Als auf der Sony-Pressekonferenz zur GamesCom 2014 der Trailer zu The Tomorrow Children lief, da war ich hin und weg. Denn was da über den Schirm flimmerte, das sah einfach so herrlich bizarr, schräg und krude aus. Kleine Mädchen in Sowjet-Uniförmchen, sterile Städte und Festungen, riesige Godzilla-Monster und das alles untermalt von sozialistischen Chorälen. Fantastisch.

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Oder, wie es der amerikanische Kollege zu meiner Linken auf den Punkt brachte: "What the … hell?!" Denn tatsächlich ist nicht nur der Trailer ziemlich surreal, sondern auch das Konzept dahinter. Das ist nämlich eine schräge Online-Kommunisten-Variante von Minecraft gekreuzt mit einem sozialistischen Gedankenexperiment nach marxistisch-leninistischer Prägung.

Schon die dünne aber hanebüchene Hintergrundgeschichte zu The Tomorrow Children wirkt irgendwie bissig und knuffig zugleich. Die setzt direkt am zeitlichen Zenit des Kalten Krieges an, während dem sowohl die USA als auch die Sowjetunion bereit waren, alles zu versuchen, um die jeweils andere Supermacht zu übertrumpfen. Geld, Ethik und Moral? Spielten in den 1960ern keine Rolle. Experimente mit Drogen, Gedankenkontrolle und gar paranormalen Kräften waren an der Tagesordnung.

The Tomorrow Children - Für das Volk, für die Gemeinschaft, für uns alle!

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Je mehr virtuelle Menschen von der Gemeinschaft gerettet werden, umso größer die Stadt in The Tomorrow Children wird, umso härter muss gearbeitet werden, um die Stadt nicht wieder verfallen zu lassen.
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Um die Weltbevölkerung jedoch letztlich von den Vorteilen des Sozialismus, Kommunismus und dem Gemeinschaftsgedanken zu überzeugen, wollten Ostblock-Wissenschaftler die Gedankenströme der Menschheit zu einem Universalbewusstsein verschmelzen. Blöd nur: Etwas ging schief. Ein guter Teil der Menschen verschwand spurlos auf Nimmerwiedersehen.

Der Rest fand sich in einer surrealen und The-Matrix-artigen Scheinwelt wieder, die sich aus den Gedankensplittern seiner Bewohner formte: der Void! Allerdings genau dort, so beschlossen die Überlebenden nach den ersten Jahren des Chaos, sollte nun eine neue, bessere und reinere Gesellschaft entstehen. Und das basierend auf den Lehren von den Genossen Marx und Lenin.

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Schwebe-Busse oder auch Hover-Motorräder dienen als Transportmittel und können frei von jedem Spieler genutzt werden, egal wer es einst gekauft oder gebaut hat. Sie sind sozialistisches Gemeingut.
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Entsprechend startet jeder Spieler – oder besser sein Arbeiterabbild, der sogenannte Projektions-Klon – in dieser Online-Welt als Teil des Proletariats. Und zwar in Gestalt eines kleinen Rotkäppchen-Mädels mit süßem Kleidchen. Fest als Mitglied einer Stadt von 50 bis 100 Leuten zugewiesen, ist es Sinn und Zweck zum Wohle aller zu arbeiten, dabei stets besser und besser zu werden und damit den Ruhm und Erfolg der Gemeinde zu mehren.

Hier steckt mehr dahinter als nur eine Minecraft-Variante mit Ostblock-Charme, sondern eine komplexe Gesellschaftssimulation.Ausblick lesen

Das geht etwa, indem man sich mit anderen in bester Minecraft-Manier mit Spitzhacke zu einer sogenannten Insel auf macht. Das sind bizarre Gebilde in Form von Gesichtern oder Händen, die sich inmitten der weißen Planfläche des Void bilden. Dort werden mit dem Zerschlagen von Blöcken unterschiedlich rare Edelmetalle und andere Ressourcen geerntet. Aber ebenso lassen sich Bäume fällen und Früchte und Pilze ernten.

Arbeit, Arbeit...

Alleine ist das recht mühsam. Arbeiten hingegen zwei oder mehr Spieler gemeinsam an einem Feld oder Erzbrocken potenziert sich die Abbaugeschwindigkeit. Das gesammelte Material behalten? Ist nicht drin. Denn selbst anfangen kann der Spieler mit den meisten Rohstoffen eh nichts. Stattdessen werden die Ressourcen in einem Zentrallager der Stadt abgegeben. Hierfür wie auch für das Arbeiten an sich kassiert der Spieler Tribut-Punkte, die im Lohnbüro gegen Wertmarken eingetauscht werden.

Statt direkter Level-Aufstiege dürfen die Wertmarken für verschiedenste Vorteile investiert werden. So lassen sich damit Waffen wie Raketenwerfer aber auch neue Klamotten kaufen, die aus der sonst so uniformen Masse hervorstechen lassen. Dazu gibt’s ebenso spezielle Talente, die effektiver arbeiten und so für die Gemeinschaft nützlicher machen – was eben auch rasanteres Voranschreiten erlaubt.

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Abseits der weißen Planfläche des Void soll es auch finstere Ecken in der Spielwelt geben. Dort sollte man nicht alleine hingehen. Geht man in der Dunkelheit verloren, verliert man alle Wertgutscheine und wird in die Stadt zurückgebeamt.
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Sowieso soll der Wettstreit um die eigene Effektivität und den Wert für die Stadt eine der treibenden Motivationen sein. Entsprechend locken als Fähigkeiten merkwürdige Talente wie "spitze Ellenbogen", die das eigene Mädel an Warteschlangen vorbei drängeln lässt. Andere sorgen für schnelleres Laufen, Arbeiten oder eine Achtung-alle-hier-herschauen-Trillerpfeife.

Wer nicht auf Ressourcenabbau steht, der kann sich im Void übrigens auch auf andere Weise nützlich machen. Denn versteckt in der riesigen und teils auch düsteren Umgebung finden sich kleine Matrjoschka-Püppchen, die die DNA von verstorbenen Menschen beinhalten. Vor allem ein Jetpack ist bei der Suche hilfreich, das alles weit überblicken lässt. Sind die russischen Püppchen etwa in Höhlen oder Wäldern gefunden worden, lassen sie sich in der Stadt extrahieren und zu neuen Bewohnern "verarbeiten", die dann als KI-Bürger umherstiefeln, wodurch die Gemeinschaft weiter anschwellt.

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Zu Anfang mit uniformer Einheitsklamotte lässt sich das eigene Projektions-Klon-Mädel nach und nach auch etwas individueller gestalten. Wie viele Anpassungsmöglichkeiten es aber geben wird, das steht noch aus.
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Ab in den Void!

Wo jedoch Wachstum ist, ist auch Zerstörung nicht fern. Und die kommt stets zufällig und unvorhersehbar in Form der Izverg. Als Godzilla-artige Monster, Mech-Spinnen und andere Ungetüme fallen sie über die Stadt her, stellen aber eigentlich nur die negativen Gefühle und Albträume der Menschen dar, die im Void leben.

Kommt es zum Angriff, ist Teamwork gefragt. Dann müssen rasch Alarmsirenen aktiviert, Geschütze bemannt und die Raketenwerfer ausgepackt werden. Denn so langsam die Monstren auch sind, so viel halten sie aus und richten sie Schaden an. Geht ein Ungetüm jedoch noch rechtzeitig zu Boden, ist umso zackigeres Handeln angesagt. Denn ruckzuck versteinert beispielsweise der tote Godzilla und bietet einen Hort an seltenen Materialien, die sich jedoch nach wenigen Minuten in funkelnde Lichter und damit ins Nichts auflösen.

Walzt so ein 200-Meter-Ungeheuer hingegen mal tatsächlich durch die Stadt, sorgt das für schreckliche Verwüstung. Doch lässt sich mit harter Arbeit so ziemlich alles wieder aufbauen. Aus raffinierten Rohstoffen werden sowohl Häuser, Verteidigungsanlagen und Mauern erbaut. Aber ebenso Schwebe-Busse und -Motorräder und Panzer, die allen Spielern zur freien Verfügung stehen.

Letztlich wirkt das Gefüge aus Abbau-, Basenbau-, Sozial-, und Wirtschaftssimulation äußerst komplex. Auch ist noch nicht gänzlich absehbar, wie manche spielmechanischen Zahnräder nun tatsächlich ineinandergreifen werden. Aber genau das ist auch einer der Reize von The Tomorrow Children. Denn im Kern dreht sich alles um ein WIR-Gefühl, die Dynamik des sozialen Systems und was der Faktor Mensch hierin für eine Unwägbarkeit darstellt.

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Die bösen Izverg sind keine echten Monster, sondern quasi die manifestierten bösen Gedanken und Albträume der Menschen im Void. Warum sie angreifen und nach dem Tod in schürfbare Materialien zerfallen? Keine Ahnung. Nicht alles ergibt hier Sinn.
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Erreicht die Stadt eine neue Bevölkerungsgröße und sind genug Rohstoffe im Lager, muss sie etwa mit neuen Gebäuden vergrößert werden. Was das für welche werden, wird mit einer Abstimmung entschieden. Alle paar Tage gibt es dazu eine freie Bürgermeisterwahl, deren Ausgang gesonderte Boni für die Spieler freischaltet.

Wer seiner eigenen Stimme dabei mehr Gewicht verleihen will, der kann gerne Rationszettel spenden. Und ist man der Ansicht, ein Mitspieler setzte sich nicht genug für die Gruppe ein, kann er mit einer Negativ-Bewertung angeschwärzt werden. Hat da jemand Stasi-Spitzel gesagt? Egal. Tun einem das andere Mitspieler gleich, wird der Egoisten-Projektions-Klon verhaftet und eingesperrt. Auch einen Schwarzmarkt und andere finstere Auswüchse des Staatssozialismus sollen simuliert werden.

Alle für einen...

Es könnte wahnsinnig interessant werden, zu sehen, wie und ob eine Spieler-Gruppe effektiv zusammenarbeitet. Zu testen, welche Wirkwellen die dreckigen Tricks entfalten und auf welche Art, diese zum Eigennutz oder dem Wohle der Spielgemeinschaft genutzt werden. Werden es die kollektiv denkenden Spieler oder einsamen Wölfe sein, die am schnellsten voranschreiten? Und vor allem: werden die Spieler das kommunistisch-sozialistische Denkmodell hinter The Tomorrow Children tatsächlich verstehen, adaptieren und leben – und dabei auch noch Spaß haben? Denn je erfolgreicher eine Stadt wird, umso härter muss rangeklotzt werden, um diesen Erfolg zu zementieren.

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Jeder Spieler hat in der Stadt ein festes Zuhause. Anfangs ein Bett in einer kasernenartigen Unterkunft, lässt sich später auf dem Schwarzmarkt auch ein Einzelzimmer ergaunern. Es lebe der Sozialismus!
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Fragen, die sich auch die Macher von Q-Games stellen. Auch daher wollen sie noch noch nicht jedes Spielelement in Stein gemeißelt sehen. So einiges sei sogar noch vollkommen offen. Etwa: Wird es ein wirkliches Spielziel mit Ende geben? Wird ein Kampf gegen andere Städte möglich sein? Könnte das mit den Ressourcen vielleicht noch vereinfacht werden? Wie groß soll eine Stadt wirklich werden können?

So manches bleibt also noch zu klären. Und auch die Entwickler wissen noch nicht so recht, wie ihr Game letztendlich ausschauen wird. Nichtsdestotrotz: Mit The Tomorrow Children entsteht wohl eines der bizarrsten, optisch schrägsten und damit reizvollsten Spielkonzepte für Playstation 4. Wir sind jedenfalls gespannt!