The Walking Dead hat sich im Laufe der Jahre zu einem popkulturellen Phänomen entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Comic, TV-Serie und Spin-Off sind mittlerweile in der totalen Belanglosigkeit angekommen, doch das tut der Beliebtheit keinen Abbruch. Hat sich Telltales gleichnamige Adventure-Reihe ebenfalls totgelaufen oder steckt noch Leben drin?

Gleich zu Beginn, möchte ich klarstellen: Ich werde nix zur Story spoilern. Weder zur dritten Staffel, noch zu den ersten beiden. Es gibt nämlich immer noch Menschen, die das Episoden-Adventure noch nicht gespielt haben. Ich halte dies für ein unentschuldbares Versäumnis, denn zumindest in Sachen Storytelling und Atmosphäre wischt The Walking Dead A Telltale Games Series mit den meisten Spielen da draußen den Boden auf. Problemlos. Ok, die zweite Staffel hatte in der Mitte einen ziemlichen Durchhänger, aber unterm Strich war’s trotzdem großes Kino. Im Grunde geht es um Überlebende der Zombie-Apocalypse, die feststellen müssen, dass die Untoten nicht die größte Bedrohung darstellen. Es sind die Menschen, die buchstäblich über Leichen gehen und im Kampf ums nackte Überleben ihren moralischen Kompass verlieren.

Normalerweise klicke ich in Spielen die Story-Sequenzen regelmäßig weg, weil sie entweder zu dämlich (Assassin’s Creed), zu peinlich (Watch Dogs 2) oder beides (Need For Speed) sind. Ich empfinde sie als unnötiges Beiwerk, das mich vom Spielen abhält und die Erfahrung zerstört. Zum Beispiel habe ich gestern in Watch Dogs 2 in einer halben Stunde ungefähr 200 Leute gekillt – ein Viertel davon waren unschuldige Passanten. Kollateralschäden. Anschließend stand ich in einer Zwischensequenz dieser total korrupten und unmoralischen Drecksau gegenüber. Eine ekelhafte Person, die den Bildschirmtod tatsächlich verdient hätte. Und was tut meine Spielfigur in dieser Cutscene? Der Vollidiot versucht die miese Ratte mit Worten zu überzeugen! Selbst Mahatma Gandhi hätte in diesem Moment eine gewaltsame Lösung präferiert, doch Ubisofts Geschichtenschreiber haben mit Logik oder Glaubwürdigkeit offensichtlich ein Problem. Mist, ich schweife ab.

Reduziertes Gameplay

Kommen wir zur Sache: The Walking Dead: A New Frontier! Telltale hat für die neue Season viele Verbesserungen und Veränderungen versprochen. Das mit den Veränderungen kann ich definitiv unterschreiben, aber das mit den Verbesserungen nicht ohne weiteres. Man könnte sogar sagen, dass A New Frontier in Sachen Gameplay einen Rückschritt darstellt, wobei das tatsächlich Ansichtssache ist. Erklärungsversuch: Schon die Vorgänger glänzen mit einem eher rudimentären Point & Click-Adventure-Stil. Die Interaktion ist auf ein absolutes Minimum beschränkt. Hier den Stick nach oben halten, dort kurz auf X drücken und wenn es richtig heiß her geht, muss man sogar mehrere Knöpfe hintereinander betätigen. Auch die Rätsel sind kinderleicht und haben diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient. Weil die Geschichte so meisterhaft ins Geschehen eingebettet wurde, fühlt man sich dennoch bestens unterhalten. Es ist eben kein Spiel im klassischen Sinn, sondern ein interaktives Comic. Für Season 3 wurde die spielerische Herausforderung tatsächlich noch weiter reduziert.

Gerade Quicktime-Events, die von uns verlangen, im richtigen Augenblick bestimmte Tasten zu drücken, sind deutlich einfacher geworden. Das Timing ist nicht mehr so kritisch und selbst extreme Grobmototiker werden mit den Reaktionstests keine Probleme haben. Während ich in den Vorgängern bestimmte Action-Szenen mehrmals wiederholen musste, habe ich in den ersten beiden Episoden der dritten Season nur ein einziges mal den Löffel abgegeben – weil ich gerade die Hand in der Chips-Tüte hatte. Objektiv betrachtet, könnte man das durchaus als Rückschritt bezeichnen. Wenn ein Spiel zu leicht wird, gibt’s keine Herausforderung mehr und was bringt ein Spiel ohne echte Challenge? Doch The Walking Dead ist ja kein normales Spiel. So haben mich die Quicktime-Events in den Vorgängern deutlich mehr genervt, weil ich mich immer auf die Anweisungen auf dem Screen konzentrieren musste und deshalb weniger von der Inszenierung mitbekam.

Der Einstieg in die dritte Staffel hält das hohe erzählerische Niveau, senkt die spielerische Herausforderung aber deutlich.Fazit lesen

Die Geschichte ist alles

Es geht in Season 3 kaum noch um die Auge-Hand-Koordination, Visuomotorik oder wie auch immer man dieses „Ich reagiere mit dem Controller auf die On-Screen-Geschehnisse“-Ding nennen mag. A New Frontier fokussiert sich total auf die Erzählung, ist kein Spiel mit starkem Story-Fokus mehr, sondern ein Zombie-Film mit interaktiven Elementen. Ich persönlich halte das für eine schöne Sache, kann aber verstehen, wenn andere Spieler damit nicht so gut klar kommen. Ein großer Bestandteil der Interaktion sind die unterschiedlichen Dialogoptionen und diese sollen sich mehr denn je auf den weiteren Verlauf der Geschichte auswirken. Bereits in den ersten beiden Episoden müssen gravierende Entscheidungen getroffen werden und ich bin sehr gespannt, wie stark sie mein Abenteuer beeinflussen. Zur Season-Premiere spendierte Telltale Games zwei Episoden, die restlichen drei dürften in Abständen von jeweils vier bis acht Wochen folgen.

Beinahe-Spoiler: Dass sich die dritte Staffel auf völlig neue Charaktere konzentriert, halte ich für eine sehr mutige Entscheidung. Die taffe Clementine, ist die einzige Figur, die aus den Vorgängern bekannt ist und trotzdem spielt sie momentan nicht die Hauptrolle. Es bleibt abzuwarten, ob die Macher irgendwann weitere „alte Gesichter“ aus dem Hut zaubern. Der Season-Auftakt ist auf jeden Fall sehr spannend, auch wenn einige Schlüsselelemente etwas konstruiert wirken. Apropos: Die Grafik wurde aufgebohrt und bietet deutlich mehr Details. Der plastische Look hebt sich vom eher groben Cel Shading-Style der Vorgänger ab und das ist Geschmacksache. Manche Charaktere sehen aus wie Action-Figuren, die ein kleines Mädchen mit dem Kajal-Stift vollgekritzelt hat.