Wir müssen uns einfach damit arrangieren, es nehmen wie es kommt, ohne stetig mit einem Auge in die Vergangenheit zu schielen. Clementine ist nicht Lee und Staffel 2 keine Walking Dead #1 Reloaded. Auch wenn die Zeit in dieser Welt sich nur noch mühevoll schlürfend voranquält wie die Zombies, die in ihr leben: still steht sie nicht. Diesmal schon gar nicht.

The Walking Dead - Season 2 - Season 2: No Going Back5 weitere Videos

Alles ist noch da, wo ihr es beim letzten Mal zurückgelassen habt, wortwörtlich. Episode 4 setzt vernünftigerweise unmittelbar dort ein, wo euch „In Harm's Way“ zurückgelassen hat, läuft kontinuierlich in eine Richtung, an der eher ein zwischenzeitliches Finale als endgültiges Ende wartet.

„Amid the Ruins“ hat dabei all jene Marotten und Altlasten im Gepäck wie seine drei Vorgänger, gibt den Analytikern unter euch abermals ausreichend Gelegenheit, sich über „simples Gameplay“ und „schwache Grafik“ zu mokieren. Schon wieder. Vielleicht steht diesmal etwas weniger auf der mahnend roten Contra-Seite, je nachdem, in welche Richtung ihr euch gerade umguckt. Eine große Rolle spielt das nicht.

The Walking Dead - Season 2, Episode 4: Amid the Ruins - Die stärkste, nicht die beste Episode

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 54/581/58
Nach der Flucht folgt das Neusortieren. Zeit, die Handlung und Charaktere zur Weiterentwicklung dringend nötig haben.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bei der inzwischen vierten Episode einer fünfteiligen Staffel muss niemand mehr mit einer scharfen Drehung seitens Telltale rechnen. Das ist freilich keine Legitimation für das vielerorts vorhandene Auf-der-Stelle-treten, eher ein Plädoyer dafür, einfach mal fünfe gerade sein zu lassen, sich endlich anderen, entscheidenderen Dingen zu widmen: den Charakteren, der Geschichte. Diese Dinge sind es, die The Walking Dead ausmachen, nicht aufgesetzte Rätsel oder spielerische Vielschichtigkeit.

Insofern ist dieser vorletzte Ausflug der bislang schmerzhafteste Schlag in die Magengrube. Nach der hektischen Rastlosigkeit in der zweiten und dritten Episode räumt euch Telltale diesmal ein wenig Zeit zum Verweilen ein. Ein paar Augenblicke, sich seiner Situation, dem Platz in dieser Welt wieder etwas bewusster zu werden. Verschnaufen ist nicht drin, ganz im Gegenteil, zwangsweises Verarbeiten bitterer Verluste ist das Hauptthema.

Packshot zu The Walking Dead - Season 2The Walking Dead - Season 2Erschienen für PlayStation Vita, Xbox 360, PC und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Das Lied vom Tod

Charaktere kommen und gehen, nichts ist für die Ewigkeit, hier schon gar nicht. In der zweiten Staffel hat Telltale es bisweilen mit dieser Frequenz übertreiben; während des Aufenthalts in Carvers Städtchen habe ich mir teilweise nicht einmal die Namen jener armen Seelen gemerkt, die da von der Bühne des Lebens abtraten.

The Walking Dead - Season 2, Episode 4: Amid the Ruins - Die stärkste, nicht die beste Episode

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Wer war die noch gleich? Die vierte Episode nimmt sich endlich mehr Zeit für seine Protagonisten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auch „Amid the Ruins“ erzählt seine knapp 90-minütige Geschichte noch zu gehetzt, lässt einige Überlebende zu bereitwillig über die Klippe springen, tut aber gut daran, seinen Charakteren zumindest etwas mehr Luft zum Atmen zu lassen. Erstmals ist es keine unmittelbare externe Gefahr, die Clementines Gruppe zu zerreißen droht, sondern Spannung innerhalb dieser. Der nackte Überlebenskampf rückt ein Stück weit in den Hintergrund, macht zentralen Fragen nach Ethik und Moral Platz – Luxus, den sich in dieser Welt eigentlich schon längst niemand mehr leisten kann.

Am wenigsten Clems gebeutelte Gruppe, doch gerade jetzt ist es für ihren Zusammenhalt entscheidender als je zuvor, sich auf gemeinsame Werte zu stützen und das zarte Pflänzchen namens Menschlichkeit zu pflegen, das zuletzt zusehends verkümmerte. Eindringlicher, aber nicht unbedingt geschickter als im bisherigen Verlauf der zweiten Staffel gelingt es Telltale, diese Themen anzuschneiden und gleichzeitig aufzuzeigen, dass die Einteilung in richtige und falsche Entscheidung längst unmöglich geworden ist.

Eine Entscheidung für etwas ist gleichzeitig auch immer gegen eine andere Sache gerichtet – und im seltensten Fall sind diese Wahlmöglichkeiten klar voneinander zu trennen. Deutlicher als bislang gelingt es den Autoren in „Amid the Ruins“, dieses Verwischen der Grenzen aufzuzeigen, was besonders an der Auswertung der weltweiten Entscheidungen aller Spieler deutlich wird, die The Walking Dead üblicherweise am Ende jeder Episode einblendet. Ausgeglichener, „unentschiedener“ als hier waren sie in der zweiten Staffel noch nie.

Die enorme Wirkung der vierten Episode erkauft sich Telltale durch ein paar unsaubere Tricks. Dennoch: Das Finale kann kommen.Fazit lesen

Schon immer erkaufte sich Telltale diese innere Zerrissenheit der Spieler mit ein paar unlauteren Kniffen und bislang konnte ich mich (vermutlich wie die meisten von euch) einigermaßen damit arrangieren. Inzwischen scheint das gutgemeinte Kaschieren allerdings einem „Fuck it, weiß doch eh jeder, dass es nur fauler Zauber ist“ gewichen zu sein.

The Walking Dead - Season 2, Episode 4: Amid the Ruins - Die stärkste, nicht die beste Episode

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 54/581/58
Ein neues Zuhause?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“

Nach nunmehr neun Walking-Dead-Episoden erwartet niemand mehr die anfänglich versprochenen tiefschürfenden Auswirkungen der eigenen Entscheidungen. Wir alle folgen einem vorgeschrieben Pfad, der nur gelegentlich ein paar Ausbuchtungen aufweist. Während diese Erkenntnis bislang aber über mehrere Folgen hinweg reift, funktioniert das bewusste Beeinflussen der Geschichte inzwischen nicht einmal mehr innerhalb einer einzelnen Episode (Stichwort: Arvo). Auch biegt sich Telltale die Verhaltensweisen der jeweiligen Charaktere gelegentlich gerade soweit zurecht, dass sie einen Teil ihrer Nachvollziehbarkeit eine möglichst hohe Reibung innerhalb der Gruppe (oder schlimmer: dem knappen Zeitplan) opfern.

Ihr müsst keine 180-Grad-Drehungen befürchten und mit der Extremsituation-Keule („Woher willst du wissen, wie du dich in dieser Lage verhalten würdest?“) lassen sich viele sonst kaum erklärbare Reaktionen behelfsmäßig rechtfertigen – nachvollziehbarer werden sie dadurch allerdings nicht und genau dieses Verstehen der Handlungsweisen ist es, was die emotionale Bindung zu den Charakteren in The Walking Dead erst möglich macht.

The Walking Dead - Season 2, Episode 4: Amid the Ruins - Die stärkste, nicht die beste Episode

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Um ein möglichst ereignisreiches Ende zu provozieren, führt euch Telltale an der Nase herum. Nur leider nicht sonderlich geschickt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das Auftstocken der knapp bemessenen Spieldauer wäre ein erster Schritt, Zeit zum Trauern für Charaktere und Spieler gleichermaßen ein weiterer. „Amid the Ruins“ gewährt nicht einmal seinen handelnden Protagonisten ausreichend Zeit, ihre Opfer zu betrauern und macht es für den zum Rezipienten degradierten Spieler damit quasi unmöglich, selbst Emotionen aufzubauen.

Bislang geschieht all dies nur in Ausnahmefällen, allerdings es ist ein gefährlicher Weg, den Telltale hier beschreitet.

Doch am Ende weckt all dies noch immer das dringende Bedürfnis, sich auszutauschen, über die eigenen Entscheidungen zu reden und das Erlebte mit anderen zu teilen. Einige negative Eindrücke wie der arg konstruierte Abschluss der vierten Episode mögen inzwischen ebenso Teil dieser Diskussionen sein, die letztlich aber vor allem immer von einem geprägt ist: Leidenschaft. Und das kann nie ein schlechtes Zeichen sein.