Telltale Games – kein Entwickler löst bei mir derzeit so gemischte Gefühle aus, wie die kalifornische Adventure-Truppe. Zwischen wohligen Erinnerungen an die erste Staffel von The Walking Dead und dem großartigen Spaß, der Tales from the Borderlands nun einfach ist, kreuchen da auch halbseidene Enttäuschungen wie Game of Thrones oder die zweite Staffel von The Walking Dead im Portfolio des Studios. Trotz des ganzen Erfolges: Es muss sich was tun bei Telltale! Aber ob diesem Wunsch die Miniserie The Walking Dead: Michonne da nachkommen kann?

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Der Miniatur-Ableger von Telltale Games The Walking Dead beschäftigt sich zentral mit Michonne, einem der beliebtesten Charaktere aus Comic- und TV-Serie. Die Episoden zeigen einen Teil ihrer Vorgeschichte und rekonstruieren Geschehnisse der Zeit, in der sie vom Rest der bekannten Gruppe getrennt war. Das mag Fans sicherlich freuen, birgt aber Nachteile, was die Erzählung des Episoden-Adventures anbelangt. Statt eines neuen Charakters, dessen Züge wir nicht nur erst im Laufe des Spiels kennenlernen, sondern sogar selber durch unsere Entscheidungen formen, nehmen wir die Rolle einer existenten, durch die Vorlage bereits sehr definierten Figur an.

Die im Spielverlauf aufgeworfenen Moralfragen fühlen sich dadurch weit weniger nach „Was würdest du tun?“ als vielmehr nach „Was würde Michonne tun?“ an. Nicht gerade zum Vorteil der Winz-Staffel: Im Gegensatz zum ersten The Walking Dead, bei dem ich mich tatsächlich in die Situation von Lee einfühlen konnte – und seine Entscheidungen aus meiner Position heraus traf – bin ich in der Rolle von Michonne mehr Schauspieler als Spieler. Deshalb fühle ich mich von den Ereignissen und Personen seltsam distanziert, die da in der ersten Folge an mir vorbeirauschen.
Screenshot 01: In der Rolle von Michonne treffe ich Entscheidungen, die ihrem Charakter entsprechend … und nicht zwingend meinem.

The Walking Dead: Michonne, Episode 1: Verwickelt und verstrickt - Quick-Time-ereignislos

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In der Rolle von Michonne trefft ihr Entscheidungen, die ihrem Charakter entsprechend … und nicht zwingend eurem.
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Turboemotionalität

Vorbeirauschen ist dabei ein gutes Stichwort: Die erste Episode „Verwickelt und verstrickt“ nimmt flott an Fahrt auf und stürzt Michonne von einem aufwühlenden Ereignis ins nächste. Platz für Langeweile ist da kaum. Allerdings auch wenig verwunderlich, ist doch der wilde Ritt schon nach eineinhalb Stunden wieder vorbei. Die kurze Spielzeit ist zwar eigentlich kein Anlass für Kritik, doch leider wirkt dabei die Erzählung doch stellenweise ziemlich übereilt. Der Reigen an Nebencharakteren wechselt gefühlte drei Mal komplett durch, weshalb ich beim Abspann angekommen kaum noch ein Gesicht geschweige denn einen Namen in Erinnerung habe. Wie Telltale Games da in den folgenden Episoden Empathie bei mir wachrufen will? Ich bin gespannt.

Denn ja, die Figuren sind mir derzeit allesamt noch reichlich schnurz. Egal, was da gerade auf dem Bildschirm passiert und welche Emotionen da eigentlich in mir wachgekitzelt werden sollten – es funktioniert einfach nicht. Aber wer weiß: Vielleicht hat sich das Thema „Überlebenskampf gegen Zombies“ und „Jeder ist sich selbst der Nächste“ auch mittlerweile einfach so sehr abgenutzt, dass daraus meine stumpfe, emotionale Haltung resultiert. Andererseits: Dem Thema war ich eigentlich auch schon bei der ersten Staffel von The Walking Dead überdrüssig und es hat trotzdem funktioniert…
Screenshot 02: Die Charaktere der ersten Episode rauschen nur so an mir vorbei, ohne sich mir wirklich einzuprägen.

The Walking Dead: Michonne, Episode 1: Verwickelt und verstrickt - Quick-Time-ereignislos

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Das Verhackstücken von Zombies nimmt in der ersten Episode einen Großteil der Spielzeit ein.
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Vergangen und Vergessen

Trotz der genannten Kritikpunkte: Die erste Episode ist kein Reinfall. Einige Spielmomente sind hübsch inszeniert, manche Spitze der Spannungskurve auch durchaus aufregend. The Walking Dead: Michonne ist ein routiniertes Telltale-Spiel. Der Entwicklertrupp weiß schon ungefähr, wie man gute Geschichten aufzieht. Wer bis jetzt noch nicht Telltale-müde ist, wird definitiv seine Freude an der Miniserie haben.

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Mir reicht das aber nicht mehr: Routiniert war Telltale Games auch schon bei Game of Thrones und Minecraft: Story Mode. Und genau diese Routine gilt es langsam zu durchbrechen. Während Tales from the Borderlands mit witzigen Kniffen ein wenig die übliche Gangart aufbrechen konnte, ist dieser Ansatz bei The Walking Dead: Michonne anscheinend schon wieder vergessen. Das fängt bei der Technik an, die mir die ewig gleichen, leblosen Holzgesichter vor die Linse setzt, hangelt sich über Knöpfchendrück-Reaktionstests zum Arrangement von Action-Sequenzen weiter, und mündet in „Irgendjemand wird sich schon daran erinnern“-Moralentscheidungen.

Klar funktioniert das irgendwie alles noch auf seine Weise – aber es könnte auch so viel besser hinhauen. Und auch wenn es einleuchtend ist, dass sich Telltale Games die große Revolution nicht für eine kleine Miniserie aufgespart hat, so hoffe ich doch zumindest, dass der Entwickler seine versteckten Asse im Ärmel so langsam ausspielt.