Es war ein Kraftakt, für alle von uns und nicht jeder bekommt das, was er letztlich verdient. Wir hatten unser Päckchen zu tragen – Telltale genauso wie Clementine oder ihr und ich –, liefen mal mehr, mal weniger gebückt unter dieser Last, aber immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Erst der Zieleinlauf zeigt, welche Folgen die dauerhafte Bürde für uns alle hat.

The Walking Dead - Season 2 - Season 2: No Going Back5 weitere Videos

Kein Weg führt mehr zurück, nicht in den Monaten zuvor und jetzt schon gar nicht. Die letzte Episode einer sprunghaften zweiten Staffel trägt dieses oberste Gebot folgerichtig im Titel und lässt es als Damoklesschwert rund 90 Minuten über euren Köpfen pendeln. Mit den vergangenen, meist schmerzlichen Erfahrungen in dieser lebensfeindlichen Welt, formt sich aus dieser Binsenweisheit ein wertvolles Lebensmotto, ohne das sowohl Clementine als auch ihre Begleiter unlängst zerbrochen wären.

Während dieser Zeit schien selbst Telltale nicht immer genau gewusst zu haben, wohin die Reise gehen soll und überhaupt dürfte keiner der Beteiligten dem Entwicklungsprozess der zweiten Staffel eine Träne nachweinen. Schwer zu sagen, ob am Ende des Tages nun die immense Erwartungshaltung an die Fortsetzung, die Doppel- und Dreifachbelastung mit The Wolf Among Us und Tales from the Borderlands in den Entwicklerstübchen nebenan oder ganz einfach eine Kombination aus all diesen Faktoren ursächlich für Clementines unbeständigen Überlebenskampf war.

The Walking Dead - Season 2, Episode 5: No Going Back - Ein besseres Finale hätte man sich nicht wünschen können, eine bessere Staffel schon

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 56/591/59
No Going Back macht nicht alles wett, was in Staffel 2 daneben ging, aber fast alles besser.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Viel mehr als eine grobe Skizze für All That Remains, den gelungenen Wiedereinstieg in das Walking-Dead-Universum, schien man damals noch nicht zu Papier gebracht zu haben, als man die Spieler am Ende der ersten Staffel mit Tränen in den Augen und einer ungewissen Zukunft für Clem zurückließ. Rückblickend betrachtet war das taffe Mädel vielleicht nicht der bestmögliche Protagonist; aus dem ängstlichen Waisenkind wurde eine Spur zu schnell das selbstbestimmte, abgebrühte Ding, das ihr in No Going Back zu einem von insgesamt sieben verschiedenen Enden führt.

Wohin willst du, Telltale?

Auf dem Weg dorthin läuft die finale Folge zur vielleicht stärksten der gesamten Staffel auf; endlich hatte das Telltale-Team ein klares Ziel vor Augen und konnte ohne angezogene Handbremse direkt auf den Abschluss draufhalten. Dadurch kann No Going Back nicht alle Problemchen der Vergangenheit in Wohlgefallen auflösen – einige davon schleppt auch das Finale noch mit sich herum. Abgesehen von einer Handvoll interaktiver Spielszenen gibt man euch auch diesmal nicht viel zu tun, doch damit solltet ihr euch inzwischen genauso abgefunden haben wie mit dem obligatorischen „Auf die Ruhe folgt der Sturm“-Schema der einzelnen Episoden.

Diese anderthalb Stunden können diese Strukturen nicht völlig auflösen, tun aber ihr möglichstes, um sie zumindest ein Stück weit aufzubrechen, was in zwei von drei Fällen ganz gut gelingt. Die letzten gemeinsamen Stunden der Gruppe sind weniger gehetzt, nicht ganz so gezwungen dramatisch wie es in der Vergangenheit gern mal der Fall war. Telltale gönnt sich und seinen Figuren endlich die so wichtigen Verschnaufpausen, sowohl im unmittelbaren als auch im übertragenen Sinne. Ruhige Szenen dienen nicht mehr ausschließlich dem Anlaufholen für den fiesen Schlag in die Magengrube, der darauf in Staffel 2 stets unweigerlich folgen musste, sondern dem subtilen Herausbilden ihrer Charaktere. Gerade noch rechtzeitig.

Packshot zu The Walking Dead - Season 2The Walking Dead - Season 2Erschienen für PlayStation Vita, Xbox 360, PC und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Erst im Licht von No Going Back lässt sich auch in den vorangegangen Episoden so etwas wie ein roter Faden in der Charakterisierung einiger Überlebender erkennen, was jedoch eher dem schlüssigen Zusammenführen der losen Fäden denn der missverstandenen Rezeption der bisherigen Folgen zuzuschreiben ist. Kennys cholerische Ader wurde ihm bereits in der ersten Staffel eingeimpft und war auch danach fester Bestandteil seiner Persönlichkeit, trat in der jüngeren Vergangenheit aber gelegentlich auf der Stelle, wie überhaupt viele Charakterzüge der jeweiligen Gruppenmitglieder.

Und auch wenn das Auflösen der mühselig aufgebauten Stimmung in der Natur eines jeden Finales liegt, überrascht es in diesem Fall durch seine plötzliche, unmittelbare Wucht. Kennys „Ich zieh um jeden Preis mein eigenes Ding durch“-Attitüde wandelt sich binnen einer Folge von nervigem Gerede zu einer plausiblen Entwicklung, ist schlagartig weniger Teil seiner Persönlichkeit als konsequente Reaktion auf den erlittenen Schmerz und die zahlreichen Schicksalsschläge.

The Walking Dead - Season 2, Episode 5: No Going Back - Ein besseres Finale hätte man sich nicht wünschen können, eine bessere Staffel schon

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Wieso nicht schon vorher so, Telltale?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

#myclementine

Selbst die stärkste Persönlichkeit zerbricht irgendwann – es ist nur eine der Frage der Zeit, bis es soweit ist.

Wie viel der eigenen Menschlichkeit ist man bereit zu opfern, um zu überleben?

Menschen werden nicht als Monster geboren, sondern von ihrer Umwelt dazu gemacht.

Das unerwartet intensive Finale einer durchwachsenen Staffel. Mit der Fortsetzung muss Telltale der Zombie-Apokalypse allerdings endlich neue Facetten abgewinnen.Fazit lesen

Das clevere Aufwerfen existenzieller Fragen wie dieser und vor allem die unmittelbare, an das eigene Handeln verknüpfte Konfrontation mit diesen haben The Walking Dead in seinen stärksten Momenten, von denen die meisten in der ersten Staffel zu finden waren, den Nachhall gegeben, der auch in fünf oder zehn Jahren noch zu hören sein wird.

Die Serie war dabei immer dann am stärksten, wenn sie ihren Charakteren und damit den Spielern einen Spiegel vorhielt, wenn sie ihnen und euch die verzerrte Fratze zeigte, die der tägliche, grausame Kampf ums eigene Leben daraus gemacht hat. „Auch Carver war mal ein guter Kerl, mit einer hübschen Frau und einem netten Job“, stellt eines der Gruppenmitglieder in Bezug auf Kennys unkontrollierter werdende Tobsuchtsanfälle sinngemäß fest und bringt es damit auf den Punkt. Innerhalb kürzester Zeit hat der frühere Familienvater und in seinem Innersten gutmütige, aufrichte Kerl eine Wandlung durchgemacht, die ihm einem Monster wie Carver näher brachte, als er sich je hätte vorstellen können.

The Walking Dead - Season 2, Episode 5: No Going Back - Ein besseres Finale hätte man sich nicht wünschen können, eine bessere Staffel schon

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 56/591/59
Noch sorgt The Walking Dead buchstäblich für schlaflose Nächte. Das könnte sich ändern, wenn Telltale mit Staffel 3 nicht neue Wege geht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Von all den kleinen und großen Problemen der zweiten Walking-Dead-Staffel wiegt das Vernachlässigen solcher Entwicklungen vielleicht am schwersten. Lange Zeit bewegte sich Telltale in einem gemütlichen Schwarz-Weiß-Rahmen, in dem es nicht ausreichend Grauzonen oder Abstufungen gab. Jeder Charakter hatte seine Gründe, schon klar, aber nur wenige davon waren plausibel oder vielschichtig genug. Ohne den erzählerischen Druck der vorangegangenen Episoden zeichnet No Going Back nun ein feineres Bild, insoweit das die bisherige Staffel zulässt, nur um das Kartenhaus am Ende wieder einstürzen zu lassen, wenn ihr zufällig „das falsche“ der sieben Enden erwischt.

Die dramaturgische und schreiberische Qualität der letzten Szenen schwankt enorm und in einem Fall sogar so stark, dass der gesamte Antrieb der zweiten Staffel, Clementine von einem unsicheren Mädchen zu einem selbstbestimmten Charakter heranwachsen lässt, beinahe komplett ad absurdum führt. Keiner der anderen sechs Schlussakte ist ähnlich schwach – einige stellen sogar einen großartigen Abschluss dar –, was allerdings nur ein schwacher Trost ist, wenn ausgerechnet diese Bilder als letzte überhaupt über den Bildschirm laufen. Es wäre das unwürdige Ende eines tollen Finales.