Hoppla. Ist uns doch glatt im letzten September der Release zum Suspense-Horrortitel The Vanishing of Ethan Carter durch die Lappen gegangen, und das, nachdem unser Kollege Michael Förtsch zuvor doch noch eine Vorschau mit sehr positivem Grundton verfasst hatte. Er hatte die Arbeit, die vom Studio The Astronauts (ehemalige Mitarbeiter der Shooter-Experen People Can Fly) geleistet wurde, vorab als märchenhaft und dicht wahrgenommen. Jetzt ist die PS4-Version erschienen – eine gute Gelegenheit, unser Versäumnis wiedergutzumachen.

Lasst mich euch kurz etwas erzählen: Wenn ich ein Spiel teste, dann ist der Test meistens eine Steißgeburt. Ich hab das Spiel gespielt, einen Eindruck gewonnen, habe Argumente für eine Bewertung und ungefähr das im Schädel, was ihr dann später im Fazit lesen könnt. Dann schreibe ich den Test und erläutere jedes der Ergebnisse, zu denen ich gekommen bin, genauer, während ich schlechte Witze und gestelzte Formulierungen benutze, denn soviel Zeit muss sein.

Bei Ethan Carter klappt das nicht. Oder nur sehr bedingt. Ich komme aus dem Spiel raus und bin ratlos. Ratlos, ob es überhaupt ein Spiel ist, ob es gut ist, ob es schlecht ist, welchen Maßstab man anlegt. Ich hab spontan keine Wertung im Kopf, kein Fazit. Eine Sache, die ich weiß: Ich hatte nicht wirklich Spaß. Eigentlich so gar nicht. Warum das?

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Es könnte natürlich daran liegen, dass ich einfach keine Antenne für diese Art von Spielen habe. Mit Gone Home, Dear Esther, The Unfinished Swan oder, noch besser, The Path oder The Graveyard, kann man mich jagen. Nun ist es aber, das könnt ihr euch denken, so, dass ein Spieletester nicht einfach seinen persönlichen Geschmack zum Maß aller Dinge erheben kann, sondern zumindest über den eigenen Tellerrand gucken muss. Objektivität mag ein Ideal sein, aber nach Idealen muss man nunmal streben, ohne sie zu erreichen.

Ich versuche es und dennoch bessert sich mein Eindruck von Ethan Carter nur sehr bedingt. Die Geschichte ist zunächst nur: Ein Detektiv mit übersinnlicher Wahrnehmung und dem Namen Paul Prospero wurde von einem Jungen namens Ethan Carter angeschrieben, der ein großer Fan ist. Polly Pocket begibt sich daraufhin in das Red Creek Valley, um nach Ethan zu suchen. Dank seiner paranormalen Wahrnehmung kann er hier verschiedene Orte untersuchen. Diese teilen sich in zwei Arten: Auf Kurzgeschichten von Ethan basierende Spinnereien, die irgendwie Realität geworden sind, und Tatorte von Morden.

The Vanishing of Ethan Carter - Meisterwerk oder Schnarchfest?

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Die mysteriösen Morde gehören noch zu den reizvolleren Aspekten von Ethan Carter.
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Herumirren ist hierbei Teil der Erfahrung, und ich gebe offen zu, dass es keine Erfahrung ist, auf die ich Wert lege. Es gibt einen Unterschied zwischen suchen und irren: Suchen hat ein Ziel. Hat The Vanishing of Ethan Carter nicht, nicht am Anfang und eigentlich später immer noch nicht. Zwar entfalten sich irgendwann die Gründe für Ethans Verschwinden und ein bisschen Wegführung passiert. Aber das, was Fans solcher Spiele euphemistisch "Erkundung" nennen und was doch nur eine Umschreibung ist für "Nichts passiert und man guckt ins Unterholz", bleibt Kern des Abenteuers.

Packshot zu The Vanishing of Ethan CarterThe Vanishing of Ethan CarterErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Das ist Methode. Großspurig ist das erste, was beim Starten des Spiels gezeigt wird, ein Screen, auf dem wortwörtlich steht, dass dies ein Game sei, dass den Spieler nicht an die Hand nehme. Bullshit. Kaum ein Wort an dem Satz ist wahr. Ob Ethan Carter überhaupt ein Spiel und der Mensch vorm Bildschirm ein Spieler ist, ist streitbar. Ebenfalls fragwürdig ist, ob es überhaupt Spiele gibt, die den Spieler nicht anleiten.. Manche machen es mehr oder weniger, invasiv oder eher intuitiv, manche mit Popups und ausgiebigen Tutorials, manche durch Levelgestaltung und minimale UI-Elemente, aber jedes mir einfallende Game tut es. Und, nebenbei gesagt: Die weniger invasiven Methoden sind nicht automatisch besser als die Tutorials, die, wie das so abschätzig gesagt wird, "den Spieler an die Hand nehmen".

Die wirkliche Lüge ist, dass Ethan Carter derlei nicht mache. Das tut es sehr wohl, sowohl über UI als auch eine geradezu abartige Anzahl an Begrenzungen durch Invisible Walls. Es gibt die Anleitung eben nur an Stellen, die den Spieler trotzdem über weite Teile im Dunkeln lassen. Und das ist Methode, denn ansonsten könnte man den Spieler nicht wie ein im Supermarkt verlorenes Kind durch die Gegend trapsen lassen. Und dann würde der Spieler bemerken, dass der tatsächliche Inhalt von Ethan Carter bequem, keine Übertreibung, in weniger als anderthalb Stunden durchgespielt ist.

Man kann es künstlerisch, melancholisch, wunderschön nennen. Wir nennen es langweilig, wichtigtuerisch, inhaltsleer und plump.Fazit lesen

Unleugbar hat dieser Inhalt seinen Reiz. Das Red Creek Valley entfaltet in seiner verlassenen Melancholie und mit seiner auf der PS4 prächtig erstrahlenden Grafik, in der die Wälder schillern, die Bäche strahlen und alles realistisch und schön ist, einen traurigen Zauber und eine Spur Horror vor dem, was nicht da ist: Leben, Bewegung, irgendetwas, was nicht stummer Zeuge von Gräueltaten ist. Es ist, als würde man eine Folge Akte X erforschen. Bloß, dass bei Akte X zwangsläufig etwas passiert und bei Ethan Carter nur, wenn man zufällig drüber gestolpert ist.

The Vanishing of Ethan Carter - Meisterwerk oder Schnarchfest?

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Hübsche Kulisse mit nichts drin. Eine schöne Zusammenfassung für das ganze Spiel.
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Und das, worüber man stolpert, ist zudem recht beliebig, wenn auch schön spleenig. Das kann schonmal ein Astronaut sein, der einen kurzzeitig in den Weltraum entführt. Oder ein verwesender Minenarbeiter, der mit dem Spieler eine Runde Amnesia: The Dark Descent spielt. All das wird auf loseste Art von einem Storyelement zusammengehalten, das am Schluss des entweder sehr kurzen oder viel zu langen Spiels seinen Höhepunkt findet. Seinen abgegriffenen, langweiligen Höhepunkt mit altbewährtem Twist.

Es ist übrigens nicht so, als ob das bisschen findbarer Inhalt bis dorthin unglaublich überwältigend wäre, selbst wenn er sofort auffindbar wäre. Manche der Nadeln im Heuhaufen harren einfach ihrer Dinge, bis man kommt und sie untersucht. Manche wollen aber auch durch Rätsel bespaßt werden, und wenn die Rätsel jetzt vielleicht nicht furchtbar sind, so sind sie doch auch absolut nichts besonderes.

Die Zusammenfassung ist: Wenn man eine solche Herangehensweise an Spiele hat wie ich – nämlich den, dass sie nicht nur ästhetisch und erzählerisch, sondern auch mechanisch etwas zu leisten haben, weil das nunmal das Merkmal von Spielen ist - dann sieht es bei The Vanishing of Ethan Carter verdammt mau aus. Wenn ein Spiel keinen eigentlichen Spielspaß liefert, sondern als Let's Play vergleichbare oder sogar bessere Freude liefert, dann hat es den Sinn des Mediums ordentlich verfehlt. Auch ästhetisch und erzählerisch ist Ethan Carter jetzt aber nicht unbedingt ein Geniestreich, sondern bestenfalls kompetent.

Wer aber natürlich den Fokus anders legt, wer gerne eher entspannt durch den Wald rauscht, ohne das Haus zu verlassen, wer sich an Lovecraft-Anleihen, Amnesia-Borgung und solchen Dingen erfreut, der kann sicherlich Ethan Carter einiges abgewinnen, das ein Spieler wie ich nicht zu genießen vermag. Aber ich kann nunmal nicht eine Wertung für Spieler aller Spektren abgeben und The Vanishing of Ethan Carter ist ein typisches Love-it-or-hate-it-Game. Ich find's furchtbar, drück euch aber die Daumen, dass es euch anders geht.