durch den Rückspiegel anschaue, ernst: “Also, was habe ich dir beigebracht?

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Das sind die Dinge, die ich bereits vor sechs Jahren lernen musste: Sei leise, sonst hören sie dich. Schaue dich immer nach Verstecken um, sobald du einen Raum betrittst. Töte, ohne darüber nachzudenken. Und hebe immer die letzte Kugel für dich selbst auf.

Was damaliger Protagonist Lee der kleinen Clementine in der ersten Staffel von Telltales The Walking Dead beibrachte, gebe ich nun als erwachsene Clem an AJ, dem Waisenjungen, um den ich mich kümmere, weiter. Nichts hat sich verändert und eben jene Spirale an Überlebenstechniken, harten und schwierigen Gesprächen sowie Entscheidungen, die Charaktere für immer von der Bildfläche tilgen, vervollständigt das Bild der ewigen Apokalypse: Es kommt nicht darauf an, wer oder wann, ob du Lee, Clem oder ein anderer bist: Die Welt ist kaputt, und sie wird kaputt bleiben.

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Erinnere dich, kämpfe und richte dein Zimmer ein

… und dennoch ist mehr neu an der finalen Staffel, als es auf den ersten Blick scheint. Telltale hat das Kampfsystem überarbeitet, sodass Echtzeit-Kämpfe nun neben Quick-Time-Toden möglich werden; ebenso, wie ihr tatsächlich einen Raum, euren Raum einrichten und mit Gegenständen dekorieren könnt, die ihr während des Spiels sammelt. Beide Mechaniken fügen sich überraschend nahtlos ins Geschehen ein und sorgen dafür, dass Quick-Time-Events abnehmen und nostalgische Momente zunehmen.

Der Nostalgie frönen könnt ihr auch, während ihr eure alten Spielstände in diesen letzten Teil von Clems Reise speist: Zu Beginn der ersten Episode werdet ihr aufgefordert, entweder die entsprechenden Save-Games zu laden oder wichtige Entscheidungen der letzten Teile erneut zu treffen: Flunkern wird hier also möglich, falls ihr mit dem Ausgang der letzten Staffeln partout nicht leben könnt.

Neue Freunde, neue Arten, zu kämpfen – in Echtzeit Zombies töten passt sehr gut in das alte Konzept

Goodbye, Clementine (oder: das Mass Effect-Syndrom)

Wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich mich nach der ersten Episode – von insgesamt vier – noch nicht verabschieden. Die etwa zweieinhalb Stunden sind der Beginn eines neuen Abenteuers, aber auch der Beginn des Endes aller Abenteuer von Clementine. Lasst es uns das “Mass Effect-Syndrom” nennen; dieses drückende, klammernde Gefühle, wenn wir jahrelang anstatt nur 20-30 Stunden durch eine Spielwelt schreiten, mit den Charakteren leiden und über mehrere Spiele hinweg Teil jener Geschichte werden, die uns erzählt wird.

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Und wie wir alle wissen: Das Ende einer solchen Ära glaubhaft und zufriedenstellend einzuleiten, ist keine leichte Aufgabe. BioWare brauchte bei Mass Effect 3 mehrere Versuche, Telltale mag keine ganz so große Last auf den Schultern tragen, geht mit der ersten Episode von der finalen Staffel jedoch den richtigen Weg: Mit glaubhaften, sympathischen Charakteren und gerade der richtigen Dosis an Hoffnung, die einem, natürlich, gnadenlos genommen wird. Ich frage mich schließlich nur – wird auch das Ende diesen Endes derart unbarmherzig sein?