Einige Leute wissen gar nicht, wie glücklich sie sich schätzen können. Leute, die manche Spiele noch vor sich haben, sie aus jungfräulichen Augen betrachten und zum ersten Mal erleben können. Was würde ich dafür geben, mit jemandem zu tauschen, der noch nie „Final Fantasy VII“, „Heavy Rain“ oder „Super Mario 64“ gespielt hat. Oder Telltales „The Walking Dead“.

The Walking Dead: 400 Days - Launch-TrailerEin weiteres Video

„400 Days“ kann euch die erste Staffel des Adventures nicht noch einmal erleben lassen, lässt euch nicht in das „Blitzdings“ aus „Men in Black“ gucken oder für fünf Euro in einem DeLorean Platz nehmen. Dieser Zug ist, zumindest für mich und wahrscheinlich viele, sehr viele von euch, längst abgefahren.

An alle, die ihr Ticket noch nicht gelöst haben: Genießt die Fahrt, jede Sekunde davon. Der Rest von uns stößt mit dem Mini-DLC die Tür zur zweiten Season auf – und wirft noch einen letzten Blick zurück. Denn näher als hier werden wir Lee und Clementine nicht mehr kommen.

400 Tage, fünf Personen, ein Schicksal – keine Bindung

Macht euch keine falschen Hoffnungen: Es gibt kein Wiedersehen, mit niemandem. Telltale hält die Büchse der Vergangenheit verschlossen, öffnet sie nur gelegentlich einen winzigen Spalt breit. Gerade weit genug, um mit zusammengekniffenen Augen vage Schemen erkennen zu können. In der Gänze halten sich die Referenzen allerdings auf einem minimalen Level und um die wenigen Anspielungen, die es überhaupt gibt, als solche zu erkennen, muss schon sehr genau hingeschaut und -hört werden.

The Walking Dead: 400 Days - Startschuss für Staffel 2: Warum ein Schritt zurück noch kein Rückschritt ist

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In jedem Abschied liegt auch ein Neuanfang: 400 Days wirft noch mal einen letzten Blick zurück und bereitet zugleich der zweiten Staffel den Weg.
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Vernünftig. Die Versuchung mag groß gewesen sein, noch einmal alte Geister zu beschwören, doch der etwa zweistündige DLC versteht sich weniger als zurückblickender Lückenfüller denn einleitender Wegbereiter. Es ist die größte Stärke und zugleich gravierendste Schwäche von „400 Days“.

Telltale hat lediglich die Saat für ein möglichst hohes Maß an Charakterbindung ausgeteilt, die frühestens zu Beginn der zweiten Staffel geerntet werden kann – in der Konsequenz ist die Erweiterung für sich allein genommen einigermaßen nutzlos. Auf der anderen Seite wird auch der eigentliche Zweck als epische Vorausdeutung nur bedingt erfüllt, da die Spielzeit selbst viel zu knapp ist.

Packshot zu The Walking Dead: 400 DaysThe Walking Dead: 400 DaysErschienen für PlayStation Vita, PC, Xbox 360 und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Fünf Einzelschicksale werden in jeweils 15- bis 20-minütigen Episoden abgefrühstückt, was das Aufbauen einer emotionalen Bindung schlichtweg unmöglich macht. Auch für Rätsel oder Raum zum Erkunden bleibt kein Platz; ihr werdet beinahe ausschließlich von Gespräch zu Gespräch geschleust.

War bereits die erste Season spielerisch stark reduziert, ist „400 Days“ unterm Strich kaum mehr als ein interaktives Video mit unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten. Das mag aus spielerisch-technischer Sicht kein allzu großer Verlust sein, führt inhaltlich aber unweigerlich dazu, als Spieler zum bloßen Rezipienten degradiert zu werden.

Emotional etwas blasse, aber gewohnt packend erzählte Hinleitung zur zweiten Staffel.Fazit lesen

In diesen Punkten ist die Vorbereitung auf die zweite Staffel eben nicht mehr als das: eine Vorbereitung, ein erster kurzer Blick auf das, was noch kommen könnte. Und trotzdem ist es so viel mehr.

The Walking Dead: 400 Days - Startschuss für Staffel 2: Warum ein Schritt zurück noch kein Rückschritt ist

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Für jeden der fünf Charaktere hat diese Tankstelle eine ganz eigene Bedeutung.
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Der König ist tot, es lebe der König

Vielleicht werdet ihr, wie ich, zum Teil nur schwerlich nachvollziehen können, warum die Überlebenden handeln, wie sie handeln. Durch den persönlichen Abstand und die extrem dichte Staffelungen der einzelnen Schicksale lassen sich diese jedoch viel unmittelbarer und ungefilterter wahrnehmen. Telltales Autoren gelingt es einmal mehr, den brutalen Überlebenskampf innerhalb weniger Minuten in seiner ganzen Erbarmungslosigkeit und all seinen Facetten zu zeigen. Ihr müsst nicht zwingend Empathie mit den Charakteren empfinden, um ihre Verzweiflung, die Tragik der Situation, nachvollziehen zu können.

Es gibt kein Gut oder Falsch, nur den nackten Überlebenswillen und die Frage, was jeder einzelne zu opfern bereit ist. Auch in den fünf kurzen Episoden werdet ihr vor schmerzhafte Entscheidungen gestellt, die euch genau mit diesem unangenehmen Gedanken konfrontieren. Wie weit würdet ihr gehen? Welche moralischen Maßstäbe setzt ihr in Extremsituationen an? „The Walking Dead“ setzt euch einen Spiegel vor, ohne selbst Partei zu ergreifen und kümmert sich nicht darum, ob euch das Spiegelbild gefällt. Selbsterkenntnis als Katharsis? Nicht hier.